Im Jahre 2006: Auf dem Camino Primitivo von Oviedo nach Santiago

Autor: Rudolf Fischer
Meine Netzadresse: Rudolf.Fischer@Esperanto.de
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(Siehe auch meinen älteren Bericht aus dem Jahr 2002)


Einleitung

Aus meiner Pfarrgemeinde wurde seit langem der Wunsch laut, ich möchte eine Gruppe über einen der Jakobswege in Spanien führen. Mir ist das normalerweise zu anstrengend und zu kompliziert, die Verantwortung für mehrere andere Mitpilger zu übernehmen. Schließlich kam doch eine kleine Gruppe zusammen, mit der ich es wagen wollte:
- meine Frau Hedwig (die war erfahren genug),
- Konni und Sandra, die schon 1998 zu der Gruppe zählten, mit der ich zum ersten Mal nach Santiago kam,
- André, unser Kaplan, der einzige wirkliche Neuling, dem ich aber tagelange Fußmärsche zutraute.
Da André nur im Juli Urlaub bekommen konnte, kam der Camino Francés nicht für uns in Frage, da hätten wir keine Chance gehabt, Platz in den Pilgerherbergen zu bekommen. Aber der Camino Primitivo, den ich 2002 schon mit meiner Frau gelaufen war, bot da bessere Chancen. Drei Wochen Zeit (siehe unsere Planung) waren dafür ausreichend. Wir verabredeten viele grundsätzliche Dinge untereinander und absolvierten schon Wochen vorher Übungsläufe mit vollem Gepäck.

Obwohl vom Alter und vom Alltag her sehr verschieden, hielt unsere kleine Gruppe auf dem Pilgerweg gut zusammen. Unserem Ziel, eine kleine christliche Gemeinde unterwegs zu sein, sind wir recht nahe gekommen. Ich selbst habe gelernt, dass es auch gut tut, mit mehreren Pilgergeschwistern zusammen zu sein. Man muss sich mehr abstimmen in seinen Beschlüssen, aber dafür hat man mehr Gesprächspartner und einen vielseitigeren Gedankenaustausch. Schön, dass jeder seine spezifischen Talente einbrachte.

Der Chronist bei der Arbeit

Herzlichen Dank an meine Frau Hedwig, die alle Bilder dieses Berichts gemacht hat.


Allgemeines

16 Etappen, 354 km.

Ich hatte Kopien aus folgendem Handbuch dabei:
Michael Kasper(+): Nordspanien: Jakobsweg, Alternativroute.
1. Auflage 2004. ISBN 3-89392-541-4 Conrad-Stein-Verlag

Diese Ausgabe war in vielen Details überholt, aber es muss schon eine neue geben (die ich aber im Angebot des Verlags im Netz nicht gefunden habe), denn eine Pilgerin, die wir trafen, hatte diese schon mit. Insofern bin ich mir nicht sicher, welche meiner folgenden Änderungsmeldungen in dieser neuen Ausgabe schon berücksichtigt sind. Einige Überraschungen hätte ich mir allerdings ersparen können, wenn ich noch die letzten Nachträge zum Handbuch im Netzauftritt des Conrad-Stein-Verlages (=> Programm => Nordspanien => Handbuch Alternativroute => Updates) gelesen hätte.

Wege und Wegeauszeichung: Im Vergleich zu 2002 waren die Wege erheblich verbessert (insbesondere freigeschnitten) und besser ausgezeichnet. Da gibt es nicht mehr viel zu bemängeln. Neue Fußpfade helfen, die größeren Fernstraßen zu vermeiden. Insgesamt läuft man kaum auf einer stärker befahrenen Straße, zumal der Autobahnausbau viel Verkehr von den alten Nationalstraßen abgezogen hat. Leider wurde aber gleichzeitig aber auch viel Natur zerstört. Auf den schönen, aber vielfach steinigen oder matschigen Wegen musste man die Füße bewusst aufsetzen. Das hatte zur Folge, dass wir nur ein Stundentempo von 3 km schafften; auf Asphalt ging's natürlich schneller. Man sollte das bei den Etappenplanungen berücksichtigen.

Budget: Obwohl die Preise in Spanien weiterhin stark anziehen, kamen wir pro Tag mit 25 EUR (pro Person) aus. Dabei haben wir gut gegessen und manches Mal im Hostal übernachtet.

Hunde: Die Belästigung durch Hunde ist ebenfalls gegenüber 2002 sehr zurückgegangen. Die meisten waren angeleint oder friedlich. Am kritischsten war noch die Situation auf der Querverbindung Lugo - Sobrado dos Monxes, wo doch noch große Dorfköter, die nicht an Pilger gewöhnt waren, frei herumliefen. Es gab aber keinen erwähnenswerten Zwischenfall. Die Pfefferspritze hatte ich übrigens glatt vergessen mitzunehmen; die Ultraschallabwehr erwies sich als nutzlos, machte den Hund eher noch wütender. Ich habe sie nach den ersten zwei Versuchen gar nicht mehr eingesetzt. Wir 5 Leute mit Stöcken nahmen ohnehin jedem Hund die Lust auf einen Angriff.

Wetter: Während Deutschland unter einer Bruthitze stöhnte, erlebten wir meist angenehme Temperaturen, häufig bei bedecktem Himmel. Morgens war es oft neblig und kühl, selten gab es mehr als etwas Sprühregen, aber an manchen Tagen wurde es auch sehr heiß.

Trinkwasser, Bares: Auf einigen Strecken gibt es über 20 km lang keine einzige Bar. Wenn man dann einen heißen Tag erwischt, reichen meine üblichen 1,5 Liter Trinkwasser nicht aus. Da sollte man sich vorsehen. Ich lege deshalb im folgenden Bericht Wert auf Erwähnung von Bares. Um eine Darmgrippe zu vermeiden, trinke ich seit einigen Jahren grundsätzlich nur noch gekauftes Wasser, egal, wie sehr die Dorfbewohner ihr Brunnenwasser anpreisen. Da ich außerdem Obst immer abwasche und mich auf keiner Toilettenbrille ohne untergelegtes Papier niederlasse, bin ich tatsächlich in den letzten Jahren von einer Darmgrippe verschont geblieben, die mich davor zwei Mal (2001 und 2003) erwischt hat.

Ausrüstung: Meine Packliste hat sich wieder bewährt. Sehr nützlich waren unsere Minitauchsieder und Chromstahltassen, mit denen wir nicht nur jeden Morgen unseren Kaffee zubereiteten, sondern die abends auch Suppen oder Pudding genießen ließen. (Vorausgesetzt, man fand eine Steckdose.) Die Regenumhänge kamen nur wenige Male zum Einsatz, ebenso die Isomatten. Letztere dienten aber im Einzelfall auch dazu, auf allzu schmierige Matratzen gelegt zu werden, bevor man den Schlafsack ausbreitete. Als Trinkwasserflasche reicht eine normale Plastikflasche, in der viele Getränke verkauft werden. Die Edelmetall-Modelle aus den Sportgeschäften sind ebenso schwer wie teuer (10-12 EUR), darauf kann man verzichten. Wäscheleine und Klammern waren sehr oft im Einsatz, denn da wir meist mit unter den Letzten eintrafen, waren die vorhandenen Wäscheleinen in der Regel schon komplett belegt. Die Isomatte habe ich wieder im Rucksack untergebracht, außer wenn wir mehr Vorräte transportierten als gewöhnlich.


Anfahrt

10. Juli 2006, Dienstag: Flug nach Bilbao, Übernachtung

Vor der Sakristei in Nordwalde Durch Anklicken vergrößern Um 9h00 trafen wir uns in der Pfarrkirche von Nordwalde. Dabei waren auch Hans (mit dem ich die Via de la Plata gegangen bin) und seine Frau Hannelore, die ihre diesjährige Teilstrecke von Burgos nach Ponferrada laufen wollten. "Landpfarrer" Bernd Strickmann, selbst Jakobspilger, erteilte uns allen den Pilgersegen, ein schöner Beginn. Wir waren alle frohen Mutes und nahmen unsere speziellen Anliegen mit auf den Weg.

Nach einem Zwischenaufenthalt in Palma de Mallorca brachte uns die Air Berlin pünktlich nach Bilbao. Wir erhielten problemlos unsere Rucksäcke wieder, auch die großen Pilgerstöcke, die meine Frau und ich vorher mit Klebeband zusammengebunden hatten. - Es gab keinen Informationsschalter des Touristenbüros mehr. Draußen stand schon der Bus zum Busbahnhof Termibus, er war rappelvoll. Am Busbahnhof kaufte ich Fahrkarten nach Oviedo beim Alsa-Schalter (17,94 EUR p.P.). Es war noch genügend frei, wir erhielten Plätze in den vorderen Reihen. Dann brauchte Hans seine Fahrscheine nach Burgos. Dafür ist nicht die Firma Alsa, sondern "Continental - Auto" (Schalter gegenüber) zuständig. 10,20 EUR p.P. bei gut zwei Stunden Fahrzeit.

Dann Vorbezahl-Telefonkarten für 5 EUR im Kiosk nebenan. Die wurden ein ziemlicher Reinfall. Es ist ja immer ein Glückspiel, da man sich die Firma nicht aussuchen kann. Nach etwa drei Mal Telefonieren war mein Guthaben angeblich schon erschöpft. Bei den anderen lief es etwas besser.

Unterkunft in Bilbao

Endlich zu Fuß zum Jugendgästehaus der Stadt Bilbao:
Albergue Bilbao aterpetxea, Carretera Basurto-Kastrexana Errep., 70, ES-48002 Bilbao, Tel. 0034 944 270 054, Fax 0034 944 275 479,
Netzpost: aterpe@albergue.bilbao.net

Dazu gab es ein Vorspiel:
Ich hatte Wochen zuvor unsere Plätze vorbestellen wollen, wurde aber durch eine notwendige Vorauszahlung abgeschreckt. Aus Erfahrung weiß ich, dass man persönlich am Ort alles flexibler regeln kann. - Nun, als wir zu siebt ankamen, machte die junge Dame am Empfangsschalter zunächst ein hilfloses Gesicht. Wir mussten dann ca. 10 Minuten warten, bis sie sich zu einem "Wunder" herabließ: Wir bekamen 3 Zweibettzimmer und ein halbes (d.h. in dem noch ein Fremder schlief) zu 18,50 EUR p.P. Das war, wie ich schon vermutet hatte, billiger als in der Vorausrechnung. Außerdem waren trotz Saison anscheinend jede Menge Betten frei. Ich hatte es mir doch gedacht! - Inzwischen sind laut Netzauftritt der Herberge die Preise sogar etwas gesenkt worden. Insgesamt also: anzahlen im Voraus lohnt nicht. Die Vorlage unserer Pilgerausweise befreite uns von der Notwendigkeit, Mitglieder im Internationalen Herbergswerk zu sein.

Nachdem wir uns eingerichtet hatten, ging's mit der Linie 58 in die Altstadt. Unterwegs machte sie einen großen Schlenker durch eine neue Vorstadtsiedlung, brachte uns aber endlich doch ans Ziel. Vor der Santiago-Kathedrale war noch ein Café geöffnet, das uns zu trinken und auch etwas zu essen anbot, aber die Preise waren happig und die Bedienung langsam, fast herablassend. In guter Stimmung stiegen wir zum Schluss vor dem Hauptbahnhof in die Linie 58, die uns zur Herberge zurückbrachte. Wir saßen dann noch etwas im Aufenthaltsbereich zusammen. Der Cola-Automat war defekt und schluckte mein Geld, ohne was herauszurücken. Andere hatten mit ihm mehr Glück. - Nachts gab es den erwarteten Lärm von der Autobahn.

Tipp: Billigere Unterkünfte, meist in der Altstadt, findet man unter Bilbao, Knöpfe "Alojamientos" und dann "Hostales y Pensiones" auswählen.


Der Pilgerweg

11. Juli 2006, Mittwoch: Oviedo und seine Herberge

Am anderen Morgen gab es in Bilbao erst ab 8h00 Frühstück, aber Hans und Hannelore konnten nicht so lange warten, da ihr Bus schon 8h30 am Busbahnhof abfuhr. Wir verabschiedeten uns von ihnen. Etwas später also Frühstück. Man konnte sich Brotschnitten rösten, auch Müsli gab es. Dazu eine Joghurt, aber keine Früchte, obwohl im Hintergrund der Ausgabe welche lagen. Ferner Kaffee nach Belieben. Wir setzen noch die Marken von Hans und Hannelore um, das ging problemlos.

Nach dem Packen wollten wir zur Tür hinaus, aber, genau wie 2001, draußen überraschte uns Nieselregen. Einige von uns zogen den Regenschutz über. Ansonsten ohne Zwischenfälle zu Fuß zum Busbahnhof. Der Bus fuhr pünktlich um 10h30 vor und brachte uns die Küste entlang nach Oviedo. Unterwegs gab es unzählige Stellen der Nordroute, die meine Frau und ich 2001 und 2003 erwandert hatten.

Erster Stempel in der Kathedrale

15h15 Ankunft in Oviedo. Der Busbahnhof liegt direkt neben dem Hauptbahnhof. Wir gingen laut meinem Stadtplan in die Straße Jerónimo Ibrán gegenüber in Richtung Praza Primo de Rivera und kamen so an einem Chinarestaurant vorbei. Dort haben wir abends gegessen. Weit weg von der Herberge, aber ich habe trotz allen Suchens keine günstigere Möglichkeit (Preis-Leistungs-Verhältnis) gefunden. Oviedo ist eine schöne, moderne, aber auch teure Stadt.


Zur Kathedrale, die geöffnet war. Also hinein. Hm, da liefen schon einige jugendliche Pilger mit vollem Gepäck herum. Als ich für André die Beschriftung der berühmten Erlöser-Skulptur (es ist immerhin die San-Salvador-Kathedrale) etwas mühsam übersetze, spricht uns ein Aufsichtsbeamter freundlich an, weil er gemerkt hat, dass einer von uns ihn versteht. Er führt uns in die Sakristei, erklärt noch einiges und gibt uns zum Schluss einen schönen Stempel in die Pilgerausweise. Durch Anklicken vergrößern Gruppenbild mit Dame vor der Kathedrale

Der Weg von der Kathedrale zur Herberge

Ich dränge zur Herberge. Man geht von der Kathedrale rechts in die Gasse Santa Ana, später Oscura, bis gegenüber der Park El Campillin liegt. Dann links ab, über den Zebrastreifen die Padre Suárez überqueren und gegenüber nach rechts. Supermarkt! Links um die nächste Ecke (San Pedro de Mestallón) ist schon der Eingang zur Herberge, hinter einem Gitter, dessen Tür aber offen war. Die Probleme mit den Öffnungszeiten habe ich schon geschildert. Die neue Situation ist wie folgt:

Die Herberge wird um 19h00 geöffnet, sonntags 19h45, und keine Minute früher. Ich schnüffele bei "Modas Petri", wo es früher den Schlüssel gab. Gibt's nicht mehr, aber sie bieten freundlich an, auf unsere Rucksäcke aufzupassen. War ja nett, aber das kam nicht mehr in Frage.

Gleich zu Beginn Riesenandrang

Inzwischen hatten wir nämlich gegen 16h00 nach altem Pilgerbrauch unsere 5 Rucksäcke der Reihe nach an der Eingangstür der Herberge abgestellt und uns damit die ersten 5 Betten gesichert (es hätten aber noch welche vom Vortage vergeben sein können). Genau 2 Minuten später traf eine Gruppe von 5 Jugendlichen aus Sevilla ein und verlängerte die Reihe. Da sahen meine Pilgergeschwister sofort ein, dass ich mit Recht gedrängt hatte. Ich gab meinen Mitpilgern den Stadtplan, damit sie die Stadt, insbesondere die vorromanische Kirche St. Julián de los Prados (Santullan) besichtigen konnten, blieb selbst bei den Rucksäcken und schob Wache. 3 Stunden, puh! Kurz darauf ein weiterer Jugendlicher.

Die jungen Leute aus Sevilla waren nett und wollten wie wir von hier aus den Camino Primitivo gehen. Eine halbe Stunde später kamen 4 Erwachsene und schauten böse auf die Rucksackreihe. Eine Frau humpelte schlimm. Der Anführer sagte unfreundlich zu den Jugendlichen: "Eigentlich haben wir Vorrecht. Wir kommen vom Camino del Norte und waren schon heute Mittag hier, haben nur die Rucksäcke nicht abgesetzt." - "Ja, dein Pech" sagte ich zu mir, aber soweit ich wusste, hatte die Herberge 16 Betten. Da sollten wir doch wohl alle unterkommen. Alles lagerte sich auf dem Bürgersteig, und da niemand Miene machte, unsere Rucksäcke anzutasten, fing ich an, das Viertel zu erkunden, um ein günstiges Lokal fürs Abendessen zu finden. Fehlanzeige! 2002 hatten unsere österreichischen Freunde angeblich in der Nähe in einem Chinarestaurant gegessen. Etwas weiter in der Padre Suárez gab es aber nur noch ein China-Café. Ca. 500 m von der Herberge entfernt, beschrieb mir ein Mann, wie ich ein China-Restaurant finden könne. Ich folgte seinen Hinweisen - und landete direkt an der Herberge. Das war wohl nichts. - Die anderen Pilger schmunzelten wegen meinen rastlosen Erkundigungsgängen, rührten sich selbst nicht vom Fleck. Inzwischen waren es 7 Jugendliche. Gegen 18h00 kam noch ein junges Paar hinzu. Jetzt wurde es knapp mit den Betten.

Kurz vor 19h00 sind meine Pilgergeschwister pünktlich zurück. Ein Mann spricht mich an - auf Esperanto. Es ist Carleos, der an der Universität neuerdings einen Esperanto-Kursus leitet. Ich hatte mit ihm Verbindung aufgenommen, aber zum Schluss keinen konkreten Vorschlag für ein Treffen erhalten. Ich stelle ihm meine Frau vor, die ja auch fließend Esperanto spricht. Kaum hat er sich entschuldigt, dass er leider keine Zeit hat, da erscheint der Herbergsvater. Getümmel. Wir postieren uns neben unsere Rucksäcke. Carleos verdrückt sich winkend. (Er hat mir längst wieder geschrieben, dass ihm das so Leid getan habe. Ich wäre auch gern noch mit ihm abends einen trinken gegangen, weil mich sehr interessierte, wie sein neuer Kursus zustande gekommen war.)

In der Pilgerherberge von Oviedo

Der Hospitalero zählt durch. "Hm, wir haben 16 Betten, und ihr seid 18 Leute. Matratzen habe ich keine, aber zwei Sofas." Er gibt die Tür frei. Ich stürme hinein und belege einfach die letzten Betten am Fenster hinten. Ja, wer die Fenster im Griff hat, kann auch bestimnmen, dass sie offen bleiben.

Unsere drei Pilgergeschwister erleben staunend zum ersten Mal das Gewühle einer engen und voll besetzten Herberge. Vorn schaut noch eine alte Frau (ich schätze sie auf die 70 Lenze) herein, sagt nichts. Später tritt ihr ein Jugendlicher das Sofa gegenüber unseren Betten ab, legt sich selbst auf den Boden im Vorraum. Die Frau redet mit niemandem. Sie ist per Fahrrad unterwegs, das sie draußen hinter dem Gitter abstellt. Französin, das bekomme ich noch raus, aber sonst scheint sie nicht von dieser Welt zu sein. Anspruchslos, nimmt das, was die anderen ihr lassen. Ist morgens wieder verschwunden, ehe man "Bon jour" gesagt hat.

Ich biete der Frau, die so humpelt, meine Pflasterkünste an. Sie erzählt mir, dass sie keine Blasen, sondern eine Sehnenscheidenentzündung hat, reibt den Fuß mit Salbe ein. Auch damit hätte ich dienen können. Ab jetzt sind die vier Erwachsenen freundlich zu uns, der Bann ist gebrochen. Sie überlegen angesichts des Ansturms, ob sie nicht lieber zum Nordweg zurück und über Avilés und Ribadeo laufen sollen. Tatsächlich haben wir sie danach nicht wiedergesehen.

Die Schnecke im China-Restaurant

Abends zum China-Restaurant wie schon erwähnt. Es gibt natürlich kein billiges Mittagsmenü. Eine ältere Frau, eher Thailänderin, bedient, schlufft in Pantoffeln rum und stellt einen Schneckenrekord an Langsamkeit auf. Macht sich nicht die geringste Mühe, den Verzehr anzukurbeln, als ob wir ihre Ruhe störten. Ein deutscher Gastronom wäre mit so einer Schlafmützigkeit längst pleite. Sonst waren Essen und Preise in Ordnung. Nur Sandra klagte anderntags etwas, es sei ihr nicht gut bekommen.


12. Juli 2006, Mittwoch: Von Oviedo nach Escamplero, 14 km (14 km)

Morgendliches Ritual

Gleich am nächsten Morgen begannen wir mit unserem Erfolgsrezept: 6h00 ging mein Wecker, aber das war meist nicht nötig, denn die üblichen Knistertüten wiggelten ab 5h00 rum und weckten mich früher. Wenn jemand morgens lieber bis zum Ertönen des Weckers durchschlafen wollte, steckte er sich Ohrenstöpsel rein (machte Sandra regelmäßig). Waschen, Anziehen, Kaffee machen. Während wir frühstückten, zogen dann außer uns alle los. Wir hatten dann die Unterkunft für uns und konnten ohne Hektik und mit Licht in aller Ruhe packen. So kamen wir regelmäßig 1 1/2 Stunden später (also gegen 7h30, wenn es eben hell war) los, zogen dann aber noch zu einer Kirche zum Morgengebet, heute zur Kathedrale.

Verzicht auf den Berg Naranco

Wir hatten als Ziel Escamplero, 12 km, das war nicht weit (es wurden dann 14). Aber würden 12 Plätze reichen, wenn 16 heute nicht genügend viele gewesen waren? Da ich wusste, dass eine der beiden vorromanischen Kirchen auf dem Berg Naranco ohnehin zurzeit eingezäunt war, schlug ich vor, den vorgesehenen Umweg dorthin zu streichen und lieber Escamplero direkt anzusteuern. Es würde sich ja dann herausstellen, mit wie vielen Pilgern wir wirklich in Konkurrenz liefen. Denn Oviedo als Stadt zieht ja auch Pseudopilger an, denen es nur um die billige Übernachtung geht.

Gemäß dem Handbuch in die Vorstadt La Florida. Hat man erst einmal die unerwartete Fußgängerbrücke über die Bahngleise gefunden, leiten einen Muschelkacheln zuverlässig weiter. Am Rand des Neubaugebietes gab es einige neue Wohnblöcke, wo 2002 noch ein Kreisverkehr im Niemandsland war. Es ging in einem Linksbogen durch ein Parkgelände um diesen Teil herum, und dann waren wir auch schon an der alten Brücke und dem Sträßchen, das nach San Lázaro de Paniceres hochführt.


Wunderschöne Landschaft Durch Anklicken vergrößern Die Wege und Ausblicke waren sehr schön; in diesem Jahr bin ich oft stehen geblieben und habe mich umgeschaut, was mir manche neue Ansicht bescherte. Aber heute hatten wir zunächst noch Nebelbänke über den Bergen.

Die "Marschordnung" entsteht

Wir pflegten in diesem Jahr mehr Pausen zu machen, als ich das sonst tue, aber ich passte mich natürlich an, und wir hatten ja auch Zeit. André mit seinen langen Beinen stakste oft weit voraus, mit Abstand folgte meine Frau, dann mehr oder minder weit dahinter Sandra, Konni und als Nachhut ich selbst. Wir nannten das bald unsere "Marschordnung". Die hatte sich so ergeben, nur dass ich als Letzter ging, war absichtlich: Ich wollte nicht, dass jemand allein abgehängt wurde, und es war für mich eine gute und wichtige Übung des Sich-Selbst-Zügelns.

Gruß auf Esperanto

Knapp 3 km weiter kommt man an eine Kapelle Capilla de Carmen. Hier machten wir kurze Pause. Achtung: Der weitere Wegverlauf ist nicht das Sträßchen weiter halblinks hinunter, sondern eine Piste direkt an der Kapelle geradeaus weiter. Hier verlaufen sich viele.

An der Kapelle sind viele Zettel mit Grüßen angeklebt. Zu meiner Verblüffung auch einer in Esperanto. Der "Landsmann" war vor 2 Tagen hier. Ich notiere mir seine Netzpostadresse und werde ihn mal anschreiben. Bin gespannt, wer das war. Da stecken auf einmal 4 spanische Pfadfinder die Köpfe zu uns in den Kapellenvorraum herein. Konkurrenten für die wenigen Betten? Nein, sie wollen heute noch nach Cornellana. Hui, pfeife ich, das sind an die 40 km. Wir wollen evtl. morgen dorthin. Wie wir später an Einträgen in den Herbergsbüchern sehen, haben sie das tatsächlich geschafft.

Sobald man die AS-232 erreicht hat, gibt es im Dorf La Bolguina eine größere Bar, die das Handbuch immer noch nicht erwähnt. Hier gab es wohl auch zu essen und eine Unterkunftsmöglichkeit, aber das ist von der Etappenplanung her eher uninteressant. Wir tranken dort jedenfalls einen café con leche bzw. eine Cola. Cola half uns gegen den Durst und Energiemangel, und das so oft, dass wir uns selbst manchmal die Cola-Gruppe nannten.

Ein überraschender Umweg

In den weiteren Dörfern gab's keine bösen Hunde mehr. Das Handbuch lässt auch einen kleinen Schwenk nach rechts über eine alte Brücke in Gallegos über den Fluss Nora unerwähnt, aber die größte Überraschung kam gleich darauf: Neben einem Haus mit Geländer, wohl schon in Arroxos, wies eine Muschel rechts von der Landstraße steil nach unten. Das war neu. Etwas misstrauisch folgte ich dem Fußpfad, der sich in den Wald hinabsenkte, denn ich wusste, dass vor Escamplero eigentlich eine Steigung zu erwarten war. Auch die Richtung stimmte nicht.

Es kam genauso, wie ich es befürchtet hatte. Zwar lief man lange einen wunderschönen Weg durch herrlichen Wald parallel zur Nora im Tal entlang, aber am Ende ging es vor einem Weidentor die Zufahrt spitzwinklig links und sehr steil wieder hoch. Als wir keuchend die halbe Höhe erreicht hatten, war dort eine prächtige Aussicht auf das Tal der Nora, weit, weit zurück, bis zu den Hochhäusern von Oviedo. Zugleich konnte man die Landstraße verfolgen, die Abzweigung und die letzten Kilometer durch das Tal: Himmel, was für einen Umweg hatte man da neuerdings den Pilgern aufgebrummt. Sicherlich 2 Kilometer und mächtig viele Höhenmeter zusätzlich. Als ob man gleich auf der ersten Etappe dem Pilger einhämmern wollte: "Gehst du die Landstraße, du Weichling, dann ist alles kurz und leicht. Aber der "echte Pilger" folgt dem ausgewiesenen Pilgerweg, und der nimmt jedes mögliche zusätzlich Auf und Ab und jeden Schlenker mit." Von diesem Umweg stand nichts in meinem Handbuch, evtl. ja in der neusten Ausgabe.

Casa Fernando neuerdings mittwochs geschlossen

Wir mussten also noch viel weiter hoch, bis wir die Höhe vor Escamplero erreichten, mitten in einem Neubaugebiet. Zwischen den Häusern stießen wir auf einen Weg, der von links einmündete: da kam man früher hoch. Jetzt ging es die alte Strecke rechts weiter hoch bis zur Kreuzung der Landstraßen. Rechts liegt ein Restaurant, und von den Preisen her ist es wirklich eines, nichts für Pilger, wie ich am Spätnachmittag in Erfahrung brachte.

Um Escamplero zu erreichen, muss man etwa 100 m rechts ab und dann halblinks auf ein Sträßchen abbiegen, dem man in den Ort folgt. Dann erscheint der Ort Escamplero, vor allem links die Gaststätte Casa Fernando, die laut Handbuch dienstags ab 16h00 geschlossen hat. In Wirklichkeit aber neuerdings mittwochs, und das war heute. Alles tote Hose. Sch...!

Zur Herberge folgt man dem Bürgersteig, der bis zur Kirche reicht. Dann geht es noch etwas die Straße entlang, wobei man auf gelegentliche Fahrzeuge achten muss.


Endlich kurz nach links von der Straße abzweigen, und dann liegt die ehemalige Landschule vor einem. Sie dient wie ihre baugleichen Schwestern in La Mesa, Borres, usw. als Pilgerherberge, aber es ist immer nur 1 Stockwerk mit (in der Regel) 12 Betten zugänglich. Diesmal war im Erdgeschoss ein Internet-Café des Ortes, und der anwesende Lehrer hatte die Herberge aufgeschlossen. Sonst interessierten wir ihn nicht weiter. Nein, es gab keinen Stempel. Vielleicht morgen früh in der Casa Fernando. Die gleiche Antwort auf die Frage, wo man eine Spende (donativo) abdrücken könne. Die spinnen, die Asturier! Durch Anklicken vergrößern Herberge in Escamplero

Immerhin, o Freude, waren wir bisher die einzigen Pilger. Die andern waren wohl alle weitergelaufen oder nicht echt gewesen, die Erwachsenengruppe hatte offenbar tatsächlich den Küstenweg genommen. Wäre ja gar nicht nötig gewesen! - Wir belegten glücklich Betten, als anständige Pilger nicht nur untere, um evtl. noch eintreffende Gruppen nicht auseinanderzureißen. Na, diese Rücksicht gab es nicht oft, wie wir noch erfahren sollten. Im Gegenteil!

Bekanntschaft mit Lisa

Im Hof wurden Leinen gespannt, bald flatterte die Wäsche. Dann war "mopsen" angesagt, erholen, vulgo: faulenzen. Auf einmal kommt etwas taumelig ein junges Mädchen an: "Seid ihr Deutsche? - Ach, wie schön, Landsleute!" Es ist Lisa, die wir noch bis Santiago immer wiedersehen werden. Bald stellt sich heraus, dass sie meinen Bericht von 2002 aus dem Netz für Extratipps mitgenommen hat, andererseits aber auch wohl eine Neuauflage des Handbuchs aus dem Conrad-Stein-Verlag, wie wir später durch Vergleichen bestimmter Passagen feststellen. Sie ist nach Madrid geflogen, dann mit dem Nachtzug nach Oviedo und gleich losgelaufen; kein Wunder, dass sie todmüde ist. Sie schläft fast den restlichen Nachmittag.

