Im Jahre 2002 auf Nebenstrecken des Jakobswegs in Nordspanien:
Auf dem Camino primitivo, von Oviedo nach Palas de Rei

Autor: Rudolf Fischer
Meine Netzadresse: Rudolf.Fischer@Esperanto.de
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Das Wichtigste im Telegrammstil (Stand: August 2006):
Oviedo: Herberge öffnet erst um 19h00, sonntags um 18h45
Cornellana: Neues Herberge im Kloster San Salvador
Tineo: Neue Herberge
Strecke Lugo - Palas de Rei: Vorsicht: Etwa 10 km vor Palas de Rei verleiten neue Monolithen mit Muschelkacheln dazu, die Straße zu verlassen. Sie führen nicht nach Palas de Rei, sondern nach Melide! Unbedingt auf der Straße bleiben oder in San Román übernachten.
Der folgende Bericht ist nur noch aus historischen Gründen interessant. Für aktuelle Informationen lese man meinen Bericht von 2006.

15.08.2002, Donnerstag: Fahrt von Pamplona nach Oviedo

Der Reinfall mit dem Feiertag

Wer meinen Bericht vom letzten Jahr gelesen hat, weiß, dass wir an diesem Datum Probleme hatten. Ich habe meinen eigenen Bericht wohl selbst nicht aufmerksam gelesen, oder wie kann mir sonst passieren, dass ich schon wieder auf den 15.08. hereinfalle? Bei der Planung habe ich nichts gemerkt: Der 15. August ist ein Feiertag (Mariä Himmelfahrt)!

Wir wollen heute mit dem Bus von Pamplona nach Oviedo fahren. Jetzt verstehe ich, warum der Zug, den wir eigentlich nehmen wollten, gestern schon ausverkauft war, und das Gegröle heute Nacht: Ist ja kein Wunder! Halb Spanien macht langes Wochenende.

Insbesondere Banken sind dann geschlossen, und das merke ich erst, als ich vor der verrammelten Banco de España stehe. Hier wollte ich meine Pesetenscheine vom letzten Jahr eintauschen. Jetzt hatte ich nur noch eine letzte Chance in Oviedo, denn diesen Umtausch gibt es in ganz Spanien nur in einigen Städten und nur bei der Staatsbank.

Das war aber nur das Wenigste! Überall hatte ich davor gewarnt, in Oviedo am Sonntag aufzukreuzen, da dann das Refugio geschlossen ist. Am Feiertag gilt natürlich dasselbe. - Na, vielleicht hatte sich ja was in Oviedo getan.

Die Busfahrt von Pamplona nach Oviedo

Die Busfahrt verlief äußerst angenehm. Zu unserer Überraschung und Freude fuhr der Bus an der Nordküste entlang. Wie schon hinter Bilbao sahen wir weite Strecken unseres Pilgerweges vom Vorjahr wieder. Der Bus hielt nicht einmal in Bilbao, fuhr nur auf der Autobahn vorbei, steuerte aber die Städte Castro Urdiales, Laredo, Unquera, Llanes und einige andere an. Dauernd klebten wir am Fenster und riefen wieder: Da, weißt du noch...? - Und der Bus war pünktlich. Ich hätte es nicht geglaubt, aber er brauchte für diese lange Strecke tatsächlich nur 7 Stunden, trotz Abfahrten in einige Städte, trotz einer Pause und obwohl ein Teil der Strecke keine Autobahn war. Wenige Minuten nach 18 Uhr war Endstation, Hauptbahnhof Oviedo. Wir waren angekommen.

Neue Adresse des Oficina de Turismo

Als wir aus dem Bus klettern, schließt sich uns eine junge Italienerin an. Sie ist keine Pilgerin, will im Land rumfahren und sucht ein billiges Quartier. Hm, wir wissen natürlich eines. Sofern die Pilgerherberge geöffnet ist, bekommt man dort problemlos einen Pilgerausweis; dadurch kann im Prinzip jeder dort unterkommen, der behauptet, ab Oviedo pilgern zu wollen.

Ich kann mich noch an den Weg zur Kathedrale erinnern. Denn dort war das Oficina de Turismo, wo wir erst mal Stadtpläne und - für alle Fälle - ein Unterkunftsverzeichnis besorgen wollen. Allerdings war das Touristenbüro letztes Jahr sonntags auch geschlossen. Wie es an Feiertagen ist, weiß ich nicht. - Wir ziehen optimistisch los, finden den zentralen Platz vor der Kathedrale, aber das Oficina de Turismo ist verzogen (also die Adresse im Handbuch von Michael Kasper überholt!). Jetzt rückt die Italienerin die neue Adresse raus, die ihr der Busfahrer mit Kugelschreiber auf die Hand (!) geschrieben hat. Glück: Das Touristenbüro ist jetzt in einem Kiosk an der großen Kreuzung am zentralen Stadtpark Campo de San Francisco. Die Straße San Francisco führt von der Kathedrale aus schnurgerade darauf zu. - Hurra, der Kiosk ist geöffnet. Dann ist alles kein Problem, ruckzuck, haben wir Stadtpläne. Auf zum Refugio!

Im Refugio von Oviedo

Ca. 100 m davor spricht uns ein junges Paar auf Deutsch an (sie haben unsere Abzeichen mit den deutschen Farben gesehen): "Wollt ihr zum Refugio? Wir haben den Schlüssel." Na, optimal! Es sind zwei junge Österreicher, die hier auch eine zweite Nacht bleiben können, weil die Herberge tags zuvor fast leer war. Sie sind - wie wir im letzten Jahr - den Nordweg gegangen und legen hier zum Schluss einen Erholungstag ein.
Eingang zum Refugio von Oviedo Durch Anklicken vergrößern Vor der Refugiotür ist jetzt auch eine Telefonnummer angegeben: 985 22 85 25 (wie im Handbuch). Werktags über kann man sich außerdem in dem Geschäft "Modas Petri", Pedro Mestallón 5 (also in derselben Straße, einige Häuser weiter) den Schlüssel holen. Na, das ist ja gegenüber dem Vorjahr wesentlich verbessert. (August 2006: Den Schlüssel gibt's dort nicht mehr, aber man keine seine Rucksäcke abstellen.)

Im Refugio sind schon einige Betten belegt. Später stellt sich heraus, dass ein Pilgerpaar, das mit einer Vespa unterwegs ist ("die Vespapilger"), seine Sachen über mehr als zwei Betten ausgebreitet hat... Wir finden ein Zweistockbett in einer Ecke für uns, prima. Kurz darauf treffen weitere Pilger ein und sagen so etwas wie: "Oha, hier hört man ja Deutsch." - Ich bin gut drauf und antworte: "Hier ist die deutsche Ecke, da drüben die österreichische." Die drei Neuankömmlinge, Jürgen, Susanne und ihre Schwester Christine sind ebenfalls Österreicher. Sie sind uns auf Anhieb sehr sympathisch. Dann stellen wir freudig fest, dass sie wie wir den Camino primitivo gehen wollen. "Mensch, dann laufen wir ja zusammen." (Das heißt, wie üblich getrennt, aber man trifft sich dauernd wieder und kann sich gegenseitig helfen.)

Sie erzählen, dass sie schon ein großes Stück der Nordroute, die Küste entlang, hinter sich haben. Wenn auch nicht alles gelaufen; dafür reicht die Zeit nicht, da sie ja noch bis Santiago wollen. Mein Respekt wächst. Ich weiß ja, wie hart die Nordroute ist. Jürgen ist auch schon schwer angeschlagen, trägt einen Knieverband. Er sieht voraus, einige Etappen mit dem Bus machen zu müssen, will aber so viel laufen, wie es sein Knie aushält. Tapfer.

Wir blättern im Gästebuch. Sieh da, die Pilgerfreundin aus Aachen grüßt uns mal wieder, hat also auch gut hergefunden. Christines Kopf rückt hoch: "Äh, heißt ihr etwa Fischer?" - Wir geben es zu. - "Ja, sag mal" wendet sie sich an mich, "hast du dann den Bericht über die Nordroute im Internet geschrieben?" - Auch das muss ich zugeben. Da packt sie eine Kopie aus. "Mann, nach dem haben wir doch alle Ergänzungen und Berichtungen in unser Handbuch von Michael Kasper geschrieben." (Hier also einmal ein schlagender Beweis, dass ich mit meinen Kontrastberichten den Absatz der Handbücher kräftig fördere.) Tatsächlich hatten sie schon nach mir Ausschau gehalten und manchen Bärtigen verdächtigt. Jetzt, wo sie eigentlich nicht damit gerechnet hatten, trafen sie auf einmal auf uns. (War gar nicht so unwahrscheinlich, denn wir waren ja auf den Tag genau gemäß unserer Planung im Internet hier.) Susanne lacht: "Das gibt's doch gar nicht. Da kennt man jemanden von seinen Erzählungen so gut, und auf einmal steht er leibhaftig vor einem." (Ja, würde mir mit Michael Kasper auch so gehen, den wir in Cizur Menor nur um drei Tage verfehlt haben.) Später fragte ich Christine nach vorgefundenen Abweichungen zu meinem Bericht, es hatte sich tatsächlich schon einiges wieder geändert. (Diese Änderungen habe ich im Bericht von 2001 als aktuelle Zusätze vermerkt.)

Einkauf im benachbarten Supermarkt, der auch sonn- und feiertags geöffnet ist. Abendessen im vorderen Aufenthaltsraum, gleichzeitig Empfang. Der Hospitalero erscheint und stempelt unsere Ausweise. Eine knappe Stunde später geht er wieder. Da Jürgen, Susanne und Christine in der Stadt sind. bekommen sie keinen Stempel. Irgendwie ist das in Oviedo nicht gut geregelt. Dass überhaupt am Feiertag geöffnet war, lag ja nur daran, dass die beiden anderen Österreicher schon von der Nacht davor einen Schlüssel hatten. Sonst hätte man telefonieren oder bis spät abends auf der Schwelle sitzen müssen in der Hoffnung, dass der Hospitalero auch feiertags kommt... - Man zahlt nichts, es gibt eine Spendendose.

In Oviedo ist auch angeschlagen, dass man sich in Fonsagrada mindestens 4 Tage vorher melden soll, wenn man dort übernachten will. Der Hospitalero bestätigt das, sagt aber, 1-2 Tage vorher genügten. Wir waren gespannt, wie es in Wirklichkeit sein würde.

Die Herberge (16 Betten) wurde noch voll, aber nicht überfüllt. Alle Einrichtungen sind in Ordnung, ein angenehmer Aufenthalt.

16.08.2002, Freitag: Von Oviedo über den Berg Naranco nach Escamplero, 16 km (16 km)

Nun begann für uns der zweite Teil unserer diesjährigen Pilgertour, nämlich der Camino primitivo, von Oviedo nach Santiago de Compostela. Ich hatte mich sehr gut auf alles vorbereitet, studierte noch eifrig die Panoramakarte im Refugio. Au wei, danach mussten wir ja über sehr steile Ausläufer des Kantabrischen Gebirges. Merkwürdig, dass der Pilgerweg so hinauf- und hinunterging, anstatt wie die Straßen um die schlimmsten Höhen herumzukurven. Ich notierte mir: Ab Salas geht's richtig ins Gebirge, zwischen La Mesa und Grandas de Salime gibt es wahnsinnige Höhenunterschiede zu überwinden, danach wird's besser. (Letzteres stimmte nicht ganz, erst 30 km vor Lugo, hinter Cádavo-Baleira hat man die Pässe hinter sich.)

251 km hatten wir bislang von Urdos nach Pamplona zu Fuß zurückgelegt. Für die Gesamtstrecke der diesjährigen Fahrt sind diese also zu den folgenden Kilometerangaben hinzuzuaddieren.

Umtausch Peseten in Euro

7h30 brachen wir auf, hatten noch viel Zeit, da ich die letzte Chance nutzen wollte, meine Peseten einzutauschen. Die Banco de España öffnete aber erst 8h30. Die im Netz angegebene Hausnummer erwies sich als falsch, die Bank war ein paar Häuser weiter. Eine Besucherschleuse mit Warnhinweisen "Sie werden gefilmt", "Nur auf Aufforderung weiter" o.ä. Ich dachte, dass jeden Moment ein Uniformierter aus einer dunklen Ecke springt und mich durchsucht. Als niemand erscheint, also mit erhobenen Händen und freundlichem Lächeln vorsichtig durch die Schleuse. Nichts geschieht; o Spanien! Im Bankgebäude bekomme ich ohne Federlesens Euro für meine Peseten (sie hätten sogar auch Münzen genommen, und das ohne zeitliche Begrenzung), auf den Cent genau. Prima!

Abstecher zu den monumentos auf dem Berg Naranca

Dann mit Hilfe des Stadtplans zur Plaza de la Liberación und die Straße Colonel Tejeiro bis zum nächsten Kreisverkehr. Dort zweigt der Umweg (2,5 km hin, 1,5 km zurück) zu den sehenswerten Gebäuden aus dem 9. Jahrhundert (!) ab. Die wollten wir gesehen haben, da wir auch Zeit genug hatten. Man folgt den Schildern mit den touristischen Hinweisen auf die monumentos; einmal mussten wir fragen. Auf halber Strecke die Avenida de los Monumentos hoch, merkte ich mir eine Abzweigung nach links, die in die richtige Richtung ins Tal hinunterführte (s.u.). Ich hatte mal wieder keine Lust, allzu weit denselben Weg später zurückzugehen. - Dann kam einige hundert Meter weiter links ein Parkplatz. Von dort aus führt ein Fußweg nach oben zu den alten Gebäuden. Wir wussten das nicht und blieben auf der Landstraße. Dafür wird man in einer Serpentine mit einem schönen Ausblick über die Stadt belohnt.

Beide historischen Gebäude sind wirklich einen Besuch wert. Zurück liefen wir einen Fußweg, kamen aber nicht am Parkplatz heraus, wie wir wollten, sondern etwas oberhalb wieder auf die Landstraße. Wir waren wohl einmal zu früh nach links gegangen (keine Hinweise).

Zurück zum Abzweig. Er ist leicht zu erkennen, da hier zwei Asphaltsträßchen gleichzeitig abgehen, die obere zu einem großen Sportgelände. Die untere, direkt rechts von einem Gebäude, hat keinen Namen, ist aber auf dem Stadtplan noch eingezeichnet. Ich fragte zur Vorsicht einen Mann, der an seinem Auto herumbastelte, ob dieser Weg zum Neubauviertel La Florida hinunterführe. Er bejahte. Super! Etwa 1 km gespart. Es ging an einigen verfallenen Häusern und bellenden Hunden vorbei steil runter ins Tal.

Durch den Stadtteil La Florida

Unten geht man einfach geradeaus, bis rechts die Hauptstraße beginnt. Sie ist unter mehreren großen parallelen Straßen mit Hochhäusern leicht daran zu erkennen, dass sie einen breiten Grünstreifen in der Mitte hat. Ein Boulevard wie inmitten einer Metropole, und das in einem Vorort von Oviedo, direkt in eine hügelige Weidelandschaft gepflanzt.

Wir suchten dann noch den Jakobsweg und fanden ihn auch, jenseits der Hauptstraße, aber die Suche lohnt nicht. Auch der Jakobsweg mündet zum Schluss in die Prachtstraße. Dann gab es keine gelben Pfeile mehr. Der Boulevard endet im Grün. Geradeaus kann man das nächste Dorf San Lázaro de Paniceres auf der Höhe ahnen, aber man weiß nicht, welche der sichtbaren Gebäude dazu gehören. Am einfachsten geht man am letzten "auf Halde gebauten" Kreisverkehr kurz vor dem abrupten Ende der Prachtstraße nach rechts und sucht dort eine alte Brücke über einen Bach. Dort findet man die gelben Pfeile wieder, und eine kleine Landstraße führt zu dem gesuchten Dorf hoch.

Auf dem Berg Naranco hat man Jürgen und Co. etwas von einer Abkürzung nach San Lázaro erzählt, aber sie haben es nicht verstanden. War auch zu riskant. Man sah zwar zurückblickend den Berg noch zum Greifen nahe, aber keine sichtbare Straße, die von dort nach San Lázaro herführte. Auch nichts auf dem Stadtplan.

Der restliche Weg nach Escamplero

Der weitere Weg ist angenehm, ohne große Steigungen. Auf der AS 232 gibt es im ersten Dorf La Bolguina eine Bar mit Unterkunftsmöglichkeit (P), die nicht im Handbuch steht. Nachdem wir danach drei weitere Dörfer durchquerten, hatten wir Probleme mit Hunden, die hinter Zäunen bellten und uns erschreckten. Hinter dem dritten Dorf erwartete uns ein Köter vor einem einzelnen Haus auf der Straße, wir bogen aber vor dem Haus rechts ab. Wie ich schon erwartet hatte, kam er hinter uns her. Da packte mich die Wut. Ich nahm einige Steine auf und warf sie ihm um die Ohren, er floh jaulend. (Das habe ich aber nur gewagt, weil er nicht groß genug war, um wirklich gefährlich zu werden.) Gleich darauf bogen wir wieder links ab, fanden leckere Brombeeren und trafen wieder auf die Straße. Oben an der Kreuzung lagerten einige Mädchen mit Rucksäcken an einer Bar. Sie trafen aber später nicht im Refugio ein, das nur noch 1 km entfernt lag. Links folgte danach erst eine andere Bar, wo man den Schlüssel holen sollte.