Ein weiterer Einkaufsladen

Wir mussten aber auch noch ein Problem lösen: Wir hatten uns mit der Verpflegung auf die Casa Fernando verlassen, wo man auch einkaufen konnte. Jetzt standen wir da. Meine Frau und ich wollten zur Kreuzung zurück und sehen, ob das Restaurant bezahlbar war. Auch lockte die vorromanische Kirche San Pedro de Nora, auf deren Besuch wir vor 4 Jahren verzichtet hatten, mangels Hinweis an der Kreuzung. Jetzt war dort aber ein deutliches Schild mit Entfernungsangabe "3 km". Nun, auf die Kirchen vom Berg Naranco hatten wir schon verzichtet. Warum also nicht statt dessen diese schlappen 3 km - und das ohne Gepäck! -, nun gut, hin und zurück.

Mehr aus Langeweile schlossen sich die Übrigen uns an. Zunächst machte ich in dem Restaurant die schon genannte Feststellung, dass die Preise nicht dem entsprachen, was ein Pilger für ein Abendessen auszugeben bereit ist. Also würde Schmalhans Küchenmeister sein, überlebt man auch. Dann in Richtung der sehenswerten Kirche die Landstraße weiter. (Es ist die Richtung links, wenn man auf dem Hinweg die Kreuzung erreicht.) 100 m weiter rechts eine Bar. Na, da gab's doch wenigstens Trinkwasser. Dann sehen wir: es ist sogar ein Laden! O freudige Überraschung!

Zur Kirche San Pedro de Nora

Wir merken uns den Laden samt Öffnungszeiten für den Rückweg, wollen erst zu der Kirche. Da senkt sich die Straße rasant ins Tal der Nora runter, das rechts von uns tief, tief unter uns liegt. Mir schwant Übles: "San Pedro de Nora", die muss am Fluss liegen. Die Nora hat sich tief ins Tal eingeschnitten und bizarre Felswände produziert. Wir laufen immer noch steil nach unten. Unsere Pilgergeschwister meutern, bleiben zurück, behaupten, wir seien schon 4 km unterwegs. Ich gebe mir noch eine Kehre. Wir sind fast unten. Vor uns überquert die neue Autobahntrasse das Tal und beherrscht alles. Rechts ein Haus, vor dem Leute sitzen, ich spreche sie an. Ja, die Kirche ist unten, sagt ein Mann, nur noch 500 m. Ich schreie das zurück, da kommen die andern doch noch.


An San Pedro de Nora Durch Anklicken vergrößern Unten wieder ein kleines Dorf, eine Brücke über die Nora und rechts davor die Kirche, natürlich geschlossen. André interessiert sich auch mehr für seine qualmenden Schuhe. Immerhin gibt es eine Tafel mit Informationen auf Asturisch und Castellano. Da kommt eine Frau aus einem Villengarten gegenüber und fragt, ob sie uns die Kirche aufschließen soll. Wir nicken erfreut. Also doch noch eine Besichtigung, und wir konnten auch aus unseren mitgebrachten Liederheften singen.

Dann geht es die 3 km (angeblich 4 km) wieder steil hoch zurück. Unser Informant schaut aus seinem Garten, fragt, ob wir in der Kirche waren. Als wir bejahen, gesteht er, die Frau angerufen zu haben, die uns aufgeschlossen hat. Wir bedanken uns sehr bei ihm. Die Spanier sind wirklich immer freundlich und hilfsbereit, manchmal zu sehr, aber jetzt war es sehr willkommen gewesen, weil ich mich sowieso nicht in den Villengarten gegenüber der Kirche getraut hätte.


Wir genießen die schöne Landschaft und kämpfen uns die Höhen wieder hoch. Oben winkt der Laden, und der hat wirklich alles, was wir brauchen. André und ich schleppen jeder eine Literflasche San Miguel ab. Wo steht denn, dass Pilger auch darben müssen? In der Herberge sind wir weiter so gut wie allein, Lisa schläft draußen auf einer Bank. Jetzt wird getafelt. Wir sind bester Stimmung. Durch Anklicken vergrößern Pilger beim "Darben"

Zwei höfliche Galicier

Dann im Hof den Abend genießen. Gegen 18h30 treffen noch zwei ältere Galicier ein, sehr freundlich und rücksichtsvoll, lassen unsere Hälfte mit 8 Betten unberührt, schlafen übereinander, so dass von unserer Gruppe nur einer oben liegen muss. Ich nehme das indirekte Angebot gern an und ziehe auf ein unteres Bett um. Das war's, sonst kommt keiner mehr.


13. Juli 2006, Donnerstag: Von Escamplero nach Cornellana, 27 km (41 km)

Auf meinen Wunsch hin waren alle einverstanden, die 2. Etappe bis Cornellana zu gehen, denn dort gibt es eine neue Herberge, die ich gern erproben wollte. Das Kloster interessierte André natürlich auch besonders. Außerdem konnten wir ja immer noch in San Juan de Villapañada bleiben, wenn die Kräfte nicht reichten.

Gemein - keine Stempel

Morgens hörte ich die rücksichtsvollen Galicier kaum abrücken. Lisa hatte eher unseren Rhythmus. Nach dem Frühstück schaute ich nochmal bei der Casa Fernando vorbei, aber da lag noch alles in tiefem Schlaf. Auch die Galicier waren unwillig gewesen, dass man hier keinen Stempel bekam. Warum lag keiner zur Selbstbedienung aus wie in anderen Herbergen?

Nach dem Packen stellten wir uns vor der Herberge zum Morgengebet auf. "Was, ihr betet? Cool!" sagte Lisa und machte gleich mit. Dann ging es wie üblich gegen 7h30 los. Das Wetter versprach, schön zu werden. Von den Wegen waren wir wieder begeistert. In Promoño kehrten wir zur ersten Rast in eine Bar, kurz hinter der Capilla de Santa Ana, ein. Lisa, die zurückgeblieben war, holte uns hier wieder ein.

Neue Streckenführung hinter Promoño

An der ersten Kreuzung hinter Promoño kam eine überraschende Änderung der Streckenführung. Es ging nicht mehr halbrechts hoch, sondern einen schmalen Wiesenweg mittig weiter, der auf einmal sehr schönes altes Pflaster aufwies. Er führte direkt in ein Flusstal. Damit verpasst man den sehenswerten Horreo und die urige alte Steintreppe dahinter (siehe meine Beschreibung von 2002).


Blasen verpflastern Durch Anklicken vergrößern

Kurze Pause, da Lisas Füße verarztet werden mussten. Ich versorgte sie fachmännisch mit meinem "Wunderpflaster", mit dem ich schon so vielen Pilgern gegen Blasen geholfen habe. Inzwischen ist es auch in spanischen Apotheken zu bekommen (spanische Bezeichnung etwa: bandera elástica).


Der Fußweg durch das Ufergebüsch den Fluss Nalón entlang war inzwischen freigeschnitten. Der letzte Teil, bei dem man 2002 noch einen Abhang hochklettern und einen Acker überqueren musste, war jetzt eine ausgebaute Fortsetzung des Weges, der ganz normal in die Landstraße mündete. Auch der früher gefährliche Abschnitt der Nationalstraße hinter der Brücke vor Peñaflor war jetzt harmloser, da kaum mehr Verkehr herrschte. Sicher eine neue Autobahn, die ihn abzog. Der Pilgerweg führt neuerdings links der alten Route mitten zwischen den Häusern von Peñaflor durch, macht erst am Ortsende einen Schlenker nach rechts, wo er wieder auf den alten Weg trifft, direkt bevor man die Bahngleise unterquert. Keinerlei Hundebelästigung im Ort. Einige Bewohner grüßten höflich und freundlich interessiert.

Deutsche Fußballprominenz - sogar in Grado bekannt

Ohne Schwierigkeiten nach Grado und gleich in die erste Bar. Der Wirt fragte mich fast aufgeregt, ob ich wüsste, dass Klinsmann zurückgetreten sei. Es warf mich nicht um. Dann sagte er noch "Kahn" und machte ein Zeichen für einen riesigen Kerl. Ich mimte den Gorilla und schnaufte laut, als ob ich nach Bällen ausschaute. Der Wirt lachte sich kaputt und nickte lebhaft. Es war ein lustiger café con leche. Ich hatte schon vor unserer Tour gesagt: "Gut, dass Deutschland und Spanien bei der Fußball-Weltmeisterschaft nicht aufeinandergetroffen sind, oder gar einer den anderen rausgeschmissen hat. Da hätten wir deutschen Pilger was zu hören bekommen."

Mittagessen und - Stempel

Wir ziehen weiter, über eine Brücke, dann zum Stadtpark. Die anderen ruhen sich aus; ich schnüffele, wo es was zu essen gibt. Direkt geradeaus in Richtung Stadtkern gibt es rechts eine Gaststätte mit Paellas. Ich laufe weiter, komme zum Rathausplatz, an dessen Ende das Café Plaza ist, das damals gute Tellergerichte hatte. Haben sie immer noch. Ich hole die anderen. Lisa, die uns wieder eingeholt hat, bleibt zurück. Wir sehen sie erst in Salas wieder, da sie in San Juan de Villapañada übernachtet.

Doch noch eine Komplikation: Das Café Plaza selbst serviert die angepriesenen Tellergerichte gar nicht, sondern das Restaurant De Miguel neben dem Rathaus; es gehört demselben Besitzer. Ich bin etwas misstrauisch, aber es stimmt, und die Preise sind die angezeigten. Während wir auf das Essen warten, habe ich die glorreiche Idee, ins Rathaus nebenan zu gehen, um vielleicht Stempel zu bekommen. Die Angestellte im Bürgermeistersekretariat versteht mich sofort, wir bekommen einen schönen großen Stempel in die Pilgerausweise. (Ich habe oft zur Vorsicht die der ganzen Gruppe in meiner Umhängetasche.) Das Datum - auf den 12.7. zurückgesetzt - trage ich aber nachher selbst ein. Ein bisschen Mogeln muss sein.

Im "De Miguel" bedient uns der Chef persönlich. Die Portionen sind reichlich, das Essen sehr gut. Preis um die 7,50 EUR, leider 0,60 EUR für Brot dazu, der übliche Zwangsverzehrtrick in Spanien. - Am Ortsausgang habe ich links ein Angebot "Menü 6,50 EUR" gesehen.

San Juan de Villapañada nicht mehr am (neuen) Pilgerweg!

Nach dem guten Essen geht es langsam weiter, an der Kirche vorbei zur Hauptstraße und diese dann links hoch. Noch in der zusammenhängenden Bebauung weist eine Muschel nach links und gleich wieder - parallel zur Straße - nach rechts. Es geht sofort hoch, bald sogar ziemlich steil. Ich schüttele den Kopf, denke an die geänderte Wegeführung vor Escamplero. Um an San Juan vorbeizukommen, musste man früher die Straße rechts nach unten verlassen. Wir sind optimistisch und hoffen auf eine Abkürzung, die Höhenmeter spart. Letzten Endes war das richtig.

Auf einem Asphaltsträßchen geht es immer höher. Links im Tal ist die Baustelle einer neuen Schnellstraße (Autobahn?). Rechts unten kann man die Landstraße ahnen und schräg rechts vor uns liegt das Dorf San Juan de Villapañada deutlich sichtbar auf halber Höhe. Wir nähern uns ihm keineswegs. Dann haben wir ungefähr die Höhe erreicht, queren nun die Baustelle, die vom Tal hochgekommen ist, und schwenken nach halblinks, von San Juan weg, mit dem wir schon auf gleicher Höhe sind. Von rechts kommt eine Piste daher, das muss der alte Pilgerweg sein. Tatsächlich, wir erreichen eine Verzweigung: rechts geht es zur Herberge, die aber 1,2 km entfernt ist; links geht unser Pilgerweg nach Cornellana weiter. So erhalten wir den letzten Impuls, endgültig nicht in San Juan zu bleiben, wie Lisa das dann tat. Keiner von uns wollte diese dummen 1,2 km hin und am anderen Tag wieder zurücklaufen.

Insgesamt ist diese neue Streckenführung sehr zu loben, denn sie ist etwas kürzer und spart vor allem Höhenmeter - allerdings nur, wenn man San Juan liegen lässt, und das werden ab jetzt wohl sehr viele Pilger machen.


Ich hatte meine Pilgergeschwister schon gewarnt, dass jetzt die Höhe von Fresno käme. Ich hatte sie nur dunkel in Erinnerung, wir waren sie vor 4 Jahren morgens frisch angegangen und hatten keine Probleme gehabt. Die Höhe hat einen gemeinen Sattel, bei dem man denkt, man sei schon oben, aber es geht hinter einem Bauernhof noch einmal steil nach oben. Auf dem Pass angekommen, waren André, Konni und Sandra ziemlich fertig. Also Pause. Meine Frau und ich erkundeten noch die Wallfahrtskirche, die noch etwas oberhalb lag. Durch Anklicken vergrößern Pause auf der Höhe von Fresno

Kein Dickicht mehr, weitere Wegeverbesserungen

Nun, es waren nur noch ca. 7 km bis Cornellana, und das haben alle gut geschafft. Diesmal konnten wir auch die Fußwege hinter San Marcelo gehen. Sie waren freigeschnitten, und über den ersten Bach führte eine 2003 erneuerte Brücke. In Doriga kommt man nicht am Rittergut raus, wie ich 2002 vermutete, sondern etwas weiter, nämlich an der Kirche. Gleich gegenüber geht es weiter, womit man den nervigen Umweg auf der Landstraße vermeidet. Besonders gut gefiel mir der Abstieg durch den Wald, die Serpentinen des Fußweges bis zur Fernstraße hinunter. Auch dieser Weg war einwandfrei in Ordnung.

Wieder schlagen "hilfreiche" Spanier zu

Vor Cornellana bogen wir hinter der Brücke über die Narcea wie beim letzten Mal links auf einen Promenadenweg ab, der direkt zum Kloster führt. Dabei kam es wieder zu einer Szene mit "hilfreichen" Spaniern: Ich zögerte nur einen einzigen Moment, ob wir noch die kleine Brücke über den Nebenfluss überqueren mussten, da greifen einige "hilfreiche" Rentner ein, versperren praktisch die Brücke und weisen lebhaft auf den Weg, der vor der Brücke nach rechts führt, obwohl ich klar "Zum Kloster?" gefragt habe. Ich lasse mich überrumpeln, wir gehen nicht über die Brücke, was richtig gewesen wäre, waren schon aus Höflichkeit dazu gezwungen. Der Weg geht aber im Rechtsbogen auf die Stadt anstatt auf das Kloster zu, da hatte ich meine Gruppe am Schimpfen. Doch noch bevor man die Stadt erreicht, kommt man an den Weg vom Ort zum Kloster hin und kann scharflinks endlich direkt auf das schon lange sichtbare Gebäude zugehen.


Eingang zum Klosterhof Durch Anklicken vergrößern Wo ist die neue Herberge? Nichts zu sehen. Endlich ganz rechts an der Mauer eine Muschel "Albergue". Man umgeht den Klosterkomplex also rechts und durchquert ein aufwändiges Gittertor (das am Morgen so weit versperrt war, dass sich Rucksackleute kaum durchquetschen konnten). Durch ein schönes Tor links in den Klosterhof.

Beschreibung der Herberge in Cornellana

Der ganze rechte Teil ist renoviert, vielleicht sogar neu errichtet, mit einem Büro, Aufenthaltsraum und Küche, Waschraum (Maschinen), usw. Auf dem Hof liegt ein grünes Plastikgebilde, dessen Funktion wir zuerst nicht erraten. Es ist ein Minisandkasten für Pilgerkinder. Die spinnen, die Asturier! Im linken Flügel, in einem alten Teil, sind Schlafräume und mehrere Toiletten und Duschen. Sehr viel Platz, alles gut gemacht, aber anscheinend kaum beaufsichtigt. In der Küche sprießt der Schimmel in den Kühlschrankritzen, usw.

Im ersten Zimmer links liegen die beiden rücksichtsvollen Galicier und rufen mir zu, dass dahinter ein noch leerer Raum ist, mit 6 Betten, "genau für euch passend". Sie denken, Lisa gehöre zu uns, was ja auch nahelag. Jedenfalls haben wir tatsächlich einen eigenen Raum und praktisch ein eigenes Badezimmer, auch wenn die Klinke abgebrochen ist, so dass man keine Chance mehr hat, die Tür aufzubekommen, wenn sie - etwa vom Wind - zugefallen ist.

Doch noch ein Hospitalero und Stempel

Niemand weiß, wann und wo es Stempel gibt. Schon wieder! Wir laufen in die Stadt, kaufen ein und lassen uns im Supermarkt den Geschäftsstempel in die Pilgerausweise drücken. In der Herberge zurück, ist auf einmal das Büro geöffnet, und der Hospitalero will die Credenciales sehen. Noch einen Stempel, na, schadet ja nicht. Warum gibt es keinerlei Hinweis außen an der Tür, dass zu einer bestimmten Zeit hier jemand erscheint? Selbstverständlich ist das nicht, denn auch andere Herbergen wie La Mesa und Borres waren reine "Selbstbedienungsunterkünfte".

Spanien und seine verrammelten Kirchentüren

Das Kloster ist eine Enttäuschung. Es ist nicht weiter renoviert worden. Auch an den Kirchentüren nicht ein einziger Zettel, wann geöffnet wird und wann ein Gottesdienst ist. Die Einheimischen wissen das ja sowieso ;-). André schüttelt immer wieder den Kopf über die unzugänglichen Kirchen und Kapellen. Als ob die Kirche keine Besucher will! Abends ist auf einmal Rosenkranzgebet. Danach kann man wenigstens ein paar Minuten die Nase in die Kirche stecken.

Abschließende Bewertung der Herberge

Insgesamt muss man sagen, dass die Herberge in Cornellana sehr gut ist (mit den genannten Abstrichen). Es tut nur weh, so viel Geld verschwendet zu sehen, wenn nichts gepflegt und repariert wird, so dass alles bald wieder kaputt ist. - Es gibt angeblich 24 Betten (ich habe nicht nachgezählt). Wir waren insgesamt 9 Pilger; 2 Schnellläufer hatten uns unterwegs überholt.

Festlegen unseres weiteren Streckenplanes

Am Abend tafeln wir vor der Küche im Klosterhof, haben dazu einen Tisch und Stühle nach draußen gebracht. Es schmeckt herrlich, aber alle sind hundemüde. Nach dieser langen Etappe zeichnet sich klar ab: Es hat keinen Zweck, morgen ca. 33 km nach Tineo zu gehen. Die ganz großen Etappen können wir uns zunächst abschminken, und zu Fuß nach Finisterre ist damit auch nicht drin. Ich bin nicht sehr enttäuscht; mir ist wichtiger, dass alle bis Santiago durchhalten. Gemäß unserem Hauptplan werden wir dort am Donnerstag, den 27. Juli, eintreffen. Das ist in Ordnung, finden wir alle, und auch, dass morgen dann nur eine ganz kurze Etappe zur Erholung ansteht. Ohne Cornellana als Etappenziel hätten wir die heutige und die morgige Strecke besser aufteilen können, aber so wurde mir eben ein Herzenswunsch erfüllt, über die Herberge in Cornellana aus eigener Erfahrung berichten zu können.

14. Juli 2006, Freitag: Von Cornellana nach Salas, 12 km (53 km)

Da die Herberge in Salas nur 6 Betten hat, rechnete ich mir keine Chance aus, dort unterzukommen. Wir peilten also Godán an. Allerdings gab es da einige Schwierigkeiten: Der Ort liegt 2 km abseits, den Schlüssel gibt es aber angeblich nur bei der Polizei in Salas. Am Ende kamen wir zu dem richtigen Entschluss, alle zunächst nach Salas zu gehen. Bei der heutigen Kurzetappe würde niemand umfallen, mit Gepäck dann erst nach Godán zurückzumüssen.

Ein schöner Weg nach Salas

Morgengebet im Klosterhof. Der Himmel ist bedeckt, aber kein Regen. Dann geht es links ein Stück das Flüsschen entlang, danach links steil hoch. Vor dem Bauernhof oben muss ein Absperrdraht geöffnet (und wieder geschlossen) werden, wir quetschen uns an den Kühen auf dem Weg vorbei. Runter zu einer Landstraße und gleich wieder gegenüber hoch, daran erinnere ich mich noch gut. Ganz oben kann man auf Cornellana zurückblicken, auch das Kloster ist rechts hinter dem Waldhügel zum Vorschein gekommen. Neue gelbe Pfeile (mit Schablone aufgetragen) markieren den weiteren Weg recht deutlich. Gemütlich ins Tal runter, an einem Bergwerk vorbei, durch kleine Dörfer, in denen es auch mal einen runden Horreo gibt. Als der Weg nach rechts abknickt, taucht das Haus auf, wo der aggressive Hund war. Ein Mann arbeitet auf der Straße. Tatsächlich erscheint der Hund wieder, bellt aber nur pflichtbewusst und läuft nicht durchs offene Tor auf die Straße.

Inzwischen brennt längst die Sonne wieder. Trinkpause im Schatten der Friedhofsmauer unterhalb des nächsten Dörfchens (Quintana, mit Santiago-Kirche). Etwas weiter über einen schäumenden Bach, vor einem Haus links hoch, dann ein schöner Fußpfad halbrechts. Durch Casazorrina, wieder wie 2002 ein Foto auf der hoch ausgebauten Brücke über den Bach. An dem Haus vorbei, an dem damals gebaut wurde; jetzt ist es fertig und sehr schön geworden. Vor der Nationalstraße ist der Weg leider durch eine große Baustelle unterbrochen. Wir müssen einen Umweg von mehreren 100 m über lästigen Schotter machen, bis wir endlich die Straße überqueren können.

Dahinter führt ein wunderschöner Hohlweg (der war früher ebenfalls durch Gestrüpp versperrt) direkt nach Salas. Kurz vor dem Ort eine Abzweigung links nach Godán. Vor Salas auf die Hauptstraße bis zum Ortskern. Meine Frau und ich kennen uns ja aus.


Wir erreichen hinter der Kirche die ehemalige Festung. Links ist die Polizeiwache, rechts die Bar La Lueiana. Geradeaus führt der Pilgerweg durch das Tor, aber wir biegen vor der Bar rechts ab zur Herberge am Fluss. Durch Anklicken vergrößern Ortskern von Salas mit Festung.

Bar mit Schlüssel im Obergeschoss

Die Herberge liegt im Erdgeschoss. Ein Brückchen führt darüber ins Obergeschoss. Dort ist die Bar, wo man den Schlüssel bekommt (aber die hatte ich noch nicht bemerkt). Die Herberge ist verschlossen, wir setzen die Rucksäcke ab. Na, nach den Regeln des Pilgerwegs haben wir jetzt 5 Betten, das gibt's doch nicht! Godán konnten wir vergessen. Alle anderen Pilger sind offenbar nach Tineo weitergelaufen, und von San Juan de Villapañada ist noch niemand eingetroffen, hätte uns ja auch überholen müssen. (Nun ist Freitag, und da gibt es ja auch "Wochenendpilger". Nein, wir haben heute Glück.)


Achtung: Das Handbuch gibt fälschlicherweise "10 Liegen" an, es sind aber nur 6 Etagenbetten.

Viel Aufwand für überflüssige Stempel

Zunächst aber etwas Verwirrung, weil ich die Bar im Obergeschoss nicht entdecke und damit auch das Schild nicht, das besagt: Öffnungszeiten 10-13 und 15-21 Uhr. Jetzt ist es kurz nach 13h00. - Ein "hilfreicher" Spanier schickt uns wegen dem Schlüssel zur Polizei. Ich mache mich auf den Weg, die anderen bleiben bei den Rucksäcken. - Die Wache ist geöffnet, aber niemand da. Die Polizei kann nicht weit sein, denn alles liegt offen zugänglich herum. Ich laufe suchend auf der Straße umher, habe endlich die richtige Idee: Heureka, gegenüber in der Bar steht ein Polizist an der Theke. Er sieht mich, lässt sich aber natürlich zunächst nicht stören. Ich nehme Platz, sehe im Hintergrund einen gut gefüllten Esssaal (Menü 7 EUR, aber das Schild steht nur mittags draußen) und einige Rucksäcke neben dem Eingang. Oha, Konkurrenz! Endlich reißt sich der Polizist von seinem Bier los und schlendert zur Wache, ohne von mir Notiz zu nehmen. Ich kenne diese Spielchen in Spanien. Also hinterher. Er sitzt hinter seinem Schreibtisch, als ob er ihn nie verlassen hätte. Ich klopfe und trete ein, als ob wir uns nie in der Bar gesehen hätten. So muss man das machen, um sich Wohlwollen und Hilfsbereitschaft zu erhalten.

Der Polizist stempelt die Pilgerausweise und entlässt mich. Hm, Moment, was ist mit dem Schlüssel zur Herberge? - Hat er nicht, gibt's in der Bar über der Herberge. Na, das ganze Theater hätte ich mir und ihm ersparen können, denn in besagter Bar gab's nachher ja auch einen Stempel. Bloß, dass ich diese Bar noch gar nicht entdeckt hatte; ich hatte vergeblich an einer Seitentür im Obergeschoss gerüttelt.

Also etwas ratlos zu meinen Pilgergeschwistern zurück. Eine alte Frau erscheint. "Müsst euch den Schlüssel bei der Polizei holen!" - (Knirsch) "Da war ich schon, die hat ihn nicht. Es soll ihn in der Bar hier geben." - "Ja, Moment, die hat ab 15h00 auf." - Wo schaut die Frau denn hin? Jetzt erst bemerke ich, dass das Brückchen über uns zu der Eingangstür der Bar führt, und da hängt auch das Schild. Also hat die Frau uns doch noch geholfen. Manchmal ist man schon recht blind!

Also mopsen, bis die Bar geöffnet wird. Sehr pünktlich erscheint eine junge Dame und schließt auf, ich gleich hinterher. Stempel, Schlüssel, alles kein Problem. Auch eine Spende nimmt sie gern. Ab da ist der Tag gelaufen. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet diese Herberge, die ich als Dreckloch in Erinnerung habe, uns so eine positive Überraschung bieten würde?


Pilgerleben pur Durch Anklicken vergrößern Nicht nur, dass wir 5 Betten haben: sie ist auch renoviert, mit ganz neuen knallroten Bettgestellen, die links an der Wand stehen. Gegenüber kleine Tische und Stühle, die wir bald nach draußen tragen, um dort gemütlich zu sitzen. Auch der Waschraum ist in Ordnung, die Dusche liefert aber nur kaltes Wasser.

Todesschrei unter der Dusche

Während wir warten, haben Rucksackleute (wohl die aus der Bar) von weitem geschaut: sie sahen uns und zogen gleich wieder ab. Dann kam noch ein junger Spanier, brauchte aber Betten für drei Leute. Später stellt sich heraus, dass Lisa dazugehörte, außerdem ein junger Kanadier.

Ich kündige an, unter der kalten Dusche den großen Schrei zu tun (das erinnerte mich an Schacki vom Vorjahr), und das gelingt mir später prächtig. Ich weiß nicht, dass einen Moment vorher draußen gerade der Kanadier aufgetaucht ist und die Auskunft bekommen hat, dass nur ein Bett frei ist. Mein langgezogener Schrei lässt ihn zusammenzucken, dann reagiert er schlagfertig: "Oh, der ist tot. Dann ist wohl ein weiteres Bett frei?" - Ich höre die anderen draußen laut lachen und denke, das sei der Beifall für mich. Kurz darauf erscheint Lisa, der ihre Kameraden Bescheid gesagt haben, und wir geben ihr freudig das letzte Bett.

Tipps zum Essengehen

Lisa hat noch einen guten Tipp fürs Abendessen: die Bar El Cobertizo. Man überquert einfach vor der Herberge die Brücke über den Fluss und wendet sich dann nach rechts. Ca. 150 m weiter links liegt die Bar. (Wir fanden noch weitere 150 m geradeaus - Calle de la Pola - auf der linken Seite in einem Wohnblock das Restaurant Casa Pacita, Menü - auch abends, versicherte man mir - für 7 EUR.). Im "El Cobertizo" gab es Tellergerichte für 5,50 - 6,00 EUR und günstigen Hauswein, alle waren gut zufrieden.

Wir hatten noch ausgiebig Zeit, den schönen Ort zu besichtigen, einzukaufen und ein Bierchen zu trinken. Die kleinen Bares neben dem Supermarkt hatten unglaublich niedrige Preise. So ließen wir es uns wohl sein, einige pflegten ihre schmerzenden Füße bzw. Knie, und alle behielten Salas in bester Erinnerung.


15. Juli 2006, Samstag: Von Salas nach Tineo, 21 km (74 km)

Zur üblichen Zeit rückten wir ab, Lisa war schon voraus. Der Schlüssel blieb einfach innen in der Tür.

Guter neuer Weg beim Aufstieg hinter Salas

Der Weg hinter Salas durch das schöne Tal aufwärts stieg doch mehr, als ich in Erinnerung hatte. Konni hatte Probleme mit ihrer Brille, die andauernd beschlug, so dass sie nichts sehen konnte. Am Ende die steile Serpentine zur Fernstraße hoch (im Handbuch hört sich's schlimmer an). Auf der Straße ging es nicht 2 km, wie ich 2002 den Eindruck hatte, sondern nur 900 m bis zu der großen Ruine eines Doppelhauses. Wofür mochte das einmal errichtet worden sein? Dann links die Piste hoch, aber ich vermisste die Abzweigung etwas später. Der Weg war gut ausgebaut und wand sich den Berg hoch, am Ende an dessen rechter Flanke; oben sah man Bauernhäuser. Das hatte ich ganz anders in Erinnerung, und tatsächlich war die Strecke völlig neu gebahnt. Man kam hinter und nicht zwischen den Bauernhäusern heraus. Leider wurde die Landschaft wieder vom Straßenneubau verwüstet. Ob man wohl eine neue Autobahn von Oviedo nach Lugo baut?

Die Brombeeren waren leider noch nicht reif. 2002 hatte ich sie in Mengen gepflückt und gegessen. Dafür war heute das Wetter viel besser als damals.

Keine Herberge in La Espina, aber Unterkunftsmöglichkeit

In La Espina sollte eine neue Herberge sein, hatte der Kanadier Lisa erzählt. Er wollte bis dahin von Salas aus weitergehen. Wir schauten uns nach Häusern um, die in Frage kamen. Der Pilgerweg verläuft rechts oberhalb der Fernstraße. Wir verließen ihn am Ortsanfang und stiegen auf die Straße hinunter, da wir für das Mittagessen einkaufen wollen. Links kam eine Bar mit einem Schild "Restaurante/Habitaciones". Dort tranken wir die übliche Cola, ich fragte nach der Herberge. Es gibt keine. Aber in diesem Haus konnte man für 24 EUR ein Doppelzimmer bekommen. Der beste Supermarkt folgte dann etwas weiter auf der rechten Seite. Dahinter kam etwas rechts hoch ein Platz mit Bänken, wo wir zu Mittag aßen. Brunnen zum Händewaschen. Oberhalb lag die Festhalle, wo wir 2002 bei Regen Pause gemacht hatten.


Weiter die Hauptstraße entlang, dann gleich hinter dem Ort rechts steil hoch. Wieder ein Hangweg in der Natur, mit schönen Ausblicken, aber auch gelegentlichen Matschstellen. An diese konnte sich André gar nicht gewöhnen. Man hörte ihn von vorn schreien: "O nein, nicht schon wieder!" Dann wussten die Hinterleute Bescheid :-) Durch Anklicken vergrößern Aufstieg hinter La Espina

Verbesserte Wegeführung in La Pereda

Im nächsten Dorf La Pereda passte ich auf, die Hausnummer 39 nicht zu verpassen. Hier machte der Pilgerweg 2002 geradeaus einen idiotischen Umweg an der Kirche vorbei. Die Sorge war unbegründet: Inzwischen weisen die Muscheln an Haus Nr. 39 gleich die Abkürzung rechts hoch, und etwas weiter oben geht es sogar nochmal etwas abkürzend geradeaus steil hoch über einen Hof.

Nach weiteren Hangwegen senkte sich der Weg nach El Pedregal hinab. Vor dem Ort kam uns eine wohl geistesverwirrte Frau entgegen und sagte: "Passt gut auf! Auf der Landstraße ist ein Baum umgefallen." - An der Straße gab es eine Bar mit Einkaufsmöglichkeit. Aus dieser kam auf einmal Lisa herausgestürzt. Sie machte mit uns Pause an der nahen Kirche. Ihr ging es schlecht. Es hörte sich nach Kreislaufstörungen an, sie war von Insekten gestochen worden. In Tineo erzählte sie dann, dass sie Darmgrippe hatte. Da war mir klar, dass sie unter der mir wohlbekannten absoluten Schwäche, die einer Darmgrippe vorausgeht, gelitten hatte. Sie wollte sich evtl. mit dem Bus nach Tineo durchschlagen, ist aber am Ende doch wohl gelaufen.

Die nervigen letzten Kilometer vor Tineo

Für den letzten Abschnitt hatte ich mich psychisch gewappnet und auch die anderen gewarnt. Die Kilometer vor Tineo ziehen sich endlos dahin. Eine T-Kreuzung, bei der man rechts abbiegt (nicht im Handbuch vermerkt), ist noch nicht die Abzweigung, die nach 2,3 km kommen soll. Am besten achtet man auf seine Uhr, man muss gut eine halbe Stunde dafür ansetzen. Auch wenn endlich der Friedhof von Santa Eulalia zu sehen ist, hat man es noch lange nicht geschafft. Voraus ist ein Höhenzug mit einem großem Antennenmast. Da muss man noch knapp vorher. Dazu hat man aber nicht einen, wie ich 2002 schrieb, sondern zwei große Rechtsbögen, jeweils hinunter und wieder hinauf, zu überwinden, bevor endlich nach dem letzten Aufstieg durch Wald die ersten Häuser in Sicht kommen.

Der Weg zur neuen Herberge

Oben geht es an einem Fußballplatz vorbei bis zu einem Wäldchen mit Kapelle. Hier empfehle ich, nicht der gepflasterten Allee zu folgen, sondern gleich die Asphaltstraße links davon hinunterzugehen. In der Allee wird man nämlich nur zu einer geschmacklosen Sonnenuhr in Gestalt eines Pilgers geführt, und von dort geht es einen schmalen Fußpfad steil bergab zu der erwähnten Straße. Man folgt ihr eine Zeitlang oberhalb von Häusern. Dann geht es spitzwinklig links steil nach unten. 200 m weiter liegt auf der linken Seite ein großes Gemeindehaus (Calle Cabezas de San Juan). Im Souterrain hat man die neue Herberge eingerichtet.

Beschreibung der Herberge

Diese hat außer einem Vorraum einen großen Schlafsaal mit 24 Betten, zwei nach Geschlechtern getrennte Waschräume, gute warme Duschen. Das ist im Vergleich mit der alten Unterkunft im Schlachthaus ein gewaltiger Fortschritt. (Jetzt darf sich Grandas de Salime "rühmen", die schlechteste Herberge des Camino Primitivo zu haben.) Trotzdem ist die Albergue baulich völlig vermurkst, das merkt sogar ein Laie. Wie kann man einen so großen Schlafsaal plus die zwei Waschräume daneben nur mit zwei kleinen Fenstern versehen, die außerdem noch einen Teil des Tages (und, sofern Spanier das entscheiden, der Nacht) geschlossen sind? Es roch modrig, und der Schimmel war überall auf dem Vormarsch. Die Matratzen feucht, bald waren auch alle unsere Sachen klamm. - Weiter: Im Vorraum des rechten Waschraums keine Waschbecken, wie wahrscheinlich vorgesehen, sondern schlicht nichts. Stattdessen dahinter Klo, Dusche und 1 Waschbecken in einem einzigen Raum. Das fördert die gewohnten Warteschlangen. Der Luxus eines Fahrradabstellraumes konnte mich auch nicht aufheitern. Kurz: Gut gedacht, schlecht gemacht. Alle saßen lieber draußen, und nur zum Schlafen betrat man den Saal. Isomatte auf der Matratze empfehlenswert.

Wenigstens konnten wir uns Betten an den Fenstern sichern, denn wir waren wieder die ersten. Den Schlüssel gab es in der Bar STOP, nur 50 m jenseits der Straße. Morgens warf man ihn in einen Plastikbehälter, der wie ein Briefkasten vor der Bar angebracht war. Das Schloss der Eingangstür klemmte furchtbar; schließlich trat ich die Tür auf. Nach den Beulen, die sie hatte, machte das wohl jeder.

Pilger und "Pilger"

Kurz nach uns trafen laufend weitere Pilger ein, darunter sicher auch "Wochenendpilger". Ein ungarisches Paar war mit dem Bus von Oviedo gekommen. Man konnte deutlich sehen, wer gar nicht gelaufen war, denn der hatte saubere Schuhe im Vergleich zu unseren schlammverkrusteten Tretern. Insgesamt waren wir abends 14 Leute. Zu unserer Erleichterung kam auch Lisa gut an und bezog ein Bett neben uns. Sie hatte schon Tabletten genommen, musste hier aber einen Rasttag einlegen. Das kannte ich von 2003, wo ich zwei Tage in Villalba auf der Nase lag.

Einkaufen, Kirche

Ansonsten hatten wir etwas Zeitdruck. Der Nachteil der Herberge ist nämlich, dass sie recht weit vom Ortskern entfernt ist. Wir wollten aber noch: Einkaufen, in die Kirche gehen und zu Abend essen. (Schließlich war Samstag, und am nächsten Etappenziel Borres gab es nichts.) Tineo ist ein merkwürdiger Ort, an einem Steilhang gelegen, so dass es abgestuft in allen Höhen parallele Straßen gibt (die oberste ist die erwähnte gepflasterte Allee), die hin und wieder durch Diagonalen verbunden sind. Im Vorraum der Herberge hängt eine gute Orientierungskarte. Es empfiehlt sich, die Straße, die direkt unterhalb der Herberge hochkommt, nach rechts in Richtung Ortskern zu gehen. Sobald diese von oben mit einer anderen zusammenläuft, liegt spitzwinklig links auf der anderen Straße ein Supermarkt "El Arbol". Nur dieser hatte auch am Samstagnachmittag geöffnet, wie ich durch zeitraubende Recherchen herausfand. Zwischendurch regnete es ordentlich.

Die Kirche liegt auf halber Höhe und ist ganz ohne etwas Auf und Ab wohl nicht zu erreichen. Wieder kein Anschlag, wann Messe war, aber eine etwas behinderte Frau meinte: 20h30. Sie führte uns zum Pfarramt, aber der Pfarrer öffnete auf unser Läuten hin nicht. Am Ende zeigte es sich, dass die Frau Recht gehabt hatte. Der Gang zur Kirche macht einen auch gleich mit der Fortsetzung des Pilgerweges bekannt.

Das 3-Gang-Menü in der Bar "Los Tres Chicos"

Nach der Messe hatten wir noch Zeit zum Abendessen. Ich führte die Gruppe zu einer versteckten Bar, unterhalb des Rathausplatzes, "Los Tres Chicos". Drinnen ging es recht einfach zu, aber die Wirtin winkte uns in den Esssaal. Es war dieselbe mütterliche Frau wie vor 4 Jahren. Dann gab es Verständigungsprobleme: Als Vorspeise war einmal die übliche Hühnersuppe mit Nudeln, die einfach "Suppe" (sopa) genannt wird, im Angebot; alternativ etwas, das ich nicht verstand. Bei den Namen einheimischer Gerichte versagt natürlich auch mein Wörterbuch, bei dem Asturischgemisch der Wirtin ebenfalls. Schließlich sagte sie was von: "Na, schauen Sie doch selbst, 1. Gang und 2. Gang", stellte die Hühnersuppe auf den Tisch und kurz darauf einen Topf mit asturischer Kohlsuppe (das war also die unbekannte Speise). Naja, die war dick mit Fleisch- und Blutwurstbrocken durchsetzt, ging als 2. Gang durch. "Hier gibt's gute Hausmannskost", rief die Wirtin immer wieder, "hier essen alle gut." und verschwand in der Küche.


In der Bar "Los Tres Chicos" Durch Anklicken vergrößern Nun, wir sprachen der Hühnersuppe zu. Ich denke, ich aß sicher zwei Teller. Dann kam die Kohlsuppe dran. Wie wir gerade jeder unseren Teller voll haben und André eben die Fliege zwischen den Wurststückchen herausgefischt hat, erscheint die Wirtin wieder - und lässt bald ihre Platten voll Fleisch, Leber, Spiegeleier, Salat und Pommes fallen, nämlich den wirklichen 2. Gang, als sie sieht, dass wir kurzerhand beide Vorspeisen so gut wie vertilgt hatten. Das muss einem ja auch gesagt werden, wenn Alternatives auf den Tisch gesetzt wird! Nun, sie rettet den Rest der Kohlsuppe und macht gute Miene zum bösen Spiel.

Wir jedoch müssen uns gewaltig ins Zeug legen, um noch den 2. Gang, der eigentlich unser 3. ist, lassen zu können. Dazu muss ein zweites Bier her; unsere Frauen haben noch nicht die erste Flasche Wein geleert, da kommt schon eine zweite. Die haben sie aber lieber unangetastet gelassen. Dann gibt's noch Eis zum Nachtisch, und ich bin so wohlig satt, dass mir jetzt die Zeche egal ist. Draußen stand was von 10 EUR für ein Menü, aber da wird sie ja aufschlagen müssen wegen der doppelten Vorspeise, außerdem zwei Bier ... Am Ende nimmt sie 9 EUR, da bin ich platt. Sie hat wohl nicht viel Gäste bei der versteckten Lage, gar Ausländer, und da freut sie sich eben. Ich sage ihr jetzt noch, dass wir schon vor vier Jahren so gut zufrieden waren und deshalb wiedergekommen sind. Möge es nachfolgenden Pilgern nützen.


16. Juli 2006, Sonntag: Von Tineo nach Borres, 18,5 km (92,5 km)

Diesmal kommen wir erst 8h00 weg, da die Waschräume wie vorausgesagt nicht ausreichten und wir warten mussten. Draußen ist Nebel mit leichtem Nieselregen, typisches galicisches Wetter. Natürlich lassen wir's uns nicht verdrießen, wetten schon jetzt, dass nur allzu bald die Sonne herauskommen wird. Wir lassen Lisa zu ihrem Rasttag zurück, gehen zur Kirche: Morgengebet.


Die folgenden Hangwege habe ich aus 2002 als wunderschön in Erinnerung. Sind sie auch, aber im Tal sieht man nichts wegen der großen Nebelbänke. Später erscheinen höher gelegene Teile der Landschaft wie Inseln aus einer verwunschenen Welt. Dann ziehen die Schwaden allmählich nach oben und lösen sich auf, die Sonne kommt durch, die Tallandschaft erscheint. Durch Anklicken vergrößern Hangweg hinter Tineo

Eine lohnenswerte Höhe

Nach knapp 5 km erreicht man eine kleine Landstraße. Hier holt uns eine Gruppe von drei männlichen Jugendlichen ein. Die haben wir schon gestern als echte Pilger erkannt, wie sie dreckig und verschwitzt ankamen. - Auf der Straße geht man links und kurz darauf wieder rechts ab. Kürzer wäre sicher, wenn man auf der Straße bliebe, denn es ist wohl dieselbe, auf der man etwa 1,5 km weiter herauskommt. Aber man sollte dem Pilgerweg folgen. Er geht über eine grasbewachsene Höhe, die einen fantastischen Ausblick bietet. Ganz unten liegt am Waldrand die Ruine des Klosters Obona (Au weia, so weit muss man hinunter!). In der Ferne, auf halber Höhe, kann man in etwa raten, wo Borres, das Tagesziel, liegen muss. Später kann man den Ort daran erkennen, dass er aus zwei Zeilen von Häusern parallel zum Hang zu bestehen scheint, wobei zwei langgestreckte große Gebäude besonders auffallen. Die kleine Kirche verschwindet dazwischen völlig, die sieht man erst aus der Nähe.

Dahinter liegt majestätisch das Gebirge, ein Bergrücken, der sich vom Kantabrischen Gebirge im Süden her hier wie ein Finger nach Norden zieht. Da müssen wir rüber, aber davor im Tal, für uns unsichtbar, liegt noch die Stadt Pola de Allande. Ich weiß ja, dass der Übergang gar nicht so schwer ist, deshalb habe ich auch keine Bedenken und freue mich auf die nächsten beiden Tage.

Abstecher zur Klosterruine Obona

Dann senkt sich der Weg, die kleine Asphaltstraße kommt von links, dann die Fernstraße. Ich meine, ich bin auf einem Fußweg links von ihr entlanggegangen, bis die Abzweigung nach links, steil durch den Wald hinunter, kommt. Die nächste T-Kreuzung zeigt nach rechts zum Abstecher, um die Klosterruine zu besichtigen, links geht der Pilgerweg weiter. Dieser Weg ist neu gebahnt, sehr breit gewalzt und abschnittsweise mit Schotter angefüllt. Wozu nur dieser Aufwand?

Die Ruine ist unverändert. Die Renovierungsarbeiten gehen seit Jahren nur sehr schleppend vorwärts. Eine große Tafel mit Erklärungen ist neu. Man hat sich bislang darauf beschränkt, die Dächer und Fenster zu erneuern, damit das Gebäude nicht weiter verfällt. Aber alle Räume sind kahle Ruine, nur die Kirche wird wohl vom nahen Dorf benutzt. Wegen der brennenden Sonne Pause im Schatten. Touristen fahren vor, nehmen von uns keine Notiz.

Keine Abkürzung versuchen!

Vom Kloster aus geht eine verlockende kleine Asphaltstraße unterhalb des Dorfes in die richtige Richtung. Sollte man dort nicht abkürzen können? Ich habe es nicht gewagt, das war gut.

Wir laufen wieder weiter, auf den Schotterabschnitten ist's mühsam, aber dafür gibt es hier keinen Matsch mehr. Das gute Wetter erlaubt manchen Blick zurück auf die Ruine und das Dorf. Man sieht aber auch, dass die erwähnte kleine Asphaltstraße sich immer weiter entfernt, dazwischen senkt sich ein steiles Tal hinab. Das wäre nichts gewesen mit einer Abkürzung.

Empanada in Campiello

Auf einer Landstraße erreichen wir eine Reihe von kleinen Dörfern, auf Campiello habe ich schon gewartet. (Hier soll es auch Betten geben.) Uns interessiert wie immer eine kühle Cola, wir wollen aber auch einkaufen. In dem winzigen Dorf gibt es gleich zwei Bares, beide mit Lebensmittelladen. Wie können die sich beide halten? Wir nehmen die nähere links und bekommen alles, was wir brauchen. Als wir abrücken, fällt unser Blick auf die riesige Reklame für den zweiten Laden, der rechts liegt, Casa Herminia. Da steht "Pilgermenü" usw. Ich frage im Laden, eine resolute Frau erklärt, dass das Menü 10 EUR kostet. Dabei ist gar nicht klar, was alles enthalten ist. Ich sage, dass uns das zu teuer ist. Sie schleift mich in den Essraum nebenan. Dann Tellergerichte zu 8 EUR. Ich frage meine Pilgergeschwister. Der Hunger ist nicht so groß. Sandra möchte immer "nur eine Kleinigkeit", aber die gibt's in Spanien nur schwer. Ich gehe wieder rein und sage, dass uns 8 EUR auch noch zu viel sind, und drehe ab. Die Wirtin lässt sich nicht abschütteln: Dann eine Empanada, für 6 EUR, für alle zusammen. Das klingt schon besser, wir nehmen an.

Drinnen müssen wir grinsen, wie die Wirtin den Aufwand wegen des geringen Verzehrs zu minimieren versucht. Besteck ist gestrichen. Sie stellt die aufgeschnittene Empanada auf den Tisch. Plastikbecher und eine große Flasche Wasser. Als wir mit den Fingern zugreifen, krümelt's natürlich. Teller sind ihr zu schade, also legt sie für jeden ein Blatt von einer Haushaltspapierrolle auf den Tisch. Köstlich! Die Empanada übrigens auch. Ca. ein Viertel bleibt übrig. Die Wirtin ist gegangen. Ich werfe André einen Blick zu, der hat noch eine Plastiktüte. Wupps, ist das restliche Viertel verschwunden.


Bares mit Läden in Campiello Durch Anklicken vergrößern Die anderen ziehen nach draußen, nehmen die Plastiktüte diskret mit, ich muss noch im Laden abrechnen. "Tja," sagt die Wirtin, "6 EUR plus 1 EUR für das Wasser, 7 EUR." Das ist in Ordnung, ich bezahle ohne zu zögern. Irgendwie freut sie sich, doch noch etwas verkauft zu haben. Großzügigkeit übermannt sie: "Soll ich Ihnen den Rest einpacken?" "Das haben wir schon selbst gemacht", sage ich. Da lacht sie laut heraus, unsere Geschäftstüchtigkeit gefällt ihr. - Seitdem sind wir alle wild auf Empanada, "die Kleinigkeit zwischendurch".

Die Herberge in Borres: renoviert, aber tausend Fliegen

Es ist nur noch ein Katzensprung bis Borres. Kurz vor dem Ort kann man die Herberge vom Waldrand aus rechts oben liegen sehen, die typische ehemalige Landschule. An der Viehtränke weist uns eine Muschel nach oben. Es geht steil hoch, wir kommen direkt an der Herberge raus. Keine Wäsche draußen, also niemand da, haben wir schon am Waldrand gesagt. Es stimmte. Die Tür war nicht abgeschlossen, der Schlüssel steckte. Wir mussten also nicht zum Bürgermeister, den Schlüssel holen, und dank unserer guten Vorräte auch nicht den verborgenen Laden suchen (wenn es ihn noch gab, siehe meinen Bericht von 2002). Ich schleppe 1 Liter Bier gern einige Kilometer, wenn ich dafür was gegen den abendlichen Durst habe.


14h40. Wir inspizieren die Herberge. Da hat sich einiges getan. Der Boden ist komplett neu gefliest, die beiden Badezimmer sehr ordentlich, die Duschen mit Kabinen, was für ein Luxus! Dafür hat man offenbar die alten 3-Stock-Betten aus dem Schlachthof von Tineo hierher transportiert. An ihnen hängen noch die Gardinen, mit denen Spanier manchmal die Betten umgeben, um Privatsphäre vorzutäuschen. In Wirklichkeit helfen sie einem nur beim Ersticken. Sie hängen ohnehin ziemlich zerzaust herunter. Zwei weitere Liegen stehen links, die dürfen sich meine Frau und ich nehmen: Altenbonus :-) Insgesamt 4 x 3 plus 2, also 14 Betten; nicht 12 wie in den anderen ehemaligen Landschulen. Durch Anklicken vergrößern Alte Betten in der Herberge von Borres

Die sonst gute Herberge hat noch ein weiteres Problem: Hunderte von Fliegen, die sich vor allem auf meinen schwarzen Rucksack und meine Umhängetasche stürzen. Evtl. stinken die vor Schweiß. Ich versuche eine Viertelstunde lang, die Fliegen systematisch totzuschlagen. Nach etwa einem Dutzend gebe ich es auf, denn es werden nicht sichtbar weniger. Später klebe ich eine erschlagene Fliege ins Herbergsbuch in die Rubrik Bemerkungen. - Wie in Tineo liegen hier Stempel zur Selbstbedienung bereit. Das ist vernünftig.

Eine Pilgerfamilie im Glück

Wir waschen sämtliche Wäsche und spannen riesenlange Leinen (eine war vorhanden) über zwei Zuwegungen bis zum Zaun des Nachbargrundstücks. Einmal kommt ein Junge mit einem Geländefahrrad und muss wieder abdrehen; bei unserer Wäsche kommt er nicht durch. Danach ist Siesta angesagt, nicht ganz ungestört wegen der krabbelnden Quälgeister. Später sitzen wir in der Sonne und stellen einen Rekord im "Mopsen" auf. Keiner hat Lust, ins Dorf zu gehen, nicht einmal meine Frau, und das will was heißen. Der Blick auf die Bergwelt ist fantastisch. Vögel besuchen uns: ein Rotkehlchen, ein Buntspecht, ein Eichelhäher ... Immer wieder schauen wir zum Waldrand runter, ob nicht weitere Pilger nahen. Nichts. Einmal zwei Radfahrer, aber die machten nur einen Sonntagsausflug. So bleiben wir unter uns, reden was, trinken, erzählen, wie eine Familie. Erstaunlich, wie der Pilgerweg eine Gruppe zusammenschweißt. Wir genießen es ganz bewusst. Tatsächlich ist es die letzte Herberge, die wir für uns allein haben. Dazu ist es überhaupt nur gekommen, weil viele Pilger Borres überschlagen und von Tineo aus die Landstraße nach Peñaseita laufen; andere, so hörten wir später, hatten noch die Information, dass Borres geschlossen sei. Das ging wohl auf die Renovierungszeit zurück. Wie dem auch sei, wir hatten wieder großes Glück.


17. Juli 2006, Montag: Von Borres nach Peñaseita, 15,5 km (108 km)

Heute hatten wir wieder eine kurze Etappe vor uns, aber es waren einige Höhen zu überwinden. Nach Frühstück und Morgengebet vor der Herberge zogen wir auf der Straße ins Dorf und dort rechts hoch, an dem Bauernhaus vorbei, wo ich damals den Schlüssel geholt hatte, kenntlich an dem großen Balkon.


Verzweigung nach Hospitales Durch Anklicken vergrößern Es ging auf die Höhe hinauf, und dann kam bald die Verzweigung, wo man rechts die Abkürzung zum Pass gehen konnte; das war mit "Hospitales" angegeben. Eine Tafel zeigte den Verlauf der Alternativen samt Höhenprofil. Aber die beiden Profile waren kaum vergleichbar, da sie bei verschiedenen Höhenlinien begannen. Ich wäre gern die Abkürzung gegangen, aber dazu hätten wir uns trennen müssen, und das kam organisatorisch nicht in Frage.

Weg wieder halb zugewachsen, der Vorteil langer Hosen

Hinter Samblismo kam die Wiese, wo man früher über die Tore klettern musste. Jetzt war der Trampelpfad rechts von ihr begehbar, wenn auch halb zugewachsen, so dass man ohne lange Hosen die Beine zerkratzt bekam. Mich ficht das nie an, da ich grundsätzlich lange Hosen trage. Auch hatte ich so nicht unter Insekten mancher Art zu leiden wie die anderen.

(Leere) Landstraße oder Ab und Auf des Pilgerweges?

Hinter Las Morteras kann man im Prinzip lange auf der AS-219 bleiben, denn der Pilgerweg bietet zwar alternative Wege, aber die sind recht stressig. Zunächst geht es noch an: Ein Pfad links der Straße bleibt parallel und lässt sich ganz gut laufen. Ich probierte es aus, während die anderen in Rufweite oben auf der Straße blieben. Schon nach 500 m vor Colinas war ich wieder bei ihnen.

Hinter diesem Dorf kommt eine langgezogene Linksserpentine; man sieht die AS-219 genau gegenüber den Hang hochziehen. Hier soll man die Straße nach links verlassen, steil nach unten und anschließend noch steiler wieder hoch, weil die AS-219 ja auch an Höhe gewonnen hat. Das war ebenso durchsichtig wie unattraktiv, und auch ich hatte keine Lust, dieses zusätzliche Auf und Ab, besser Ab und Auf, mitzumachen. Man muss dabeisagen, dass auf der Straße höchstens alle 10 Minuten ein Auto fuhr, also keine Gefahr oder Belästigung für Fußgänger.

Bar auf der Alto de Porciles

So erreichten wir die erste Höhe, Alto de Porciles, und machten bei einer Bar links Pause. Niedrige Preise. Der Wirt fragte uns interessiert aus. Eine alte Frau trieb Kühe daher, ich half ihr, eine, die auskneifen wollte, zurückzutreiben, wofür sie sich in völlig unverständlichem Asturisch bedankte. Kurz darauf kam das Dorf Porciles, mit Bar und Einkaufsmöglichkeit, aber wir brauchten nichts, und ich fand es ganz gut, dass vorher der etwas abgerissene Wirt die kleine Einnahme von uns gehabt hatte. Die Bar im Dorf hier sah nach wohlhabenderen Leuten aus.

Hinter dem Dorf dasselbe Spiel: Der Pilgerweg taucht hinab ins Grün. Es war die Stelle, wo ich vor vier Jahren fehlgelaufen war. Das war noch innerlich zu bewältigen, und außerdem wollte ich sehen, ob die Abzweigung, die ich nach etwa 400 m, hinter einer Brücke, übersehen hatte, immer noch so schlecht markiert war. Meine Frau war bereit, mich zu begleiten, die anderen marschierten auf der AS-219 weiter. Insgesamt war dieser Schlenker schon eine beachtliche Zusatzanstrengung. Die Abzweigung war jetzt gut kenntlich und kaum zu übersehen. Danach ging's so steil hoch, dass man Stufen in den Abhang gebaut hatte. Auch der Hohlweg danach war nicht von Pappe, wobei wir noch einen kleinen Trecker im Nacken hatten, mit dem eine Bauersfamilie geerntetes Heu einbrachte. Wir erreichten aber doch vor ihnen die Straße. Ich winkte sie die steile Ausfahrt heraus, weil kein Fahrzeug kam, sie winkten dankend zurück. Zwei Minuten später kamen unsere anderen drei. Zeitlich gewinnt man also auch nichts.

Ein lohnender Abschnitt des Pilgerweges

Nun kam die Höhe Alto de Labadoiro, mit 815 m nicht eben niedrig, aber nur 45 m höher als die letzte, auf der Straße praktisch gar nicht zu merken. Schöne Sicht nach hinten auf Porciles. Diese Höhe hätte man gern gehalten, um den Pass Puerto de Pola mit 1.146 m schon höhenmäßig fast bewältigt zu haben, aber nein, es ging noch einmal steil hinunter nach Pola de Allande. Dafür lohnt es sich nun wirklich, auf der Passhöhe auf den Weg halblinks von der Landstraße abzubiegen. Bis zum Dorf Ferroy war das ein schöner Weg; vor vier Jahren hatte es auch wieder reichlich Brombeeren gegeben.

Hinter Ferroy eine lobenswerte neue Streckenführung

Hinter Ferroy geht es ganz steil hinunter auf eine kleine Asphaltstraße, die AS-217, und da ergab sich eine sehr begrüßenswerte Änderung der Streckenführung. Schon nach 50 m zweigte links ein wunderschöner Fußpfad ab, wohl neu hergerichtet Am Ende geht es noch über eine Minibrücke und dann etwas hoch zur AS-219, unmittelbar vor Pola de Allande.

Wo man in Pola Pause machen kann

In der Stadt suchten wir einen Park o.ä., um uns auszuruhen und etwas zu essen. Doch erst gab es in einer Bar die obligatorischen Getränke, und einige von uns gingen dann auch immer zur Toilette. Die Bedienung faselte etwas herum, als ich nach einem Park fragte, war keine Hilfe. Dabei war es ganz einfach, wie wir nachher feststellten: Die nächste Brücke über den Fluss links führt zu einem Platz mit Info-Kiosk, Spielplätzen, Bäumen und Bänken, genau das, was wir gesucht hatten. Wir fanden ihn aber erst, als wir eingekauft hatten, u.a. eine schöne Empanada, und uns am Ortsausgang nach links wandten. So liefen wir praktisch am Fluss zurück und stießen erst jetzt auf den genannten Park. Hier wurde nun ausgiebig gegessen und getrunken, denn wir mussten uns vor den letzten schwierigen 3 km stärken.