14h00. In der Bar rücken sie ohne Kommentar den Schlüssel raus. Also sind wir auch die ersten. Unterwegs kommen wir an der kleinen Ruine eines Stromhäuschens vorbei. Auf ihm prangt eine Muschelkachel wie bei einem Refugio. Ich stelle mich in die Ruine und mache ein entsetztes Gesicht, spiele "schlimme Unterkunft" (Foto). Das Refugio ist, wie viele auf diesem Weg, eine ehemalige Landschule. Auf dem Nachbargrundstück kläffen pausenlos mehrere Hunde, meinen aber nicht uns, sondern spielen nur. Neben der Wäscheleine liegt auch ein kleiner Hund vor seiner Hütte. Aber er döst nur, ist Pilger gewohnt.


Ein defekter Herd und die Folgen

Wir schließen auf. Alles gut in Schuss, die Bar sorgt wohl dafür. Sie hat davon den Vorteil, dass man bei ihr einkauft und evtl. auch isst und trinkt. Ein sehr nützliches Arrangement. Andere Herbergen haben diese Pflege nicht und sehen dementsprechend aus. Leider funktioniert der Strom nicht, also kein warmes Wasser, da man ja den Boiler anschalten muss. Später erklären sie uns in der Bar, dass hinten im Schlafzimmer der Sicherungskasten sei, wo wir einfach die Sicherung einschalten müssten. (Wäre als Tipp gleich beim Schlüsselholen nicht schlecht gewesen.) Wir finden den Kasten im hintersten Winkel, aber die Hauptsicherung fliegt immer wieder raus. Da erinnert sich meine Frau, dass jemand, der davon Ahnung hat, ins Gästebuch eingetragen hat, dass der Herd einen Kurzschluss hat (und deshalb nicht benutzbar ist). Sie zieht den Herdstecker aus der Steckdose, und siehe da: Das war's: Jetzt bleibt die Hauptsicherung drin! Hurra, wir haben Licht und warmes Wasser.
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Im Refugio von Escamplero

Meine Frau möchte noch eine berühmte Kirche, die etwa 3 km entfernt liegt, besuchen. Wir gehen zu der Kreuzung der Landstraßen zurück, sehen aber kein Schild und verzichten lieber. Danach kaufen wir in der Bar ein und erkundigen uns nach dem Abendessen. Vor der Herberge sind inzwischen die Vespapilger (so nennen sie sich laut Gästebuch selbst) eingetroffen. Sie inspizieren den Schlafsaal, belegen aber keine Betten. Als nächstes kommen Jürgen, Susanne und Christine. Jürgen hat den Marsch leidlich überstanden, will aber morgen versuchen, mit dem Bus zu fahren.

Eine Nacht mit Zwischenfall

Nach der üblichen Routine (Duschen, Wäsche waschen) ausruhen und später zum Abendessen. Meine Frau bestellt gefüllte Zwiebeln, bezahlt aber genauso viel wie wir für das Menü. Nun trifft eine laute Gruppe von Radfahrern ein, fragt nach dem Schlüssel und bekommt ihn von uns. Als wir die Bar verlassen, schwingen die Radfahrer gerade die Rotweingläser... Vor dem Refugio haben sie kleine Zelte aufgebaut und sonst nur wenige Betten drinnen belegt. Die Vespafahrer lassen sich im Eingangsflur nieder. Sie finden das romantisch, meinen sie, wollen aber auch den Fußwanderern und Radfahrern keine Betten wegnehmen. Ein Stockwerk höher liegt nachts ein weiteres Paar im Treppenhausflur. Alles merkwürdig. 2h45 gehen die Radfahrer endlich schlafen, doch der Lärm hält sich in Grenzen. Später werde ich wach, weil ein Eimer mit Wasser gefüllt wird. Hm, sollte etwa...?

Am andern Morgen spricht es sich herum. Die Radfahrer haben zu viel getrunken. Einer hat oben aus dem Fenster gek..., direkt vor die schlummernden Vespafahrer. Da war es auch mit deren Romantik vorbei. (schadenfrohes unchristliches Grinsen) - Die Vespafahrer haben wir danach nicht mehr wiedergesehen, sie machten wohl längere Etappen.

17.08.2002, Samstag: Von Escamplero nach San Juan de Villapañada, 18 km (34 km)

Der Camino primitivo hat den großen Vorteil, dass er mit relativ kurzen und bequemen Etappen beginnt, bevor die härteren kommen. Man kann sich so an die Berge gewöhnen. Heute gab's zum Schluss einen kleinen Vortest...

Ein "Räumpanzer" sitzt fest oder "Blinder Eifer schadet nur"

7h56 machen wir uns auf den Weg. Jürgen will versuchen, einen Bus zu finden. Haltestellen haben wir gesehen, aber keinen Hinweis auf Ziele, geschweige denn Fahrpläne. Das Wetter ist zunächst schlecht, feuchter Nebel, wird danach aber langsam besser. Wir laufen weiter durch eine hügelige Weidelandschaft. Vor dem sehenswerten Horreo, den Michael Kasper abgebildet hat, liegt ein verlassenes Haus, das sich hervorragend als Refugio eignen würde. Es muss früher sehr schön gewesen sein. Hinter dem Horreo geht es eine Steintreppe hinunter in ein weites Flusstal. Ein Bauer grüßt und fragt nach dem Woher und Wohin. (5 Minuten später kommen Susanne und Christine, denen er erzählt, dass gerade zwei Deutsche vorbeigekommen sind.) Dann geht es durch eine feuchte Au, am Fluss entlang, bis zu einem einzelnen Haus. Ein großer weißer Hund springt dort herum, erweist sich aber als friedlich, will wirklich nur spielen. Dahinter taucht man erst richtig ins Dickicht. Meine Frau kann nicht mehr weiter. Ich bin etwas sauer über den Weg, knurre "Räumpanzer vor!" und werfe mich, mit dem Stock die Dornen niederschlagend nach vorn. Eine Minute später stecke ich auch hoffnungslos fest. Zurück. (Ich hasse sowas.) Da sehen wir nur 20 m zurück einen gelben Plastikstreifen des Jakobswegs, der hier steil die Böschung nach rechts hochführt. "Hier müssen die Fahrradfahrer wohl endgültig passen", hatte ich vorher an dieser Stelle spöttisch gesagt. Nun, die Fußgänger also ebenfalls. Tatsächlich war es die ohnehin vorgesehene Abzweigung, die über einen verwilderten Acker zu einer Landstraße führt.

Auf dem Weg nach Grado

Gut 1 km weiter überquert man den Fluss und erreicht die Nationalstraße 634. Hier treten auf beiden Seiten Felsenwände zusammen, durch die sich der Fluss gesägt hat, eigentlich eine schöne Ecke, aber die viel befahrene Straße macht alles kaput. Wir quetschen uns 200 m an ihr entlang (kein Seitenstreifen), bis wir kurz hinter dem Ortsanfang von Peñaflor schräg nach rechts auf eine Seitenstraße flüchten können. Ein großer weißer Hund bellt uns an, wird vom Besitzer zurückgerufen. Ein paar Häuser weiter tobt ein wahres Untier an der Kette. Wehe, wenn der sich losreißen könnte. Kurz darauf fährt der Mann von eben auf dem Fahrrad an uns vorbei, der weiße Hund trabt daneben, ohne von uns Notiz zu nehmen. 2 km vor uns liegt Grado, eine größere Stadt.

Ein wohl überflüssiger Anruf

Wir erreichen um 11 Uhr den Bahnhof, die Toiletten sind geschlossen. Einige Straßen entlang bis zum Park am Rand der Altstadt. Hier soll man die Polizei aufstöbern und anrufen, dass man in San Juan übernachten will. Warum, ist mir ein Rätsel. Meine Frau bleibt im Park beim Gepäck, ich ziehe zu Fuß los, finde die Polizeistation: geschlossen. - Man sollte sie gar nicht suchen, denn die Stadtpolizei ist sowieso immer unterwegs, sagt mir eine Streife der Straßenpolizei. Also einfach die angegebene Nummer anrufen. Ich erkläre mein Anliegen. Vale! Bin stolz, dass ich auf Spanisch telefonieren gelernt habe. -

Ausruhen und essen in Grado

Inzwischen ist es längst brütend heiß, schwierig, im Park einen Schattenplatz zu finden. Eine Dame spricht mich an, woher wir kämen. Aus Deutschland? Diese Katastrophe! Sie schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Ich verstehe nichts. Sie sagt was von Unwetter, Überschwemmung und vielen Toten. Muss im Fernsehen gezeigt worden sein. Nicht in unserer Region, wiegele ich ab. - Am Park zieht ein Pilger vorbei, sieht mein Winken aber nicht. Meine Frau kauft inzwischen ein. Wir finden unweit der Kirche das Café Plaza mit sehr guten und preiswerten Tellergerichten, dazu freundliche Bedienung. Draußen sehe ich mehrere Rucksackleute vorbeiziehen. Auch oben an der Hauptstraße zieht eine Gruppe entlang. Hm, wieder Andrang?

Der Anstieg nach San Juan Villapañada

Wir ziehen eilig aus der Stadt, müssen dann von der Straße rechts hinunter, bis es steil, sehr steil etwa 500 m weit hochgeht. Man erreicht die Fernstraße und muss gleich gegenüber einen winzigen Pfad weiter. Den hätte ich ohne Handbuch glatt übersehen. Noch einmal 500 m lang sehr steil hoch, wobei der Pfad sich zum Hohlweg verbreitert. Und alles in dieser Hitze! Oben geht es rechts in die kleine Siedlung. Das Refugio (12 Betten) hinter der Kirche ist nicht schwer zu finden. 15h15 sind wir da.

Das Refugio in Villapañada und sein Betreuer

Der Spanier, den auch meine Frau in Grado gesehen hatte, ist als einziger schon da und begrüßt uns. Er heißt Carlos. Also doch nichts mit einer Pilgerwelle. Es müssen einfach auch viele Wanderer unterwegs sein. Ich nehme mir vor, auf Rucksackträger nicht mehr nervös zu reagieren.

Gegenüber wohnt ein alter Mann, der das Refugio betreut und uns freundlich zuwinkt. Wir dürfen bei ihm die Wäsche aufhängen und so viel Birnen aus dem Garten einsammeln, wie wir wollen. Sehr nett. Vielleicht hat die Polizei ihm nur Bescheid gesagt, dass er aufschließt und den Boiler anstellt. Notfalls käme man also auch ohne vorherigen Anruf unter. Carlos sagt, dass er ebenfalls die Polizei benachrichtigt habe. Mein Spanisch reicht nicht aus, um ihn zu fragen, was denn wohl ohne das passiert wäre. Ich kann keine Konditionalformen der Verben.

Ein zweiter Spanier, Javier, trifft ein. Carlos freundet sich mit ihm an, und sie pilgern danach noch viele Tage zusammen weiter. Nun kommen auch Jürgen, Susanne und Christine. Damit haben wir (vorerst) die Belegschaft zusammen. - Im Refugio wird gebeten, den Müll wegzubringen. Der Container sei am Friedhof. Die Skizze daneben bietet keine Orientierung. Meine Frau und ich laufen ein Stück den Pilgerweg zurück und erforschen auch die Abzweigungen. Oberhalb der Herberge und der Kirche liegen ein paar Häuser, von denen eines nach Bar aussieht. Ein älterer Mann mit bloßem Oberkörper spricht uns von der anderen Seite an. Ob wir Cidra kennen? - Natürlich. - Wollen wir welchen probieren? - Ja, doch. - Er führt uns zu seiner kleinen Cidraproduktion im Nachbarhaus, erklärt alles und reicht uns einen Probetrunk. Doch, schmeckt nicht schlecht. Ob wir mehr haben wollen? Nein. (Wir müssen weiter und den Container suchen.) Er ist sichtlich enttäuscht. Irgendwas haben wir falsch gemacht. Hat er erwartet, dass wir ihm etwas abkaufen? Oder einfach nur mehr Interesse? Wir stolpern etwas beschämt davon. Eines dieser interkulturellen Missverständnisse, die man nicht klären kann.

Ein gutes Stück den Pilgerweg zurück, schon längst an dem Hohlweg vorbei, den wir hochgekommen sind, erreichen wir zwei Bauernhäuser. Hunde? Nur kleine. Wir kehren dennoch um.

100 m weiter wären der Friedhof und der Container gewesen, direkt am Verlauf des weiteren Pilgerweges der nächsten Etappe. Warum haben sie das nicht in der Herberge geschrieben? Dann braucht man doch anderntags nur den Müll mitzunehmen und wird ihn nach 500 m los.


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Frohe Runde vor dem Refugio
Wir kehren zum Refugio zurück. Es ist das schönste vom Camino primitivo, denn es ist nicht nur sehr geräumig, sauber und gut eingerichtet, sondern die Lage ist auch einmalig: Hoch auf dem Berg mit Blick zurück auf Grado, das ganze Tal und die umliegenden Berge. Wir sitzen mit unseren spanischen und österreichischen Freunden auf der Bank vor dem Haus (vor der Bank ein großer Tisch), essen und genießen den Blick.

Dann helfe ich noch Christine, die Wäsche zu holen. Sie fürchtet den kleinen Hund des freundlichen Refugiobetreuers. Es ist noch fast ein Welpe, langweilt sich zu Tode, stürmt auf alle zu und will spielen, zerkratzt einem aber dabei die Beine. Ich halte ihn in Schach, während Christine die Wäsche einsammelt. Am Nachmittag hat der Hund schon einmal einen Schlag mit der Gerte bekommen. Man läuft den Leuten nicht nach, schimpfte der alte Mann mit ihm. Wenn nur alle Hunde so streng erzogen würden...

Leider sind die Kochmöglichkeiten auch dieser Herberge auf ein-zwei Elektroplatten beschränkt. Es steht immer "Küche" im Handbuch, aber selten ist es wirklich eine, die diesen Namen verdient, und da immer Töpfe, Pfannen und Sonstiges fehlen, kann man richtiges Kochen vergessen.

Ansonsten nochmals: Diese Herberge verwöhnt einen. Gegen Abend kommt der alte Mann mit Stempel und Gästebuch herüber. "Kontrolle" witzele ich, er lacht, setzt ein gespieltes Amtsgesicht auf und stempelt unsere Ausweise. Eine Spende wehrt er ab, die Begründung verstehe ich nicht. Nachdem er gegangen ist, sitzen wir noch lange zusammen und genießen den Sonnenuntergang. Schade um die Sprachbarriere. Wir hätten auch gern mit Carlos und Javier geschwatzt.

Ein nächtlicher Überfall

So könnte dieser Tagesbericht ausklingen, aber es kam noch ein Paukenschlag. 22h30. Wir liegen längst im Bett, sind am Einschlafen. Da böllert jemand wie wild im Dunkeln gegen die Tür des benachbarten Aufenthaltraumes. Ich klettere schimpfend aus dem Bett, mache Licht und öffne die Tür. 3 Männer und 1 Jugendlicher. "Seid ihr Pilger?" knurre ich. Sie nicken. Hm, keine Rucksäcke. Der Wortführer fragt, ob noch 4 Betten frei sind. (Sogar 5) Ich bejahe. "Also holen wir eben die Rucksäcke" antwortet er. Sie verschwinden und - mich trifft fast der Schlag - ein Auto kommt vorgefahren, aus dem sie die Rucksäcke holen. Ja, werden denn die Touristen immer frecher? Jetzt müsste der alte Mann mit dem Knüppel kommen und sie davonprügeln. Immerhin suchen sie die Betten so aus, dass das unter Christine frei bleibt, lassen den Österreichern also ihre Ecke, ziehen sich in Windeseile aus und sind 15 Minuten später im Bett. Ich liege da und denke Blödsinn: Die haben sich ja quasi eingeschlichen, ohne die Ausweise zeigen zu müssen. Könnte ja eine neue Art von Banditen sein, die einen nachts ausrauben. Enrique, ihr Wortführer, dem ich das Tage später, als wir längst gute Freunde geworden sind, erzähle, lacht sich kaputt, meint aber, so abwegig seien meine Gedanken gar nicht gewesen, in dieser merkwürdigen Situation. - Bald schnarchen zwei von ihnen, und so stimme ich entspannt mit ein.

18.08.2002, Sonntag: Von San Juan de Villapañada nach Godán, 21,5 km (55,5 km)

Ich habe schlecht geschlafen, grolle den Ruhestörern. 8h05 zockeln wir los, nehmen auf Verdacht den Müll mit. Wie schon bemerkt, kommen wir wirklich an dem Container vorbei.

Zugewachsene Wege

Zu unserer Überraschung geht es weiter bergauf, bis wir die Höhe von El Fresno erreichen. Dann geht es steil nach San Marcelo runter.
Einige hundert Meter hinter dem Dorf wird's spannend. Michael Kasper warnt vor dem evtl. schwierigsten Abschnitt des Camino primitivo, weil hier Teilstrecken zugewachsen sind. Wir haben mit Jürgen und den Mädchen vereinbart, die wegen Jürgens Knie nicht so schnell sind, dass wir Steinzeichen legen. - Also links ab von der Straße, 300 m weiter ist Schluss: Undurchdringliches Dornengestrüpp und wie zum Hohn hier und da ein gelber Plastikstreifen. Die spinnen, die Asturier! Also zurück zur Landstraße und am Abzweig Steine quergelegt, das heißt "Hier nicht rein". Durch Anklicken vergrößern "Pilgerweg"

Auf der Landstraße weiter nach Doriga. (Warum soll man nur querbeet? Die kleine Straße läuft sich prima, ganz ruhig, allerdings am Sonntag.) Bei einem Rittergut kam wohl der Gestrüppweg links raus. Etwas weiter soll es wieder rechts abgehen, aber Michael Kasper rät ab, wenn der andere Abschnitt zugewachsen war. Also legen wir wieder Steine quer, ohne es zu testen.