Das schweißtreibende letzte Stück hinter Pola

Ich hatte die anderen vorgewarnt, dass der Weg zur Herberge schweißtreibend sei und ca. 1 Stunde kosten würde, trotz 3 km. So war es auch. Allein schon das erste Stück auf der Landstraße, in glühender Hitze schnurgeradeaus, war ein passender Einstieg. Alle waren froh, als wir die Straße nach links verlassen konnten und nun parallel durchs Tal liefen. Aber es war noch etwas Auf und Ab. Wir liefen langsam, genossen den Schatten, den die Büsche und Bäume warfen, und den Anblick des schönen Tales. Die Uhr zeigte, wann die Stunde rum war, und vorher brauchte man gar nicht nach der Abzweigung nach rechts Ausschau halten.

Diese Kreuzung, wo es rechts zur Straße, zur Bar Las Viñas und der von ihr betreuten Herberge hochgeht, kam pünktlich. Der Aufstieg zur Straße war noch sehr mühsam, aber langsam, Fuß vor Fuß, ging das auch, ohne außer Atem zu geraten. Paciencia!

Die Herberge von Peñaseita

In der Bar gab man mir den Schlüssel (aha, wir waren wohl die ersten), wurde aber erst freundlicher, als ich nach einem Abendessen fragte. 5 Leute? Doch, das ging, meinte die etwas gestresste Wirtin. Der Hund von gegenüber blaffte wieder wie vor vier Jahren herum, er ist harmlos. Minuten später waren wir in der Herberge.


Ich habe sie schon in meinem Bericht von 2002 beschrieben: links 6 Betten und rechts ebenso, dazwischen eine Wand. Jeweils im Hintergrund Waschbecken, Dusche und Toilette, aber alles nach oben offen und schlecht gelüftet. Wir bezogen den linken Teil, weil dort die großen Fenster und die Aussicht auf das Tal lockten. Dann musste erst einmal die Herberge gründlich ausgefegt und aufgeräumt werden. Unsere Vorgänger hatten einen Saustall hinterlassen. Ich weiß nicht, wie viele Winterdecken ich gefaltet und wie viele Abfalltüten ich nach oben zum Container an die Straße gebracht habe. Endlich gab's einen Kaffee zum Lohn. Würden wir hier wieder allein bleiben? Durch Anklicken vergrößern Herberge von Peñaseita

"Die drei Grazien" tauchen auf

Auf einmal höre ich Stimmen. Oben auf der Straße keuchen drei Frauen, zwei davon ziemlich korpulent, ohne Gepäck heran. "Ist hier die Herberge?" - "Ja, kommt rein!" Nein, sie keuchen weiter in Richtung Bar. Merkwürdig. Minuten später sind sie wieder da, mit tadellosem Pilgergepäck. Hm, ich vermutete, dass sie sich das mit dem Taxi hatten zur Bar bringen lassen. Wir nennen die drei Frauen etwas spöttisch "die drei Grazien", sehen sie noch bis Lugo. Sie beziehen die Betten rechts, fragen, woher wir kommen. "Von Borres" Ach, da staunen sie. Sie haben den weiten Weg von Tineo bis hierher gemacht, weil sie glaubten, Borres sei geschlossen. So haben sie uns eingeholt.

Die Sechsergruppe trifft ein

Etwas später zieht ein Gewitter auf, und es regnet eine Weile. Dann trifft eine Gruppe von 3 spanischen Paaren ein. Man ist etwas verstimmt, dass die Herberge schon ziemlich voll ist. Zwei von ihnen müssen ja schon im Vorraum auf den Boden. Wir melden, dass bei uns ein Bett (oben) frei ist. Das bezieht dann Helena, eine junge Ärztin (laut Pilgerbuch). Abends schiebt sie einfach unsere Etagenbetten etwas auseinander und legt sich ihre Matratze dazwischen auf den Boden. Sie will wohl partout nicht oben schlafen. Naja. Außerdem verbreitet sie ihre Sachen recht unsystematisch, was noch zu Konfusionen führen sollte ...


So gießt man Sidra ein ... Durch Anklicken vergrößern Am Nachmittag geht alles aus Langeweile in die Bar oben. André und ich sprechen an der Theke einem Bierchen zu. Im Garten sitzen die drei Grazien und trinken Sidra. Konni will dieses Getränk ausprobieren und gießt sich etwas aus der Flasche ein, da springen die Spanierinnen auf: Doch nicht so! Nun, jeder weiß, dass Sidra von oben erst ans Glas, dann ins Glas gegossen werden muss, wobei die Hälfte verschwendet wird. Konni darf unter Anleitung üben.

Essen in der Bar nur Durchschnitt

Abends in der Bar kostet das Essen (Suppe, Kotelett, Eis, Getränke) pro Kopf 10,80 EUR. Naja, nicht das Billigste. Als wir im Bett sind, gibt es erneut ein heftiges Gewitter. Die Nacht über habe ich diffuse Brustschmerzen und lange dauernd nach der Trinkflasche. Gut, dass ich direkt neben einer der Toiletten liege, und gut, dass mich meine Frau meistens unten schlafen lässt. Ich muss halt öfter raus als sie.


18. Juli 2006, Dienstag: Von Peñaseita nach La Mesa, 20,5 km (128,5 km)

Wir haben den Wecker etwas früher gestellt, auf 5h15, um oben auf dem Pass nicht in die größte Tageshitze zu kommen. Wäre nicht nötig gewesen, die drei Grazien sind Knistertüten und machen uns sowieso wach. Das Frühstück verzögert sich etwas, weil die 6er-Gruppe den einzigen Tisch belegt, aber sie räumen sofort einen Teil, als wir um die Ecke gucken. Bald sind alle außer uns weg.


Durchs Tal von Reigada Durch Anklicken vergrößern 6h50 ziehen auch wir los. Das Wetter ist einsame Spitze: Wolkenloser Himmel, aber es ist ja noch früh. Diese Etappe ist mit Abstand die schönste, allein schon der Weg durchs weitere Tal. Hinter der letzten Häusergruppe (ein angeleinter Schäferhund bellt) bekamen wir damals Schwierigkeiten auf einer Geröllhalde. Jetzt hat man dort einen guten Weg gebahnt, die großen Steine rechts zu einer Mauer aufgeschichtet.

Man kann den Weg auch nicht mehr verlieren, bald erreichen wir schon die beiden kleinen Brücken. Danach geht's lange steil hoch durch den Wald bis zur Passstraße. Das kostet viel Kraft. Ein paar hundert Meter die Landstraße nach links, dann rechts ab, einen Fußweg in ein-zwei Serpentinen hoch. Mit der Straße hat man die Baumgrenze erreicht. Es eröffnen sich jetzt wunderbare Ausblicke nach hinten.


Sehr früh sieht man vor und über sich auch schon den Pass. Zum Schluss führt eine breite Piste dort hoch. Die einzige Beeinträchtigung ist, dass Pferde und Kühe dort eine Unmenge von Haufen hinterlassen haben, die erbärmlich stinken. Diese Piste müssen wir vor vier Jahren im Nebel verfehlt haben, sind wohl links parallel den Einschnitt hoch durch die Wacholderbüsche aufgestiegen; wenigstens sind wir so nicht ganz in die Irre gegangen. "Immer hoch" war schon richtig. Durch Anklicken vergrößern Aufstieg zum Pass

Kurze Trinkpause an der Viehtränke, die drei Grazien ziehen vor uns hastig weiter. Dann noch den großen Linksbogen zur Passstraße. Oben kommt von rechts eine Piste, evtl. die, auf der man von Hospitales, der Abkürzung von Borres aus, eintrifft. Kurz vor der Passstraße kommt uns ein junges Paar entgegen. Die beiden sehen recht deutsch aus, schmunzeln, als sie uns sehen, sagen aber nichts. Laufen wohl den Camino Primitivo zurück. 9h00 sind wir oben.


Die "Notunterkunft" Durch Anklicken vergrößern Links liegt ein Bauernhaus. (Was müssen die für Heizkosten haben in so einer exponierten Lage! Dieses Haus ist auch 15 km weiter noch zu erkennen, liegt genau auf dem Grat.) Jenseits des Passes ist die Viehhütte aus Beton, die im Handbuch erwähnte Notunterkunft. Ich mache einen kleinen Abstecher, um sie zu besichtigen. Vor vier Jahren war sie ein schreckliches Dreckloch, mit Kot und Schmutz knöchelhoch. Das ist jetzt nicht mehr so. Nur der Boden ist natürlich voller Unrat, ein Besen könnte hier Wunder verrichten. Übernachten möchte ich in dieser Hütte trotzdem auf keinen Fall.

Die anderen haben auf mich gewartet, weil der Pilgerweg die Straße gar nicht berührt. Es geht gleich wieder nach rechts auf einem gerölligen Fußpfad weiter. Während die Straße zu einem großen Rechtsbogen ausholt, führt der Fußpfad steil nach unten, mit sagenhaften Ausblicken nach vorn. Man muss immer wieder stehen bleiben, um das zu genießen. Was haben wir doch für ein Glück mit dem Wetter! Durch Anklicken vergrößern Abstieg vom Pass

Entgegen meiner Vermutung in meiner Wegebeschreibung vor vier Jahren kreuzt der Pilgerweg die Passstraße nicht an der Ruine; diese liegt etwa 200 m die Straße hoch. Es geht einfach über die Straße und geradeaus wieder steil nach unten weiter, in Richtung des längst sichtbaren Bergdorfes Montefurado. Dieser Weg ist viel einfacher und schöner als der Abstieg von der Ruine aus. Noch viele Kilometer später kann man auf den Pass zurückblicken, sieht immer rechts das Bauernhaus auf dem Kamm, die Betonhütte wie einen kleiner Pickel und den Pfad als feines Band herunterkommen.

Ein Schnellläufer überholt

Pause an der Kapelle von Montefurado. Etwas weiter lagern die drei Grazien, ziehen aber früher weiter als wir. Im Dorf sind jetzt ein-zwei Häuser (außer dem Bauernhaus, das schon vor vier Jahren bezogen war) renoviert. Ein dicker Mann, sieht aus wie ein Wochenendurlauber, schaut unseren Haufen interessiert und amüsiert an. - Wir müssen die nächste vorgelagerte Höhe, einen grünen Zwillingsberg überwinden. Vorher geht es aber mitten durch eine Kuhherde, die mit einigen Kälbchen auf dem Weg liegt. Die Rindviecher sind Menschen gewohnt, drehen sich kaum. Wie wir dann den steinigen Pfad hochkeuchen, überholt uns doch glatt ein Schnellläufer von hinten. Wo der wohl herkam? Hat evtl. in Pola de Allande übernachtet. Der konnte doch nicht schon von Borres oder gar Tineo kommen, wo wir selbst doch so früh dran waren.

Neue Wegführung nach Lago, Pause bei der Bar

Sobald man die Landstraße AS-14 erreicht hat, gibt es links einen parallelen Pfad, der aber bald breiter wird und sich von der Straße entfernt. Er führt zuverlässig zum nächsten Dorf Lago. Hier muss man aber von der Kirche aus steil zur Straße hoch. Gleich links folgt dann die Bar, wo man uns vor vier Jahren so unfreundlich behandelt hatte. Inzwischen ist alles anders. Pilger sind ein Wirtschaftsfaktor, und man serviert ihnen alles gern. Drinnen sitzen die drei Grazien, die immer nervös werden, wenn sie uns sehen. Der spanische Schnellläufer hat draußen ein sehr helles Bier vor sich: es ist Bier mit Sprite, was er gegen den Durst empfehlen kann. Längst brennt ja die Sonne schon wieder. Ich bestelle mir also auch una cerveza con agua gaseosa, und André tut es mir nach. Zu essen brauchen wir nichts, wollen bis Berducedo warten. Der Spanier hat ein Bocadillo mit Omelett.

Als wir weitergehen, sind natürlich die anderen schon wieder voraus. Auf schönen Wegen, die weite Ausblicke nach hinten erlauben, geht es nach Berducedo. Einmal ist ein gelber Pfeil rot durchkreuzt. War es ein stummer Protest eines Landbesitzers, der hier keine Pilger durchtrampeln haben wollte? Ähnliches hatte ich hinter dem Somportpass gesehen.

Der neue Laden in Berducedo

Als wir gegen 15h00 Berducedo erreichen, liegt im Winkel unseres Weges und der Straße ein schöner Rastplatz mit Bäumen, Bänken und Tischen. Rechts um die Ecke ist ein ganz neuer Laden, wo wir ordentlich einkaufen, denn in La Mesa, unserem heutigen Ziel, gibt es ja nichts. Der Besitzer ist äußerst freundlich, empfiehlt uns frisches warmes Krustenbrot. Das wird gleich auf dem Rastplatz vertilgt.

Erfolgreiche Abwehr eines "hilfreichen" Spaniers

Etwas links die Landstraße hoch, kommt ebenfalls links der alte Laden, den viele Pilger als "mit merkwürdiger Atmosphäre" beschrieben haben. Tatsächlich schauen eine alte Frau und ein alter Mann heraus. Die haben mit ihrem ärmlichen Laden keine Chance mehr. Wir biegen rechts ab, ich will die Landstraße, die einen leichten, langgezogenen Rechtsbogen macht, weiter, denn das empfiehlt auch das Handbuch. Meine Pilgergeschwister schreien, dass sie aber links auf einer abzweigenden Straße eine Muschel sähen. Ich winke ab, erinnere mich jetzt, dass man hier wieder mal in einem unnötigen Rechtsbogen an der Kirche vorbeigeführt wird. Also auf der Straße weiter. Da humpelt der alte Mann hinter uns her, schwingt seinen Stock und will uns zurückholen, weil wir nicht den Pilgerweg gehen. Die anderen werden nervös. "Nichts da" sage ich, "ihr kennt doch die 'hilfreichen' Spanier. Diesmal lassen wir uns nicht veräppeln und laufen zurück, nur um einen Umweg zu machen." Am Ende der Kurve geht es links rein, von vorn kommt der Umweg. Rechts rum ein Sträßchen hoch, da ist der Pilgerweg wieder. Na also!

Nach La Mesa

Wieder folgen schöne Wege durch Wald und Wiesen, bis man die Landstraße nach La Mesa erreicht. Auch wenn der Ort schon sichtbar ist und man deutlich erkennen kann, wie sich der Weg morgen gegenüber einen steilen Hang nach rechts hochzieht (oben stehen Windräder), muss man noch viel Geduld haben und einige Kurven abwarten, bis man endlich die ersten Häuser erreicht hat. Im Handbuch ist die Entfernung mit 22,8 km angegeben; das ist wohl ein Tippfehler, es muss 20,8 km heißen. Die Etappenlänge nennt das Handbuch korrekt: (abgerundet) 20 km.

Gegen 16h00 sind wir am Dorfrand. Die Herberge haben wir schon länger gesehen, offensichtlich hängt dort Wäsche, und man sieht auch Leute herumlaufen. Schade, ich hatte gehofft, wenigstens die 6er-Gruppe wäre so töricht gewesen, noch die "schlappen 14 km" nach Grandas de Salime weiterzulaufen, was vor vier Jahren alle gemacht hatten. Aber zu unserem Schrecken ist nicht einmal der Schnellläufer weitergezogen. Jetzt musste nach Adam Riese ein Bett zu wenig sein. Zum ersten Mal.

Zu wenig Betten!

Man empfängt uns zurückhaltend. Die meisten sind draußen. Wir gehen in den Schlafsaal. Es ist dunkel, alle Fenster geschlossen, schon jetzt ein schlimmer Mief. Auf einigen Betten liegen Gestalten und machen Siesta, rechts hinten in der Ecke die drei Grazien. Ich teste die Bodenplatten: zum Glück scheint der Abfluss repariert zu sein, nichts quillt mehr aus dem Fußboden. Wenigstens etwas!

Wo sind Betten frei? Es müssten vier sein, aber nur auf zweien liegt nichts. Konni reißt etwas verärgert ein Fenster auf. Gleich rufen Leute draußen: "No, moscas, moscas!" Tatsächlich schwirren hier viele Fliegen rum. Wir erinnern uns an Borres, war kein Spaß. Also das Fenster wieder zu; dann ist eben der Erstickungstod angesagt, besser gesagt: der Mieftod.


Herberge von La Mesa Durch Anklicken vergrößern "Mir reicht's, ich schlafe oben" sagt Konni sauer und meint den überdachten Vorbau im Treppenhaus. Da hängt alles voll Wäsche. Trotzdem. André schließt sich an. Es gibt kaum eine andere Lösung. Meine Frau und ich beziehen zwei obere Betten nebeneinander; natürlich sind sämtliche unteren belegt. Sandra macht noch ein freies oberes Bett in einer Ecke aus. Es müsste ja noch ein viertes Bett frei sein, aber einer der Spanier, der uns abends mit Gitarrenspiel unterhalten hat, kann nicht sagen, ob das Bett neben ihm frei ist. Helena, die das Bett unter mir hat, und die anderen haben ihre Sache recht großzügig verstreut. Was soll's, zwei von uns sind ja sowieso jetzt oben und bekommen unsere Isomatten.

Abends tafeln wir dort oben auch und haben's eigentlich ganz gemütlich. Nur schlafen auf dem Boden, selbst bei doppelten Isomatten, bleibt kein reines Vergnügen. Konni ist trotzdem zufrieden, denn in dem Mief unten wollte sie auf keinen Fall schlafen, wie sie mehrfach erklärte.

Evtl. Verpflegung in der Casa de aldea

Nachmittags laufen wir in dem kleinen Dorf herum, umkreisen die Kirche, besichtigen den Friedhof. Aus dem Gemeindehaus (Casa de aldea) kommen die drei Grazien. Es sieht so aus, als ob man dort etwas trinken oder sogar essen könnte. Ich bin zu faul, es nachzuprüfen. Anderntags hieß es: "Ja, dort gab's Frühstück für 3 EUR."

Noch eine, die zurückläuft

Wie wir abends wie schon erwähnt oben unter dem offenen Vorbau tafeln, kommt auf einmal noch eine junge Pilgerin, Französin, spricht aber gut deutsch. Sie läuft - wie das Paar, das wir auf dem Pass gesehen haben - ebenfalls den Weg zurück, hat in Buspol an einer Feier teilgenommen und wollte hier ein Bett reservieren. Ihr Gepäck ist noch in Buspol. Sie ist ganz perplex, hier alles voll zu finden. Aber wir geben ihr den Tipp mit dem freien Bett neben dem Gitarrenmann. Sie läuft dann später zurück, um ihr Gepäck zu holen, und hat dann tatsächlich das freie Bett über Nacht benutzt. Ich schüttelte den Kopf darüber, dass sie den Weg von Buspol mal eben so zwei Mal macht, denn das sind ganz schön viele Höhenmeter, wie wir am andern Morgen ja erleben werden.

Ansonsten ist Singen angesagt. Wir packen unsere Liederbücher aus und gehen das ganze Repertoire durch, Volkslieder, aber auch religiöse. Als wir auf Spanisch anstimmen "Anunciaremos tu reino, Señor", wird es unten ganz still. Später tuschelt mir eine der Spanierinnen zu, dass wir sehr schön gesungen haben. Ja, aber leider singen die meisten Deutschen nicht mehr. Wir sind da noch ein wenig altmodisch, sage ich zu ihr.

Das unheimliche Plumpsen in nächtlichen Pilgerschlafsälen

In der Nacht muss ich wie üblich raus, schwinge mich nach unten und höre etwas aus meinem Bett im Dunkeln auf den Fußboden plumpsen. Ein sehr nerviges Geräusch für einen Pilger nachts im Schlafsaal. Es geht einem sofort durch den Kopf: Was war das, und werde ich es wiederfinden? - Ich fühle meinen Schlafsack, der wegen der glatten Matratze hinter mir hergekommen ist. Was da so plumpste, müssen meine beiden Portemonnaies sein, die ich nachts im Schlafsack aufbewahre. Ja, super! Gottseilob habe ich meine Taschenlampe in Reichweite auf dem kleinen Ablagetischchen, das praktischerweise hier neben den Betten angebracht ist. Ich finde also meine Geldbeutel wieder, stopfe sie jetzt in meine Umhängetasche. Und den Schlafsack wieder hoch. - Als ich von der Toilette zurück bin und in den Schlafsack schlüpfen will, spüren meine Füße darin etwas Hartes. Ich befühle es, es ist eine Sandale von Helena unter mir. Ich lache lautlos im Dunkeln und schmeiße das Ding nach unten, habe keine Lust, deswegen noch einmal runterzuklettern. Im Übrigen benutzte ich diese Nacht erfolgreich meine Ohrenstöpsel.


19. Juli 2006, Mittwoch: Von La Mesa nach Grandas de Salime, 14 km (142,5 km)

Es war allen klar, dass wir von nun an parallel laufen würden, denn die Etappen waren ab jetzt praktisch vorgegeben, da die Unterkünfte nur in größeren Abständen kamen. Ich hatte allerdings nur wegen Grandas de Salime noch Bedenken, denn die übrigen Herbergen waren groß genug für uns alle, keine ehemaligen Landschulen mehr.

Zur Etappenplanung von La Mesa bis Fonsagrada

Isabel, eine der drei Grazien, sprach mich am Vortag an, wie wir denn die lange Etappe von Grandas de Salime nach Fonsagrada bewältigen wollten. Nun, wie schon? 30 km, die mussten wir eben "weghauen". (Diesen Ausdruck hatte ich vom Vorjahr übernommen, und bald benutzten ihn die anderen auch.) Isabel hatte aber noch einen Alternativtipp, wie man die beiden folgenden Etappen besser aufteilen und zudem noch die wenig attraktive Herberge in Grandas de Salime vermeiden konnte: In Castro, 5,7 km hinter Grandas de Salime, gab es angeblich noch eine Privatunterkunft. Das stimmte, ich komme bei der nächsten Etappe darauf zurück, erwähne das aber schon hier, weil man die Planungsentscheidung in La Mesa treffen muss.

Klamottenchaos

Im morgendlichen Chaos konnte ich meine Unterhose nicht finden, die ich mit der übrigen Kleidung für unterwegs übers Bett gehängt hatte. Wer wird sie wohl eingepackt haben? Ich kann mir lebhaft den spitzen Schrei vorstellen, den der Finder getan hat, als er sie dann in der nächsten Herberge beim Auspacken aus seinem Rucksack fischte und ans Licht hielt. :-)) Unsere Rucksäcke standen abseits neben der Tür, da wäre auch die Kleidung besser aufgehoben gewesen. Nun, ich hatte ja noch zwei Ersatzhosen mit.

Wegen der ganzen Unordnung gab es am Morgen noch Ärger. Der Partner von Helena kam ins Treppenhaus hoch, wo oben die Wäsche hing, unter der André und Konni noch friedlich schlummerten. Aber als er Konnis Socken einpacken wollte, wurde sie wach und protestierte. Der Spanier wusste anscheinend gar nicht, welche Wäsche er holen sollte. Nach einem weiteren Fehlgriff, den Konni ihm untersagte, fing er an, auf Spanisch zu schimpfen. Konni verstand natürlich kein Wort. Was warf er ihr wohl vor? Dass sie so ungünstig da lagen? Oder dass sie ihre Wäsche nicht vergesellschaften wollte? Es wurde nicht klar.


Als alle weg waren, konnten wir in Ruhe frühstücken. Morgengebet vor der Herberge. Dann ging es den steilen Weg zur Höhe der Windräder hoch. Gleich zu Anfang eine ziemliche Belastung, aber mit der Methode "Fuß vor Fuß", was ich immer meinen "Geländegang" nenne, und etwas Geduld war das kein Problem. Am Bauernhof Buspol diesmal kein wütendes Untier wie vor vier Jahren. Oben von der Höhe kam Grandas de Salime in Sicht, aber alle wussten, dass wir das noch lange nicht erreichen würden. Durch Anklicken vergrößern Blick auf Grandas de Salime in der Ferne

Der erwartete schlimme Abstieg

Der Weg abwärts war ausgebaut und gut mit gelben Pfeilen und Muscheln beschildert, so dass ich die Handbuchbeschreibung - sowieso überholt - nicht brauchte. Nach den ersten steilen Serpentinen kam der Rechtsbogen, und dann ging es in Richtung Staumauer parallel zur Höhe, viel steiler hinunter als ich in Erinnerung hatte. Es ging ordentlich auf die Kniegelenke. Der nächste markante Punkt war das, was ich eine Abzweigung nach unten genannt hatte, aber es war eine Kehre; geradeaus ging der Weg wegen eines tiefen Einschnitts nicht weiter.


Trinkpause am Weg Durch Anklicken vergrößern Das nun folgende Stück war das steilste, dazu sehr geröllig. Ich hatte große Schwierigkeiten, das Tempo der anderen mitzuhalten und war wirklich der Letzte. Jeden Moment fürchtete ich zu fallen, bangte außerdem um meine Kniegelenke. Als wir den nächsten Absatz erreicht hatten, war ich es, der laut eine Trinkpause vorschlug. Erschöpft saßen wir am Pistenrand.

Nun kam das lange Stück, wieder in Richtung Staumauer (und darüber hinaus), auch durch zwei Einschnitte und, was am meisten nervte, zwischendurch auch immer noch wieder ein Stückchen hinauf. In der größten Kehre stand die Mauer als Schutz gegen Bären für Bienenkörbe, es stand aber nur ein einziger dort. Früher, als das Dorf Salime noch im Talgrund lag, bevor es der Stausee verschlang, war diese Anlage viel leichter zu erreichen gewesen. Von der Form her sah sie wie die Ruine eines Wehrturms aus, von dem noch die untersten Lagen Steine stehen geblieben waren. Aber inzwischen wusste ich es ja besser. Durch Anklicken vergrößern Ein Schutz gegen Bären

Von der gegenüberliegenden Seite konnte man später erkennen, dass unterhalb unseres jetzigen Weges nur steile kahle Wände lagen. Erst als wir einen Maronenwald erreichten, hatte sich viel Erde an dem steilen Abhang gehalten, so dass ein Fußpfad (unübersehbar gekennzeichnet) hinunterführen konnte. Jetzt hatten wir das Schlimmste hinter uns.

Eine deprimierende Umgebung

Nun kam unten das langweilige Stück, auf der Landstraße zur Staumauer spitzwinklig links zurück und dann oberhalb des Stausees entlang. Touristen fotografierten uns. Nur der Ausblick auf die andere Seite und den See unten war schön. Der Wasserspiegel war so niedrig, dass unten teilweise Reste des versunkenen Ortes am Seerand sichtbar waren. Erneut fragte ich mich, welchem Zweck wohl die vielen Bauruinen am Hang ursprünglich dienen sollten. So erreichten wir das in halber Höhe liegende Hostal, das vor vier Jahren renoviert wurde. O je, schon wieder pleite! Alles geschlossen, nichts zu trinken. Eine Fensterverkleidung heruntergebrochen, niemand kümmert sich um sowas. Unten am Wasser das Wrack eines Ausflugsbootes. Abgestufte Anlagen bis zum See hinunter, sogar ein kleines Schwimmbecken, alles verwahrlost.

Angriff auf harmlose Pilger

Konni, Sandra und ich machten Trinkpause auf der Treppe. André und Hedwig schnüffelten rum, riefen uns um die Ecke zu, dass sie innen nette Doppelzimmer sähen. Da kommt André auf einmal wie von Furien gehetzt um die Ecke zurückgesaust, meine Frau hinterher. Ich fahre hoch, fasse meinen Wanderstock, denke, sie haben den Hofhund im Nacken. Aber André schlägt um sich, es müssen Insekten sein. Ja, sie haben an einem Fensterbrett eine Baukolonne von Wespen gestört, die dort ihr Nest bauen. Gleich haben sich Wespensoldaten zur Verteidigung auf sie gestürzt. André hat einen Stich im Finger. Gottseilob hat er ein Mittel gegen Insektenstiche dabei. Ich pirsche vorsichtig um die Ecke und rette seinen Hut, den er auf der Flucht verloren hat. Dieses Erlebnis verstärkte den negativen Eindruck, den der Verfall ringsum ohnehin auslöste. Hieraus eine Touristengegend zu machen, war wohl schwer.

Der restliche Weg bis Grandas de Salime

Wir machten uns wieder auf den Weg. Zuerst kam eine große Linkskehre, danach ein Aussichtplatz, auf dem wir den Engel des Herrn beteten. Weiter die Straße entlang, es waren trotz aller psychischen Voreinstellung ein-zwei Kehren mehr, als ich erwartet hatte. Nur die Kilometersteine am Straßenrand gaben zuverlässig an, dass wir vorwärtskamen. Sie zeigten die Entfernung nach Grandas de Salime an.


Dichte Vegetation Durch Anklicken vergrößern Etwa bei Kilometer 2 ging's rechts steil hoch, aber nur ganze 20 m; dann sahen wir, dass wir nur eine kleine Kurve bei der Abzweigung abgekürzt hatten. Etwas weiter bog dann der Pilgerweg spitzwinklig links nach oben von der Straße ab, deutlich gekennzeichnet. Damals war er fast völlig zugewachsen gewesen. Jetzt ging es besser, obwohl wir immer noch in hohes Farnkraut eintauchten. Aber der Pfad war gut zu erkennen. Nach einiger Zeit kam wieder eine Bienenschutzanlage, mit mehr Bienenkörben, wegen Verfalls der Mauern aber nicht mehr zu einer wirklichen Abwehr geeignet. Ich glaube auch kaum, dass es in dieser Gegend noch (oder wieder) Bären gibt; ja, bei den Picos de Europa, dort wohl.

Viele Unterkunftsmöglichkeiten

Recht rasch erreichten wir die Stadt, der Weg betrug ja auch keine 2 km. Man kommt am Regionalmuseum vorbei, erreicht den Stadtkern. Links liegt nun die Hauptstraße, an der es eine Reihe von Pensionen gibt. Auch sonst sieht man viele Unterkunftsmöglichkeiten, Grandas de Salime ist offenbar eine Stadt, in der es viel Tourismus gibt. Von der Kreuzung sind es nur wenige Schritte in Richtung Kirche, dann liegt das Rathaus links, und rechts im selben Gebäude ist die Doppeltür, durch die man in die Herberge gelangt.

Die schlechteste Herberge des Camino Primitivo

Wir hatten Gewusel erwartet, aber das hielt sich doch in Grenzen. Es gab immer noch die elenden 3-Stock-Betten. Im hinteren Teil war einiges belegt, aber im vorderen anscheinend fast alles frei. Ruck, zuck, schnappten wir uns ein etwas niedrigeres Etagenbett sowie die benachbarten. Mir gegenüber hatte Helena ihre Sachen, das sah man daran, wie sie alles vollgestellt hatte. Kurz darauf kam ein weiteres Paar der 6er-Gruppe, sah sich um und zog wieder ab. Wir erfuhren später, dass sie nach Castro weitergegangen sind. Die drei Grazien hatten das ja ohnehin getan. Während wir uns noch duschten und einiges an Wäsche wuschen, die man nur im Zimmer aufhängen konnte, kam noch ein älterer Langläufer (Spanier) von Borres. Mann, der hatte heute 50 km (und was für welche) "weggehauen"! - In dieser Herberge lagen noch die Gästebücher der Vorjahre, und ich fand noch meine Einträge von 2002 wieder.

Wo man gut essen kann

Zum Mittagessen gingen wir in die erwähnte Hauptstraße und landeten in der Pension Arregada. Dort war ein unglaublicher Ansturm, sowohl Einheimische wie auch Touristen und Pilger, aber die Wirtsleute hatten alles im Griff. Sie notierten unsere Gruppe, dann mussten wir wie alle warten. Schon nach einer Viertelstunde wurden wir in den Esssaal gebeten. Menü 8 EUR. Nudeln mit Fleisch, Tunfisch, Nachtisch, Brot und ein Getränk, alles inbegriffen. Sehr gut.


Zurück zur Herberge. Dort trafen bis abends noch einige Pilger ein, vor allem solche, die auf die 14 km hereingefallen waren. Eine junge Deutsche mit völlig kaputten Füßen, die ich ihr mit "Wunderpflaster" neu verklebte. Ein junger Engländer, der mir sehr nett schien, schon weil er "Guten Tag" sagte, sobald er merkte, dass wir Deutsche waren. Zwei Mädchen (von Aussehen und Sprache her Schweden oder Dänen), die nur noch in 2. und 3. Lage ein Bett bekamen. Nach einiger Zeit kamen sie wieder und räumten die Lager, hatten sich wohl privat einquartiert. Diese Herberge ist jetzt die schlechteste des Camino Primitivo. Nur 1 Dusche mit Klo, im Vorraum 1 Waschbecken. Dann die Enge, keine Wäscheleinen draußen und 3-Stock-Betten. Am Ende blieben wir 12 (4 der 6er-Gruppe, wir 5, 1 Deutsche, 1 Engländer, 1 Spanier), d.h. dass niemand in der 3. Lage schlafen musste, aber sonst alles besetzt war. Durch Anklicken vergrößern Pilger in der Herberge

Supermarkt und eine empfehlenswerte Bar

Einkaufen im Supermarkt. (Etwas schwer zu finden: gegenüber der Herberge die Straße hoch, Rechtskurve, dann nach 150 m rechts.) Im Vorbeigehen sah ich, dass das Rathaus geöffnet war. Dort gab's Stempel in den Pilgerausweis. Besichtigung des Ortes, vor allem der Kirche. Neben der Kirche liegt die sehr empfehlenswerte Bar Centro. Café con leche nur 0,90 EUR. Wir saßen bis zum Dunkelwerden draußen. Die Wirtin stellte uns ein Schälchen mit Zwiebeln und Oliven hin. Später wollte ich an der Bar Erdnüsse kaufen. Da gab sie mir eine ganze Schale gratis mit, füllte später von sich aus wieder nach.

Eine kleine Bilanz zur Halbzeit

Wir hatten jetzt 8 Etappen hinter uns, waren dabei gut 140 km gelaufen, also durchschnittlich nur 17,5 km pro Tag. Vor uns lagen ebenfalls 8 Etappen, aber gut 210 km, was bedeutete, dass wir unsere Laufleistung pro Tag um 50% auf über 26 km erhöhen mussten. Das schien kaum zu schaffen, denn einige von uns waren schon ganz schön angeschlagen (Blasen, Schmerzen). Ich behielt diese Zwischenbilanz für mich, damit niemandem der Mut sank. Entscheidend war aber, dass wir die schwierigsten Etappen hinter uns hatten, obwohl die nächsten beiden noch einige Steigungen mit sich brachten.


20. Juli 2006, Donnerstag: Von Grandas de Salime nach Fonsagrada, 30,5 km (173 km)

Der Tag begann mit Nebel und Frische, gutes Wanderwetter. Morgengebet an der Kirche. An der Bar "Centro" geradeaus zum Ortsrand zur AS-28. Vor vier Jahren hatten wir bemerkt, dass wir auf dieser einen riesigen Linksbogen gelaufen waren, den man leicht hätte abkürzen können. Inzwischen ist der Pilgerweg hier entsprechend korrigiert. Auch im weiteren Verlauf dieser Etappe gibt es viele Verbesserungen der Streckenführung bzw. des Zustands der Wege. - Es geht also geradeaus über die Straße, später links neben der AS-28 durch den Wald, wo vor vier Jahren nur Matsch und Dornen gewesen waren. Dann ein Stück Straße durch A Farrupa, aber bei dem Haus mit den blauen Fensterrahmen (inzwischen sehr verwittert) wieder rechts ab. Es kommt dann die Stelle, wo meine Frau und ich über schlafende Untiere gestolpert waren, aber jetzt raunzte nur noch ein Hund verschlafen aus seiner Hütte, war sowieso angekettet.

Neue Wege und Unterkunftsmöglichkeit in Castro

Der Pilgerweg geht auf den nächsten Kilometern neue ausgebaute Feldwege, wobei man die Straße immer links lässt. So erreicht man Castro, womit man wieder auf der alten Route ist. Hier gibt es nun eine private Herberge (wir sahen nur eine kirchliche Einrichtung), die 4-Bett-Zimmer mit Bettwäsche und Frühstück (Waschraum auf dem Flur) für 10 EUR pro Kopf anbietet. So erzählte mir eine der Spanierinnen aus der 6er-Gruppe; mit ihr hatte ich mich öfter unterhalten. Sie haben 4-5 Zimmer. Leider habe ich keine Telefonnummer, denn ohne zu reservieren, ist es wohl riskant, hier eine Übernachtung vorzusehen. (Die Telefonnummer müsste in Grandas de Salime zu erfragen sein.) Außerdem gibt es in diesem Winzdorf natürlich nichts zu kaufen.


Am Dorfbrunnen von Peñafuente Durch Anklicken vergrößern Die Muscheln leiten einen jetzt über schöne Wege. Wir kamen zu der Kapelle, die mir aus 2002 dadurch im Gedächtnis geblieben ist, dass sie geöffnet war, sehr ungewöhnlich für Spanien. Bis Peñafuente läuft man dann die Landstraße. Im Ort geht man rechts zum Brunnen hoch, wo wir ausführliche Pause machten, denn dies war unser erstes Teilziel. Wenn man sich lange Etappen in Abschnitte a etwa 10 km aufteilt, sind sie leichter zu bewältigen. Die 20-km-Marke sollte man möglichst am Mittag geschafft haben.

Den weiteren Weg über die Höhe von Acebo kannte ich auswendig. Er war ebenfalls verbessert, vor allem der damals zugewachsene Hohlweg war vorbildlich freigeschnitten. Leider war wegen anhaltendem Nebel nichts zu sehen, auch oben nicht. Hinter dem Kamm kamen wir an einen neuen Grenzstein nach Galicien, er war erst diesen Monat aufgestellt worden. Durch Anklicken vergrößern Grenze nach Galicien

Kurz darauf ging's bergab zu dem einsamen Wirtshaus an der Straße. Von außen dachte ich erst, es habe geschlossen, da es keinerlei Anzeichen für einen Wirtschaftsbetrieb gab. So klopfte ich an die Eingangstür, ging in den Flur und rief "Buenos dias". Es erschien eine alte Frau, die uns auch damals bedient hatte. Sie öffnete eine Tür rechts zur Gaststube. Wir tranken einen Kaffe, gingen auf die Toilette. Sonst waren wir mit Verzehr zurückhaltend, denn mir waren die hohen Preis im Gedächtnis geblieben. - Achtung: Ab jetzt zeigt die Muschel andersherum: die Strahlen geben die Richtung an. (Das Handbuch redet von "Stern" und "Muschel", ich sehe da keinen großen Unterschied.)

Zwei Abzweigungen ignoriert

Wir blieben nun bis hinter Fonfría auf der Landstraße, ignorierten damit zunächst einen Schlenker nach rechts (an einer Bar, im Handbuch steht ein Schlenker nach links beschrieben), dann den Weg durch Fonfría selbst, denn es war offensichtlich wieder nur ein mühsames "Ab und Auf", wobei ein Pilger noch berichtet, hier gebissen worden zu sein. Hinter dem Ort ging es gleich ein Stückchen links parallel zur Straße und dann eine Piste ganz nach links von der Straße weg. Diese Verbindung nach Barbeitos kannte ich schon.

Ein schöner Rastplatz

In diesem Ort habe ich von dem Kuriosum berichtet, dass man dort etwa 2 m "Pilgerautobahn", ein gepflastertes Stück, gebaut, dann aber gleich wieder aufgegeben hat. Nun, das war eine Missdeutung. Tatsächlich soll so der Abzweig des Pilgerweges von der Straße deutlich sichtbar gemacht werden. Es war nie geplant, ihn auf weite Strecken so zu pflastern.

Im weiteren Verlauf des Weges erreicht man wieder die Landstraße und verlässt sie bei einem Bauernhof links, bei dem man praktisch mitten über das Grundstück läuft. Diese Abzweigung stand nicht in meinem alten Handbuch, in der jetzigen Auflage von 2004 war sie aber schon enthalten. Es folgt die kleine private Santiagokapelle, mit einigen schönen Sitzgruppen und einer tollen Aussicht auf die Höhe von Acebo zurück. Diesen Ort hatte ich für die zweite große Pause vorgesehen. Inzwischen war der Nebel weg, die Sonne brannte, aber Bäume boten Schatten. Meine Frau flüchtete vor der Hitze in den Vorraum der Kapelle. Leider gibt es kein Wasserstelle.

Doch keine missglückte Pilgerautobahn

Nachdem man die Straße wieder erreicht hat, kommt auch zwischendurch Fonsagrada, ganz auf einer Anhöhe gelegen, in der Ferne in Sicht. Der Pilgerweg ist als Fußpfad links parallel durch den Wald geführt, aber meine Leute wollten auf der Straße bleiben. Dann kommt eine Stelle ähnlich wie in Barbeitos, ein kurzes Stück gepflastert und mit Muschel gekennzeichnet, links von der Landstraße ableitend. Beim letzten Mal war hier alles durchgestrichen, was mich zu der Missdeutung veranlasste, hier sei die Bauruine einer Pilgerautobahn. In diesem Jahr ging hier aber tatsächlich ein Fußweg ab, der auf Paradanova zuführte und wohl eine große Kurve der Landstraße abkürzte.

Einkaufen in Fonsagrada

Nun war Fonsagrada schon ganz nah. Wir blieben auf dem Pilgerweg, d.h. wir folgten ihm rechts ab von der Landstraße in einem großen Linksbogen bis direkt vor den Kirchplatz. Unterwegs sah ich Bares mit Unterkunfts- und Essensmöglichkeiten. Einkaufspause vor der Kirche. Einige bewachen das Gepäck. Der Pilgeraufenthaltsraum neben der Kirche ist abgeschlossen. Zu einem großen Supermarkt geht es links an der Kirche vorbei; man hat dort einen tollen Ausblick in die Richtung, aus der wir gekommen sind. Ich besorgte Ansichtskarten in einem nahen Laden an der Hauptstraße, Briefmarken gab's bei "tabacos" in der Straße, die wir gekommen waren. Rechts weiter die Hauptstraße hoch fand ich einen Bäcker, bei dem ich eine Empanada kaufte (11,70 EUR).

Als wir alles hatten, liefen wir rechts an der Kirche vorbei (wo der Aufenthaltsraum ist) in Richtung Stadtausgang. Man kann noch ein Stück parallel zur Fernstraße laufen. Auf den Linksbogen durch Padrón verzichteten wir, gingen lieber direkt links an der Fernstraße entlang, passierten ein grünbraunes Haus der Straßenwacht (protección civil), das rechts lag, und kamen so an die Herberge, die links direkt an der Fernstraße liegt. Der Haupteingang war immer noch dauerhaft verschlossen. Man muss links durch den Hof.

In der Herberge von Padrón

Im Haus empfingen uns zwei Mädchen in Uniformen der Straßenwacht. Wenn niemand da ist, soll man zur Protección Civil gegenüber bzw. unter Tel. 628 925 037 einen Victor anrufen. (Tja, wer da kein Mobiltelefon hat, ist recht aufgeschmissen.) Sie kassierten von uns 3 EUR Spende pro Kopf (vernünftig!) und fragten, ob wir wohl die Letzten seien. Ich vemutete es. Es kam später aber noch ein französischer Langläufer, wohl von La Mesa, man glaubt es nicht. - Das Erdgeschoss sei schon belegt. (Stimmte nicht, ein 4-Bett-Zimmer war noch frei, aber ich dachte, sie wollten es reservieren.) Oben hingegen gab's keine Probleme: Zwei verbundene 4-Betten-Zimmer, unser kleines Reich. Im ersten schliefen André und ich, im zweiten die Frauen. Mittendurch spannten wir eine Wäscheleine. Helen hatte wohl mit ihrem Partner ein Zimmer allein belegt, denn sie war ganz aufgeregt, als zwei Radfahrer noch Betten suchten. Da hatte ich die rettende Idee, ihnen unten das 4-Bett-Zimmer zu zeigen, in dem schon der Franzose untergekommen war. Helena war mir sehr dankbar, und alle waren glücklich.

Waschräume nach Geschlechtern getrennt, sehr ordentlich gehalten. Insgesamt war die Herberge nun wie folgt belegt: Die 6er-Gruppe, unsere 5er-Gruppe, die drei Grazien, der Franzose und die beiden Radfahrer = 17 Leute, nicht eben wenig. Insgesamt sollte es 26 Betten geben, kann hinkommen. Das 2-Bett-Zimmer neben dem (leer geräumten) Wohnzimmer im Turm war abgeschlossen.

Eine gut ausgestattete Küche

Ansonsten war dies neben der von Cádavo-Baleira die besten Herberge des Camino Primitivo. Früh am Abend, weil die Spanier ja später essen, machten wir uns in der Küche breit. Leider bekamen wir den Gasherd nicht in Gang, also keine Suppe. Die 6er-Gruppe schaffte es später. Der winzige Kühlschrank war auch vollgestopft, aber André und ich holten uns die letzten Dosen Estrella Galicia (0,70 EUR) aus dem Automaten im Aufenthaltsraum. Wie Helenas Socken in die Küche auf den Tisch kamen, ist nie geklärt worden. Isabel, eine der Grazien, signalisierte uns: So ein Skandal! Ich hängte die Socken (2 Paar) über einen Stuhl.


An der Herberge in Padrón Durch Anklicken vergrößern Vor dem Dunkelwerden saßen wir noch hinterm Haus und genossen die Abendsonne. Diese erste lange Etappe hatten wir gut überstanden.

21. Juli 2006, Freitag: Von Fonsagrada nach Cádavo-Baleira, 24,5 km (197,5 km)

Die heutige Etappe soll man nicht unterschätzen, weil es zur Abwechslung mal "nur" 24 km sind. Man muss immerhin 3 Pässe bewältigen, und es geht den ganzen Tag auf und ab. Da hilft nur, regelmäßig Pause zu machen, wenn man nicht ein Profi ist.

Chaos in der Küche

Heute sind wir mal nicht die Letzten. Von der gemütlichen Herberge trennt man sich nur schlecht. Die drei Grazien sind natürlich längst entschwebt (wir sehen sie heute nicht wieder), die 6er-Gruppe verlässt eben das Haus. Aber der Franzose sitzt zum Beispiel noch gemütlich im Aufenthaltsraum und frühstückt. Das machen wir denn auch, wobei wir den Kopf schütteln, wie die Küche aussieht. Dass jemand mal Reste von Lebensmitteln liegen lässt, weil man nicht so viel tragen kann und es im Supermarkt aber nur Großpackungen gibt, kann man ja noch verstehen. Aber jede Menge Brot, eine fast volle Packung magdalenas, der Kühlschrank noch halb voll und zu allem Überfluss Helenas zwei Paar Socken immer noch in der Küche über dem Stuhl, wo ich sie hingehängt hatte, das war schon sehr schlunzig.

Ich bringe die Socken erst einmal in den Aufenthaltsraum. Soll sie da mitnehmen, wer will, die 6er-Gruppe ist ja schon weg. Die anderen futtern einige magdalenas, aber an das trockene Brot will niemand mehr. Wir sind schon im Aufbruch, als ich mir die Socken nochmal anschaue. "Nimm sie doch einfach mit, die hat Helena bestimmt nicht hier liegen lassen, sondern vergessen" sagt einer, und da packe ich sie kurz entschlossen ein. Helena wird mir dankbar sein, wenn sie sie in Cádavo-Baleira, wo wir uns ja alle wiedersehen werden, zurückerhält.

Heute eine sehr veränderte Streckenführung

Morgengebet vor der Herberge. Danach sehe ich, dass der Pilgerweg neuerdings nicht mehr die Landstraße entlang bis zum Friedhof geht, sondern gegenüber nach Padrón. Vorsichtig folgen wir den Zeichen. Kurz vor der Kirche geht es links, aha, ein neuer Weg, rechts von der Straße parallel. Er geht bis zur alten Einmündung gegenüber dem Friedhof, so dass man die Straße nicht wieder betritt. Sehr gut.

Die heutige Streckenführung ist auch sonst sehr verändert und vermeidet die Straße fast ganz. Nach kurzer Zeit stakst der französische Langläufer schon an uns vorbei. Ich habe ihn auf die Querverbindung über Friol aufmerksam gemacht, aber er zählt jeden Kilometer und über Palas de Rei ist's kürzer (ganze 21,5 km oder 1 Tag, einschließlich 4 km Umweg über Friol). Sein Spanisch ist übrigens mindestens so gut wie meins, Französisch spreche ich ja gar nicht.

Es geht immer weiter durch den Wald, einen Kamm entlang, wie mir scheint. Das steht alles nicht im Handbuch. Man kommt oberhalb von Piedrafita raus, und diese Ecke kenne ich. Da habe ich vergebens den Wald nach einem schmalen Pfad durchsucht, den es dort laut Handbuch geben sollte. Als Ausgangspunkt wird eine Viehhütte genannt, die man sofort sieht. Aber vor vier Jahren war dahinter nichts. Jetzt geht eine breite Piste genau wie beschrieben in den Wald hinein, rechts von der Straße. Sie steigt später an und bietet einen schönen Rastplatz mit Aussicht. Dann fällt sie wieder steil ab und trifft wieder auf die Fernstraße. Es ist aber genau die Stelle, wo der Weg nach Montouto abzweigt, und damit geht man spitzwinklig rechts sofort wieder von der Straße weg und hat die alte Route wieder.

Üble Frevler oder nur Vandalen?

Jetzt kenne ich wieder alles. Oben durch das Dorf. Dann zu der Kapelle auf den Pass der Höhe Hospital steil hoch. Oben werfen wir einen Blick in die Kapelle. Was für ein Schock! Böse Buben haben eigens Plastikflaschen mit Erde gefüllt und durch das Gitter so lange den Altarschmuck beworfen, bis die Vase mit den Blumen zerstört war. Wer macht sowas und warum? Es kostet einiges, diese Höhe zu gewinnen. Da läuft man nicht eben hoch, um Blödsinn zu machen. Meine Frau vermutet, dass man dort oben gefeiert hat. Ich habe zwei Theorien: 1) Keltenspinner, die Sonnenwendfeier bei dem beeindruckenden Großsteingrab in der Nähe hatten. Die behaupten gern, dass das Christentum ihre Religion ausgerottet und ihre heiligen Plätze entweiht hat (wobei sie übersehen, dass die Dolmen einige tausend Jahre älter sind als die Kelten). 2) Rassisten, die etwas gegen die Zigeunerwallfahrt haben, zu der Plakate in der Umgebung am 25. Juli, dem Jakobustag, die Leute zu eben dieser Kapelle einladen.


Wie dem auch sei, wir gehen zu der nahe gelegenen Ruine des alten Pilgerhospitals. Sie ist weiter renoviert worden. Es gibt jetzt eine rekonstruierte Regenrinne auf dem gepflasterten Zuweg. Die Tür des einzigen Gebäudes trägt Einbruchsspuren. Links von der Kapelle ist ein kleiner Hof mit rekonstruiertem Wasserbecken (trocken). Durch Anklicken vergrößern Ruine auf der Höhe "Hospital"

Jenseits der niedrigen Mauer erheben sich dolmenartige Steine. Das muss ich untersuchen. Ich klettere über die Mauer: tatsächlich, die Reste eines Großsteingrabes, nicht nur einzelne Dolmen, nur sind die Seitensteine sehr hoch und schmal. Ich bin begeistert. Das ist mir vor vier Jahren völlig entgangen.


Messe an historischer Stätte Durch Anklicken vergrößern Zurück zum Hof. Wir haben uns schon abgesprochen, dass wir hier eine Messe feiern wollen. Ein großer Felsblock liegt schon wie ein Altar passend da. Schade, dass nicht noch mehr Pilger anwesend waren. So feierten wir zu fünft, André zelebrierte, wir anderen trugen durch Lesungen bei. Ich war ganz Andacht, dachte besonders an meinen Pilgerauftrag und genoss die Gemeinschaft mit meinen Pilgergeschwistern, an die ich mich schon nach diesen paar Tagen sehr gewöhnt hatte.

Tu nichts Gutes, dann geschieht dir nichts Böses

Wir kommen noch innerlich erfüllt aus den Ruinen, da laufen zwei Pilger daher. Aha, Helena und ihr Freund. Sie winken, wir winken zurück. - Moment mal!!! Wo kommen die denn bloß her? Überholt haben wir sie nicht. - Mir schwant Übles. "Mensch" sagt Konni, "die waren heute Morgen noch gar nicht weg, deshalb lag von denen alles noch rum." Und ich habe ihnen die Socken geklaut! Und die anderen haben ihnen magdalenas weggegessen. In das Gelächter meiner Leute kann ich gar nicht einstimmen. Von wegen "6er-Gruppe schon weg"! Ja, ich habe einige abrücken sehen, aber nicht nachgezählt. Man nimmt automatisch an, dass Gruppen immer zusammenbleiben. Klar, Helena hatte doch ein gesondertes Zimmer mit ihrem Freund, und da hatten sie keinen Grund, allzu früh aufzustehen. Was sag ich denen jetzt bloß? Die gehen wahrscheinlich auf ihren Ausgehsocken und machen sich die Füße kaputt. Das eine Paar gehörte ihm, das andere ihr, das sah man an der Größe. Im Geiste kassierte ich schon eine Ohrfeige nach dem Geständnis. Ich habe immer eine blühende Fantasie. Ich beschloss jedenfalls, mein Missgeschick einzugestehen und ihnen nicht etwa die Socken heimlich wieder irgendwo in den Weg zu legen.

Wieder eine berüchtigte Stelle verschärft

Als nächstes war ich auf die berüchtigte Stelle gespannt, wo ein Weg durch Dornengestrüpp steil abwärts in Richtung Paradavella geht. Dort haben sich viele Pilger verlaufen, andere sind übel gestürzt. - Auch dieser Weg war freigeschnitten und nicht zu verfehlen. Erst kurz vor der Straße gab es noch einmal eine unvermutete Abzweigung halbrechts hinunter. Aber wer geradeaus geht, landet nur etwas höher auf der Fernstraße. Ich legte noch ein Steinmännchen und andere Steine quer zu der falschen Fortsetzung, um folgenden Pilgern zu helfen.

Pilgerfluch über Paradavella ab sofort aufgehoben

Dann kam wieder die Fernstraße und gleich darauf Paradavella. Ich hatte dieses Dorf halb ernst mit einem Pilgerfluch belegt, weil die Hundebelästigung hier vor vier Jahren unter den Augen der Besitzer ungeheuer gewesen war. Diesmal nichts. Aber da fuhr ein Bäckerwagen vor. Empanada? Jawohl, schon hatten wir wieder eine, und gegenüber gab's eine Bar. Ich gehe hinein, um die Getränke zu bestellen, da sitzen an der Theke Helena und ihr Begleiter. Jetzt oder nie! Ich auf die beiden zu und die ganze Geschichte mit den Socken herausgestottert. Nun war er ja gerade derjenige, der schon mit Konni in La Mesa rumgeschimpft hatte. Aber über meine Geschichte mussten sie gottseilob lachen. Hatten wohl doch noch Reservesocken gehabt. Erleichtert händigte ich ihnen meinen "Raub" aus, war froh, dass diese Geschichte ausgestanden war.

Unser Gruppe setzte sich draußen hin, wir wollten zu den Getränken die Empanada diskret verzehren, aber die Wirtin kam sogar raus und fragte, ob wir ein Messer brauchten. Dann brachte sie noch Servietten. Sehr nett. Paradavella hat sich sehr verändert, was Pilger angeht. Der Weg scheint auch oben parallel an der Kirche vorbeizugehen, denn dort liefen die anderen beiden nachher rum. Aber etwas weiter kam man sicher wieder auf die Straße. Es gab übrigens noch eine zweite Bar.

Der Muschelstein war nicht falsch, er war verfrüht gesetzt

Die andere Schikane, die Paradavella vor vier Jahren bot, war ein falsch gesetzter Muschelstein am Ortsende, der uns einen Hohlweg hinaufschickte. Wir mussten damals wieder umkehren, und ein spanischer Pilger erzählte uns auf der Straße, man habe ihn vor dieser Stelle gewarnt und man müsse auf der Landstraße bleiben. Im Besitz dieses Wissens führte ich die Gruppe auf der Straße weiter, schüttelte aber den Kopf, dass der Muschelstein immer noch falsch stand.

Es war aber ähnlich wie mit den "Pilgerautobahnruinen": Inzwischen stand der Stein durchaus richtig, und es ging wirklich den Hohlweg hoch. Ich erfuhr das zu spät aus meinem Handbuch. Allerdings wird der Weg, der erst an der Abzweigung nach Degolada wieder zur Straße zurückführte, wohl schwerer zu laufen gewesen sein.

Die schlimmste Steigung des Camino Primitivo vor La Lastra

An der genannten Abzweigung hatten wir dasselbe Problem: Landstraße laufen (öde, aber leicht, nicht viel Verkehr), oder Pilgerweg über Degolada mit einem heftigem Aufstieg zum Schluss? - Nun, Konni blieb in Begleitung meiner Frau, die die Alternative ja schon kannte, auf der Straße. Wir anderen drei liefen den Pilgerweg. Es ging auf den zweiten Pass, die Höhe von La Lastra zu. Aber der Pilgerweg senkt sich hinter Degolada in grüne Tiefen hinab, sehr schön und sehr einsam. Endlich erreichten André, Sandra und ich den tiefsten Punkt, ein leer stehendes Bauernhaus. Um die Ecke kam gerade ein alter Bauer, der Kühe und Schafe vor sich hertrieb. "Bitte bleiben Sie stehen" sagte er, damit die Tiere an uns vorbei zu dem nahen Bauernhof laufen konnten. Ich war froh, den Bauern verstehen zu können, er kratzte wohl sein Castellano zusammen. "Ja, die sind lieb" sagte er über seine Tiere, "aber Sie sind fremd, und da weiß man nicht, wie sie reagieren." - "Das ist in Ordnung, wir warten." antwortete ich höflich. Er bedankte sich zufrieden. Auch sein Schäferhund nahm daraufhin keine weitere Notiz von uns.

Dann ging es langsam hoch. Die Ausschilderung war in Ordnung, wieder mal verbessert. Erst dachte ich noch "Na, das geht ja mit der Steigung", aber dann wurde es immer schlimmer. Meines Erachtens nach die größte Steigung nach der, wo sie Stufen in die Böschung geschlagen hatten. André eilte wie immer voraus, wollte es hinter sich bringen. Sandra stapfte 10 Meter vor mir, blieb einmal keuchend stehen, ich schnappte ebenfalls nach Luft. Endlich hatten wir die Straße erreicht. Ich hatte in Erinnerung, oben schon lange vorher Häuser gesehen zu haben, aber das war nicht (mehr) so. Vielleicht war der Blick zugewachsen. Jedenfalls schreibe ich das alles hier so ausführlich, damit der geneigte Leser seine Entscheidung wohl erwägen kann. Nochmal: der Weg ist wunderbar, aber er kostet seinen Schweiß.

Pausen erhalten die Kraft

Oben auf der Höhe gab es eine Bar, und wir sahen dort einige Rucksäcke. Helena und ihr Freund, außerdem Konni und Hedwig. Wir ließen uns genüsslich die eine oder andere Cola schmecken, ich glaube, ich trank sogar Bier. Diese Pause war verdient.

Dann weiter, die beiden anderen waren längst voraus. Durch den Ort und dann links ab, zum dritten Pass, die Höhe von Fontaneira hoch. Das war nicht so schlimm. Es ging noch durch eine Häusergruppe, in der es vor vier Jahren schlimme Hunde gab, jetzt nichts. Dann begegneten wir einem ziemlich finsteren Mann, aber er scheuchte unseretwegen seinen Schäferhund in die Büsche, bis wir vorbei waren. Eine erstaunliche Rücksichtnahme, wir grüßten besonders freundlich. Vor dem Wald ein toller Blick zurück auf die hinter uns liegenden Berge, auf La Lastra, auf den Pass von Hospital. Dann ging es noch durch einen Wald aufwärts, und schon waren wir in Fontaneira. Nochmal Pause in der dortigen Bar. Auch die beiden Spanier finden wir hier wieder. Der Wirt erzählt stolz, dass sein Haus vor Zeiten ebenfalls ein Pilgerhospital war. Ja, der "Primitivo" hat seine uralte Vergangenheit, auch wenn er heute nicht so prominent ist wie der Camino Francés.