Teresa, die wir viele Tage später kennen lernen, berichtet, dieser Abschnitt sei doch frei gewesen. Der erste allerdings hat sie fertiggemacht; alle Mühen und ein Versuch, an dem Gestrüpp vorbei über Zäune hinweg die Richtung zu halten, waren gescheitert. Den Weg gab's gar nicht mehr. Also abzuraten!

Die Landstraße macht hinter Doriga einen großen Bogen nach links und erreicht dann eine Fernstraße. Diesen Teil hätte man also (ab Doriga) abkürzen können, natürlich nicht, ohne den obligaten Hügel dabei zu überqueren.

Erfrischungen vom lieben Gott

Jetzt geht es parallel zum Fluss Narcea die Fernstraße nach Norden, bis man nach links über eine große Brücke in Richtung Cornellana nach Westen abbiegt. Direkt hinter der Brücke geht's wieder links, dann über einen Bach und nach rechts auf das schon sichtbare Kloster San Salvador zu. Der Pilgerweg geht irgendwie anders im Zickzack, wahrscheinlich um die Stadt nicht rechts liegen zu lassen, aber hinter dem Kloster, an der Brücke, treffen die Alternativen wieder zusammen.

Das Kloster war geöffnet. Hier gab es schöne (und billige) Ansichtskarten, 7 Stück für 1 EUR. Da bedienten wir uns. (In Pamplona wollte man pro Karte 50 Cent haben!) Die Kirche war schon renoviert, der Kreuzgang noch nicht. Draußen sah man die Verwüstungen einer Gemeindefeier vom Vorabend. Überall haufenweise Müll und - oha! - neben einer Bank drei Rotweinflaschen, eine davon praktisch noch voll. "Der liebe Gott hat Erfrischungen für uns bereitgestellt", erklärte ich meiner Frau. Bald saßen wir auf einer Bank und aßen etwas. Ich füllte dazu aus der Flasche "Erfrischungen" in meine Plastiktasse.

Obwohl um 12h30 im Kloster eine Messe war, brachen wir wieder auf, denn es war 11 Uhr und der Weg noch weit. Wir überquerten die Brücke. Ein Wegweiser zeigte alle möglichen Ziele (darunter Santiago de Compostela), der Pilgerweg kam hier aus der Stadt her wieder dazu.

Versuchung auf Englisch

Vom benachbarten Haus aus sprach uns eine Dame in ziemlich gutem Englisch an. Ich antwortete wie üblich auf Spanisch, was sie nicht beirrte. Wo es denn heute hingehen sollte? - Nach Godán. - O gut, wir kennen den Betreuer. - Ihr Mann rief dort an und sagte uns, dass die Herberge geöffnet sei und man uns erwarten würde. Super! - Aber wir wollten doch nicht etwa diesen schrecklichen Weg gehen? - Welchen schrecklichen Weg? - Na, den ausgewiesenen Pilgerweg. Furchtbar rauf und runter, dazu voll von Kuhsch..., für anständige Menschen unzumutbar; die Landstraße sei viel einfacher und kürzer. - Fast hätte ich gesagt, dass wir keine anständigen Menschen seien... Nein, ich sagte: Liebe Frau, was glauben Sie denn, was wir seit vielen Tagen erleben? Rauf und runter und Kuhsch... Die Straße kommt nun wirklich nicht in Frage. (In Gedanken dazu, um sie nicht zu beleidigen: Wenn ich es am einfachsten und kürzesten haben will, bleibe ich am besten zu Hause.) Dann sollten wir wenigstens noch den Pfarrer rausklingeln, dass er uns den Kreuzgang zeigte, und oben in der Stadt war noch eine sehenswerte Kapelle... Nein, wollten wir auch nicht. - Naja, wir müssten es selbst wissen, resignierte sie.

Wir bedankten und verabschiedeten uns und liefen den ausgewiesenen Pilgerweg. Nun ja, er war stellenweise wirklich sehr kotig. Auch ging es über zwei Höhen, die man sich hätte ersparen können, aber dafür war es eine wunderschöne Landschaft im Sonnenschein. Ein Bauer fragte uns, ob wir den Draht wieder geschlossen hätten, durch den wir vorher passieren mussten. Ehrensache! Er freute sich und wünschte "Beaucoup merci!" ;-)


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Pause im Grünen

Als wir die zweite Höhe emporzogen, sahen wir Jürgen, Susanne und Christine die erste herunterkommen. Wir johlten und winkten. Sie winkten zurück. Jenseits der Höhe, längst wieder im Tal, ging es durch einige Bauerndörfer, aber ohne Hundebelästigungen. In einer Abzweigung mit schönem Gras hockte ich mich hin, holte den Rest der "Erfrischungen" raus und wollte auf die anderen warten. Es dauerte doch sehr lange, bis sie kamen. Leider hatte ich inzwischen alles allein getrunken... Wir ließen die drei zurück, die ihrerseits wieder eine Pause brauchten und zogen weiter.


Vor einem Haus, das samt Garten von einer großen Mauer umschlossen war, bog der Pilgerweg rechts ab. Ein großer schwarzer Hund sah uns von der Haustreppe aus über die Mauer hinweg, riss sich von seiner Besitzerin los und hing bellend über der Mauer. Dem hätte ich gern mit dem Pfefferspray was verpasst. Wir gingen mit schlotternden Knien weiter, während er uns weiter die Mauer entlang verfolgte. Aber er sprang doch nicht hinüber.

Die anderen sahen wir vorerst nicht wieder, weil sie nach Salas gehen wollten. Die Abzweigung war im Handbuch sehr gut beschrieben. Inzwischen zogen sich vor uns dunkle Gewitterwolken zusammen, und wir waren froh, nicht wegen der Messe gut 2 Stunden länger in Cordellana geblieben zu sein. Rechts ging es nach Salas, links unter der Fernstraße hinweg nach Godán. Also die Hufe geschwungen und im Zickzack (wegen evtl. Hunde) die Landstraße entlang, an vielen Häusern vorbei. Die von Michael Kasper angedeuteten Abkürzungen vor und hinter Godán gab es noch nicht. Zumindest letztere hätte auch ganz schön über eine Höhe geführt...

Tütensuppe und Heizlüfter

Schnurgerade durch das ganze Dorf Godán, außer einem kleinen Kläffer keine Hundebelästigung. Endlich eine Linkskurve und kurz dahinter die Herberge. 15h00. Ich schelle am Nachbarhaus. Eine Frau schaut raus und schließt uns die Herberge auf. Stempel liegen drinnen auf einem Tisch zur Selbstbedienung. Wir sind heute die ersten und bleiben auch die einzigen.

Seit dem 12.8. hat hier niemand mehr übernachtet. Meine Frau schreibt in ihrem Tagebuch: "Die Räumlichkeiten sind großzügig: oben und unten je zwei Duschen und Toiletten. Die Einrichtung eher spartanisch: unten 3 und oben 4 Doppelstockbetten, wobei bei dreien die Matratzen fehlen; dazu einige ehemalige Schultische und -stühle. Die 'Küche' besteht aus einer Kochplatte und zwei Töpfen auf einem wackligen Tisch. Wir bleiben die einzigen Gäste. Mit der Dunkelheit kommt der Regen, Dauerregen. Von den Bergen ringsum ist nichts mehr zu sehen. Wir genießen den ruhigen Abend zu zweit mit einer Hühnersuppe aus einer Tüte, Käse, Brot, Früchten und Wein. Der Wecker wird auf 5h30 gestellt, denn die morgige Etappe ist mit 25 km wesentlich länger, und es geht in die Berge!"

Rings um das Haus wuchert in der Feuchtigkeit alles. Sie haben angefangen, einen Kamin zu installieren. Das Außenrohr ist schon montiert. Das zugehörige Baugerüst steht auch noch da, schon so lange, dass es halb von Dornenranken überwuchert ist. Spanien! - Noch lange befürchten wir, dass spät nachts wieder Fäuste gegen die Tür hämmern, aber das passiert nicht. Es wird bitter kalt. Ausnahmsweise frieren sogar wir "Nordeuropäer". :-) Wir schließen alle Türen und Fenster und stellen uns zwei vorhandene Heizlüfter an, vor denen natürlich auch unsere Wäsche hängt. Bald ist der Raum schön mollig, und wir schlafen ungestört. Heute haben wir mit gut 300 km die Hälfte unserer diesjährigen Tour hinter uns.

19.08.2002, Montag: Von Godán nach Tineo, 25,5 km (81 km)

5h30 klingelt der Wecker. Ein Blick nach draußen: Regen. Lieber wieder noch eine Stunde ins Bett. Gegen 8 Uhr schaue ich nochmal aus der Tür - und werde fast von einem Schäferhund umgeworfen. Er ist aber nur nass und kalt und möchte Wärme und Geborgenheit. Bekommt er nicht, ich schließe die Tür schnell wieder.

Regen und ein tristes Refugio

8h25 machen wir trotz Regen einen entschlossenen Ausfall. Die Betreuerin hat auf der Lauer gelegen und nimmt uns den Schlüssel ab. Wir bedanken uns für die Unterkunft. Das Wetter werde in den nächsten Tagen nicht besser, bedauert sie (und sollte Recht behalten). Zum Warmlaufen einige Kilometer, erst zurück zur Abzweigung an der Fernstraße, dann geradeaus nach Salas. Wolkenstreifen verhüllen Einzelheiten, es soll ein schöner Ort sein. Im historischen Zentrum kaufen wir ein. Wir stehen gerade im Vorbau der Kirche unter, als Jürgen, Susanne und Christine daherkommen. Das Refugio ist praktisch um die Ecke, und wir besichtigen es kurz.

O je, was für ein Unterschied zu Godán! Ein einziger kleiner Raum mit 6 Betten, dazu ein winziger Dusch-Wasch-Klo. Ein Pilger (Radfahrer) sitzt auf dem Boden (es gibt weder Tische noch Stühle) und frühstückt. Ein zweiter ist gerade unterwegs. Nicht einmal genug Betten hätten wir also gehabt, um hier unterzukommen. Gesegnet unser Entschluss, die paar Kilometer nach Godán zuzulegen.

Die vier Spanier, die in San Juan de Villapañada nachts noch ankamen, waren auch hier gewesen. Merkwürdig, dass sie nicht nach Godán gefahren sind. (Später erzählen sie, davon nichts gewusst und sich ein Privatquartier gesucht zu haben. Sie und wir hätten ja sogar jede Gruppe für sich eine eigene Etage in Godán gehabt!)

Die erste Bergetappe

Dann heißt es: Vorwärts! Jetzt geht's ins Gebirge. Mir ist etwas mulmig zumute. Die Wegbeschreibung bei Michael Kasper ist einmal recht kritisch; finden wir das alles, und das in Nebel und Regen, bei schwerem Boden und steil aufwärts? - "Bangemachen gilt nicht!" Anfangs geht es einen sehr schönen Wanderweg langsam ein Tal hoch. Überall tropft's. Bald sind die Schuhe nass. Sie sind nicht regendicht, und bald quietschen auch die Socken vor Nässe. Aber die Beeren schmecken kalt und frisch so gut wie nie! Am Ende eine Serpentine zur Fernstraße hoch, auch machbar. Ich atme schon etwas auf.

Oben an der Straße liegt links eine Bar. Ein Hund will über die Straße zu uns hin, kommt fast unter einen Lastwagen. Da lässt er's sein. Es folgen 2 blöde Kilometer die Straße entlang. Haben wir die Abzweigung nach links übersehen? Aber überall geht es doch nur undurchdringlich ganz steil hoch. Eine große Rechtskurve, eine Brücke, Linkskurve, dann eine Ruine rechts wie beschrieben. Wenige hundert Meter weiter geht ein breiter Waldweg links ab, doch nicht zu übersehen. Gelbe Pfeile leiten uns einigermaßen deutlich. Bald geht es einen sehr matschigen Hohlweg hinauf, keine gelben Pfeile mehr. Doch, in sehr großen Abständen, aber es geht einfach den Weg weiter. Michael Kasper schreibt, bald sei der Weg zugewachsen, und man müsse sich links durch den Wald bis zu einem Haus durchschlagen. Das ist wohl nicht mehr so. Man bleibt stur auf dem Weg, der auch nicht wesentlich schlechter wird und kommt fast auf der Höhe an zwei Wiesen raus. Links liegen zwei Bauernhöfe. Zwischen ihnen geht man hindurch und findet die bei Michael Kasper genannte kleine Asphaltstraße. Ich jubele, das war das schwierigste Stück heute.


Ein Waldschrat und eine Hexe als Hundeschreck

Ein angeketteter Hund, der aber den halben Weg erreichen kann, sieht uns vom ersten Bauernhof rechts entgegen. Für ihn kommen ein unförmiger Waldschrat und eine Hexe mit einem Riesenbuckel (unsere Regenumhänge!) aus dem Wald und dem Regen. Rückwärts kriecht er durch ein Loch ins Haus. Erst als wir längst vorbei sind, traut er sich wieder raus. Den haben wir vielleicht geschockt!

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Eine "Hexe" im Regen

Oben sind Wiesen und Weiden. Das Sträßchen läuft über die Höhe, auf La Espina zu. Wir essen reichlich Brombeeren rechts und links. Eine Bauersfrau spricht uns an, lädt uns zu irgendwas ein. Ich mag nicht zurückfragen, wir lehnen auf Verdacht ab. Sie schüttelt etwas ungläubig den Kopf, dass es Leuten Spaß macht, so durch die Lande zu ziehen. Der Regen hat sich zu einem letzten Fisseln abgeschwächt.

In La Espina machen wir in einer großen offenen Betonhalle, die für Dorffeiern dient, Pause und essen etwas. Leider ist fast alles dreckig und feucht. Da kommen Susanne und Christine, für Jürgen war diese Bergtour nichts. Auch sie haben alles gut gefunden. Wir laufen getrennt weiter, treffen aber im nächsten Dorf, La Pereda, wieder zusammen. Aufgepasst: Wir ließen uns durch einen Trecker und einige Leute ablenken und verpassten die Abzweigung bei Hausnummer 39 rechts hoch. Die gelben Pfeile führen nämlich geradeaus zur Dorfkirche und von ihr etwas höher parallel zurück, bis man 100 m unter sich die Abzweigung sieht, an der man vor etlichen 100 m vorbeigekommen ist. Die spinnen, die Asturier!

Nach Tineo hinein

Danach ging es noch viele Kilometer auf halber Höhe durch die hügelige Landschaft. Susanne und Christine waren mal vor uns, mal hinter uns, je nachdem, wie die Einzelnen Pause machten. Einige Male muss man aufpassen, weil Fahrspuren abgehen. Ein quergelegter Zweig mit einem Stein hielt uns von einer falschen Abzweigung ab. Im Tal tauchte Industrie auf, sicher schon Vorgeplänkel von Tineo. Schon dachten wir, dass die Stadt gleich um die Ecke läge, aber dann waren wir noch lange nicht da. Es muss erst ein Friedhof erreicht werden, vor dem man rechts geht. Dann muss man noch einen Hügelrücken überwinden, und dann kommen langsam einige Häuser in Sicht. Ein Fußballplatz, eine Kapelle, eine breite gepflasterte Allee, und man ist immer noch nicht da. Unterhalb liegt ein neuer Stadtteil von Tineo, aber die Altstadt ist weiter rechts. Am Ende der Allee stiegen wir Treppen hinab, zogen durch einen Vorort (ich hatte den Eindruck, dass die Leute unfreundlich guckten) und kamen so an den oberen Altstadtrand und eine große Kirche. Man läuft nun geradeaus die Calle Mayor bergab ins Zentrum. Unten (aber noch lange nicht unten im Tal) liegt links das Rathaus, in dem man sich bei der Polizei den Schlüssel holt. Wir bekamen dort später die Stempel für den Pilgerpass. Da wir mit Recht annahmen, nicht die ersten zu sein, ließen wir das Rathaus links liegen und gingen geradeaus die Altstadt weiter hinunter, an Geschäften vorbei. (Links an einem kleinen Platz liegt die Bar Los tres chicos, wo wir abends sehr gut gegessen haben.) Nochmal senkt sich die Straße, und rechts liegt ein großes altes Gebäude, das ehemalige Schlachthaus. Das ist das Refugio.

Noch ein tristes Refugio

Einwandfrei das schlechteste vom ganzen Camino primitivo: Nix "24 Liegen" (Michael Kasper), sondern 18 Betten, aber Dreistock! Wie ein Schock traf mich die Erinnerung an Viana (siehe meinen Bericht von 2000). Jürgen, Carlos und Javier waren anwesend, die spanische Vierergruppe (Enrique und Co.) nicht, sie hatten aber Betten belegt. So unglücklich, dass für meine Frau und mich weder neben- noch übereinander in der 1. und 2. Etage etwas frei war. Ich war stocksauer. Schimpfte auf Spanisch, dass motorisierte Pilger gefälligst zu warten hätten, weil Fußpilger Vorrang haben. Jürgen war ganz erschrocken, fühlte sich schon mitgemeint. Javier war gleich bereit, sich ein anderes Bett zu suchen. Nein, nein, sagte ich, das werde ich mit der anderen Gruppe klarstellen, bei denen beschwere ich mich.


Tristes Refugio in Tineo Durch Anklicken vergrößern Eine Dusche, 2 Toiletten. Kein Aufenthaltsraum, ein kleiner Tisch im Schlafraum, keine Stühle. Carlos und Javier frühstückten am andern Morgen im Vorraum auf dem Fußboden. Also, Tineo ist wirklich kein Ruhmesblatt. Nach San Juan de Villapañada und Godán war man vielleicht etwas verwöhnt, aber hier konnte auch mit wenig Aufwand viel verbessert werden. Ein paar wackelige Stühle findet man z.B. auf jedem Sperrmüll...