Durch die großzügigen Pausen hatten wir so viel Kraft, dass wir den Rest nach Cádavo-Baleira ohne große Mühe schafften. Das Schild, das 1,5 km vorher auf die Herberge hinwies, war zerstört. Es stand nur noch der nackte Pfahl, und das Blechschild fand ich etwas weiter zerknickt auf dem Boden. Über zwei kleine Hügelrücken, dann lag Cádavo-Baleira unten vor uns im Tal. Kurz darauf waren wir gegen 16h00 an der Herberge.

Die tolle Herberge von Cádavo-Baleira

Zwei Schlafsäle a 10 Betten und ein Behindertenzimmer (2 Betten), große, gut ausgestattete Küche, große Waschräume (nach Geschlechtern getrennt) mit mehreren Waschbecken, Klos und Duschen. Alles sauber und funktionierend. Dazu neben dem Behindertenzimmer nochmal ein Waschraum extra. Aufenthaltsraum mit Tischen und Stühlen. Die beste Herberge des Camino Primitivo!

Die 6er-Gruppe hat sich in dem zweiten Schlafzimmer niedergelassen, wir gehen ins erste. Später kommt noch ein Radfahrer, denn ich forsch ins Behindertenzimmer führe, damit er beide Gruppen nicht stört. Er kichert begeistert. Später kam der Herbergsvater und sah nach dem Rechten, trug uns in Formulare ein. Der Stempel lag aber schon in der Küche. Eine Spendendose gab es an der Wand im Flur.

Tipps zum Einkaufen und Essen

Nach den üblichen Ritualen (im Behindertenwaschraum gefährlich rutschige Fliesen!) gehen wir zum Einkaufen in die Stadt. Der alte Ortskern ist ziemlich verwaist, einige Geschäfte geschlossen. Nur an der Fernstraße blüht Leben. Man geht am besten an der Kirche rechts vorbei die Straße entlang bis zur Fernstraße. Dort mit kurzem Rechts-Links-Schlenker (Zebrastreifen) gegenüber in die Haupteinkaufsstraße. Dort sind auch eine Bar und ein Restaurant, aber vor allem der größte Supermarkt. Wir kauften leider erst in einem kleineren ein und erstanden dort u.a. eine Packung Schinken. Diese stank nachher beim Öffnen die ganze Herberge zusammen, war trotz Haltbarkeitsdatum schlecht, ekelhaft.

Ein geruhsamer Ausklang

Wir tafelten ansonsten wieder fröhlich, zogen uns aber rechtzeitig aus der Küche in den Aufenthaltsraum zurück, damit die andern brutzeln konnten. Die 6er-Gruppe erzählte, die drei Grazien hätten ein Auto erwischt, das sie ein Stück weiter in Richtung Lugo brachte. Nun ja, sie trauten sich eben die volle Etappe nicht zu. - Wir blieben diese Nacht wieder unter uns, lagen alle auf unteren Betten, was will man mehr?

22. Juli 2006, Samstag: Von Cádavo-Baleira nach Lugo, 34,5 km (232 km)

Heute lag eine sehr weite Etappe an. Ich tröstete meine Mitpilger damit, dass es aber nur noch eine Höhe zu überwinden gelte, nämlich die direkt hinter Cádavo-Baleira.


Achtung: Hinter Castroverde gibt's auf 25 km keine Bar mehr. Genügend Wasser mitnehmen!

Nach dem Morgengebet vor der nahen Kirche rückten wir ab, nahmen routiniert die angekündigte Steigung und kamen bald bei der Wallfahrtskirche Nuestra Señora del Carmen an. Sie war vorbildlich renoviert und frisch gestrichen. Gut 1 km weiter nach Villabade, wo es auch einiges zu würdigen gab (Kirchenportal, Parador). Die anschließenden Kilometer auf der kleinen Landstraße nach Castroverde "hauten" wir mühelos "weg".

In Castroverde jetzt die Hauptstraße entlang

Im Ort geht der Pilgerweg jetzt entlang der Hauptstraße, nicht mehr hinter den Häusern her, was ich vor vier Jahren kritisiert hatte. Die hören anscheinend auf mich :-) Wir liefen bis zur nächsten größeren Kreuzung, wo es links ab zur Kirche und zu einem schönen kleinen Platz geht, auf dessen Bänken wir Pause machten. Sandra und ich gingen zur Hauptstraße zurück und kauften ein. In der nahen Bar tranken wir dann noch was. Gerade, als wir zum Aufbruch rüsteten, kam auch die 6er-Gruppe (diesmal vollzählig), hatten auch wohl in der Stadt Pause gemacht.


Der weitere Verlauf des Pilgerweges hatte sich nicht geändert, ging ja auch über schöne kleine Sträßchen. Hinter dem Dorf San Miguel kam die Stelle, wo der Weg überschwemmt ist. Dort holten wir die Spanier wieder ein. Einer von ihnen platschte einfach durch das Wasser, das ihm bis über die Knöchel ging. Wir anderen wichen auf die Wiese links aus, mussten hinter der Überschwemmungsstelle allerdings dann Mauer und Draht überwinden. Der letzte Spanier half mir noch rüber, dann ich den anderen unserer Gruppe. Hier hätte man allein Schwierigkeiten gehabt. Durch Anklicken vergrößern Klettern mit Hilfestellung

Das Problem der fehlenden Bares

Bei Kilometerstand 15,6 km kam die größere Ortschaft Vilar, auf die man schnurgerade zu gelaufen war. Die Sonne brannte, wir hatten schon Durst. Im Handbuch stand nichts von einer Bar, aber wir gaben uns optimistisch. Nach ergebnisloser Suche fragte ich einen Bauern, der des Weges kam. "Nein, weit und breit keine Bar", meinte er. Hoffentlich gab er unser Anliegen weiter, damit jemand den Mut hat, eine Bar zu eröffnen. Schließlich müssen hier inzwischen auch genügend viele Pilger durchziehen. Es war heute schon blöd: Hinter Castroverde kam bis Lugo keine einzige Bar mehr, also auf 25 km nichts! "Ja," sagte mir ein Einheimischer später, "ihr Pilger kommt ja auch aus den Bergen und geht durch die kleinen Ortschaften. Würdet ihr die Fernstraßen gehen, da gibt's Bares." Das ist kein Trost.

Bessere Wegeführung hinter Vilar

Hinter Vilar kam die erste spannende Stelle, eine Verzweigung des Pilgerweges. Wegen grollender Hunde waren wir vor vier Jahren einfach geradeaus gelaufen, Richtung Gondar. Das Handbuch beschreibt's anders, zürnt wegen schlechter Markierungen. Aber, der Leser kann's schon erraten, "man hat wieder auf mich gehört": Der Pilgerweg führt neuerdings einfach geradeaus auf die Landstraße nach Gondar, exakt, wie wir damals gelaufen sind und wie ich es auch empfohlen hatte. Auf den Straßen ist ja praktisch kein Verkehr, ab und zu ein Auto oder ein Trecker.

Am Ortsausgang von Gondar lag rechts ein Brunnen. 100 m weiter links stiegen wir über eine niedrige Mauer und machten unter einem Baum (Schatten!) ausgiebig Mittagspause. Wir hatten jetzt ca. 20 km hinter uns. - Frohgemut ging es weiter. Nachdem man hinter dem Steinbruch nach rechts abgezweigt war, wurde der Pilgerweg etwas abwechslungsreicher. Man verliert an Höhe und kann ein Stück weiter zurückblickend den Weg noch verfolgen, der Steinbruch ragt aus der Landschaft heraus. Wir liefen nun ein Stück die Fernstraße (Höhe von Carballido), bevor es rechts wieder in die Wiesen- und Waldlandschaft ging. Ich hatte die Beschreibung des Handbuchs in der Hand, danach war alles gut zu finden.

Hinter La Viña einfach geradeaus

Die nächste Problemstelle war hinter dem Ortsteil La Viña, wo wir die Abzweigung laut Handbuch vor vier Jahren nicht gefunden hatten. Auch hier sind diese Angaben überholt: es geht einfach immer eine Piste geradeaus, genauso, wieder so, wie wir damals gelaufen sind. Am Ende steht der Monolith mit Muschel auch nicht mehr vor einem undurchdringlichen Dickicht, sondern man erreicht ohne Mühe das Gelände an der Autobahn und läuft rechts um ein gelbes Haus herum in einem Linksbogen zur Autobahnbrücke.


Achtung (2015): Hinter der Autobahnbrücke vor Lugo geht es nicht mehr geradeaus, man muss tatsächlich nach links, wie damals der Muschelstein schon anzeigte. Aber mein Weg an den Ruinen vorbei ist wirklich kürzer, nur darf er nicht mehr begangen werden.

Wie man richtig nach Lugo hineinläuft

Hinter der Brücke hatten wir uns beim letzten Mal verlaufen, da bei der nächsten Abzweigung ein gelber Pfeil nach links wies, der uns total in die Irre schickte. Hier gab's auch in diesem Jahr eine Krise. Die Sonne brannte, und meine Pilgergeschwister waren ziemlich fertig. Da entdecken wir an der bewussten Abzweigung zwar keinen Pfeil, aber schlimmer, einen Monolithen etwa 50 m weiter links die Piste hinein.


Ruinen als Wegezeichen Durch Anklicken vergrößern "Ignorieren, wir gehen geradeaus weiter" entschied ich. - "Könnte ja eine neue Wegführung sein" meuterte meine Frau. "Nichts da, hier habe ich mich einmal veräppeln lassen" erwiderte ich und ging entschlossen weiter. Kurz darauf kamen vor uns die Häuserruinen in Sicht, auf die ich schon gewartet hatte. Hier war's richtig, schwor ich. Die Piste machte einen leichten Linksbogen zwischen den Ruinen hindurch.

50 m voraus war schon der langgestreckte Schweinestall und an dessen Mauer ein dicker gelber Pfeil nach rechts. Na also, triumphierte ich. Keine neue Wegeführung hätte uns so schnell hierherbringen können. Das Handbuch (meine Ausgabe von 2004) versagt hier völlig: "Nach 1 km eine Straße rechts rein" ist ja wohl eine völlig nichtssagende Beschreibung. Man braucht klare Wegekennzeichen, an denen man kontrollieren kann, ob man richtig ist. Erschöpft machten wir im Schatten Pause.


Also, wie schon im Bericht von 2002 beschrieben: am Schweinestall rechts ab, an ihm entlang, bis zu einer kleinen Straße. Kurz links und gleich wieder rechts ein Sträßchen rein und dann immer geradeaus bis zu einer Kreuzung mit einem anderen Asphaltsträßchen zwischen Häusern. Hier muss man noch einmal rechts ab, dann aber immer geradeaus bis zur Vorstadt La Chanca, wo Lugos Hochhäuser vor einem aufragen und links die Eisenbahnbrücke zu sehen ist. Die ganze Zeit führen die Wegekennzeichen zuverlässig. Durch Anklicken vergrößern In den Ortsteil La Chanca

Teure Coca Colas

Wir schleppten uns nach der Handbuchbeschreibung nach Lugo rein, weit war es nicht, nur ging es in der Stadt ordentlich hoch. Kurz vor der Stadtmauer entdeckten wir links ein Café. Dort stürzten wir hin, es war eigentlich etwas zu vornehm. Touristen kamen aus dem benachbarten Hotel und zogen die Augenbrauen hoch. "10 Coca Colas", die Bedienung glaubte nicht recht gehört zu haben. Anschließend schlürften einige von uns noch die Zitronenscheiben aus. Junge, wir waren nicht gesellschaftsfähig, aber das war uns völlig egal, so ausgedörrt waren wir. Meine 1,5 Liter Trinkwasser hatten so ganz eben gereicht. (1 Coca Cola 1,70 EUR, ganz schön teuer)

In der Herberge von Lugo

Kurz darauf betreten wir die Stadt durch die Porta de San Pedro und erreichen Minuten später die Herberge. Ein wichtig tuender Herbergsvater winkt uns zu seinem Anmeldeschalter. Nach der Prozedur beginnt er, mir nach dem Stadtplan den Weg in Richtung Melide zu erklären. Ich winke ab, sage, dass wir morgen nach Friol weiterziehen wollen. Der Hospitalero wendet ein: "Da gibt's aber keine Herberge." - "Weiß ich, aber in der Nähe eine Notunterkunft." - "Davon weiß ich nichts." (Nicht zu glauben!)

In der Herberge ist nur der 1. Stock geöffnet. Das Behindertenzimmer im Erdgeschoss sowie das gesamte 2. Stockwerk sind geschlossen, wie wir durch "Schnüffeln" herausfinden. Also nur 20 Betten in Etagen. Es sind schon viele Pilger da: die 6er-Gruppe, die drei Grazien, der französische Langläufer, 1 einzelner Spanier, eine unbekannte 3er-Gruppe von Spaniern, dann ein älterer Franzose, der einen merkwürdigen Eindruck macht. Als der Herbergsvater das Licht einschaltet, will er es am Sicherungskasten wieder löschen (Geldverschwendung, knurrt er). Es gelingt ihm aber nicht, denn neuerdings scheint alles vom Empfang aus unten gesteuert zu werden. Auch mir gelingt es später nicht, mit den Sicherungen das Licht ein- bzw. auszuschalten. Lichtschalter gibt es ja gar nicht, wie ich schon berichtet habe, ein Nachteil der modernen galicischen Herbergen. Am anderen Morgen ging um 7h00 das Licht automatisch an, nachdem wir schon im Dunkeln gefrühstückt hatten und alle Leute außer uns schon weg waren. So ein Schwachsinn!

Es sind nur noch obere Betten frei, aber an der Wand lehnen drei Matten, die wir auf dem Boden ausbreiten. Meine Frau, André und Konni schlafen lieber darauf als oben. Der Franzose schimpft leise über Andrés möffelnde Füße und reißt ein Fenster auf. Die drei Grazien haben ein etwas schlechtes Gewissen, da sie hierhin ja nicht vollständig gelaufen sind und deshalb die Betten früher belegen konnten. Sie weisen auf freie obere Betten hin, aber diese wollen unsere Drei ja nicht. Abends löst sich alles in Wohlgefallen auf: Die 6er-Gruppe rückt ab, will irgendwo die Nacht durchfeiern. Dadurch werden 5 untere Betten frei. Es ist unsere letzte Übernachtung in einer normalen Pilgerherberge (die am Monte do Gozo nicht mitgerechnet).

Einkaufen, Messe, Abendessen im Chinarestaurant

Zeitlich wird's wieder knapp. Einkaufen in der Geschäftsstraße San Roque, von der Herberge aus gegenüber dem Stadttor, ca. 500 m entfernt Supermarkt auf der linken Seite. Gegenüber ist das China-Restaurant, wo wir am Abend essen werden. Weil es Samstag ist, gibt es das Menü zu 5,95 EUR nicht. Ich nehme einen Reisteller, der aber nicht besonders gewürzt ist. Trotzdem sind alle zufrieden, da wir einschließlich Getränken nur 7 EUR pro Kopf ausgegeben haben. Der Hospitalero hatte Reklame für ein Restaurant an der Kathedrale gemacht, war mir zu weit und preislich zu unsicher. - Vorher waren wir in der Messe um 20h00 in der Kirche Santa Magdalena (ca. 200 m in Richtung Stadtkern) gewesen. Mit einer weiteren Besichtigung von Lugo wurde es aus Zeitmangel nichts.

Ein überraschender Pilgerauftrag

André und ich gehen nach dem Abendessen noch zu einem letzten Absacker in eine etwas bessere Bar, trinken dort Bier vom Fass. Die Bedienung, ein junges Mädchen, mustert uns: "Pilger?" Wir bejahen. Da sagt sie doch glatt: "Bitte umarmen Sie in Santiago den Apostel für mich." Das hätte ich ihr nicht zugetraut, ich verspreche es. (Habe bisher die Büste nie umarmt, weil mir Bilderverehrung nicht liegt, aber das hier war ein Pilgerauftrag, der ist Ehrensache.) Als wir in den dunklen Schlafsaal zurückkommen, überrascht uns die Meldung, dass unsere lieben Pilgergeschwister inzwischen die Betten unten für uns reservieren konnten, wie schon oben erwähnt. Durch die Straßenlaternen bleibt der Schlafsaal in gedämpftem Licht, das ist gut. In den Frauenduschen gab es übrigens inzwischen Vorhänge vor den Fenstern.

"Manöverschäden"

Diese lange Etappe hat unsere Gruppe mitgenommen. Alle stöhnen etwas. Ich mache mir Sorgen, ob wir gleich morgen die nächste lange Etappe überhaupt schaffen. Immerhin hatten wir deshalb vor vier Jahren hier einen Ruhetag eingelegt. (Hätten wir zeitlich auch in diesem Jahr machen können.)


Die Querverbindung von Lugo nach Sobrado dos Monxes

23. Juli 2006, Sonntag: Von Lugo nach Friol, 32 km (264 km)

Heute und morgen liefen wir also die Querverbindung vom Camino Primitivo zum Camino del Norte, die für mich neu war. Ich war sehr gespannt.

Erwägungen zur Etappenplanung

Der Vorteil dieser Querspange ist, dass man später auf den Camino Francés kommt und damit das Zusammentreffen mit den Massen verzögert. Gebracht hat es nicht viel: Schon in Sobrado dos Monxes platzte der Pilgerweg aus allen Nähten. Außerdem handelt man sich gut 20 km mehr ein, was nach einem Blick auf die Karte zunächst unverständlich ist. Die Straßenentfernungen nach Friol bzw. Sobrado sind 26 km bzw. 21 km, also zusammen 47 km. Der Pilgerweg macht aber hübsche Umwege, und wer außerdem noch in Friol übernachtet, muss weitere 4 km ansetzen; das summiert sich auf 60 km, und schon sind 13 km von den 20 km mehr erklärt. Die restlichen 7 km ergeben sich daraus, dass Palas de Rei nicht südlich, sondern weit südwestlich von Lugo liegt, während Arzúa eher südlich von Sobrado dos Monxes ist. Der französische Langläufer, der seit Fonsagrada mit uns parallel lief, bedachte alles dies und verzichtete deshalb auf die Querverbindung. Sie kostet auf jeden Fall einen Tag. (Eine dritte Möglichkeit: Lugo - San Ramón - Melide gibt es auch noch.)

Alternative: einen Teil mit dem Bus fahren

Doch zunächst hatte ich an diesem Morgen ganz andere Sorgen. Würden meine Pilgergeschwister mit ihren Blessuren heute 32 km überstehen? Noch vor dem Frühstück lief ich zum Busbahnhof (unweit der Rúa San Roque). Dort bekam ich bei der Auskunft ohne Probleme die Zeiten der Busse nach Friol. Es gab sonntags nur einen, das machte die Sache einfacher. Wir verabredeten dann folgendes Vorgehen: Zunächst die 10 km nach Alta zu laufen, wo man auf die Landstraße LU-232 nach Friol stößt. Dort zu entscheiden, ob jemand mit dem Bus weiterfährt oder nicht. Notfalls wollten wir uns trennen und in Friol an der ins Auge gefassten Unterkunft treffen. Eines entschieden wir gleich: nämlich nicht nach Castronelas/Macedo zu gehen, wo es eine Notunterkunft mit 4 Betten (aber weder Wasser noch Licht) gibt. Allein schon zur Erholung mussten normale Betten her.

Einer der vielen kleinen Zufälle

Beim Aufräumen im Schlafsaal fand ich ein Unterkunftsverzeichnis der Provinz Lugo und auch die Adressen zweier Hostales in Friol, vor allem auch Telefonnummern, die ich nämlich noch nicht hatte. Also konnten wir sogar reservieren lassen und deshalb diese Etappe getrost angehen. Einen Wettlauf mit anderen um die letzten Betten würde es nicht geben. Das macht psychisch schon viel aus.


Morgengebet an der Kathedrale Durch Anklicken vergrößern Also rückten wir getrost ab. Morgengebet vor der Kathedrale, denn es geht ja bei beiden Varianten erst einmal zum Santiagotor hinaus. André humpelt wegen seiner verbundenen Zehen. Die Schuhe drücken, gibt er zu. Da kommt mir eine gute Idee: "Zieh doch einfach deine Sandalen an, wir laufen heute nur Asphaltstraßen." Er tat es, zog die Riemen der Sandalen stramm an, dass seine Füße nicht darin rutschten, und es war wesentlich besser.

Bis zur Verzweigung der Pilgerwege

Kurz darauf schnappte sich uns ein "hilfreicher" Spanier und "führte" uns zur Flussbrücke. Weil er nun gar nicht wusste, was er sagen sollte, bemängelte er, dass wir keine Reflektoren an der Kleidung hatten. Wir lächelten innerlich, Pilger sind im Dunkeln ja gar nicht unterwegs, jedenfalls wir nicht.

Hinter der Brücke rechts und bis zum nächsten Vorort geradeaus am Flussufer entlang, dann kam die Verzweigung, wie ich wusste. Der Weg nach Palas de Rei geht links hoch, unser um eine Hausecke rechts herum, am Fluss bleibend. Die gelben Pfeile dahin schienen doch sehr blass. Im nahen Garten arbeitete eine Frau. "Geht's hier den Pilgerweg nach Friol?" - "Nein, nein. Sie müssen links hoch und zur Landstraße." Hier gab es keine Möglichkeit, höflich zu bleiben. Ich schlug kopfschüttelnd ihren Rat in den Wind und blieb am Flussufer. Die Landstraße nach Friol mochte ja oben hergehen, aber nicht der Pilgerweg. Da wohnt sie direkt daneben und weiß es nicht ... Man merke sich abermals: Frage nie einen Einheimischen ... Das hatte ich schon öfter erfahren.

Erster Abschnitt: Bis Alta

Tatsächlich hatten wir keine Mühe, gemäß der Beschreibung im Handbuch dem Pilgerweg zu folgen. Es gab zwar keine Muschelsteine mehr, aber doch hin und wieder einen deutlichen gelben Pfeil, wie auf anderen Nebenstrecken. Wohl liefen wir weiträumige Umwege, erst den Fluss entlang, dann von ihm weg und in langen Steigungen das Flusstal hoch, nahezu parallel wieder zurück usw. An der Kreuzung, wo es links hoch nach Peña Rubia hochgeht, machten wir kurz in einem Buswartehäuschen Pause. Auf seine Rückwand war gekritzelt: "Zur Herberge von Castronelas". - Danach folgten schöne Wege durch die Landschaft, zuerst noch mit Rückblicken auf Lugo, immer nördlich der Landstraße nach Friol, leider auch immer mit langen Steigungen und ebenso langem Gefälle, aber alles nicht sehr steil. So kamen wir ohne Probleme nach Alta und zur LU-232. Gegenüber war auch eine Bushaltestelle. Wir gingen zum Dorfplatz 50 m dahinter und rasteten auf einer Bank vor dem Friedhof.

Über die Landstraße ist's kürzer

Lagebesprechung. Ich hatte noch einen alternativen Vorschlag: Meine Frau, die fit war wie immer, und ich wollten den Pilgerweg gehen, die anderen drei konnten einfach der Landstraße nach Friol folgen, eine Übersichtskarte bekamen sie von mir mit. Bis Friol waren es auf der Straße noch ca. 16 km, auf dem Pilgerweg, der einen riesigen Bogen nach Süden macht, noch 20 plus 2 km Abstecher nach Friol. So konnten unsere Pilgergeschwister also 6 km sparen, und das wollten sie auch. Aber nicht mit dem Bus fahren! - Gut, das war geregelt. Dann gab mir André noch sein Mobiltelefon, und ich rief die Unterkunft Casa Benigno an. Erst verstand ich mit Schrecken nicht, was der Vermieter einwendete. Betten waren frei, aber das Hostal war geschlossen? Endlich verstand ich: Das Hostal war geschlossen, weil er nicht dort wohnte. Wir sollten uns wiedermelden, sobald wir eingetroffen seien. Die Betten waren aber damit reserviert. Jubel!

Nach Santa Eulalia de Bóveda

Gegen 11h00 nahmen wir Abschied und trennten uns. Ich hatte leichtsinnigerweise was von "16h00 in Friol" gesagt, aber das war ja gar nicht zu schaffen, wie mir auch sofort danach klar wurde. - Hinter Alta wich der gekennzeichnete Weg von der Beschreibung im Handbuch ab: Wir liefen einen großen Rechtsbogen auf einer Piste eine Hügelkette hoch, trafen oben eine kleine Asphaltstraße und umgingen so das im Handbuch genannte Dorf Riobó. Schien eine Verbesserung zu sein. Als nächstes Wegezeichen erreichten wir eine andere Straße mit einer frei stehenden Gemeindeschule, unverkennbar. Wir kamen immer weiter südwestlich und näherten uns so der Pilgerwegvariante von Lugo nach Melide (die aber auch zu lang ist, oder bei Übernachtung in der Notunterkunft in San Román ebenfalls 1 Tag kostet). Wir wollten aber die Kirche Santa Eulalia de Bóveda besuchen, was nur ein ganz kurzer Abstecher von unserem Pilgerweg war.

Die Kirche war wirklich sehenswert. Informationsblätter gab es nur auf Galicisch und Englisch (nicht auf Castellano!). Eine überdachte Ruine mit Bemalungen, Säulen und Skulpturen aus mindestens drei Kulturen (vorrömisch, römisch und christlich). Inzwischen brannte die Sonne wieder einmal. Meine Frau wuselte noch rum, ich flüchtete in den schmalen Schatten eines Hauses.

Dursten bis Guimarai

An der Landstraße noch einmal Trinkpause. Inzwischen ging mein Wasservorrat schon zu Ende, aber meine Frau konnte mir noch einen halben Liter abtreten. Die nächsten Kilometer hatte ich großen Durst. Hinter Valín war ein Wald, und ich ahnte schon, dass hier der letzte Schatten war. Also längere Pause mit Essen und Trinken. Ich zählte schon die Kilometer, nicht bis Friol, sondern bis Guimarai, wo es eine Bar geben sollte. Die Pause im Schatten tat gut, ich habe sogar etwas geschlafen. Danach kam man auf eine Höhenstraße mit schöner Aussicht nach rechts und links. Wieder eine breite Asphaltstraße ohne jeglichen Verkehr. Links einmal ein aufgegebenes Landgut, in dem sich ein Künstler niedergelassen hatte. Einiges an bizarrem Getier, aus Fässern und Rohren gefertigt, stand auf dem Grundstück.

Im Tal unten konnte man die nächsten kleinen Dörfer ausmachen, aber Friol lag noch hinter mindestens einem weiteren Höhenzug. In einem wieder sehr ausgedehnten Linksbogen ins Tal hinunter (im Graben ein toter Fuchs). Endlich das Dorf Guimarai. Wo war die Bar? Beim letzten Bauernhaus links hörte man innen viele Stimmen, Hunde lagen davor, Kinder spielten herum. Aber die Bar sollte an der Landstraße nach Friol liegen, und die kam erst 200 m weiter. Das erste Haus rechts war eine hübsche Villa mit gepflegtem Garten, sogar Büsche zurechtgeschnitten, einer sah aus wie eine Schlange. Vorn am Zaun eine Familie, wohl die Besitzer, in sonntäglicher Ruhe. Gottseilob war ich gewarnt, dass die Bar nicht als solche erkennbar war. "Ist dieses Haus eine Bar? Können wir hier was zu trinken bekommen?" - Freundlich bejahten die Leute und winkten uns herein. Der kleine Hund hatte Angst und nahm Reißaus. Mein Gott, haben diese (je) 2 Colas gemundet! - Die Leute fragten uns etwas aus, waren sehr pilgerfreundlich. Meine Frau ging auch zur Toilette. Innen eine normale Bar und saubere Toiletten, meldete sie. Beim Abrücken entdeckten wir erst ein Bar-Schild, ganz im Laub eines Baumes verborgen und von der Seite, von der wir kamen, gar nicht sichtbar ... Reklame auf Spanisch!

Einige Tipps zum Weg, wenn man in Friol übernachten will

Dann gingen wir weiter, einfach die Straße geradeaus, die wieder stark nach unten führte. Wo mussten wir vom Pilgerweg in Richtung Friol abweichen? Meine Übersichtskarte im Handbuch gab nichts her. Wir liefen am Ende der Gefällstrecke eine kleine Straße links nach Pardellas, aber ich vermutete richtig, dass wir auch geradeaus hätten gehen können, nämlich als Umgehungsstraße. So liefen wir denn doch durch den Ort, der außer etwas Hundegebell nichts brachte. Dabei verloren wir auch die gelben Pfeile, die irgendwo links abgehen mussten. Am Ende des Dorfes halbrechts auf eine größere Straße (LU-231), dann sofort eine Kreuzung. Von rechts kam die Umgehungsstraße. Aber wie ging's weiter? Links war ein Schild "Friol / Sobrado", geradeaus "Friol / Lugo". Die letzte Variante war nicht verlockend: Man sah 1 km schnurgeradeaus in der Sonnenglut. Außerdem waren wir ja schließlich von Lugo gekommen; das hörte sich an, als ob man zurückliefe. (Lugo war aber nur deshalb ausgezeichnet, weil man später auf die Landstraße LU-232 stößt, die rechts von Lugo kommt und links nach Friol hineinführt.) Meine Frau meinte deshalb, links könnte es kürzer sein. Ich setzte mich aber durch, geradeaus in Richtung "Friol / Lugo" zu gehen, und das war richtig, denn sonst wären wir links an Friol vorbeigelaufenen.