Wir gingen durch die Stadt, besichtigten ein bisschen, erforschten, wie der Pilgerweg anderntags weiterging. (Hier kam die Szene, dass mich zwei Jungen fragten, ob ich der Weihnachtsmann sei und was ich in ihrer Straße wolle. Siehe meinen Bericht über Tiebas, Kapitel 2). Bei der Polizei gab's Stempel. Carlos zeigte uns einen Supermarkt. - Mitten durch die Stadt kamen auf einmal zwei Reiter daher. Für Pilger hatten sie sehr wenig Gepäck dabei. Später sahen wir noch bis Lugo immer wieder Hufspuren, selbst auf engen, schmalen Pfaden. Es mussten also doch wohl Pilger sein. In den Refugios trafen wir sie nicht, die taugten ja auch normalerweise nicht für Pferde. Die Reiter, ein Mann und eine Frau, hatten sich wohl Unterkünfte organisiert, deshalb auch das geringe Gepäck.

Eine Aussprache und ein prima Abendessen

Inzwischen überlegte ich mir, dass man mit Groll nicht weiterkommt. Ich sollte mich lieber mit den vier Spaniern aussprechen. Ein goldener Entschluss! - Regen trieb uns in die Herberge zurück. Inzwischen waren die vier Spanier wieder da. Jetzt musste die Aussprache kommen. Enrique lag neben mir im Bett gegenüber. "Hör mal," sagte ich, "ich bin etwas traurig, dass meine Frau und ich nicht zusammen ein Doppelstockbett haben können." Er sprang sofort auf. Das war doch kein Problem! Jesus, mit der dicken Wampe, der so schnarchte (lauter als ich) und das Auto fuhr, wurde über mir aus dem Bett gescheucht, da kam jetzt meine Frau hin. "Und ich bitte euch, wenn ihr demnächst wieder eher als wir in einer Herberge seid, dass ihr für meine Frau und mich ein Doppelstockbett reserviert." Sie versprachen es. (Auch wenn es zwei Tage später wieder vergessen war.)

Enrique war der kontaktfreudigste der vier. Als er merkte, dass ich mir mit Spanisch Mühe gab, trainierte er mich regelrecht. Aber zunächst entschuldigte er sich noch für den nächtlichen Auftritt in San Juan de Villapañada und erklärte alles. Sie seien an diesem Tag den ganzen Weg von Alicante mit dem Auto heraufgekommen, um den Camino primitivo zu gehen. In Oviedo war zu ihrem Schrecken alles voll, in Escamplero auch. Deshalb kamen sie so spät, was ihm jetzt noch furchtbar peinlich war. Er, sein Arbeitskollege Antonio und dessen Sohn David, liefen brav jeden Tag wie wir, evtl. mit etwas weniger Gepäck. Jesus, sein Bruder, fuhr das Versorgungsfahrzeug. (Nach den Caminoregeln hätte Jesus nicht in den Refugios übernachten dürfen.) Nun, was sollte es, bald saßen wir alle zusammen und radebrechten um die Wette. Jesus kam aus Murcia und war kaum zu verstehen. David hatte auch Englisch in der Schule, aber er war zu schüchtern und ungeübt... Sie hätten fantastisch gut und billig gegessen, schwärmten sie und beschrieben das Lokal. Abends gingen wir dorthin: Fleitepiepen, gesalzene Preise laut Aushang. Als wir wieder zurückgingen, kamen uns Enrique und die anderen entgegen. Ob das Lokal nicht gut sei? - Das schon, sagte ich, mittags! Abends haben sie ganz andere Preise. - So war's. Also in die viel näher liegende Bar "Los tres chicos". Comedor im Hinterzimmer, wie üblich. Wir sind zu fünft, die Wirtin freut sich. Klar gibt es Menü, und Fischsuppe, und... und... Alles bestens und super. Diese kleinen Bares und Restaurants freuen sich über ein Geschäft in der Woche, und dann wird man in jeder Hinsicht bestens bedient.

20.08.2002, Dienstag: Von Tineo nach Borres, 18,5 km (99,5 km)

6h30 aus den Federn, wenigstens kein Regen. Carlos und Javier frühstücken im Vorraum im Dunkeln auf dem Fußboden, um im Schlafraum niemanden zu stören. Meine Frau hat Mühe, irgendwo den Tauchsieder einzustöpseln, ohne dass einer drüber stolpert. Alles sehr unbequem in dieser Enge. 7h50 los. Ich habe am Vortag herausgefunden, dass man nicht unbedingt den Weg zur Kirche zurück wieder hochlaufen muss. Man kann auch die Parallelstraße links nehmen, wo es u.a. zum Supermarkt und zum Postamt geht und dann (Pilgerwegzeichen!) nur ein Stück rechts hoch zur nächsten Gasse (Calle de la Fuente), dort links. (Geradeaus weiter hoch würde man wieder an der Kirche rauskommen.) Der Weg geht zunächst an einem Brunnen vorbei (deshalb der Straßenname) und dann in einem riesigen Linksbogen von mehreren Kilometern oberhalb des Tales von Tineo her, das man die ganze Zeit von oben sieht. Die Stadt liegt recht merkwürdig, einen Hang entlang, in verschiedenen Höhenlagen. Aber selbst das Refugio, das man ebenfalls noch lange sehr deutlich sieht und das mit den tiefsten Punkt darstellt, ist noch weit über dem Talgrund. Insgesamt ist der Verlauf des Pilgerweges nicht schlecht, denn so behält der Fußwanderer die Höhe. Der Weg zwischen Steinmauern und Wiesen ist zudem sehr schön.

Abstecher zum Kloster Obona

Gegen 10h00 sind wir an der Abzweigung zur Ruine des Klosters Obona. Die 300 m wollen wir investieren. Das Kloster kommt in Sicht. Was, so weit weg? Das mit den 300 m scheint wohl nicht zu stimmen. Außerdem geht es noch in ein Bachtal runter und dann wieder rauf, fast bis an den kleinen Ort. Endlich an der Ruine. O, diese ist schon teilweise renoviert. Das Dach ist neu, das Obergeschoss macht sogar einen bewohnbaren Eindruck. Überall liegen behauene Ersatzsteine rum. Hm, die Arbeiten sind wohl seit langem unterbrochen. Die "neuen" Steine auf dem Boden setzen bei der dauernden Feuchtigkeit schon wieder Moos an... Jedenfalls haben wir einen schönen Lagerplatz, ein Dach über dem Kopf und zu essen und zu trinken...

Guter Laune geht es um 11h00 zurück zum Pilgerweg. Pedantisch zähle ich die Schritte. Bei 600 höre ich auf, wir sind knapp vor dem Abzweig. 300 m waren also durchaus richtig. - Inzwischen ziehen schon wieder Nebel und Regenwolken heran und fangen an, das Kloster zu verhüllen...

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Klosterruine Obona

Der weitere Weg bietet noch manchen schönen Blick zurück durch die Bäume und Büsche, soweit die Wolken das zulassen. 12h25 haben wir Campiello erreicht: Laden, Bar mit Pilgergericht. Vor dem Laden stehen Enrique, Antonio und David; sie grüßen und fragen, ob wir nichts essen wollen. Wollen wir nicht. Wir haben so gut am Kloster gegessen, dass wir nichts brauchen.
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Herberge in Borres
Kurz darauf kommt Borres in Sicht, liegt oben auf einem Querhang. Wir gehen gerade einen sehr kotigen Weg hinunter. Vor einem Brunnen kommt uns ein Bauer auf einem Trecker entgegen. Er hält und sagt: Zum Refugio einfach hier rechts hoch! - Der Pilgerweg macht nämlich einen riesigen Bogen durchs Dorf. (Tatsächlich weist auch eine Muschelkachel darauf hin, aber die haben wir übersehen. Nur wer nicht übernachten will, sollte weiter geradeaus gehen.) Wir bedanken uns und ziehen den steilen Weg rechts hoch, an einem Bauernhof vorbei, bis zum Refugio. Wieder eine ehemalige Schule. Sie liegt zwischen zwei Höfen an einer Straße, die aus dem Ort kommt. Geschlossen, keiner da. 13h00.

Stempeln gehen in Borres

Da fährt Jesus mit dem Auto vor, ein Nachbar kommt neugierig hinzu. Ich biete an, den Schlüssel zu holen. Sie wundern sich: Jesus könnte doch mit dem Auto... Nein, nein, meine Frau und ich traben schon los. Laut Handbuch an der Kirche irgendwo... Stimmt nicht mehr! Wir fragen mehrere Leute. Den Schlüssel hat der jetzige Bürgermeister, der in einem großen Bauernhof 30 m oberhalb der Straße wohnt. Der Hof ist an einem großen Balkon zu erkennen; außerdem geht direkt rechts an ihm der weitere Verlauf des Pilgerweges vorbei. - Ich gehe vorsichtig in ein Stallgebäude (kein Hund). Vor mir ein Treppenaufgang, eine Tür. Ich klopfe und rufe "Buenas tardes." Ein Junge erscheint und holt seine Mutter. Die hat das Pilgerbuch gleich mitgebracht und den Stempel. Sie ist sehr freundlich, aber hier kann offensichtlich jeder mit Credencial den Schlüssel bekommen. Was dann in der Herberge abläuft, wird nicht kontrolliert.

Die Herberge ist dementsprechend vernachlässigt und unsauber. Wir müssen erst einmal fegen. Im Schrank liegen Essensreste, pfui! Gottlob ist oben an der Straße ein Container. Inzwischen treffen Enrique, Antonio und David, dann auch Jürgen, Susanne und Christine ein. Später noch der Radfahrer, den wir in Salas gesehen hatten, sowie sein Kumpel, der "Rastapilger" (so nannte er sich laut Gästebuch selbst), Prototyp südländischer Macho im Jesusstil, aber zusätzliche Rastalocken, die er abends sorgfältig auf seinem Kissen ausbreitete. Wenn die Räder nicht hätten repariert werden müssen, wären sie uns nach Salas längst davongefahren...

Von 12 Betten blieb also nur eines frei. Carlos und Javier waren noch die 15,5 km nach Peñaseita weitergegangen, die 18 km nach Borres fanden sie zu wenig. Wir sahen sie nicht wieder. Man kann diese Doppeletappe machen, sollte aber beachten, dass es vor Pola de Allande über 2 Pässe geht und hinter dem Ort 3 km sehr mühsam nach Peñaseita hoch.

Ein "geheimer" Laden

Das Wetter ist gut. Die Wäsche trocknet auf den Dornenhecken. Jesus winkt mir, mit zum Einkaufen zu fahren. Es soll einen Laden geben, aber wir haben ihn nicht gefunden. Der Nachbar gibt uns den Tipp: Das Haus mit den blauen Türen an der Straße. Einfach anklopfen. Außer einem Schild, dass es hier ein öffentliches Telefon gibt, ist äußerlich dem Haus in keiner Weise anzusehen, dass es ein Laden ist. Enrique klopft. Ein Mann schaut aus der Tür, fragt misstrauisch, was wir wollen. (Aha, der Laden ist wohl dem Finanzamt nicht bekannt.) Na, was wohl? - Wir gehen hinein. Drinnen ist es recht dunkel, weil alle Fenster geschlossen sind, aber wir erkennen: Bar, großer Laden, usw. Von der Decke hängen einträchtig Regenschirme und Würste. Brot? - Die alte Frau nuschelt was von Eis. Endlich geht mir ein Licht auf: Brot gibt's nur tiefgefroren, aber abends sei es aufgetaut wieder knusprig. - Wissen wir, so eines lag im Refugio im Schrank... Mangels Alternativen nehmen wir eines, dazu einige "Kannen" San Miguel, usw. Die Frau schreibt die Preise auf einen Zettel. 11,40, Mann, die schlagen hier aber zu. Ich habe schon das Geld in der Hand, was rechnet die denn immer noch? Auf einmal will sie nur noch 6,85 EUR. Ach du liebe Zeit, die Angabe vorher lautete auf 1.140 Peseten. Da hätte sie mich ganz schön übers Ohr hauen können.

Zurück im Refugio machen wir es uns in der frischen Luft bequem und schwatzen. "Mopsen", nenne ich das, wenn man herrlicherweise nichts zu tun hat als zu faulenzen und sich auszuruhen. Körper, Nerven und Seele tanken auf.

Ein weiterer nächtlicher Überfall

Abends, als wir unsere Betten vorbereiten, muss der Rastapilger noch seinen Machopflichten nachkommen. Wo sie denn schlafe, fragt er Susanne. Na, unter Jürgen, neben Christine. - Was, nicht neben mir? Er spielt den Geknickten. Susanne schaut mich verständnislos an. Ich erkläre ihr, dass Machos so sein müssen, auch wenn sie mal keine Lust haben. ;-) Na, bei Susanne, jung und gut aussehend, ist es ihm sicher nicht schwergefallen...

Gegen 22h00 reißt uns das Mobiltelefon des Rastapilgers aus dem ersten Schlummer. Ich kann verfolgen, worum es geht. Er fragt: "Seid ihr die 3er- oder die 4er-Gruppe?" - Nein, es wäre nur noch ein Bett frei hier. - Also okay.

Eine knappe halbe Stunde später treffen seine 3 Bekannten ein, lärmen rum, essen im Vorraum. Zwei Männer und eine Frau. Die Frau hat wie viele Spanierinnen eine unglaublich tiefe Stimme, dazu laut wie ein Feldwebel. Man stelle sich vor: Ihnen war das Refugio in Tineo nicht gut genug, und da sind sie mal eben mit dem Taxi hierher. Der ältere der beiden Männer schnappt sich das freie Bett über Christine, die beiden anderen betten sich auf den Boden, dass ich kaum an ihnen vorbei aufs Klo kann. (Zum Glück habe ich nachts immer die Taschenlampe griffbereit.) Sie wecken auch noch unsere österreichischen Freunde, ob diese ihre Isomatten auspacken und ihnen leihen. Tun sie nicht, sie haben schon fertiggepackt und müssen morgen ganz früh los. Sollen sie ihnen dann die Isomatte unterm Hintern wegreißen? Nein, die beiden Neuankömmlinge wollen auch lieber etwas hart schlafen als morgens früh raus. Wie es beliebt... Später werden sie außerdem merken, dass Jesus, Enrique und ich fürchterlich schnarchen. Tineo hätte doch auch seine Vorzüge gehabt.

21.08.2002, Mittwoch: Von Borres nach Peñaseita, 15,5 km (115 km)

Ein peinlicher Mundraub

Am Morgen bringt meine Frau unsere Frühstückssachen auf den kleinen Tisch im Vorraum. Sie bereitet gerade den Kaffee und ich will Brote schmieren, als der ältere Spanier, ich nenne ihn mal José (nach seinem Namen habe ich nie gefragt), dazukommt und sich die Tüte mit den Apfelsinen schnappt. Jetzt wird mir's aber zu bunt. Ich funkele ihn an und nehme ihm die Apfelsinen wieder weg. "Das sind meine" behauptet er und schnappt sie sich wieder. Meine Frau kommt dazu. "Der hat einfach unsere Apfelsinen genommen" beschwere ich mich. Meine Frau versteht das auch nicht. Ich suche in unseren verschiedenen Plastiktüten und Leinenbeuteln herum, die auf dem Tisch liegen. In einem Beutel ist was Rundes, ich hol's raus: Es sind unsere zwei Apfelsinen. - Oh, oh, wie peinlich! (Ich konnte natürlich nicht wissen, dass José noch Sachen von gestern zwischen unseren auf dem Tisch liegen hatte.) Ich entschuldige mich. Er nickt und kaut friedlich an seiner Apfelsine weiter.

Wieder zugewachsene Wege

8h13 ziehen wir los, sind fast die letzten. Unterwegs gabelt sich der Weg. Man kann theoretisch Pola de Allande links liegen lassen und direkt über den Pass Puerto de Palo ziehen. Als Unterkunft gibt Michael Kasper eine Viehhütte an. Hier kann man schon sagen: Unmöglich! (siehe im Bericht weiter unten)

Also den Weg Richtung "Pola" weiter. Dann kommt hinter dem Dorf Samblismo eine Wiese, die man wegen geschlossener Gatter nicht durchqueren kann. Man sollte sich aber weniger über den sturen Bauern aufregen als über die Trägheit der Anwohner, den Pfad, der neben der Wiese herführt, nicht gelegentlich freizuschneiden. Ich musste wieder "Räumpanzer" spielen, unsere Isomatten wurden abermals arg zerrupft. Kurz darauf wurde es noch schlimmer, da war der Weg völlig durch Dornen versperrt. Meine Frau wich auf die benachbarte Wiese aus, ich selbst "schlug mich durch".

Hundegebell aus dem Dorf hinter uns lässt uns vermuten, dass Susanne und Christine nahen. Ein Trecker will gerade den Hohlweg vor uns ausfüllen. Wir schlüpfen noch heraus, bedeuten ihm, dass noch mehr Leute kommen. Er bleibt tatsächlich mit dem Trecker stehen. (Nachher erzählen Susanne und Christine, dass sie keinen Trecker gesehen haben.)