In Friol

Wir "hauten" also die 2 km "weg", mit etwas Bedenken, dass das falsch sein könnte (aber alle meine Unterlagen wiesen auf das Gegenteil hin). Schon kurz nach einer leichten Linkskurve kam das Kilometerschild "1" und erste Bebauung. Bald hatten wir die LU-232, auf der unsere Pilgergeschwister von rechts gekommen waren, erreicht und schwenkten nach links in die Ortsmitte ab. Man darf sich dann nicht nach links hoch zur Kirche usw. ablenken lassen; ich wusste ja, dass die Casa Benigno an der Hauptstraße, neben dem Supermarkt "Angeles" lag. Es ging doch einige 100 m in den Ort hinein, aber da tauchte vor einer Rechtskurve schon Sandra auf, die nach uns Ausschau hielt. Hinter der Kurve lag links eine gute Bar am Fluss, Restaurante Parillada "A Ponte". Dort warteten die anderen. Sie waren brav die Landstraße entlanggetrabt und schon lange vor uns eingetroffen. Einziger Zwischenfall: Konni war beim eintönigen Laufen eingeschlafen und gestürzt, hatte aber gottlob nur ein paar Schrammen an Armen und Beinen. - Ich rief den Vermieter übers Telefon an, dass "die 5 deutschen Pilger" eingetroffen seien. Es war gegen 17h30. Er kam so schnell, dass ich mein Bierchen, das ich eben noch bestellt hatte, ganz hastig aus der Flasche hinunterkippen musste.


Unterkünfte in Friol:
Casa Benigno, 12 Betten, Ramón e Cajal 13-15 (= Hauptstraße, neben dem neuen Supermarkt "Angeles"), zugleich selbst Bar und Restaurant,
Tel. 982 375 028
Alternative: Casa Laxeta, 10 Betten, Avda. Santiago, Tel. 982 375 085.
www.turgalicia.es

Die Casa Benigno, empfehlenswert

Das Hostal lag im dritten Stock. Doppelzimmer mit eigenem Bad und Toilette. Preis (mich haute es fast um): Pro Kopf 8 EUR, obwohl André sogar ein Doppelzimmer einzeln belegte. Alles sehr gut in Schuss. Wäscheleinen vor den Fenstern in einem kleinen Innenhof, eher ein großer Lichtschacht. Das war die richtige Erholung!

Essen im Restaurant "A Ponte"

Da die Bar Benigno geschlossen hatte, gingen wir zum Restaurant "A Ponte" zurück und aßen dort nach Karte. Menü gab's am Sonntagabend nicht. Das Essen war nicht das billigste (12 EUR pro Kopf), aber es schmeckte sehr gut. Am Nachbartisch saß ein Pilgerpärchen aus Belgien. Wir merkten das, als sie sich die Pilgerausweise stempeln ließen, was wir natürlich sofort nachmachten. - Bei der Abrechnung entdeckte ich, dass der Wirt für alle Getränke summarisch "Bodega 8,60 EUR" geschrieben hatte. Nun ja, wir hatten 2 Flaschen Wein und etliche Bierchen konsumiert, das war ganz günstig. Aber wir hätten auch wohl mit weniger Durst dieselbe Pauschale bezahlt. Von dieser Sitte, eine Getränkepauschale zu nehmen, hatte ich schon gehört. In anderen Gaststätten habe ich sonst erlebt, dass sie auch nicht mit dem Zählen nachkamen und dann einfach eine Summe aus dem Kopf sagten. Übrigens auch in Deutschland im Bierzelt beim Schützenfest, wenn man Lagen ausgibt. - Wenn in der Woche auch die Bar Benigno geöffnet ist, soll man dort auch gut und billig essen können, schrieb mir ein anderer Pilger. Leider war der Supermarkt "Angeles" am Sonntag geschlossen, so dass wir uns in der Bar "A Ponte" wenigstens mit Wasserflaschen versorgten.

Glückliches Ende eines gelungenen Tages

Da alle unterwegs die hügelige Landschaft genossen hatten, glücklich angekommen waren, sich geduscht und gewaschen hatten, und jetzt noch herrlich gegessen und getrunken, waren mal wieder alle so richtig glücklich. Und die Beine taten auch schon gar nicht mehr so schlimm weh.


24. Juli 2006, Montag: Von Friol nach Sobrado dos Monxes, 28 km (292 km)

Am andern Morgen hatten wir uns mit dem Vermieter um 7h30 verabredet, aber er kam nicht. Wir standen dumm auf der Straße rum.

Vertrauen zu Pilgern

Um 7h45 brachte ich Geld und Schlüssel in die 3. Etage und legte alles auf ein Schränkchen. Kaum war ich wieder unten, sagten mir die anderen, dass die Bar nebenan geöffnet sei, und wer steht am Tresen? Unser Vermieter. Er hatte vorausgesetzt, dass wir ihm Schlüssel und Geld einfach dort abliefern. Ich ging dann hinein und sagte, ich habe die Schlüssel oben gelassen. Da kam er doch noch hinter mir her und fragte: "Und das Geld?" - "Liegt beim Schlüssel." Darauf ließ er sich ein, hatte wohl mit Pilgern noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Dabei wusste er nicht mal unsere Namen. Das Geld hat er garantiert schwarz kassiert; deshalb hatten wir auch gar nicht versucht, bei ihm einen Stempel zu bekommen. Diesen Ablauf kannte ich schon. Der ungeheure, immer noch anhaltende Bauaufschwung in Spanien wird zum großen Teil auf Schwarzgeld zurückgeführt ...

Zum Pilgerweg zurück: Zwei Alternativen

Morgengebet im nahen Stadtpark. Dann auf der Hauptstraße weiter. Nach wenigen 100 m geht es ganz plötzlich links ab nach Sobrado dos Monxes (LU-934, auf manchen Karten noch LU-233). Man läuft jetzt zu einem Fluss parallel, könnte den schönen Uferweg nehmen, der am Ende auf die LU-934 zurückführt. Hinter der Bebauungsgrenze eine Kreuzung; von links kommt die Straße von Pardellas; die wäre also nicht kürzer gewesen, um das Quartier zu erreichen. Dank der Hinweise von Pilgerfreund Bruno W., dem ich auf dieser Querverbindung manchen Tipp (u.a. den Hinweis auf die Unterkunft in Friol) zu verdanken hatte, wusste ich, wie man den Pilgerweg wieder erreicht. Dazu gibt es aber zwei Möglichkeiten.

Man kann, wie wir es taten, nach ca. 2 km einem grünen Schild "Parroquia de Xía" folgen und links auf ein Sträßchen abbiegen. Dann kommt einem nach ca. 1 km der Pilgerweg entgegen, und man biegt mit ihm rechts in Richtung Freixido / Pozas ab. Dabei hat man die Möglichkeit, geradeaus - nur wenige 100 m entfernt - die Festung von Xía, die auf einem kleinen Hügel liegt, zu besuchen. Konni und Sandra blieben an der Abzweigung zurück, wir anderen drei liefen zu dem "Turm", der sich dann als komplette Festung herausstellte. Unterwegs hatte ich einen Pirol flöten hören, das kommt doch hier nicht so oft wie im Süden vor.


Die Festung hatte außen leider keine Erklärungstafeln. Sie ist ab 11h00 geöffnet, montags (also, als wir da waren) ganz geschlossen. (Nun, 11h00 dürfte für die meisten Pilger ohnehin zu spät sein.) Aus einem benachbarten Häuschen kommt ein altes Mütterlein. Ich frage die Frau, aus welchem Jahrhundert die Festung wohl ist. Das weiß sie nicht, aber die Anlage ist "schon ganz, ganz alt". - "Schon aus der Maurenzeit?" - "Das weiß ich nicht, das interessiert mich auch nicht." - Ich schmunzele ungläubig in mich hinein: sie wohnt neben so einer sehenswerten Burg und interessiert sich nicht für die elementarsten historischen Fakten ... Durch Anklicken vergrößern Die Festung von Xía

Die zweite Alternative

Nach 2,4 km erreicht man das Dorf Xía. Dieses kann man wahrscheinlich etwas kürzer erreichen, indem man von Friol aus auf der LU-934 bleibt, bis die Abzweigung links nach Xía (im Gegensatz zu "Parroquia de Xía") kommt. Dann verpasst man aber die Festung.

Weg bis hinter Albeiro

In Xía geht es an einem sehr kleinen Platz links. Von dem im Handbuch erwähnten Wegkreuz steht nur noch ein Stumpf, es wurde wohl von einem Fahrzeug abrasiert. Später kommt eine langgezogene Steigung. Man denkt, man gewinnt schon Höhe, um den Pass anzugehen, aber dann geht es alles wieder in ein Bachtal hinunter. Erst danach geht es stetig bergauf. Ich entdecke einzelne reife Brombeeren, endlich! :-)

Vor Albeiro Rast in einem Buswartehäuschen. Hinter diesem Ort geht es immer leicht bergauf, ganz einsam durch schönen Wald, praktisch schon auf der Höhe wie der Pass, ein sehr geruhsamer Abschnitt von ca. 5 km. Dabei passiert man ein großes Becken (Viehtränke?) als Wegezeichen. Hier ist das Wasser einer nahen Quelle, die in sumpfigem Grund entspringt, aufgefangen; niemand wird hier aber trinken wollen. Danach kommt eine Stelle, wo es wieder zwei Alternativen gibt:

1. Alternative bis Meson

Die Piste biegt nach links zu einem Bauernhof ab. Das Handbuch schickt einen geradeaus, und so sind wir auch gelaufen. Inzwischen habe ich aber unter den Zusatzinformationen zum Handbuch im Netz gelesen, dass man auch der Piste nach links folgen kann und dann nach Passieren einiger kleiner Dörfer den Ort Meson an der AC-934 (vorher LU-934) erreicht, wo beide Alternativen wieder zusammenkommen. Man spart so einige Kilometer auf der Landstraße.

2. Alternative bis Meson (Handbuch)

Die Alternative laut Handbuch ging, wie gesagt, geradeaus, und erreicht auf gleichbleibend schönem Waldweg nach gut 2 km eine größere Piste, auf der es halblinks 100 m zur Landstraße geht. Man kommt etwas unterhalb des Passes heraus.

Da man kurz darauf die Grenze zwischen den Provinzen Lugo und A Coruna überschreitet, wechselt die Bezeichnung der Landstraße von LU-934 auf AC-934. Wegen des sehr geringen Verkehrs ist diese Variante wahrscheinlich leichter zu laufen. Auf der Landstraße geht es ja praktisch (bis auf ein Bachtal) immer nur bergab. Aber das sollte jeder für sich entscheiden.

Gewimmel wie auf dem Camino Francés

An der Einmündung unseres Weges auf die Landstraße machten wir Pause. Ich schaute neugierig die Straße entlang: links entschwand gerade ein Fußpilger um die nächste Kurve. Hier kamen ja die Pilger von der Nordroute über Ribadeo entlang. Wenige Minuten später Stimmen: eine vierköpfige Spaniergruppe. Ich sprach sie an, wollte wissen, wie viele im Pfarrhaus von Miraz, der vorigen Unterkunft, übernachtet hatten. Das Pfarrhaus ist inzwischen ausgebaut und wird laufend betreut. "Ihr seid schon die zweite deutsche Gruppe", war die überraschende Antwort. Miraz sei völlig überfüllt gewesen, ganze Jugendgruppen hätten in den Nebengebäuden und im Garten genächtigt. Ach du liebes bisschen! - "Wir kommen schon von La Caridad" meinten sie stolz, hatten also ca. 150 km hinter sich - "Wir von Oviedo" entgegnete ich (ca. 280 km), da schauten sie respektvoll.

Später liefen wir also in unserer "Marschordnung" links die AC-233 entlang. Zwei Kurven weiter ganze Pilgerscharen. Eine Gruppe von 14 deutschen Jugendlichen schleppte sich weit auseinandergezogen mit 4 Betreuern dort entlang. Hatten 1 Woche Jakobsweg und 1 Woche Badeurlaub in Portugal gebucht, aber niemand hatte ihnen klargemacht, was für Strapazen sie erwarteten. Sie waren in Villalba gestartet, liefen in Konkurrenz zu u.a. einer 24-köpfigen spanischen Jugendgruppe und hatten gemeinsam die Herbergen überschwemmt. Mahlzeit! Da liefen wir mitten hinein. Angemeldet waren sie nirgendwo. Die Pilgerschwemme des Camino Francés schlägt also schon auf die Nebenstrecken zurück. Trotzdem, ich muss es den Jugendlichen attestieren, sie trugen alles mit Fassung, trotz blutender Füße in Leichtsandalen.

Ein falscher gelber Pfeil hinter Meson

In Meson machten wir in einer Bar links an der Straße Pause. "10 Coca Colas" wie gehabt, zu essen gab es nichts, auch keine Bocadillos. Wir liefen anschließend auch den Pilgerweg durch den Ort (denn Wettlaufen um Betten hatte sowieso keinen Sinn). Siehe meine Beschreibung von 2002. Dabei muss man an einer Stelle aufpassen. Die gelben Pfeile sind zwar erneuert, aber an der letzten Y-Kreuzung vor Erreichen der AC-233 zeigt ein dicker gelber Pfeil nach halbrechts. Das war sicher falsch. Ich erinnerte mich klar, hier halblinks gegangen zu sein und dass wir nach wenigen 100 m die Landstraße erreicht hatten. Aber: War es eine neue, bessere Streckenführung? Also zur Probe halbrechts. Dann kam eine Pistenkreuzung, kein Zeichen. Aber ein Steinmännchen wies nach links, auch ein-zwei verwischte Pfeile aus Zweigen auf dem Boden. Also nach links, und bald kam man exakt an der Stelle an der Landstraße heraus, wo die linke Alternative direkt hingeführt hätte. - Also an der genannten Y-Kreuzung den Pfeil ignorieren und gleich halblinks gehen!

Kampf um die letzten Betten

Es ist dann nicht mehr weit zu dem Stausee vor Sobrado dos Monxes. Zu Anfang der Bebauung halblinks ab und direkt aufs Kloster zu. Hier kamen uns ca. zwei Dutzend Jugendliche mit Badeausrüstung entgegen. Waren wohl Pilger, denn einige humpelten schlimm. Über den zentralen Stadtplatz links herum durch den ersten Torbogen. Im großen Innenhof lagerten ganze Völkerstämme. Links hatte man eine Wasserleitung in 1 m Höhe verlegt, die jede Menge Zapfstellen hatte, eine primitive Waschanlage. Die Klosterpforte war geschlossen, sollte gegen 16h30 geöffnet werden. Es war jetzt etwa 15h00.

Hier musste ich jede bescheidene Zurückhaltung aufgeben, wenn wir Betten haben wollten. Ich ging einfach durch den zweiten Torbogen, wandte mich im Kreuzgang nach rechts (und wieder links) und ging dann durch die nächste Tür in die Pilgerherberge. Ja, gut, dass wir nicht auf die Öffnung gewartet hatten! Jede Menge Einzelpilger hatten schon Betten belegt, darunter das flämische Paar, das wir in Friol gesehen hatten. Es waren nur noch 4 obere Betten frei. Schnell die Rucksäcke drauf. Dann nach oben auf die Empore geschaut, denn dort waren ja noch mindestens 24 Betten. Ja denkste, alles bis aufs letzte Bett belegt, von einer Jugendgruppe, die hier länger stationiert war und Aufräumarbeiten im Kloster machte. Da kamen auch schon lautstark einige hereingestürmt, wurden auch nicht leiser. "Schlafen kannst du hier heute Nacht vergessen", murmelte André.

Er wollte sich wohl mit einer Matratze unten neben der Treppe begnügen, und die musste jetzt her. Meine Frau rief von draußen: "Hier im Nebenraum sind Matratzen." Ja, dort holten wir gleich eine, ehe die auch ausgingen. Dabei sah ich, dass dort weitere Betten waren, ebenfalls alle belegt. - André und Konni legten sich gleich hin und schliefen sofort ein. Sandra meinte, wir brauchten aber noch was zu Mittag. Nun ja, ich war auch müde und hungrig, da musste was getan werden.

Toiletten und Duschen: unter aller Kanone

Inzwischen hatten wir die Toiletten und die Duschen inspiziert. Die verschimmelten Türen gab's nicht mehr, es gab überhaupt keine Türen vor den Duschen mehr. Auf dem Boden mehrere Zentimeter hoch Wasser. Das reichte mir. Weitere Toiletten in einem anderen Gebäudeteil. Sahen nicht viel besser aus, das Licht funktionierte nicht. Mit Taschenlampe nachts auf die Brille, ich schüttelte mich. Ich bin ja viel gewohnt, aber das hier war unzumutbar. Das meinten auch die anderen.

Kriegsrat

Nun, erst einmal was essen, das hebt die Laune. Ich zog also mit Hedwig zum Schnüffeln los und klapperte die Bares um den Dorfplatz ab. Gegenüber meinte die Bedienung, sie könne uns noch eine Art Pizzabaguettes servieren. Das war doch was. (Die Geschäfte waren wegen Siesta alle geschlossen.) Ich schmiss die anderen von der Matratze. Hm, die Baguettes, Kaffee dazu, das half schon mal. Dann Kriegsrat, noch in der Bar. Anschließend wurde ich ausgeschickt, um eine Alternativunterkunft ausfindig zu machen.

Ab ins Zwei-Sterne-Hotel

Nach etwas Fragen blieb das Zwei-Sterne-Hotel drei Häuser weiter übrig. Dort jagte ich einen älteren, freundlichen Mann in kurzen Hosen von seiner Zeitung hoch. "5 Betten? Kein Problem. Bringen Sie Ihre Kameraden in 20 Minuten hierher, dann sind die Zimmer vorbereitet." Er kratzte sogar sein Deutsch zusammen. Offenbar war hier tote Hose, eine gute Verhandlungsbasis. Ich bremste also und fragte nach dem Preis. 30 EUR pro Kopf? Zu teuer! Er überlegte. "Ja, oder nebenan ein Appartement. 2 Doppelzimmer, eine Couch. Mit Bettwäsche." Ich kniff die Augen zusammen. "Für Sie, sagen wir, pauschal 100 EUR." Zu früh entspannte ich mich. "Plus Mehrwertsteuer" setzte er elegant nach, "sind 7 EUR mehr."

Formal ging ich in die Bar zurück, um meine Kameraden zu fragen. So vermied ich auch weitere Aufschläge. Als ich meinen Pilgergeschwistern erzählte, was wir für 107 EUR bekommen könnten, stieß ich auf einheitlich freudige Zustimmung. Ich sagte daraufhin dem Mann zu, der richtig schnell wurde und "die Frau holen" wollte. Inzwischen trabten wir überlegen zum Kloster zurück. Dort saß die deutsche Jugendgruppe immer noch auf dem Fußboden vor der Pforte. Im Schlafsaal der Herberge waren weitere Fußpilger angekommen und hatten Matratzen ausgebreitet. Welche Freude, als wir 4 Betten räumten! - Die seinerzeit übel aussehende Küche war diesmal übrigens relativ sauber.

Kaum waren wir bei dem Hotelier zurück, kamen schon die nächsten Pilger mit Quartiergesuchen, u.a. die 4er-Gruppe, die wir unterwegs zuerst getroffen hatten. Jetzt lief das Hotelgeschäft. Ich wollte die 107 EUR loswerden, um "Missverständnisse" zu vermeiden, aber er scheuchte mich schnell weg. Sicher waren gerade die Preise gestiegen, und das sollten die nächsten Kundenn nicht mitbekommen. Was für ein Glück, dass wir ihn relativ früh angesprochen hatten! Auch danach riss die Kette der Betten Suchenden bei ihm nicht ab, wie wir verfolgen konnten.


Blick aufs Kloster Durch Anklicken vergrößern Das Appartement war absolute Spitze, mit zwei Badezimmern, einem riesigen Wohnzimmer, mit Kochzeile, Kühlschrank und und ... Eine Wand nur Fenster zum Platz und zur Klosterkirche hin. Einzige Einschränkung: An einer Wand waren leichte Schimmelspuren. Das bekommen die Spanier einfach nicht hin: Immer alles verrammeln, dann hat man bei diesem feuchten Klima hier keine Chance gegen den Schimmel.

Zur Öffnungszeit ging ich nochmal zum Kloster hinüber und bekam für uns alle Stempel beim Pförtner. Die deutsche Jugendgruppe kam in einer Küche auf dem Boden unter. Später ging es zum Einkaufen, wobei wir berücksichtigten, dass am anderen Tag (25. Juli, Jakobus- und damit Nationalfeiertag) evtl. die Geschäfte geschlossen waren. Danach gingen Hedwig, Konni und André, das Kloster zu besichtigen und an einem Gottesdienst teilzunehmen. Sandra und ich nutzten die Gelegenheit, in Ruhe Wäsche waschen zu können. Ich spannte in dem Zweibettzimmer von Hedwig und mir Leinen quer durchs Zimmer, wollte endlich mal wieder meine Sachen einigermaßen sauber haben.

Abends wurde wieder einmal getafelt. Heute hatten wir erneut großes Glück gehabt, aber ohne Geld wäre auch nichts gelaufen.


25. Juli 2006, Dienstag: Von Sobrado dos Monxes nach Arzúa, 22 km (314 km)

5h30 raus, um rechtzeitig in Arzúa zu sein und eine Chance auf Betten zu haben. Ich war mir eigentlich nach den bisherigen Erfahrungen sicher, dass das klappen würde, wenn wir bis 14h00 dort eintrafen. Leider auch keine Zeit für die Laudes in der Klosterkirche. 7h05 abrücken. Das Wetter ist bedeckt, also kann man gut marschieren. Wir gehen wieder wie vor vier Jahren nicht den Pilgerweg, um Zeit zu sparen. Hinter der Brücke am Rande des Ortskerns biegt die Landstraße links ab, am Fluss entlang, auf dieser bleibt man bis zum Ziel.

Wieder Eilmarsch auf Arzúa

Überall ziehen schon einzelne Jugendliche der großen spanischen Gruppe her. Einige sprechen mich freundlich an, wollen wissen, ob wir auf der richtigen Straße sind. Später biegen sie auf den Pilgerweg ab, rufen hinter uns her, aber ich mache nur freundlich Winke-winke. Ihr Begleitfahrzeug patrouilliert die Strecke entlang, ich merke mir die Nummer.

Meine Pilgergeschwister sind gut ausgeruht und laufen in ziemlichen Tempo, schneller, als ich gedacht hätte. Gegen 9h00 sind wir schon in Corredoiras und trinken in der Bar rechts einen Kaffee. Konni, die Hochzeitstag hat, schmeißt per Telefon ihren Mann zu Hause aus dem Bett. - Unterwegs noch einmal 20 Minuten Pause in einem Buswartehäuschen.

Schon 12h15, viel früher als meine vorsichtige Planung angesetzt hatte, stehen wir vor der Herberge in Arzúa.


Ein Blick lässt die Hoffnungen sinken: Die Reihe der Pilger, die dort schon auf den Einlass um 13h00 warten, scheint endlos. Ich habe mich in einem geirrt: Bislang war ich immer Ende August hier gewesen, um dem größten Ansturm zu entgehen. Das hatte offenbar geklappt, denn heute, am 25. Juli, war hier gar nichts zu machen. Durch Anklicken vergrößern Belagerungszustand vor der Herberge in Arzúa

Keine Lust auf die Bittstellerrolle

Die Wartenden schauen uns teilweise verkniffen an. Ich kann die Gedanken lesen: "Woher kommen die denn? Aus der falschen Richtung! Die kennen wir gar nicht. Sind wohl gerade aus dem Bus geklettert oder 50-Kilometer-Pilger. Und sowas will Betten in der Herberge haben!" Ich zähle die Rucksäcke durch, es soll 50 Betten geben. Wir stellen unser Gepäck ans Ende der Schlange, liegen so bei den Plätzen 45-49, wenn ich richtig gezählt habe. Das wird sehr knapp. Wenn geöffnet wird, können wir mindestens eine halbe Stunde warten, bis wir dran kommen, und ob dann wirklich noch Betten oder nur noch Matratzen in der Küche und dem Nebenraum frei sind? Ich habe keine Lust, hier wie ein Bittsteller rumzuhängen. Außerdem kommt gerade eine deutsche Gruppe an und schaut enttäuscht. Dahinter schon die nächsten Jugendlichen, ziemlich abgerissen, sicher mit wenig Geld. Wäre das richtig, denen die Betten streitig zu machen?

Ruck-zuck, eine Privatunterkunft gefunden

Nach Rücksprache mit meinen Pilgergeschwistern ziehe ich zum Kiosk des Touristenbüros am Anfang der Straße los. Dort quatscht eine sehr dümmlich aussehende, Kaugummi knautschende Bedienstete mit einigen Bekannten, schaut wegen der Störung unwillig auf. Ich kann sie aber bewegen, mir einen Stadtplan auszuhändigen, in dem sie die billigsten Unterkünfte mit Kreuzen gekennzeichnet hat.

Nun, die meisten liegen in der Rúa Ramón Franco, durch die wir gekommen sind, bevor wir auf den Stadtpark im Zentrum stießen. Ich gehe also an der Herberge vorbei zurück, überquere den Stadtpark diagonal, Zebrastreifen, dann in die genannte Straße. Links liegt das Hotel-Mesón do Peregrino (Tel. 981 500 830) mit Unterkünften, rechts gegenüber zwei weitere Häuser mit Schildern "Habitaciones con baño": Hostelería Os Amigos (Tel. 981 500 116) und dahinter die etwas auffallendere Hospedaje O Carballeira (Tel. 981 500 094). Ich versuche es im ersten rechts (Os Amigos), das am bescheidensten aussieht. Ist auch eine kleine Bar, aber als wir nachmittags Kaffee haben wollen, schicken sie uns zum "do Peregrino" nach gegenüber. Im "Os Amigos" zeigt man mir ein Dreibettzimmer (40 EUR) und ein Zweibettzimmer (25 EUR), also 65 EUR zusammen, beide Zimmer mit eigener Dusche/Toilette, mit alten Möbeln, aber sauber. Klar, dass wir da zugeschlagen haben.

Frage: Warum kostete wohl ein Bett in dem Dreibettzimmer mit 13,33 EUR mehr als ein Bett im Doppelzimmer mit 12,50 EUR? Antwort: Weil die Wirtsleute die Preise spontan festgelegt haben und nicht so fix im Kopfrechnen sind. :-) Qualitätsmäßig gab es nämlich keinen Unterschied. Das Zweibettzimmer, das ich mit André bezog, war einwandfrei günstiger.

Einkaufen: An diesem Feiertag waren viele Geschäfte geschlossen, aber wir bekamen den Tipp, es weiter stadtauswärts in der Rúa Ramón Franco (wo unser Quartier war) zu versuchen. Tatsächlich war (vom Stadtzentrum aus gesehen) rechts ein kleinerer Supermarkt geöffnet. An ihm waren wir auch bei unserer Ankunft schon vorbeigelaufen.

Aktueller Tipp zum Mittagessen

Mittagessen um 13h50 im Mesón Venus an der Hauptstraße, der Rúa Lugo, links. Menü 10 EUR. Salada a casa (wie Ensalada mixta), Milanesa (Wiener Schnitzel), Nachtisch: Tarta de Santiago. Die junge Wirtin schaltet von sich aus den nervigen Fernseher aus, wofür ich mich extra bei ihr bedanke, um sie darin zu bestärken, das öfter zu tun. Wir sind gut zufrieden. Etwas weiter liegt rechts die Casa Teodora, siehe meinen Bericht von Herbst 2005, wo die Auswahl nachgelassen hatte. Außerdem wollten sie dort auch 10 EUR haben (2005: 8 EUR!), evtl wegen dem Feiertag.

Notquartier im Gemeindezentrum?

In die Herberge, wo wir uns Stempel holen. Ich frage die Hospitalera, ob ich den anderen die Herberge zeigen darf. Sie sagt lächelnd "Selbstverständlich", schaut mich so an. "Ach, erinnern Sie sich an mich?" frage ich. Sie nickt, immer noch lächelnd. Ich habe 2002, 2003 und 2005 hier übernachtet.

Am Nachmittag ist die Tür der Herberge abgeschlossen (aber man kann rechts durch die Gittertür über den Hof hinein). An der Tür hängt ein Zettel: "Belegt. Notunterkunft im Gemeindezentrum". So interpretiere ich jedenfalls das mir unbekannte Wort "Centro multiusos" (Mehrzweckzentrum). Mancher Pilger stand davor zu rätseln. Es war auch kein Weg dahin angegeben. Am besten besorgt man sich. im Tourismuskiosk einen Stadtplan. - Falls meine Vermutung richtig ist, findet man das Centro multiuso wie folgt: Von der Herberge zurück zum Anfang der Straße (Tourismuskiosk, Kreuzung mit der N547). Ca. 50 m die N547 zurück, dann links in die Rúa Cruz Roja. Die führt auf einen Park zu. Kurz links (Rúa Padre Pardo) und wieder rechts (am Park entlang, Rúa Valle Inclán), nächste Straße links (Rúa Luis Seoane). An dieser Straße liegt laut Stadtplan links das Zentrum, zugleich Mercado, also die Markthalle.

Ein bischöflicher Pilger

Abends zunächst in die Messe. Es zelebriert ein Priester, der sehr deutliches Spanisch spricht. "Ein Bischof" flüstert André. Ich höre genau hin, tatsächlich, ein Bischof von Montreal/Kanada, als Pilger zu Fuß unterwegs. Ein beeindruckender, freundlicher, klug aussehender Mann mit Vollbart, der mir in die Augen schaut, als er mir die Kommunion reicht. Ich mag ihn spontan.

Vor dem Zubettgehen fröhliche Runde auf unserem Zweibettzimmer, auf dem am anderen Morgen auch gefrühstückt wird.


26. Juli 2006, Mittwoch: Von Arzúa zum Monte do Gozo, 35 km (349 km)

"Volkswandertag"

Wir standen um 6h30 wie üblich auf und zogen gegen 8h00 los. Nichts trieb uns, denn am Monte do Gozo ist immer Platz. Schon weil die einen nur bis Pedrouzo kommen, während die anderen nicht ein paar Kilometer vor Santiago noch einmal übernachten wollen. Zu dieser Etappe, die ich ja mehrfach beschrieben habe, ist deshalb wenig zu sagen. Andrés Kommentar zu den hellen Haufen ziehender Pilger vor und hinter uns: "Wie auf einem Volkswandertag."