Der durchgestrichene Pfeil

Dann liegt der erste Pass, Alto de Porciles (770 m), vor uns. Da wir schon sehr hoch sind, keine große Anstrengung. Im Dorf Porciles selbst holen wir José und seinen Freund ein, die Frau ist nicht zu sehen. Wir stolpern einen kotigen Hohlweg hinunter. Da ruft José hinter uns her, dass unsere Schuhe nichts taugen. Sie selbst haben hohe Bergstiefel an, wir nur feste Halbschuhe. Mir kommt wegen diesem Besserwisser die Galle hoch: "Darin sind wir schon über 350 km gelaufen, alles in Ordnung!" rufe ich abweisend zurück. Bloß Abstand gewinnen! Auf einer schönen Brücke muss meine Frau natürlich ein Foto machen. Da kommen sie schon wieder, Susanne und Christine sind dabei. Ich renne blind los. Der Weg wird immer matschiger, geht gleichzeitig immer steiler nach unten. Nach einigen hundert Metern schaue ich erst wieder auf meine Handbuchkopie, weil ich lange keinen gelben Pfeil mehr gesehen habe. Verd... Mist! Schon kurz hinter der Brücke war eine Abzweigung.

Knirschend hüpfe ich durch den Matsch bergauf zurück, meine Frau sagt lieber nichts. Ja, an der Abzweigung ist tatsächlich auch ein gelber Pfeil geradeaus, aber sein unteres Ende ist gelb durchgestrichen. Die beiden anderen gelben Pfeile, die nach rechts eine steile Böschung hochzeigen, habe ich übersehen. Na, jetzt brauchen wir nicht mehr zu hetzen, sind eh die Letzten. :-((

Eine Pilgerin aus Galicien

Halb die nächste Höhe hoch, sehe ich jemanden hinter uns herkommen. Es ist die Frau mit der tiefen Stimme. Eines muss man ihr lassen: Sie hat einen Schritt drauf, da kommen wir nicht mit. Oben auf der Höhe vor dem zweiten Pass, Alto de Labadoiro (815 m), hat sie uns eingeholt, fragt uns etwas aus. Sie heißt María Cruz. Sie ist in Galicien zu Hause, irgendwo vor uns unweit des Jakobsweges. Macht einfach ein paar Tage Urlaub und läuft nach Hause. Den Wegabschnitt hier kennt sie noch nicht. - Bald zieht sie weiter vor uns her. Wir tun uns an den Brombeeren gütlich.

Nun ist es nicht mehr weit bis Pola de Allande. Ca. 11h30 erreichen wir die Stadt und holen María Cruz ein, die gerade eine Frau fragt, wo das Refugio ist. Ich weiß es, habe ja mein Handbuch. Das braucht sie nicht, sagt sie, sie folgt einfach den Pfeilen. (Na, viel Spaß!) - Das Refugio liegt in Peñaseita, etwa 3km außerhalb.

Hilflos unter Hilfsbereiten

Mitten in der Stadt winkt man uns in einen Laden. Hier sitzen Jürgen, Susanne und Christine als "Gefangene" eines "hilfreichen" Spaniers. Die drei wollten von hier aus mit dem Bus nach Lugo, um einige Etappen zu sparen. Nur so können sie noch Santiago de Compostela in ihrer Urlaubszeit erreichen. In Pola stellen sie fest, dass erst um 19 Uhr ein Bus nach Fonsagrada fährt, und erst so spät weiter nach Lugo, das geht wohl nicht. Obwohl uns Carlos inzwischen versichert hat, in Lugo sei vor 2 Monaten ein ganz neues Refugio eröffnet worden...

Der Spanier, Ladeninhaber, hat die drei aufgelesen, möchte gern helfen. Man hat sich aber nicht verständigen können. Jetzt kann ich das Wichtigste dolmetschen. Der Ladeninhaber will einen Freund mit einem Auto mobilisieren. Jürgen macht umgekehrt klar, dass sie bezahlen können und wollen. Und vorher noch ein Mittagessen einnehmen...

Wir schlagen vor, gemeinsam zum Abschied essen zu gehen. Es ist 11h45. Ich überschlage im Kopf: 3 km hin, und 3 km ohne Gepäck zurück, alles klar: spätestens 13 Uhr sind wir wieder hier. (Wie war noch die Geschichte mit Hans Großmaul?)

Mühsamer Marsch zum Refugio von Peñaseita

Wir tippeln los, ziemlich schnell über die Landstraße. Wo kann nur dieses Refugio liegen? An einer Bar, aber mitten im Gebirge, das sich vor uns nach allen Seiten auftürmt? Laut Handbuch werden wir gleich von der Straße abzweigen und mitten in der Wildnis bergauf gehen. Ich suche die Täler links vor uns ab, nichts zu sehen. Hinter einem Haus kommt die Abzweigung, deutlich gekennzeichnet. 300 m vor uns läuft María Cruz. Wir winken sie zurück. Leute haben ihr gesagt, immer die Straße entlang. Merkwürdig. Aber sie will ja den Pfeilen folgen und schließt sich uns an.

Jetzt kommt ein sehr mühsamer Weg, wenn auch landschaftlich sehr schön. Etwa bergab, dann wieder viel bergauf. Ein Bauernhof, noch einer. Ich habe keine Ahnung, wie weit wir sind. Keine Pfeile. Ganz, ganz selten ein Muschelstein, wenn wir gerade aufgeben wollen. Durch einen Hausanbau hindurch. Weit oben ist die Straße, man sieht mehrere Gebäude. Noch ein großer Bauernhof. Ja, immer weiter, sagen die Leute. Es gibt Kilometer, die nehmen kein Ende. María Cruz bleibt zurück, telefoniert mit ihrer Tochter. Mir langt's jetzt eigentlich. Ich mag gar nicht auf die Uhr schauen. Diesen Weg bis 13 Uhr zurück, das können wir uns abschminken. Vor uns versperrt eine Kuh den Weg. Na, mit Kühen kenne ich mich aus. Einfach weiter, sie trottet vor uns her, biegt um eine Ecke. O, rechts geht's steil hoch. Eine Muschelkachel mit "Refugio", eine weitere zeigt auf den Weg geradeaus, da geht's also morgen weiter. Endlich alles klar! Steil hoch. Links oberhalb Stimmen, da arbeiten Leute (in einem Garten). Vor einer Wiese mit Gatter nach links und noch weiter steil hoch. Ich pfeife aus dem letzten Loch. Oben erreichen wir die Straße. Wo ist das Refugio? Links weiter liegt ein Haus. Es ist eine große Bar an der Landstraße, wo man den Schlüssel bekommt. Wer also die Landstraße einfach weitergeht, kommt hier gemütlich hoch...! Ich fühle mich gefoppt. Noch mehr, als man uns in der Bar sagt, dass wir zum Refugio die Straße hinunter müssen. Am Ende stellt sich heraus: Wenn man schon den Pilgerweg von unten kommt, sollte man durch das erwähnte Gatter die Wiese hoch und ist gleich beim Refugio.

Trotz dieser Mühen: Der Pilgerweg unterhalb der Straße ist zwar mühsam, aber doch viel schöner als die gefährliche Straße. Ich würde ihn also trotzdem empfehlen. Aber man muss sich psychisch drauf einstellen können (da hat uns das Handbuch im Stich gelassen), muss wissen, dass man sich um fehlende Wegekennzeichen keine Sorgen machen soll, da die Abzweigung nicht zu übersehen ist, und man muss für diese 3 km von Pola de Allande nicht eine halbe Stunde ansetzen wie ich, sondern eine gute Stunde. 12h45 waren wir angekommen. (Enrique erzählt, dass Antonio, David und er auf dem halben Wege zwischen Pola und dem Refugio auch verzweifelt sind. Sie dachten, sie haben den Weg verfehlt und sind dann einfach steil nach oben zu einer Gaststätte an der Straße hochgeklettert. Wir waren also mit unserer Ungeduld und Unsicherheit nicht allein.)


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Refugio von Peñaseita
In der Herberge gleich wieder Ärger. Zwei Schlafräume (oben ist alles offen) mit je 6 Betten rechts und links. Auf den ersten Blick alles belegt. Auch Enrique und Co. haben für uns nichts freigehalten. Die vier liegen links, dazu der Kumpel von José. Rechts hat sich José selbst breitgemacht, für María Cruz was reserviert... ja, und die übrigen Betten? Da liegen Sachen drauf. Sind die nun frei oder nicht? José brummelt was. María Cruz gibt ein Bett in der Mitte frei und zieht in den linken Schlafraum. Mir langt's wieder. Ich knalle meinen Rucksack auf das mittlere Bett unten, meine Frau belegt das Bett oben. José zuckt mit den Schultern.

Wozu ein Unterstützungsfahrzeug nicht alles gut ist

Ich frage Enrique, ob Jesus zufällig mit dem Auto zum Einkaufen in die Stadt fährt, weil wir uns eigentlich jetzt (es ist 13 Uhr) von Jürgen und Co. in Pola verabschieden wollten. Hatte Jesus nicht vor, aber Enrique holt sich sofort den Autoschlüssel und bietet uns an, uns nach Pola zu fahren. Wegen unserer Freunde gebe ich gegen meine Gewohnheit nach, bin nicht gern in anderer Leute Schuld.

Es kommt noch besser. Jürgen, Susanne und Christine warten brav im Laden. Ich erkläre Enrique das Problem mit dem Bus. Da sagt er doch glatt: "Kein Problem, ich fahre sie mit dem Auto nach Fonsagrada." (Immerhin mehr als 60 km entfernt!) Außerdem schlägt er vor, dass wir alle noch einmal oben in der Bar am Refugio essen gehen sollen. Wir sind ganz platt, stimmen aber begeistert und dankbar zu. Der Ladenbesitzer ist nicht froh, jetzt kann er nicht mehr den Retter spielen. - Wir kaufen noch blitzschnell Vorräte ein, dann fahren wir alle im Auto zurück.


Ein tolles Essen und ein schwerer Abschied

Das Mittagessen zu neun (Jesus, Antonio und David sind natürlich dabei) gehört zu meinen schönsten Erinnerungen. Was haben wir getafelt, geschwatzt und gelacht! Jesus erzählt, wie ihn ein brauner Stier, der sich losgerissen hatte unten an der Wiese übers Gatter gejagt hat. Himmel, das muss unsere braune "Kuh" gewesen sein! Oder hat Jesus sich vertan? Nein, später zeigt er uns den Stier, der wieder friedlich auf einer anderen Wiese bei seinen wiedergefundenen Kühen grast.
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Abschiedsessen in der Bar von Peñaseita

Die Spanier sind doch ein fröhliches Volk und so hilfsbereit. Niemals darf ich mehr über ein "Hilfsauto" (coche de ayuda) schimpfen! - Danach macht meine Frau Capuccino für alle im Refugio. Zugleich der Abschied von Jürgen, Susanne und Christine. Kaum eine Woche waren wir jetzt mit ihnen zusammen, und schon waren sie uns ans Herz gewachsen. Der Pilgerweg schmiedet Gleichgesinnte zusammen. Na, sie besuchen uns hoffentlich mal zu Hause bei uns im Münsterland.

Später erkunden wir noch die Straße bergauf, aber wir kommen nicht an eine Stelle, von wo man aus gut die vor uns liegenden Berge sehen kann. - Spät am Nachmittag keuchen noch 3 junge Spanier zur Tür herein. Ob noch Betten frei sind; ich kann's nicht sagen. Sie belegen einfach unter José und das Doppelstockbett neben uns, legen die Sachen, die darauf lagen, einfach auf Josés Bett. Recht so. Sein Kumpel stürzt zu uns rüber und zählt und zählt. Er meint, da fehle ein Platz. Ich rechne ihm vor, dass es genau 12 Betten und 12 Leute sind. Er sieht's ein. - Der eine junge Spanier merkt, dass wir Deutsche sind, schüttelt mir freudig die Hand und schwatzt irgendeinen begeisterten Unsinn von seiner Liebe zur Natur und den Deutschen... Ich wehre ab, sage, dass die Spanier auch sehr sympathisch und tüchtig sind. Später kommt nach und nach heraus, dass sie ein Auto in Pola gelassen haben und sich die Liebe zur Natur in den 3 km hier hoch erschöpfte... Also keine echten Pilger.

Abends versorgte José seine schlimm verletzten Füße, während wir wie üblich keine Probleme hatten. Wahrscheinlich war seine Bemerkung über unsere unzureichenden Schuhe nur etwas ungläubiger Neid gewesen.

Nächtliches Treiben

Das Refugio ist eigentlich sehr schön, allerdings ohne Küche (klar, bei der nahen Bar). Ein weiterer Nachteil ist, dass alle Räume nach oben offen sind, selbst die Toiletten, so dass man geräusch- und geruchsmäßig im ganzen Refugio alles mitbekommt. Nachts höre ich um 4h15 (mein Wecker lässt sich beleuchten) eine Dusche. Leute laufen rum, rascheln, flüstern, kichern. Ich sehe, dass der junge Spanier unter José mit Sachen unterm Arm abzieht. Morgens liegen er und María Cruz vor den Schlafräumen im Aufenthaltsraum auf dem Fußboden. Es soll so furchtbar geschnarcht worden sein... Nun ja, aber das war sicher 2 m weiter, hinter einer dünnen Wand, die oben offen ist, kaum leiser. Und deswegen mit Duschen alle wecken? Eine undurchsichtige Geschichte.

22.08.2002, Donnerstag: Von Peñaseita nach La Mesa, 22,5 km (137,5 km)

8h13 rücken wir wie gewöhnlich fast als Letzte ab. Wir gehen vorsichtig hinter dem Refugio die abschüssige Wiese hinunter, durch das Gatter, über das der Stier Jesus gejagt hat, und bis zum Abzweig.

Fehlende Wegekennzeichen

Dort geht es dann immer geradeaus durch das enge Tal hinauf, der zweiten großen Bergetappe entgegen. Das Wetter: Es war neblig und feucht, aber nahezu kein Regen. Nach einiger Zeit durchquerten wir ein letztes Dorf, eine Gruppe von Häusern. Bei den sichtbaren Hunden waren gottseilob die Besitzer. Hinter dem Dorf hörte der Weg zu den Weiden irgendwann auf, und wir stiegen über einen schmalen Waldpfad oberhalb der Wiesen, parallel bleibend, höher. Etwa 100 m weit mussten wir über ein Geröllfeld mit kopfgroßen Steinen. Das war das reinste Klettern, und ich hoffte bloß, dass wir den Weg nicht verloren. Wegekennzeichnungen gab es keine mehr, wir verließen uns ganz auf das Handbuch. Pfad und Wiese endeten an einen Waldrand, sumpfiges Gelände folgte. Zum Glück wiesen zwei kleine Brücken den Weg. Dann verließen wir den Bach und zogen steil nach oben davon, der Weg war nun wieder gut zu sehen, aber weiterhin keine Wegezeichen. (Hierüber wurde im Gästebuch des nächsten Refugios von vielen Pilgern weidlich geschimpft.) Wir dachten: "Arme María Cruz, die ja nur den Pfeilen folgen will." Aber nachher hörten wir von José, dass fast alle einfach die Fernstraße gegangen sind.

Angst im Nebel

Endlich erreichten wir eine Serpentine der Passstraße, verließen diese aber schon kurz darauf in einer Linkskurve wieder und stiegen in einer steilen Serpentine einen Fußpfad hoch. Bei diesem Nebel hätten wir die Straße lieber nicht verlassen sollen, auch wenn diese dann ebenfalls doppelt gefährlich ist, weil die Lastwagen einen nicht sehen. Im Nu war die Straße unter uns verschwunden, kurz darauf erstarb auch das Fahrgeräusch der Fahrzeuge. Sichtweite etwa 20-30 m. Von den Strommasten, denen man laut Michael Kasper folgen soll, ebenfalls nichts zu sehen. Bald kamen wir an Pfadkreuzungen. Ich geriet ins Schwitzen. Keinerlei Wegekennzeichnungen. Aufs Geratewohl bog ich ab, möglichst immer bergauf. Wenn wir nur nicht anstatt auf dem Pass auf dem höchsten Gipfel landeten, wo wir gar nicht hinwollten!

Auf einmal ein zertrampelter Platz, alles schwarz und voll langer Pferdehaare. Hier musste etwas passiert sein. Und da lag ja noch ein Pferdekadaver im Gebüsch! Jedenfalls sah ich ein Hinterteil und zwei Beine, aber sehr klein, wie von einem Fohlen. Meine Frau tippte auf Blitzschlag. Ich zweifelte. Das Schwarze konnte getrocknetes Blut sein, aber wer bringt hier ein Pferd um? Äh, Wildschweine nicht, aber (schluck) Bären! (Auf Fotos hatte ich gesehen, dass Asturien sich seiner Bären rühmt.) Es stank ganz schön. Daher machten wir, dass wir weiterkamen. Meinen Verdacht auf Bären behielt ich für mich. Als meine Frau etwas später meinte: "Da raschelt was im Gebüsch, muss ein Tier sein.", standen mir doch leicht die Haare zu Berge. Hoffentlich ließ ein Meister Petz sich von Waldschrat und Hexe ebenso erschrecken wie ein Hofhund... Aber Bären sollen ja sehr scheu sein und Menschen aus dem Wege gehen. Wenn man nicht gerade über sie stolpert, und unser Weg ging nun durch dichtes Wacholdergebüsch, das wir mit beiden Armen zerteilem mussten, ohne mehr viel zu sehen.

Ich ließ mich in der Richtung von meinem Gefühl leiten, wählte aber jede Alternative nach oben. Wir erreichten Bäume. Rechts erklang ein Sirren und Summen. "Die Strommasten, man kann sie hören!" rief meine Frau. Das war schon mal gut, wir hatten sie trotz des Nebels nicht verloren. Ein wenig später: Motorengeräusche schräg links über uns: die Passstraße!


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Den Pass erreicht...
Jetzt durfte eigentlich nichts mehr passieren. Wir erreichten eine große Viehtränke. Die Sicht wurde etwas besser. Über uns geradeaus vermutete ich den Pass (das war richtig). Eine größere Piste ging aber vom Brunnen aus erst noch einmal in einem großen Rechtsbogen weg. Da uns dieser Weg sicherer erschien, folgten wir ihm, und zu unserer Erleichterung schwenkte er bald in die Richtung ein, in der wir den Pass vermuteten. Nur wenig später sahen wir vor uns Leitplanken. Wir hatten es geschafft! Vor Erleichterung schon wieder zu Späßen aufgelegt, spielte ich den halb Ohnmächtigen, der über das schiefe Schild "Camino de Santiago" hing, direkt unter dem Hinweis "Puerto de Palo, 1.146 m".

Die "Notunterkunft" auf dem Pass

Auf den Wiesen vor uns die Notunterkunft, die Michael Kasper erwähnt, eine Betonhütte, die auch den Kühen bei schlechtem Wetter als Unterschlupf dient. Wir schauten hinein. Puh! Dreck und Kuhmist mehr als knöcheltief. Unmöglich, auf dem Boden zu schlafen. Einige Gerippe von Autositzen machten das Ganze auch nicht wohnlicher. Hier kann man nicht mehr unterkommen! Ich empfehle, noch bis ins nächste Bergdorf (Montefurado) hinunterzugehen. Dort um Obdach bitten oder zur Not bei besserem Wetter einigermaßen geschützt unter dem kleinen Vordach der Kapelle lagern.

Lohn der widerstandenen Versuchung

Wir blieben auf unserem Weitermarsch nun auf der Straße, obwohl wir den nächsten Abzweig rechts durchaus nicht übersahen. Die Sicht war etwas besser, aber noch einmal wollten wir nicht riskieren, uns zu verlaufen. Tatsächlich kürzt der Pilgerweg hinter dem Pass eine große Serpentine ab. Etwa 2 km weiter hielt neben uns ein Auto. Es war Jesus mit dem Unterstützungsfahrzeug und zwei Mitfahrern, mit recht verlegenem Gesicht: die junge Spanierin und ihr deutschenbegeisterter Naturfreund... Jesus meinte, wir sollten doch auch einsteigen. Bei diesem Nebel eine solche Bergtour zu Fuß, das wäre doch nicht menschenmöglich. (Wegen unserer schweren Umhänge sahen wir wohl mitleiderregend aus, jedenfalls in seinen Augen.) Wir lehnten dankend ab.

Kurz darauf erreichten wir eine Ruine zur Linken. Wie wir wussten, kam hier der Pilgerweg von rechts herunter und führte an der Ruine vorbei steil nach unten weiter. Nun, wir machten erst einmal Pause und ließen uns einen Liter Milch schmecken. 10h46. Pause beendet. Wir wollen die Straße weiter, schauen aber noch einmal neben der Ruine hinunter auf die Pilgerwegfortsetzung. Zu unserer Verblüffung wird es auf einmal heller, und unten erscheinen niedrigere Höhen, ebenso unser nächstes Teilziel, das Bergdorf Montefurado. Wenn man den Weg also sehen kann... Ja, dann doch nichts wie hier hinunter! Zu unserer Freude wird es jetzt schnell heller. Der Nebel reißt immer mehr auf. Es ist nicht zu fassen, sogar die Sonne kommt ein wenig raus. Der Hang ist sehr steil, ein Pfad kaum zu sehen. Wir folgen wieder einmal Strommasten hinunter, haben aber vor allem das Dorf im Auge. Ein viel längerer Weg, als es von oben aussieht, dafür nicht so gefährlich, wie es von unten aussieht.


Vor der schönen Kapelle am Dorfeingang von Montefurado legen wir eine größere Pause ein. Wäsche trocknen, Sonne tanken. Etwas weiter schaut ein Bauer neugierig zu uns rüber, das Dorf ist zur Hälfte bewohnt. Wir genießen den Blick auf die fantastische Bergwelt ringsum. Inzwischen kann man bis auf den Pass oben sehen und alle Serpentinen der Straße verfolgen. Was für ein Glück, dass wir den Pass nicht früher überquert haben, wie die andern vor uns. So entging ihnen dieses herrliche Bild ringsum. Ich spreche an der Kapelle ein Dankgebet. Durch Anklicken vergrößern Kapelle in Montefurado

Dann weiter, an dem Bauern vorbei, der seine Hunde zurückhält. (Andere Pilger schrieben im Gästebuch von La Mesa empört, die Hunde seien frei herumgelaufen und hätten sie fürchterlich angebellt, und der Bauer habe ihnen auf ihre Vorhaltungen hin geantwortet, er habe keine Lust, die Tiere anzubinden...) Mitten durch eine kleine Kuhherde und dann die nächste Höhe überwunden. Hier warnt Michael Kapser vor einem zugewachsenen Weg, aber der war inzwischen freigeschnitten. So ändert sich immer alles sehr schnell. - Hinter dieser Höhe hatte man schon die höchsten Berge hinter sich, und wir kamen zum ersten Dorf hinterm Pass, Lago. Hier hofften wir in der Dorfbar auf ein Mittagessen. "Vor 3 Uhr gibt's nichts", knurrte der Wirt unfreundlich. Ich schaute beredt zu einem Lastwagenfahrer hinüber, der gerade Pasta in sich hineinschaufelte. Bocadillos? - Naja, das ging noch so grade. - Während wir ziemlich teure Bocadillos aßen und Kaffee tranken, kam nach und nach eine ganze Gruppe von Fahrern und Holzarbeitern. Für alle wurde Essen gemacht, Pilger zwischendurch waren unerwünscht. Auch die übrigen Besucher ließen es an Höflichkeit vermissen, fast niemand sagte das übliche "Hola" und nahm uns zur Kenntnis. Blöde Hinterwäldler! Sehr ungewöhnlich für Spanien.

Der weitere Weg bis zu unserem Tagesziel La Mesa war einfach und bot zunächst weiterhin schöne Fernblicke auf die Bergwelt hinter uns. Es ging langsam bergab, bis wir den größeren Ort Berducedo erreichten. Ein Mann kam auf uns zu: "Seid ihr die drei Pilger, die mein Taxi nach Pola de Allande bestellt haben?" - Nein, sicher nicht. (Durchzählen hätte genügt.) Soso, auch hier fuhren Pilger mit dem Taxi rum. Evtl. die drei jungen Leute von heute Nacht, die ihr Auto in Pola stehen hatten... Zwei Häuser weiter ein kleiner Laden mit integrierter Bar. Hier wurde Verpflegung gefasst, denn am heutigen Zielort La Mesa war mal wieder der Hund begraben. Durch den Ort, an einigen meist uninteressierten Hunden vorbei, durch einen Wald, dann eine riesige Schleife an einem Tal entlang. Links grasten halbwilde Pferde im Gebüsch. Der Zielort La Mesa war seit langem zu sehen. Er lag immer noch ziemlich hoch, schätzungsweise 800 m.


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Refugio von La Mesa
Gleich das erste große Haus links (mit dem Schild, dass es hier ein öffentliches Telefon gibt) gehört dem Bürgermeister, und da gibt's auch den Schlüssel. Wir gingen aber erst einmal zum 300 m entfernten Refugio, zumal beim Bürgermeister außer mehreren frechen kleinen Kläffern niemand zu sehen war. Refugio wie gehabt, eine ehemalige Dorfschule. Geschlossen, keiner da. Vor dem Haus zwei große Kartons mit Müll, die Vorgänger lassen grüßen... Bänke und Tische, meine Frau lässt sich nieder.

Ich gehe zurück. An einer Baustelle, wo tatsächlich den wenigen Häusern ein weiteres hinzugefügt wird, frage ich noch einmal. Ja, das Haus mit den Kläffern ist das vom Bürgermeister. Also hin und sich den Mini-Cerberussen gestellt. Schluck, unangenehm. Ich trete mutig auf die Bande zu, auf ihrem eigenen Terrain. Sie geifern, aber sie weichen. Na bitte! Ich klopfe, nichts. Ein kleiner Junge kommt von gegenüber. "Keiner da" sage ich zu ihm. Er probiert die Tür, verschlossen. Da kommt ein alter Mann um die Ecke. Es ist wohl der Vater des Bürgermeisters und der Großvater des Jungen, wie sich herausstellt. Im Nu habe ich die Schlüssel. "Bitte morgen hier wieder herbringen!" - Ich wiederhole den Satz mit einer zustimmenden Verbeugung, um zu zeigen, dass ich es verstanden habe. Der Alte freut sich. (Mancher Pilger hat den Schlüssel wohl einfach im Refugio gelassen und war zu faul, die 300 m zurückzugehen.)

Wir beziehen die Herberge. Erst mal den ganzen Müll zum Container oberhalb des Hauses bringen. Unsere Vorgänger, die Kerle, haben wohl auch wie die Wilden geduscht. Sogar im Schlafzimmer steht Wasser. Meine Frau wischt es auf. Wir belegen zwei Betten. Im Gästebuch lesen wir, dass alle unsere Pilgerfreunde (Enrique und Co., José, María Cruz, usw.) hiergewesen sind, Pause gemacht haben, aber weitergegangen sind. Schlappe 14 km bis Grandas de Salime, haben sie gedacht, die machen wir doch noch eben. Wie man im Weiteren lesen wird, ist davon dringend abzuraten. Alle, die wir später getroffen haben, haben diesen Entschluss bereut. Man sollte in La Mesa bleiben.

Auch wenn dort das Schlafzimmer immer wieder unter Wasser steht, wie wir im Gästebuch lesen. Wie bitte?! Wir schauen ins Schlafzimmer: Tatsächlich, da schwappt es schon wieder aus den lockeren Bodenfliesen hervor. Wir nehmen zwei andere Betten, in einer Ecke, wo der Boden trocken bleibt. Ein erheblicher Nachteil dieser sonst guten Herberge.

Es kommt niemand mehr. Woher auch? - Wir gehen noch einmal zum Haus des Bürgermeisters und lernen ihn und seine Frau kennen. Nette und freundliche Leute. Er hat auch die Aufsicht auf das örtliche Telefon (siehe das Schild), das natürlich unsere Telefonkarte nicht mag. Eben nach Hause angerufen, dass alles in Ordnung ist. 1,70 EUR, naja. Sonst haben wir noch einen schönen Nachmittag und Abend mit etwas Sonne vorm Haus. In dieser Einsamkeit schläft es sich auch gut. Den Schlummertrunk muss man sich aber mitbringen...

23.08.2002, Freitag: Von La Mesa nach Grandas de Salime, 14 km (151,5 km)

Wir schliefen lange und gingen erst um 9h17 los. Wozu die Eile, wenn man ganze 14 km vor sich hat? Außerdem war das Wetter wieder bedeckt, und die Sicht wurde später sicher schöner.

Die dritte Bergetappe

Diese 14 km haben es aber in sich. Gleich zu Anfang geht es ca. 150-200 m steil hoch auf den Höhenzug, der sich hinter dem Refugio erhebt. Schöne Blicke zurück auf La Mesa und Umgebung. Den Bergrücken krönt eine Reihe von Windkraftanlagen, zum Teil waren sie noch in den Wolken. Dann gehen wir ein Stück dahinter parallel zur Gipfellinie entlang. Die Sicht wird besser. 9h53: Die Wolkendecke reißt auf und gewährt uns einen Fernblick nach Westen. "Tagesziel in Sicht!" rufe ich, denn da drüben, gar nicht weit, liegt eine größere Stadt, die nur Grandas de Salime sein kann (stimmte). Nun, wir machten uns keine Illusionen, dass dazwischen noch einiges zu bewältigen war. Dennoch: die folgenden 850 Höhenmeter (!), stetig und teils sehr steil bergab, waren ein Hammer. (Und danach nochmal ca. 400-500 wieder hoch bis zum Ziel.) Gottseilob, dass wir das nicht gestern noch nach der schon anstrengenden Tour über den Puerto de Palo angegangen waren!

Ein altes Hospiz und eine Bestie

Nun bogen wir vom Höhenzug ab in Richtung Tal. Vor uns tauchte ein Bauernhof auf, Nachfolger des mittelalterlichen Hospizes Buspol. (Nochmal: Warum sind die Pilger damals nur dieses Rauf und Runter mit maximaler Schikane gegangen, anstatt um den Höhenzug herum wie heute noch die Straße? Und die Pilger damals mussten statt 850 m an die 1.000 m hinunter, weil es den Stausee und die Staumauer natürlich noch nicht gab.) - Von ca. 300 m Entfernung sahen wir vor Buspol ein großes weißes Ungeheuer herumtoben, das uns bereits gesehen hatte und wie verrückt bellte. Es war nicht auszumachen, ob der Hund nur an einer langen Kette war oder völlig frei herumlief. Mir rutschte das Herz in die Hose. Mit so einem aggressiven Ungetüm wurde ich nicht fertig. Ich setzte unsicher den Weg auf der Straße fort, obwohl wir eigentlich in Richtung Bauernhof abbiegen mussten und meine Frau befürchtete, dass die Straße uns nicht ins Tal führen würde (ziemlich sicher hatte sie Recht). Ein Bauer auf seinem Trecker, hält sofort und winkt uns, den richtigen Weg zu gehen. Ich erkläre ihm, dass wir vor dem Hund Angst haben. Aufmerksam geworden, erscheint nun eine Frau vor Buspol und winkt uns ebenfalls zu. "Ich habe Angst vor dem Hund" brülle ich zu ihr rüber. Tatsächlich schnappt sie sich die Bestie. Beruhigt stolpern wir den Hohlweg zu dem ehemaligen Hospiz hinunter. Der Weg geht sogar rechts am Haus vorbei, und der Hund hätte uns wegen der Mauer gar nicht mehr sehen können. Die Bäuerin steht vor dem Hoftor mit zwei kleinen ungefährlichen Hunden. Es ist ihr wohl peinlich, dass ihr Monster Pilger erschreckt hat. Sie erklärt uns einiges zu dem Haus und der kleinen Pilgerkapelle, die 10 m weiter steht. Wir bedanken uns und stiefeln dann weiter.

Ein endloser Abstieg

Der nun folgende Abstieg war auch bei Michael Kasper nicht sehr detailliert beschrieben. Wieder warteten wir auf eine erwähnte Abzweigung nach links, die aber viele Kilometer später kam, als wir dachten, und dazwischen war zumindest eine große, nicht genannte... Nun konnte man sich kaum verlaufen, die Kennzeichnungen waren in Ordnung. Aber es war wieder ein Problem der inneren nervlichen Einstellung. Auch wenn der Weg mal weit ist: wenn man das weiß und verfolgen kann, wie man Fortschritte macht, ist alles zu schaffen. Das würden wir noch auf den langen Etappen, die vor uns lagen, positiv erfahren. Aber wenn man nicht genau weiß, wo man ist, scheint sich alles endlos in die Länge zu ziehen...

Ich habe mir den Abstieg für den interessierten Leser genau notiert, damit man an einigen Wegemerkmalen erkennen kann, wie weit man ist. (Achtung: die Aufzeichnungen habe ich abends aus dem Kopf gemacht. Irrtum vorbehalten.)

Beschreibung des Abstiegs zum Stausee

Hinter Buspol gelangt man auf einen kleinen Platz, von dem aus man sich links hält und mehrere 100 m dem steinigen Hauptweg folgt. Dann zweigt man geradeaus Richtung Tal ab. (Ich benutze im Folgenden als Richtungsangaben, die für jemanden gelten, der parallel zum Hang steht und auf den Stausee hinunterschaut: "geradeaus" ist in Richtung Grandas de Salime "gegenüber", "rechts" liegt im Tal die Staumauer, "links" verläuft der Stausee bis zu seinem Beginn weiter.) Es geht nun einen schlecht markierten, halb zugewachsenen Weg mit zwei Fahrspuren durchs Heidekraut, im Zickzack den Hang hinab, bis man auf eine große breite Piste stößt, die parallel zum Hang von rechts nach links verläuft. Man folgt ihr nach links und stößt kurz darauf auf einzelne Bäume, die sich zu einem lockeren Wäldchen verdichten. Diese Bäume waren die ganze Zeit von oben schon links zu sehen gewesen, ferner ein Stück der Piste dort. Man kommt dann zu einer großen Rechtskurve, denn hier endet der Hang an einem großen Einschnitt. Dieser liegt links, geradeaus unten der Stausee, eine schöne Sicht. Man folgt der Kurve und geht nun die Piste weiter nach "rechts", d.h. in Richtung Staumauer, parallel zum Hang. Der Weg fällt aber nicht so stark ab, wie man es sich wünschte, um Höhenmeter hinter sich zu bringen. Nach etwa 1 km gibt es vor einem Einschnitt einen Abzweig scharf links sehr steil nach unten. (Das war noch nicht der erwartete.) Man trifft eine Hangstufe tiefer auf eine Piste, der man nach rechts wieder parallel zum Hang folgt.

Während des Abstiegs machten wir eine kleine Pause und hörten auf einmal Stimmen über uns. Da kamen noch mehr herabgeklettert. Aber bevor die Wanderer (Pilger?) zu sehen waren, gingen wir weiter.

Die tiefere Piste geht nach einigen 100 m durch einen Einschnitt und steigt dann sogar noch einmal leicht an, um eine Hangnase herum. Dann fällt sie wieder. Es geht weiter in Richtung Staumauer. Dann folgt ein großer Einschnitt, durch den sich die Piste in einer Serpentine hindurchwindet. Hier sahen wir eine merkwürdige Turmruine, rund, aber in etwa 2m Höhe wie sauber abgeschnitten. Drinnen standen abgedeckte Steinkästen, in denen ich Bienenstöcke vermutete. (Das stimmte, wie wir später erfuhren.) Die Ruine eines alten Wachtturmes? Erst Wochen später zu Hause sah ich eine Reportage aus Nordspanien, die das Rätsel löste: Es war gar keine Turmruine. Die Mauer war ein Bärenschutz! (Also gab's tatsächlich Bären in dieser Gegend!) - Wie ich es schon vorausgesehen hatte, kamen unsere "Verfolger" in Sicht, als wir den zweiten Teil des Einschnitts zurückliefen, sie waren uns gerade gegenüber. Ein Mann und zwei Frauen, wohl keine Bekannten. Wir winkten hinüber, und sie winkten zurück.