Calle: Zwei Bares in Konkurrenz

Als wir auf Calle zurücken, erzähle ich Konni, wie mir im letzten Jahr hier ein alter Mann begegnet ist, der für die 2. Bar Reklame machte, weil die 1. Bar ihr das Wasser abgräbt. Gerade habe ich es gesagt, da kommt wieder ein alter Mann (es muss derselbe sein) und murmelt wieder seinen Spruch. Konni lacht sich kaputt. Wir drehen dann doch zur 1. Bar ab, gleich am Ortseingang rechts, nicht nur, weil sie sich gut gemacht hat, sondern weil uns Lisa von dort aus zuwinkt. Sie hat uns eingeholt, weil wir ja durch die Querverbindung Lugo - Sobrado dos Monxes einen Tag mehr gebraucht hatten. Sie ist wieder gesund, gut zufrieden, und zieht bald mit anderen Pilgern davon. Es kommt mir so vor, als ob es in der 2. Bar, ein ganzes Stück weiter links, recht ruhig zuging im Vergleich zu früher. Schade um das alte nette Ehepaar, aber in der 1. Bar bedienten flotte junge Leute, und Empanada gab's da auch.

Mittagspause auf der Höhe von Empalmes

Im weiteren Verlauf des Pilgerweges muss man kaum mehr die Nationalstraße überqueren, es gibt mehrere neue Tunnels. Zweite Pause, schon gegen Mittag, auf der Höhe von Empalmes, wo links ein großes Restaurant liegt. Wir überquerten aber die Straße (gemäß dem Pilgerweg) und kehrten gegenüber in einer kleineren Bar ein, bei der man gemütlich hinterm Haus im Garten (teils überdacht) sitzen konnte. Wir bekommen Omeletts und Omelett-Bocadillos, dazu natürlich Getränke. Alle sind sehr gut gelaufen und haben die Pause verdient. Mit frischen Kräften geht's weiter.

Privatquartier in Santa Irene, eine weitere Möglichkeit

Gegenüber dem Ort Santa Irene bleibt man neuerdings auf der rechten Seite, wie ich schon 2005 geschrieben habe. Neu ist ein Tunnel, der beide Straßenseiten verbindet. So kann man doch auch leicht zur privaten Herberge hinüber. Das flämische Paar hatte uns erzählt, dass sie (gestern) dort vorgebucht hätten; sie sind von Sobrado dos Monxes aus direkt dorthin gelaufen, eine sehr weite Etappe.


Ansturm vor der Herberge von Pedrouzo Durch Anklicken vergrößern In Rúa ist das schöne Haus immer noch nicht bezogen, der Anschlusskasten für die Elektroversorgung leer. Seit Jahren geht das nun so, welch eine Geldverschwendung! - Etwas später sind wir an der Herberge von Pedrouzo, denn die möchte ich meinen Pilgergeschwistern zeigen. Meine Erwartungen werden übertroffen: Dort steht eine Warteschlange den Hof und die Treppe hoch bis auf die Straße, sicher über 100 Leute meiner Schätzung nach, Lisa mittendrin. Wir machen wieder vor dem benachbarten Supermarkt Pause.

Anschließend laufen wir die Variante durch den Ort, hinter der Bebauung sofort rechts ab auf die Häuser von San Antón zu, wo wir wieder auf den Pilgerweg stoßen. Vor dem Hohlweg in Amenal führt auch wieder ein neuer Tunnel unter der Nationalstraße her. Durch Anklicken vergrößern Tunnel in Amenal

Mädchen im Wald

Etwas später folgt das üble Wegstück durch den Eukaplyptuswald auf das Flughafengelände zu, ohne markante Wegezeichen, deshalb langweilig und zudem fast immer bergauf. Hier scheuchten wir ein junges Mädchen ohne Gepäck hoch. Sie fragte, ob wir Spanier seien. "Nein, Deutsche." Wir ließen sie zurück, merkten nicht, dass sie Hilfe brauchte. Immerhin hatte sie ein Mobiltelefon und sprach mit jemandem, der sie abholen wollte.


An der Stadtgebietsgrenze (Flughafen) Durch Anklicken vergrößern An der Stadtgebietsgrenze von Santiago, wo sich eine schöne Skulptur befindet, hielt ein Auto. An der Nummer sah ich, dass es das Begleitfahrzeug der spanischen Jugendgruppe war. Die Betreuerin am Steuer suchte das junge Mädchen. Wie konnte man dieses nur allein im Wald zurücklassen? (Galt für uns auch.) Ich sagte: "Dahinten rechts ab" und sie brauste gleich los, bog sofort rechts ab, das war falsch. Ich lief noch hinterher, aber sie bemerkte es nicht. Sie war auf einem Zubringer direkt zum Flugfeld gelandet und hat es wohl später gemerkt. Wir haben sie in Santiago getroffen, sie hat das Mädchen gefunden. Gottseilob.

Die mühsamen letzten Kilometer

Kurz darauf, in San Paio, waren die Helden müde. Also wieder Pause vor der etwas vornehmeren Bar. Dann nach Labacolla weiter, und auch dort gab's noch eine Cola aus dem Automaten. Am Flüsschen eine Jugendgruppe mit einem Pater in vollem Ornat: Was sollte das? Es waren keine Pilger. Später rauschten sie, als wir uns die Höhe hochquälten, in einem großen PKW an uns vorbei. In Vilamaior rechts ein schöner Landhof, der Betten anbietet. Ich habe schon mit mehreren Leuten gesprochen, die dort übernachtet haben. Die müssen eine wirksame Reklame machen.

Die letzten Kilometer vor dem Monte do Gozo zog sich unsere "Marschordnung" weit auseinander. André wollte es wieder hinter sich haben und stiefelte davon, Konni und ich blieben zurück. Wo man endlich links in den Ort abbiegt, geht es geradeaus zu der Bar Labrador, wo ich 2005 gut und günstig gegessen habe.

Fortschritt: Eine neue Pforte zum Wohnkomplex

Gebet und Gesang in der Kapelle von Monte do Gozo. Nein, die anderen wollen nicht den Umweg zum Hügel mit den Pilgerfiguren machen. Merkwürdigerweise leiten die gelben Pfeile nicht weiter die Straße entlang wie bisher, sondern in Richtung eben dieses Hügels. Aber dann erreichen wir den Zaun der großen Barackenanlage, und - welch Fortschritt - da gibt es eine neue Tür, so dass wir ruck-zuck oben an der Empfangsbaracke sind. Kein Umweg mehr, erst die Straße hinunter und anschließend das ganze Stück zwischen den Wohnanlagen wieder hoch.

Wäsche waschen

Der Hospitalero spritzt in seinen Anmelderaum, empfängt uns sehr freundlich. Klar, bekommen wir ein Zimmer zusammen, und da bleiben wir auch unter uns, prima! Die spanische Jugendgruppe hat den halben Flur belegt. - Später nach unten zum Platz mit den Versorgungseinrichtungen. Bei den Waschmaschinen sitzen zwei Jungen, die für die halbe Gruppe Wäsche waschen müssen. Sie kennen uns ja und sprechen mich an. Sie sind wirklich nett, sagen, dass wir später wiederkommen sollen und dann ihr Waschpulver bekämen, sie hätten viel zu viel. - Nun, die Wäsche musste mit 40 Grad gewaschen werden, und das reichte nicht. Unsere Klamotten hatten nachher Spuren von Waschmittelresten. 1 Maschinenfüllung kostete 3 EUR.

Überhöhte Getränkepreise im Restaurant

Abendessen ab 20h00 im Selbstbedienungsrestaurant. Leider lange Schlange: die Jugendlichen. Aber was wirklich dumm war: von Selbstbedienung war keine Spur, man bekam die ausgewählten Speisen auf den Teller und konnte die Portionen so nicht bestimmen. Ich sagte abwehrend "bastante" (genug), als mir die Dame hinter der Theke einen Riesenlöffel Pommes auf den Teller tat. Sie verstand "bastante" als "(geben Sie) reichlich" und füllte noch einmal nach ... 8 EUR: Ensalada mixta, ein Hähnchenbollen mit Pommes, eine Apfelsine als Nachtisch, Brot, Wasser. Zweiter Kritikpunkt: Sonstige Getränke nicht inbegriffen und sauteuer: 1 Dose Bier 1,70 EUR, 1 Flasche vom billigsten Wein 5,00 EUR, wir verzichteten. Auf einmal hatte ich eine Idee: Ich schoss aus der Tür und rannte in den kleinen Laden gegenüber. Es war 21h58, und der schloss um 22h00. Ich hatte Glück, dass die junge Bedienung ausnahmsweise gern noch was verkaufen wollte, und deckte mich mit Bier und Wein ein. Damit stand dem Schlummertrunk oben im Zimmer nichts mehr im Wege. Beim nächsten Mal werde ich wieder in die Bar Labrador gehen, die ist ja durch die neue Pforte oben jetzt gar nicht mehr so weit weg.


27. Juli 2006, Donnerstag: Vom Monte do Gozo nach Santiago de Compostela, 5 km (354 km)

Bis 7h00 geschlafen, 8h30 los. Diesmal liefen wir nach den gelben Pfeilen durch die Wohnanlage hinunter, überquerten den Platz unten und gingen geradeaus durch den Hotelbereich weiter. Am Ende biegt man auf einem Parkplatz nach rechts und erreicht die Straße, die von oben kommt.

In Santiago


Das Informationsbüro liegt gleich hinter der Brücke (diesmal habe ich es nicht übersehen), aber es öffnete erst um 9h00. Warten wollten wir nicht. - 9h15 vor der Kathedrale. Überraschung: Ich habe die ganze Zeit eine große Jakobsmuschel mitgeschleppt. Die bekommt André jetzt feierlich umgehängt. (Unterwegs hatten wir immer gesagt: Nein, die Muscheln sind nur für Pilger, die schon mal in Santiago waren.) Dann stellen wir uns auf und singen laut "Großer Gott, wir loben dich", ohne auf die Leute ringsum zu achten. Das war ein schöner Abschluss des Weges. Durch Anklicken vergrößern Vor der Kathedrale

Lage der Bar
"La Campana"
Durch Anklicken vergrößern Jetzt kommt der Hauptspaß: Wir laufen zu "meiner Bar" La Campana. Doña Josefina schreit auf, als sie mich sieht, küsst mir die Hand. Da ist "el alemán de barba" schon wieder! An meine Frau kann sie sich nicht erinnern, die war zuletzt 2003 hier.

Dann sagt sie verlegen, dass sie nicht genug Platz für uns hat, nur 1 Doppelzimmer ist frei. Ich frage nach den zwei Einzelzimmern, die sind beide frei. Na also! Meine Frau und ich beziehen das Einzelzimmer im 1. Stock, wo wir schon einmal in dem überbreiten Einzelbett geschlafen haben. André in den 2. Stock, und Konni und Sandra bekommen das freie Doppelzimmer. Gleich bestellen wir für die Nächte auf Sonntag (5 Leute) und Montag (4 Leute) vor.


Dann werden meine Frau und ich auch ein Doppelzimmer bekommen, schwört unsere Wirtin. Sie freut sich auch sehr, als wir dauernd bei ihr unten etwas verzehren und dass sie uns zweimal abends was brutzeln kann. Wie schon früher wiederholt sie, dass durch meine Reklame hier auf diesen Seiten schon viele Leute bei ihr abgestiegen sind und von mir Grüße bestellt haben. Durch Anklicken vergrößern Unsere Wirtsleute: Don Pepe und Doña Josefina

Pilgermesse (ohne Botafumeiro)

Alles Übrige ist Routine. Die Compostela im Pilgerbüro abholen (ich verzichte wieder). 12h00 Pilgermesse. André wollte bei uns bleiben, hat sich nicht zum Mitzelebrieren gemeldet.


Schlemmen im Casa Manolo Durch Anklicken vergrößern Mittagessen in der Casa Manolo. Dort ist der Preis seit dem letzten Jahr von 6,50 EUR auf 7,00 EUR gestiegen. Aber immer noch "Bock" 1/2 Liter 1,80 EUR, billigster Wein 3,60 EUR. Das Essen von gleich bleibender bester Qualität. Insgesamt essen wir dort in diesen Tagen drei Mal.

Vorbestellen in Finisterre

Ich rufe in Fisterra in der Pension López an und reserviere Betten für morgen. Sie erzählen was von "Hospedaje", was ich nicht verstehe. Erst später kapiere ich: Sie heißen nicht mehr "Pensión López", sondern "Hospedaje López", haben sich von der Bezeichnung her aufgewertet.

Vorsicht beim Kauf der CD der Studentenkapelle "La Tuna"

Abends kommt erst sehr spät, nämlich erst mit dem Dunkelwerden nach 22h00, die Studentenkapelle La Tuna. Es sind nur 4-5 Leute. Wir treffen ein letztes Mal Lisa wieder. Zu den CDs der Kapelle ist noch Folgendes anzumerken: Sie kosten am Platz 30,00 EUR, aber in den Geschäften kann man dieselbe Doppel-CD (mit etwas Suchen) für 15,00 EUR bekommen. (Siehe auch meine weiteren Bemerkungen unter Sonntag, dem 30. Juli)


28. Juli 2006, Freitag: Fahrt nach Finisterre

Wir haben beschlossen, schon heute nach Finisterre zu fahren und offen zu lassen, ob wir dort einen oder zwei Tage bleiben. So sind wir flexibel. In diesem Bericht konzentriere ich mich auf die Aktualisierung von Informationen, denn über meine früheren Aufenthalte in Finisterre (1998, 2000, 2002, 2003, Juni 2005, September 2005) habe ich genügend viel Allgemeines geschrieben, insbesondere über den Fußweg dorthin.

Nach einem Morgenkaffee in unserer Unterkunft geht es zum Busbahnhof. Neuerdings kann man doch wieder Fahrkarten am Schalter bekommen; sie kosten jetzt 20,65 EUR (hin und zurück), auch hier steigen die Preise rasant. Ich notiere mir den Busfahrplan zwischen Santiago und Finisterre (Fisterra), frage außerdem am Schalter nach den Bussteigen. Sie sind aber unten in der Halle auch über Bildschirm angezeigt. Den verschiedenen Firmen sind feste Bussteige zugeordnet. Der Bus ist nicht schwer zu erkennen. Trotzdem fragt man besser immer den Fahrer zur Kontrolle. Es gibt keine nummerierten Plätze. - Fahrt über die neu ausgebaute Straße durch die Berge über Baio. Meine Pilgergeschwister schlafen zumeist, bekommen nicht viel von der schönen Landschaft mit. Ansonsten mag ich das Busfahren nicht.

In Finisterre zu unserer Unterkunft.


Hospedaje López, Adresse: Carrasceira, 4, Tel. 981 740 449, 15 Zimmer. Ein Doppelzimmer kostete 22 EUR, ein Einzelzimmer 15 EUR.

Die Hospedaje López liegt zwischen den beiden Straßen, die längs durch den Ort gehen, also die untere, die zum Hafen führt, und die obere, die Hauptstraße zum Leuchtturm. Auf der unteren Straße geht man in Höhe des Postamts eine Gasse rechts hoch; auf der Hauptstraße verweist ein deutliches Schild nach links in die Gasse rein. Zu Fuß 5 Minuten von der Bushaltestelle.

In der Hospedaje López

Wir gehen nicht von der Hauptstraße in den Gebäudekomplex, sondern in die Gasse nach unten; links folgt ein Hof, von Gartenzwergen bewacht. Sollen sich hier Deutsche besonders heimisch fühlen? ;-) Ins Haus, rechts ein großer Raum, in dem ein Mann Fischernetze flickt. Hier ist auch die Anmeldung (Schreibtisch, usw.), sieht alles ziemlich rumpelig aus. Na, wir wollen ja auch niedrige Preise. Der Mann ruft eine kleine Frau, die uns freundlich empfängt, aber gleich meinen Personalausweis einzieht. Den bekomme ich erst nach Bezahlen der Rechnung wieder. Oben gibt's für uns drei Zimmer. Meine Frau und ich haben eines mit überdachtem Balkon, Sicht über die Dächer aufs Meer. Ganz toll. Das wird unser Versammlungszimmer, denn es gibt auch Kunststoffstühle usw. Auf der Etage zwei Badezimmer, eines mit Wanne, das andere mit Dusche. Insgesamt in diesem Stockwerk wohl 5 Zimmer, nicht zu viele. - Die Hospedaje ist nachmittags bald belegt; einige Pilger werden abgewiesen. Es war also gut, dass ich telefonisch reserviert hatte.

Wo man in Fisterra ein Menü bekommt

Mittagessen im Restaurante Cabo Finisterre an der Querstraße zwischen Hafen und Hauptstraße. Menü 10 EUR: Fischsuppe, Merluzascheiben + Kartoffeln (keine Pommes), Flan (fand ich nicht so toll), pro Person 1/2 Flasche Wein, Brot. Keine Aufschläge, gut.


Das Wetter ist einsame Spitze. Eine Sicht, wie ich sie noch nicht hatte. Die südliche Küste liegt überdeutlich vor einem. "Am besten gleich zum Leuchtturm" sagen wir und machen das auch. Unterwegs ein neues Pilgerdenkmal. Am Kilometerstein 0,000 ist die Muschel neu eingesetzt, ebenso die Entfernungsanzeige. Vor dem Hostal rechts eine verbrannte Gebüschfläche. Es wurde übrigens doch kein neues Hotel gebaut, sondern es sind Holzgebäude entstanden, die wohl Kioske aufnehmen sollen. Durch Anklicken vergrößern Der restaurierte Kilomerstein am Kap

Sonnenuntergang am Weststrand Durch Anklicken vergrößern Einkaufen im Supermarkt neben der Herberge. Empanada beim Bäcker oben an der Hauptstraße. Abendessen auf unserem Zimmer. Später an den Weststrand. Dort übernachten viele Leute, teils mit Zelten. Inzwischen ziehen von Westen her Wolken heran, so dass der Sonnenuntergang nicht so spektakulär ausfällt.

29. Juli 2006, Samstag: Rückfahrt von Finisterre, Santiago

Es ist nicht zu fassen: An diesem Morgen ist das Wetter komplett umgeschlagen. Es regnet leicht, Nebel und sehr niedrige Temperaturen. Einstimmiger Beschluss: Sofort mit dem Bus um 10h30 nach Santiago zurück! (Also fällt mein Bad am Oststrand diesmal aus, gestern sind wir nicht dazu gekommen.)

Getümmel vor der Rückfahrt

An der Bushaltestelle stehen über 90 Leute mit Gepäck! Es herrscht Aufruhrstimmung. Besonders nervös sind natürlich die, die heute noch ihr Flugzeug bekommen müssen. Ein Bus fasst gut 50 Leute. Außerdem soll in Baio umgestiegen werden. Dann kann ja heiter werden!

10h15. Ein Busfahrer erscheint, zählt die Leute durch, gibt was über Mobiltelefon durch. Das beeindruckt mich schon. Man lässt sich also nicht einfach überraschen. 10h20. Der Bus von Santiago fährt vor. Kaum sind die ersten ausgestiegen und haben den Gepäckraum geöffnet, da drängen die ersten vor und geben ihre Rucksäcke schon von oben rein. Der Fahrer scheucht sie energisch samt Gepäck zurück. Der leere Bus dreht im Hafen, kommt zurück und hält gegenüber. Der Fahrer gibt etwas bekannt, was ich nicht verstehe. Daraufhin drängt ein Teil der Passagiere zu dem Bus gegenüber, aber nur ein kleiner Teil. Ich rate richtig, dass diese Leute nach La Coruña wollen. Kurz darauf macht sich der Bus auf den Weg. 10h40. Die Menge hat sich etwas beruhigt. Wir halten uns die ganze Zeit im Hintergrund. Zum einen sind wir spät erschienen, zum andern will ich dieses Gehaue um Plätze nicht mitmachen, und außerdem haben wir als Gruppe sowieso schlechtere Chancen: wir müssen alle mit oder keiner.

Spanien, du kannst mich noch überraschen: ein riesiger Doppeldeckerbus fährt vor. Das Einsteigen (viele müssen noch Karten kaufen) dauert fast eine halbe Stunde und zerrt an den Nerven, wenn man sieht, wie das Gepäckfach immer voller wird und auch oben schon überall Leute sitzen. Als wir endlich an die Reihe kommen, schaffe ich es gerade noch, drei von unseren Rucksäcken oben reinzuquetschen; André schmeißt die Tür zu, bevor sie wieder herausfallen. Was jetzt? Evtl. die restlichen Rucksäcke mit in den Bus nehmen? Da läuft jemand an die andere Seite. Dort ist noch ein ganzes Fach, nur halb voll. Minuten später bin ich oben im Bus. Meine Frau hat dafür gesorgt, dass wir hinten noch einigermaßen zusammen sitzen. Alles klar. Am Ende sind sogar noch 3-4 Plätze frei. Uff! - Ein dickes Lob der Firma Arriva! Dieser Bus fährt jetzt direkt nach Santiago, niemand muss in Baio umsteigen.

Das "Wäschezimmer" in der Bar "La Campana"

In Santiago ist der Himmel bedeckt, aber bald sieht man die Sonne schon wieder. In der Bar "La Campana" bekommen meine Frau und ich das "Wäschezimmer", ich habe es geahnt. Es ist ein Doppelzimmer im 2. Stock, nach hinten raus (Lichthof voll Gerümpel und Schutt, das Haus gegenüber inzwischen unbewohnte Ruine). Das Pikante: hier hängen draußen Doña Josefinas Wäscheleinen vor dem Fenster, so dass sie zwischendurch ins Zimmer muss, um die Wäsche rauszuhängen bzw. hereinzuholen. Also nahezu Familienanschluss, der Klammerbeutel steht vor dem Fenster. Andererseits wird sowieso morgens das Zimmer von der Putzhilfe, mit der unsere Wirtin breites Galicisch spricht, gesäubert und aufgeräumt. Unsere Rucksäcke haben Platz in dem geräumigen Schrank.


30. Juli 2006, Sonntag: Santiago

Für meine Begriffe dauert unser Aufenthalt in Santiago schon zu lange. Ich kenne ja alles.

Pilgermesse mit Bischof

Pilgermesse um 12h00, wieder kein Botafumeiro. Der Hauptzelebrans ist heute der kanadische Bischof, den wir schon kennen. - Leider lassen die Ordner wieder zu, dass sich jede Menge Leute zwischen den Kommunionbänken und den Kniebänken niederlassen und uns so die Sicht versperren, obwohl wir in der ersten Reihe (im Querflügel) sitzen (nämlich schon seit 3/4 Stunden). Mittagessen in der Casa Manolo, der Chef kennt mich inzwischen schon, grinst.

Abschied von André

Um 18h30 nehmen wir am Busbahnhof von André Abschied. Der Bus kommt erst um 18h35, um 18h40 soll aber ein zweiter fahren, der dann auch etwas verspätet erscheint. Man muss schon aufpassen. - Ein komisches Gefühl, jetzt nur noch zu viert zu sein. In der Bar "La Campana" sind alle Doppelzimmer belegt, nur noch die beiden Einzelzimmer frei. Einige Stammgäste grüßen schon wie alte Bekannte.

Nochmal: Zurückhaltung beim CD-Kauf

Abends sitzen wir auf Bänken am Rand des Platzes vor der Kathedrale, trinken Rotwein aus Tassen, ernten manchen amüsierten Blick. Ein älterer Mann im Kostüm der Studentenkapelle "La Tuna" dreht uns 2 CDs a 12,50 EUR an (nach etwas Feilschen). War trotzdem ein Reinfall: Es gibt mehrere "La Tuna"s , die in Konkurrenz sind; dieser Mann gehörte nicht zu der Kapelle, die abends auftritt. Er tat aber so, meinte, die anderen kämen heute nicht (war geflunkert). In den Geschäften bekommt man die CDs noch etwas billiger, und außerdem sind es größtenteils dieselben Lieder, und ohne Texte!


Nach dem Dunkelwerden erscheint die "La Tuna", die ich seit Jahren kenne; zu meinem Erstaunen sind es bis auf einen alles andere Musiker als die von Donnerstag. Sie haben Mühe, die Leute zu begeistern: es ist zu spät am Abend, und sie sind zu wenige. Durch Anklicken vergrößern Studentenkapelle "La Tuna"

31. Juli 2006, Montag: Rückflug von Santiago

Zimmervermieter haben's schwer

Bis 8h00 geschlafen. Wir sitzen noch beim Kaffee, als eine italienische Familie nach Zimmern fragt. Amüsant zu beobachten, wie Doña Josefina sie mit schmeichelnder Stimme umwirbt, um zwischendurch ihre Putzhilfe und Don Pepe mit barscher Stimme zu scheuchen. Die Italiener haben Verständigungsschwierigkeiten, verhandeln rum. So so, unsere Wirtin hat noch zwei Zimmer jenseits des Stadtparks. Aber das ist den Touristen zu weit. Jetzt will sie die Zimmer zeigen, aber die haben wir ja noch nicht geräumt. Ob wir die Rucksäcke nach unten holen könnten? O je, jetzt scheucht sie uns auch noch! Wir also nach oben, die Italiener rufen "No! No!", sie nehmen die Zimmer sowieso nicht. Doña Josefina ist zerknirscht, entschuldigt sich bei uns, gibt mir das Geld für den Kaffe wieder, das ich Don Pepe gegeben hatte. Ich sehe ihr die Geschäftstüchtigkeit nach, habe ja sonst immer die Spanier kritisiert, dass sie es daran fehlen lassen. Es ist eben gar nicht so einfach, Tag für Tag seine Zimmer loszuwerden.

Wir haben noch bis nachmittags Zeit. Die Rucksäcke bleiben in der Bar. Ich langweile mich. Während die anderen noch einen Einkaufsbummel machen, lümmele ich im Vorraum des Pilgerbüros rum, erfahre aber nichts Neues.

Aufpassen beim Bus zum Flughafen!

Als wir am Nachmittag am Busbahnhof den Bus zum Flughafen erwarten, kommt nichts mit dem Schild "Aeropuerto". Wohl ein Bus mit "Lugo - Santiago - Barrieiros" (o.ä.). Die aufmerksame Sandra schickt mich trotzdem zu dem Busfahrer, halte ich für unsinnig. Von wegen! Das ist der Bus zum Flughafen. Er kommt wohl von Lugo, fährt nach Santiago, aber noch weiter in die "Vorstädte" (barrios), und dazu gehört auch der Flughafen. Also flink die Rucksäcke verstaut. Junge, das hätte schief gehen können! Also kann man sich nicht darauf verlassen, dass der Bus mit einem Schild "Aeropuerto" gekennzeichnet ist. Lieber einmal zu viel fragen!

Platz 10A in der Boeing 737 ohne Fenster!

Der Rückflug verläuft ohne besondere Ereignisse. Ich kann von oben die Landschaft bis Astorga identifizieren. Beim zweiten Flug erwischt meine Frau den Platz 10A, soll am Fenster sein. Aber dieses fehlt bei einer Boeing 737 genau dort. Da sind wir beleidigt. Ich hatte so brav auf Spanisch nach Fensterplätzen gefragt; hat die Angestellte uns reingelegt oder wusste sie nichts von dem fehlenden Fenster? Mit etwa 20 Minuten Verspätung landen wir auf dem Flughafen Münster-Osnabrück in Greven. Alle Rucksäcke, auch die Pilgerstöcke, sind ordnungsgemäß mitgekommen. Wie immer ein sehr merkwürdiges Gefühl, abrupt zu Hause zu sein. Abends vor dem Einschlafen will ich meine Brille über mir unter die Bettfedern klemmen, als ich merke: hier gibt's kein Bett über dir ... :-)


Nordwalder Pilgerlied für Rudolf und Heti
von ihrer Pilgerschwester Konni

Camino Primitivo 2006
(nach dem Lied "Wer das Elend bauen will ...")

Wer mit uns nach Santiago will,
der mach sich auf und sei unser Gesell
wohl auf Sankt Jakobs Straßen.
Ein Paar Schuh bedarf er wohl
und noch dazu Sandalen.1)

Einen breiten Hut, den braucht er auch
und 'nen Pullover für den Bauch,
den Tauchsieder nicht vergessen,
will man abends dann und wann
noch heiße Suppe essen.

Auch ein Messer ist nicht schlecht,
mit Korkenzieher, das ist recht,
und 'ne saubre Unterhose.
Für reine Wäsche braucht er noch
Kernseife in der Dose.

Für böse Kläffer am Weg ist's gut
hast du 'nen Stock und etwas Mut
dann tun sie dir nichts zuleide.
Einen lauten Wecker noch,
den langen Schläfern zur Freude.

Pilgersmann und Pilgersfrau,
die wissen es schon ganz genau
was auf dem Weg ist wichtig.
Sie packen ihren Rucksack stramm
und machen alles richtig.

Nach Santiago gehe nicht allein
besser ist es da zu zwein,
denn manchmal wird's gefährlich.
Unsere Gruppe ist 5 Leut stark
das ist einfach herrlich.

Die Cola-Pilger heißen wir, 2)
doch abends lieben wir das Bier
oder vino tinto.
Gutes Essen jederzeit
gibt's im Casa Manolo.

Sandra, Konni und André,
den tuen oft die Füße weh.
Fischers verbinden die Wunden.
Sie haben ein Herz für Pilgersleut,
helfen manchem über die Runden.

Alte Knochen werden jung,
pilgern bringt ja neuen Schwung,
Frauen zu Mädchen werden. 3)
Jakobs Straße ein Jungbrunn ist
hier auf unsrer Erden.

Rudolf ist der wackere Mann
der uns alle leiten kann.
Er ist der Caminovater!
Und Heti, seine gute Frau,
ist die rechte Mater.

Viel Arbeit habt ihr investiert,
damit uns allen nichts passiert
auf Sankt Jakobs Straßen.
Wir danken Euch ganz doll dafür,
über alle Maßen.

1) Weil André zum Schluss auf Sandalen umsteigen musste.
2) Siehe meine Bemerkung unterm 12. Juli
3) "Wo sind denn die Mädchen?" meinte Hedwig in Friol, wo Sandra und Konni ein eigenes Zimmer hatten.


Letzte Änderungen: 02.03.2017