Die Piste folgt dem Hang etwa 2 km, kaum fallend. Man erreicht wieder Baumwuchs, und etwas später zweigt plötzlich ein Pfad scharf links steil nach unten ab. Das war die Abzweigung, die Michael Kasper nennt. Inzwischen wähnten wir uns längst oberhalb der Staumauer, aber es ging noch in großen Serpentinen weiter in dieselbe Richtung. Erst ca. 700 m hinter der Staumauer kommt man endlich unten auf der Landstraße heraus.

Am Stausee

Man läuft die Straße nach links zur Staumauer. Unterwegs führt ein ausgemeißelter Gang durch einen Felsen zu einer Aussichtskanzel. Der Hang gegenüber ist übersät mit den großen Industrieruinen eines veralteten Wasserkraftwerkes. Ein trauriger Anblick! Weiter die Straße hinauf sieht man weiße Häuser. Auch sie hatten leere Fensterhöhlen, wie wir beim Näherkommen feststellten, die Zufahrtsstraße mit Grün überwuchert. Hier war wohl einiges wirtschaftlich schief gelaufen. (Warum waren nur die Fassaden so makellos weiß wie frisch gestrichen? Ein Rätsel!)

Wir besichtigten alles in Ruhe und hofften dann auf einen Kaffee in einem Hotel am Stausee, aber es wurde gerade umgebaut und hatte geschlossen. Also versorgten wir uns aus den Rucksäcken, als die drei anderen Wanderer grüßend vorbeizogen. Es waren tatsächlich Pilger, eine Familie aus Oviedo. Wir sollten sie ein paar Tage lang dauernd wiedertreffen. - Nun folgte ein Stück Landstraße. In einer Kurve noch einmal ein Aussichtspunkt. Wir staunten über die aufragende Höhe vor uns, die wir heruntergekommen waren. Wo genau, konnte man nur raten. Ganz oben grüßten die Windräder. Das Wetter wurde besser. Etwas weiter war sogar Sonne.

Undurchdringliches Dickicht vor Grandas de Salime

Als die Straße sich endlich vom See abwandte und Kurs auf Grandas de Salime nahm, zweigte kurz darauf ein Fußpfad links ab und schlängelte sich den Hang hoch. Meine Frau befestigte gleich ihre Hosenbeine, ich spürte voraus, ob der Weg gangbar war. Auf dem Muschelstein an der Straße lag ein Zettel - von María Cruz! Sie informierte die Nachfolgenden, dass sie lieber die Straße ging.

Ich kämpfte mich durch Farnkraut hoch, fand oben eine Kurve nach rechts, und von da schien der Weg, wenn auch überwuchert, einfach parallel zur Straße nach Grandas de Salime zu gehen. Ich rief meine Frau, dass es machbar sei, und sie kam hinter mir her. Naja, es war doch ganz schön happig. Von wegen "Waldweg", wie Michael Kasper schreibt! Es ging immer in dichtem Bewuchs den Abhang entlang. Mit dem Stock tastete ich nach rechts, um nicht abzustürzen, und tatsächlich fuhr der Stock einige Male ins Leere. Der Pfad war zwischen sehr viel Farnkraut und manchen Dornen und Ranken kaum auszumachen. Zwischendurch wurde es auch mal vorübergehend besser. Von links kamen mehrere Fußpfade hinzu. Einmal lag rechts am Hang wieder eine Ruine mit Bienenstöcken darin.

Endlich stieß nach etwa 1 km von links ein etwas größerer Weg dazu, und danach wandelte sich der Pfad tatsächlich zu einem sehr schönen Wald- und Wanderweg. Aber nach weiteren 500 m war auch schon der Stadtrand erreicht. Der Leser möge selbst entscheiden, ob sich dieser Weg lohnt oder ob man besser die Straße läuft. Als offizieller Jakobsweg ist er eigentlich eine Zumutung.

In Grandas de Salime

Wir liefen mitten durch die kleine Stadt zum Zentrum. Dort lag die Kirche, rechts an der Ecke die Bar, wo man den Refugioschlüssel bekam, und links, im Gebäude des Rathauses, die Pilgerherberge. Die Wirtin der Bar schloss uns auf, rückte aber den Schlüssel nicht raus. Von innen konnte man verriegeln, aber wenn man das Refugio verließ, musste man die Doppelflügeltür zuziehen und angelehnt lassen. Wer das wusste, konnte dann jederzeit hinein...

Es war nach Tineo die schlechteste Herberge des Camino primitivo (wenn man Salas vermeidet), in vielem mit der von Tineo vergleichbar, z.B. 6 Dreistockbetten. Im Gästebuch stand viel Kritik. Ich schrieb daneben, dass sie wohl nicht im Refugio von Tineo gewesen seien. Denn immerhin waren hier in Grandas de Salime die Einrichtungen (Dusche und Toilette) intakt und sauber. Dann las ich noch im Gästebuch das Stoßgebet: "Herr, gib mir genügend Kraft, vor dem Pilger herzulaufen, der mir mit seinem Schnarchen die Nächte vermiest hat." War ich damit gemeint? Evtl. ja, und der Eintrag könnte von dem jungen Spanier gewesen sein, der in Peñaseita mit María Cruz in den Vorraum geflohen war. Dann war das ein bisschen ungerecht und unverständlich, denn Enrique und noch mehr Jesus, mit denen zusammen sie jetzt eine Etappe vor uns herliefen, schnarchten doch auch furchtbar. Na, ich schüttelte mir das aus dem Pelz.

Wieder hatten wir das Reich für uns allein. Zwischendurch erschien ein Pfarrer mit einer größeren Jugendgruppe, doch man kam gottseilob überein, dass hier wohl zu wenig Platz sei. Erst spät am Abend kam noch ein Radfahrer, der uns aber nicht störte. Eher wir ihn, denn wir hatten wie üblich einen anderen Rhythmus: abends früher rein und morgens früher raus. Er war auch bemerkenswert einsilbig und sprach außer einem Gruß kein einziges Wort...

Ich versuchte zweimal, im Pfarrzentrum von Fonsagrada anzurufen und uns anzukündigen. Beim ersten Mal sagte eine Stimme zur Antwort Unverständliches, irgendeine Floskel. Ich war verwirrt und frustriert. Wahrscheinlich hieß es "Falsch verbunden!" Ich nahm mir ein Herz und wählte noch einmal die Nummer. Diesmal wenigstens ein Anrufbeantworter. Ich kündigte an, dass am nächsten Tag zwei deutsche Pilger im Refugio nächtigen wollten. Das musste reichen...

Gemäß einer Empfehlung im Pilgerbuch besuchten wir ausführlich das Regionalmuseum. War wirklich sehenswert, vor allem, wenn man sonst nichts zu tun hat. Dann taten wir uns etwas schwer, einen Supermarkt zu finden. (An der Bar, wo man die Schlüssel bekommt, die Hauptstraße weiter hoch. Links folgt zunächst ein Restaurant, in dem wir zu Abend gegessen haben. Dann rechts der Supermarkt, ab 16 Uhr geöffnet.) Die Kirche hat einen Vorbau, der ganz um das Gebäude herumführt. Es muss wohl viel regnen hier, und da können sich die Kirchenbesucher unterstellen, bzw. man kann sogar einen kleinen Markt abhalten, wenn man will. 20 Uhr besuchten wir die Abendmesse. Das war fein, denn in früheren Orten hatten wir selbst am Sonntag nichts gefunden. Danach zum Essen. Das Restaurant neben der "Schlüssel"-Bar (gehörten die zusammen?) kam uns abweisend vor, wir gingen in ein anderes, weiter die Straße hoch. Mal wieder die einzigen Gäste im Speisesaal. Kein Menü, aber Speisekarte. Ich stellte fachmännisch etwas zusammen. Meine Frau und ich tauschten dann jeweils die Hälfte der Portionen und hatten damit quasi ein Mehr-Gänge-Menü. Die Wirtin war enttäuscht, dass wir auf Nachtisch und Kaffee verzichteten. "Deutsche Touristen" sagte ich zu ihr schulterzuckend. Sie nahm es hin, bekam auch ein angemessenes Trinkgeld, was sie endgültig versöhnte.

Die Pilgerfamilie aus Oviedo war nicht im Refugio. Wir stellten später fest, dass sie in (wohl vorgebuchten) Privatquartieren unterkamen. Ansonsten waren es aber echte Pilger.

24.08.2002, Samstag: Von Grandas de Salime nach Fonsagrada, 30,5 km (182 km)

Dieser Etappe hatten wir mit etwas Bangen entgegengesehen. Zu Hause hatte ich vorgemerkt, sie vielleicht aufzuteilen. Denn erstmalig überschritten wir die 30-km-Marke, und gleichzeitig war ein weiterer Pass, Alto del Acebo, zu bewältigen. - Also sprangen wir (zum Leidwesen des Radfahrers, der sich die Decke über die Ohren zog) schon sehr früh aus dem Bett und kamen schon um 7h08 los. Es war noch halb dunkel, die Straßenlaternen brannten. Um nichts zu riskieren, blieben wir zunächst auf der Landstraße, fanden auch eine Abzweigung nicht. Etwas später ging es neben der Straße links durch den Wald: Das lohnte nicht, man kämpfte sich durch Dornen und Brennnesseln und versackte im Schlamm.

Hunde, Hunde...

Hinter A Farupa zweigt rechts ein schöner Weg ab, auf dem wir bei aufgehender Sonne frohgemut herzogen und die schöne Landschaft genossen. Etwas weiter kam ein Haus und - "Links, links" zischte ich durch die Zähne meiner Frau zu, die einen Schritt voraus war. Sie merkte erst einige Augenblicke später, dass mitten auf dem Weg vor dem Haus ein großer Schäferhund lag und schlief. Links ging die Hauszufahrt direkt zur Landstraße, und in die bogen wir eilig und leise ein, obwohl man noch hätte geradeaus gehen sollen. Da reckt sich neben uns aus dem Gebüsch ein noch größerer Hund und grollt, der Schäferhund wird wach und schaut auf. Wieder so eine Situation, wo man mit leicht gesträubten Nackenhaaren scheinbar ruhig weiterzieht, aber jeden Moment mit einem Angriff rechnet. - Zum Glück waren die Hunde wohl noch zu müde. Puh!

Beim übernächsten Dorf, Malneira, mochte ich wegen eventueller Hunde gar nicht mitten über einen Bauernhof nach rechts abgehen, aber nur 20 m weiter gibt's eine weitere Abzweigung, die sofort auf den richtigen Weg führt. Nun kam ein landschaftlich schöner Weg, den wir sehr genossen. Lange ging es auf Weidewegen in einiger Entfernung an Dörfern vorbei. Eine Kapelle am Weg war ausnahmsweise mal geöffnet. Einige Zeit später, längst wieder auf der Landstraße, erreichten wir unser Teilziel Peñafuente. Hier machten wir oberhalb der Kirche eine etwas längere Pause und aßen. Von einem benachbarten Bauernhof, auf dessen Wiese sich zwei Strauße tummelten, kamen ein paar Hunde zu uns herüber, aber sie waren sehr lieb und wollten uns nur begrüßen und gestreichelt werden.

Sturm auf die Höhe von Acebo

Dann machten wir uns bereit, die Alto del Acebo zu erklimmen. 1.024 m, nicht viel niedriger als die Puerto de Palo, zumal man ca. weitere 100 m oberhalb der Straße den Höhenzug überquert. Doch zunächst ging es wieder einmal durch ein kleines Bauerndorf und einen Waldweg steil hinauf. Links lag ein zugewachsener Hohlweg. War unser Weg richtig? Ich meinte nach Gefühl "ja", und tatsächlich liefen viel später der Hohlweg, wohl älter und nicht mehr benutzt, und unser Weg oben im Wald zusammen. Der Wald war übrigens verbrannt, nackte Stämme, ein gespenstischer Anblick. Links vor uns zogen Wolkenbänke die Höhen hoch. Wir merkten schon, dass wir in schlechteres Wetter gerieten. Hier vor dem Pass stauten sich die Wolken. Es wurde auch merklich kälter.

Dann kamen wir an der Passstraße raus. Rechts ein verblasster gelber Pfeil: Nein, da sollte man nicht weiter, sagte das Handbuch. Geradeaus einen Hohlweg hoch oder Linksbogen durch ein Dorf. Hm, der Hohlweg war etwas kürzer, das Dorf vielleicht voller Hunde... also den Hohlweg hinein. Zum Glück war er einigermaßen freigeschnitten... - Ja, ganze 400 m, genau so weit, dass man nicht mehr zurück wollte. Ab da schlugen uns die Stachelgewächse, über 2 m hoch, wieder über dem Kopf zusammen. Ich musste mal wieder "Räumpanzer" spielen... Rechts von uns führte eine breite neue Piste die Höhe hoch zu den üblichen Windrädern. Evtl. ist das nicht der schönste, aber der einfachste Weg. Wir waren sehr erleichtert, als wir den zugewachsenen Hohlweg verlassen konnten. Oben auf der Höhe (kalt, windig, keine Sicht) ging's zwischen den Windrädern hindurch. (Hier kam auch von rechts die neue Piste hoch.) Damit überschritten wir die Grenze von Asturien nach Galicien. Die Passstraße wechselte dementsprechend ihre Nummerierung von AS-28 nach C-630. Dann wanderten wir auf der anderen Seite hinunter bis zu einer T-Kreuzung, von der es links ein Stück wieder steil hinaufging, bis man endlich eine Piste erreichte, die stetig bergab zur Landstraße führte. Es war bitterkalt, alles versank in Wolken. Wir flüchteten in das angekündigte Gasthaus, das wir schon von oben gesehen hatten. Drinnen war es warm. Wir tranken einen (recht teuren) Kaffee und sprachen etwas mit der älteren, freundlichen Wirtin. Nein, dieses extreme Wetter sei völlig unüblich. Ich brachte einen Witz an, mit dem ich die Spanier noch einige Male gefoppt habe: "Das soll Spanien im August sein? Das ist doch Deutschland im November!" - Jedenfalls hatten wir den Pass und damit die Hälfte der heutigen Strecke geschafft. Ich vergaß ganz, nach einer Unterkunftsmöglichkeit zu fragen. Nein, wir fühlten uns noch fit für den Rest bis Fonsagrada. Die Etappe aufzuteilen, kam mir gar nicht mehr in den Sinn.

Der Weg bis Fonsagrada

Nun blieb der Weg weitgehend auf der Fernstraße. Einmal sollte man eine große Kurve abkürzen, aber der Weg war völlig zugewachsen. Auch das Dorf Fonfría ließen wir links liegen und liefen nicht den Pilgerweg hindurch. Denn es hatte offensichtlich nichts zu bieten (außer eventuellem Hundegebell), der kurvige Weg kürzte nichts ab, und man musste überdies noch einige Höhenmeter hinunter und wieder hinauf. Kurz darauf ging ein guter Weg links von der Fernstraße ab. 1 km weiter, vor Barbeitos, rasteten wir in der schönen Waldgegend. Bis Fonsagrada konnte es nicht mehr weit sein. Gerade ließen wir es uns schmecken, als die Pilgerfamilie aus Oviedo, die wir am Stausee vor Grandas de Salime getroffen hatten, grüßend vorbeizog. Kurz nach erneutem Aufbruch stießen wir in Barbeitos selbst auf ein Kuriosum: Den Anfang einer gepflasterten "Pilgerautobahn", wie wir sie auch von Navarra und anderen Gegenden kannten: mit schönen Bruchsteinen, aber völlig idiotisch: schwer zu laufen. Nach 1,50 m (!) war Galicien anscheinend das Geld ausgegangen :-) Die spinnen, die Galicier!

Hinter einem Steinbruch folgt ein schnurgerades Stück auf der Straße. Man passiert einige Häuser links, dann kommt, ebenfalls links ein Bauernhof. Waren das nicht gelbe Pfeile? - Jawohl, eine Abzweigung, die nicht im Handbuch steht (das einen weiter auf der Straße laufen lässt). Zur Vorsicht fragte ich die Bäuerin: Ja, hier gehe der Pilgerweg ab, halb über den Hof. Dahinter folgt ein Wiesenweg mit schöner Aussicht nach links. Außerdem eine ganz neue Pilgerkapelle, für die alte Steine und Ornamente genutzt worden sind. Hier hat ein Pilgerfreund viel investiert. 50 m weiter ein Rastplatz mit Aussichtspunkt, aber ohne Wasser. Einige 100 m weiter erreicht man wieder die Straße.

Etwa 1 km weiter links abermals wenige Quadratmeter Pilgerautobahn, diesmal aber zusätzlich mit einem dicken gelben Kreuz: "Hier nicht entlang!" Also auf der Straße bleiben. Man geht einen großen Linksbogen und erreicht das Dorf Paradanova, schon kurz vor Fonsagrada., unserem Tagesziel. Dieses liegt sehr hoch, an die 1.000 m, und von dort sieht man, dass der bisherige Pilgerweg völlig richtig geführt wird. Folgte man dem Abzweig mit der begonnenen Pilgerautobahn, müsste man in ein tiefes Tal hinab und dann sehr lange und steil nach Fonsagrada hoch. - So bleibt man durch den Linksbogen ziemlich auf der Höhe. Nichtsdestoweniger geht es hinter Paradanova rechts von der Straße noch einmal steil hoch. Nun, das Ziel ist greifbar nahe; da stapft man mit mobilisierten Reservekräften mutig hoch. Die Wegekennzeichen sind leider spärlich. Wir liefen richtungsmäßig immer geradeaus und ließen die Stadt zunächst oberhalb links liegen. Es ging über kleine Asphaltstraßen, an Industrie und einzelnen Häusern vorbei. Dann ist man oben und hat nach rechts eine schöne Aussicht auf die Landschaft. Die Straße verzweigt sich, links liegen Lagerhäuser. Man bleibt richtungsmäßig geradeaus (und macht dabei einen unmerklichen Bogen nach links), bis man die geschlossene Bebauung und eine gepflasterte Straße erreicht. Eines der ersten Häuser bot eine Unterkunft an. Hier standen schon Wanderschuhe im Fenster, wahrscheinlich die Familie, die uns vorher überholt hatte.

Die Luxusherberge von Fonsagrada

14h52. Ich hatte mir bei der Planung Gedanken gemacht, wie man hier in die Herberge kam, die in Padrón, 1,5 km hinter der Stadt liegt. Man sollte sich vorher den Schlüssel vom Pfarrer oder im Pfarrbüro holen. Hoffentlich war mein gestriger Anruf zur Kenntnis genommen worden. Die Kirche zu finden, war nicht schwer. Oh, ein eigener Aufenthaltsraum daneben für müde Pilger! Wir schauten hinein: Tische und Bänke, leider kein Wasser. Einmal rings um die Kirche herum: kein Pfarrbüro zu sehen. Laut Anschlag an der Kirche wurde das Pfarrbüro um 18 Uhr geöffnet. Solange wollten wir nicht rumhängen. Naja, vielleicht waren wir ja sowieso nicht die ersten und die Herberge schon offen.
Es war wohl der Bewegungsdrang nach dieser langen Tour, der uns ungeduldig weiterziehen ließ. Die Straße, die wir gekommen waren, einfach geradeaus weiter bis zum Stadtrand, an einer großen Tankstelle vorbei auf die Fernstraße bis Padrón. Der Pilgerweg durchquert in einem Rechtsbogen das Dorf, das aber nichts bietet, um dann wieder links auf die Fernstraße zu kommen. Direkt an ihr, gegenüber dem Dorf, liegt das Refugio, mit einem schönen alten Holztor. Links in den Hof und zum Nebeneingang; nur durch ihn wird das Haus betreten. Leider natürlich geschlossen, keiner da. Da standen wir blöd. Wir ratschlagten, wo wir die Rucksäcke zurücklassen wollten. War da nicht im Haus ein Geräusch? Wir klopften nochmal und riefen leise. Keine Reaktion. - Nun gut, wir versteckten die Rucksäcke in der Nische der Wäschewaschanlage und machten uns ergeben auf den Weg in die Stadt zurück. Das ging schneller als gedacht. Es ist der alte Effekt: Einen Weg das erste Mal zu gehen, kommt einem immer länger vor als beim zweiten Mal...
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Herberge in Padrón (Fonsagrada)

Vor der Kirche drängten sich Leute für eine Beerdigung. Der Pfarrer konnte nicht weit sein. Wo war nur dieses Pfarrbüro? Schließlich fragte ich einen Mann. Es lag schräg links gegenüber dem Aufenthaltsraum (von dort aus gesehen), ohne jegliche äußere Kennzeichnung. Wir klopften an die Tür, ein junger Mann, mit einem Taizékreuz um den Hals, machte auf. Wohl ein Gemeindehelfer. Er begrüßte uns freundlich und fragte, ob es bis 17 Uhr Zeit hätte, das Refugio aufzuschließen. Wegen der Beerdigung hätte er viel zu tun. (Der Pfarrer, den wir nun auch draußen sahen, schien der zu sein, der mit einer Jugendgruppe im Refugio in Grandas de Salime hereingeschaut hatte.) Wir gingen dann einkaufen.


Hätten wir nur gewusst, dass das Refugio von Fonsagrada ausnahmsweise mal eine richtige Küche mit allen Schikanen hat, dazu einiges an Vorräten (Kaffee, Nudeln, usw.), die man gar nicht kaufen muss.


So nahmen wir nur Vorräte mit, die man nicht kochen oder braten musste. - Vom nördlichen Stadtrand aus hatte man einen herrlichen Blick in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Hier konnte ich mich davon überzeugen, dass der Pilgerweg über die Straße einer etwaigen künftigen Abkürzung durch das tief eingeschnittene Tal vor der Stadt vorzuziehen war (s.o.).

17 Uhr waren wir am Refugio, der Pfarrhelfer fuhr Minuten später mit dem Auto vor. Zunächst zeigte er uns das Haus: vom Feinsten! Vierbettzimmer, alles gemütlich holzgetäfelt. Aufenthaltsraum, Küche, im 1. Stock ein verglastes Zimmer wie ein Wintergarten. Sicher das beste Refugio des Weges und eines der besten in ganz Spanien, aber auch etwas außer Konkurrenz: Es ist eben nicht nur eine Pilgerunterkunft, sondern vor allem ein Pfarrheim, mit dem andere Refugios natürlich nicht konkurrieren können. Die abgeschiedene Lage ist allerdings ein Nachteil, man ist ganz an das Haus gebunden.

Zu unserer völligen Verblüffung steht auf einmal José unten im Aufenthaltsraum. Ja, wo kam der denn her? Er erklärt etwas verlegen, er habe wegen seiner lädierten Füße nicht weitergekonnt und sei so zurückgeblieben. Sein Urlaub sei ohnehin beendet, und er fahre morgen mit dem Bus nach Hause. - Dieser Schlumpf! Er war im Refugio gewesen, als wir vor der Tür standen und klopften, hatte sich aber nicht bemerkbar gemacht, weil er wohl Anweisung hatte, niemanden einzulassen. Erst als wir mit dem Pfarrhelfer kamen, machte er auf. - So ein Blödsinn! Diese Kontrolle ist wieder zu streng. Wenigstens hätte er uns die Rucksäcke ins Haus tragen lassen sollen. Auch wäre ein Hinweis auf die Küche sehr hilfreich gewesen.


In Fonsagrada sich unbedingt zuerst in der Stadt im Pfarrbüro oder beim Pfarrer anmelden. Sonst wird man im Refugio nicht eingelassen.


José hatte sogar ein Einzelzimmer, neben dem wintergartenähnlichen Raum im 1. Stock. Wir richteten uns ein. In der Küche viele Fliegen, die ich mit der vorhandenen Fliegenpatsche erlegte. Ein ziemlich voller Abfallsack im Mülleimer, ein halbvoller auf dem Tisch. Ich brachte den vollen zum Container draußen und stellte dafür den halbvollen in den Eimer. Meine Frau machte eine Tütensuppe heiß. Ich schnitt Brot. Mittendrin erscheint der Pfarrhelfer wieder und holt José zur Vorabendmesse ab. Ob wir mitwollen? - Na, die sind gut! Ich lasse doch die halbfertige Suppe und alles andere nicht stehen. Wir wären gern in die Messe gegangen, hätten sogar den Transport akzeptiert, wenn sie nur ein Wörtchen gesagt hätten...

Peinlicher Mundraub, 2. Teil

Nach dem Abendessen friedliche Stille. José ist wieder da. Meine Frau kommt zu mir in den Schlafraum, wo ich gerade alles für die Nacht vorbereite und sagt mir, dass José durchs Haus renne und immer "Pan, pan!" (Brot) riefe. Ich treffe ihn in der Küche. Er erzählt, sein Brot, seine Vorräte seien weg. Ich habe sie nicht gesehen. Ich nehme das restliche halbe Brot von uns und biete es ihm an, ich bin ja gar nicht so. Er will es nicht, ringt weiter die Hände. Meine Frau zieht den Abfallsack aus dem Mülleimer: "Was ist das denn hier?" José schaut hinein und schreit auf. Sein Tee, sein Brot, seine Vorräte, gefunden! Welcher Unhold hat sie nur in den Mülleimer geschmissen?

Auf einmal stehe ich blutrot im Gesicht da. Mensch, ich habe doch vor zwei Stunden den halbvollen blauen Müllbeutel vom Tisch in den Mülleimer gestopft... Das war gar kein Müllbeutel, das waren wieder mal Josés Vorräte, an denen ich mich vergriffen habe (siehe Borres). Jetzt reicht ein kurzes "Lo siento!" (Tut mir Leid) nicht. Ich gebe eine Reueszene nach Südländer Art zum besten. José glaubt mir, was bleibt ihm auch anderes übrig? Meine Frau steht fassungslos über meine Dämlichkeit dabei. Dabei hatte ich nur aufräumen wollen und war Opfer einer unwillkürlichen Fehldeutung geworden: Die Einkaufsbeutel hier hatten exakt dieselbe blaue Farbe wie bei uns zu Hause die Müllbeutel, sonst keinerlei Kennzeichen und passten auch natürlich wunderbar in den Mülleimer, in dem ja auch schon ein gleicher Beutel gewesen war... Trotzdem, sowas Peinliches! - José musste zum Schluss lachen. Wir saßen danach noch zu dritt zusammen im Wintergartenzimmer und unterhielten uns etwas. (Dabei muss ich endlich auch nach seinem wirklichen Namen gefragt haben, aber ich habe ihn wohl vergessen.) Leider verstand ich sein Spanisch kaum. Das Gespräch verebbte bald. Auf dem Tisch lag ein Pilgerwegführer. Die Seiten mit den weiteren Etappen waren grob herausgerissen...

25.08.2002, Sonntag: Von Fonsagrada nach Cádavo-Baleira, 24,5 km (206,5 km)

Morgens Abschied von José. Den Schlüssel konnten wir in der alten Holztür von außen durch den Briefkastenschlitz werfen. 8h37 los. Wieder bedeckter Himmel, tief hängende Wolken, sehr kalt, aber gottlob kein Regen. Heute liefen wir viel auf der C-630, aber zwischendurch gibt es auch schöne Waldwege. So zum Beispiel etwa 1,5 km hinter der Herberge, als wir große Picknickplätze mit Grillplätzen durchquerten und danach mitten durch Hochwald liefen.

Piedrafita: Eine verschwundene Wegalternative

Laut Handbuch sollte man in Piedrafita rechts von der Straße abzweigen und dann in einem Linksbogen einige 100 m weit parallel laufen, bevor man die Straße wieder betritt. Diese Abzweigung scheint der letzten Straßenerneuerung zum Opfer gefallen zu sein. Ich habe den Wald nach einem Pfad abgesucht: nichts! Auch später sahen wir keine Stelle, wo der Pfad wieder hätte einmünden können. Die erneuerte Straße hat eine sehr steile Böschung.

Aufstieg zu den Ruinen von Hospital

Skeptisch sahen wir also der nächsten angekündigten Abzweigung entgegen, die nur wenig später kommen sollte. Dort fanden wir aber den Pfad sofort. Er führte nach oben und blieb deutlich und bequem; ein sehr schöner Weg, wie auch das Handbuch versprochen hatte. Vor uns im Matsch Hufspuren: Es müssen wieder die Pilger zu Pferde gewesen sein, die wir in Tineo gesehen hatten... Wir freuten uns, dass wir nicht weiter auf der Straße geblieben waren.

Das Dorf Montouto kam in Sicht. Man durchquert es an seinem oberen Rand, mit Häusern links und rechts. Hunde? - Au wei, da liegt wieder mal ein Schäferhund mitten auf unserem Weg zu dösen. Es half nichts, wir mussten an ihm vorbei. Er tat uns auch nichts, schaute nur kurz auf und blieb liegen. - Ich habe doch den Eindruck, dass viele Hunde ab Oviedo Pilger gewöhnt sind. - Hinter dem Dorf gab es einige Wegeverzweigungen, und wir liefen am Ende auf eine Höhe zu, über der eine Hütte aufragte. Links unter uns eine riesige Straßenbaustelle, recht hässlich in dieser schönen Landschaft. Als wir die Höhe gewonnen hatten, stellte sich die "Hütte" als Kapelle heraus. Sie gehört schon zu einem Ruinenkomplex, der die Reste eines mittelalterlichen Hospitals darstellt.


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Ruinen eines mittelalterlichen Hospitals
Diese Ruinen, zum Teil rekonstruiert, haben mich sehr beeindruckt. Selten habe ich am Pilgerweg wie hier das unmittelbare Gefühl gehabt, am früheren Pilgerleben noch teilzuhaben. Hier eine Steinleiste an einer Mauer vor einem Eingang: Da haben die erschöpften oder sogar kranken Pilger gesessen und auf Aufnahme gewartet. Dort ein großes Mauerviereck mit einer Feuerstelle. Hier haben sie zusammen gesessen und sich gewärmt. Der kalte Wind, der uns um die Ohren pfiff, zeugte davon, wie schwer das Leben hier früher gewesen ist. Die großen Steine der Bauwerke müssen ungeheure Kraftanstrengungen erfordert haben. - Das Ganze liegt auf einem Sattel, zwischen den eigentlichen Höhen. Sogar die Michelin-Karte vermerkt den Berg "Hospital" samt Höhenangabe. Wieder fragte ich mich, warum die Pilger hier wirklich über den Pass laufen mussten und nicht einem Weg wie die heutige Fernstraße um das Bergmassiv herum gefolgt sind...

Erneuter Kampf durch Dornen und Dickicht

Wie hoch wir fast unmerklich gekommen waren - den Aufstieg hatten wir ja fast gar nicht gemerkt - zeigte sich auf den nächsten Kilometern. Es ging eine bequeme Piste bergab, an Brombeerhecken vorbei, wo wir wieder was zu naschen fanden, und dann durch Wald. Immer noch sahen wir von der Höhe aus in ein tiefes Tal rechts von uns und vor uns. Es war klar, dass wir da hinunter mussten. Tatsächlich zweigt einige Zeit später ein Pfad rechts ab und senkt sich am Hang entlang abwärts. Leider ist er wieder sehr zugewachsen und bereitet große Mühe. Nicht ganz so schlimm wie vor der Höhe von Acebo, aber es langte doch, unsere schon arg gerupften Isomatten noch weiter zu zerpflücken. Ich hatte meine mal probeweise senkrecht auf dem Rucksack befestigt. Das half etwas, war aber unbequemer, vor allem beim Absetzen. Durch sehr dichte Vegetation ging es auch noch, als wir längst an Mauern entlangwanderten, Anzeichen, dass wir uns einem Dorf näherten.

Pilgerfluch über Paradavella

Zum Schluss stiegen wir von einem Weg aus zwischen Häusern hinunter auf die Fernstraße, die, wie gesagt, den Pass umrundet hatte. Etwas oberhalb auf einer Wiese saßen zwei Mädchen mit ihrem Hund, der etwas kläffte. "Passt auf euren Hund auf," rief ich, "ich habe noch nicht gefrühstückt." - Hm, kam nicht an, der Scherz.

Zwei Kurven weiter erreichten wir geschlossene Bebauung, das Dorf Paradavella. Es war ja Sonntag, und eine Reihe von Leuten stand vor den Häusern und schwatzte, die Hunde, wie gewöhnlich, dabei. Kaum waren wir in Sicht, sprangen ein Schäferhund und zwei weitere, noch größere Ungetüme laut bellend auf uns zu. Wir gingen wie üblich hintereinander, meine Frau voran, unsere gewöhnliche Position bei Hundegefahr. Ich war nicht sehr nervös, denn solange die Besitzer in Sicht sind, kann einem doch nichts passieren, oder? Wir grüßten die Leute, aber diese glotzten nur, rührten keinen Finger, ihre Biester zurückzurufen, sondern setzten sogar noch ein hämisches Lächeln auf, als unser Vormarsch ins Stocken geriet, weil eine weitere Schäferhündin uns jetzt ernsthaft den Weg blockierte. Stehen bleiben heißt Angst zeigen. "Rechts rüber", sagte ich halblaut, und wir schwenkten vom linken Bürgersteig über die Straße nach rechts. (Warum kam jetzt bloß kein Auto, das die Hunde verscheucht hätte?) Von der anderen Straßenseite sahen wir, warum die Hündin nicht gewichen war: hinter ihr drängten sich zwei kleine Welpen. Das hätte gefährlich werden können. Endlich ließen die Hunde von uns ab, aber von vorn kam schon der nächste. Nie habe ich mir so sehnlich gewünscht, das Pfefferspray dabeigehabt zu haben. Dann hätten wir diesen miesen Dörflern mal gezeigt, was wir mit ihren Lieblingen auch anstellen können. Im Geiste sprach ich den großen Pilgerfluch über dieses feindselige Dorf aus. Mögen ihre Hunde nur noch Welpen mit Schlappohren bekommen! ;-) Noch heute kommt mir die Wut hoch, wenn ich an Paradavella denke.

Böse Falle: Ein irreführender Wegweiser

Dieses verd... Dorf hatte noch eine weitere Überraschung zu bieten. Gleich am Dorfausgang - wir hatten noch den letzten Schäferhund hinter uns - zeigt ein Wegestein mit Muschelkachel einen Hohlweg nach rechts hoch. In Galicien gibt es viele solcher neuen Wegesteine, die offenbar auch ganz frisch gesetzt waren. In den Folgetagen sagen wir sogar solche, die noch gar keine Muschelkachel hatten und wo der Zement noch sichtbar frisch war.

Ohne zu zaudern also dort hoch bis zur nächsten Wegverzweigung. Hm, keinerlei Hinweis. Wir suchen vergeblich herum und wissen nicht weiter. Meine Frau sagt: "Einfach nach links", aber ich will nicht, da davon nichts im Handbuch steht. Übrigens von der ganzen Abzweigung nichts. Da kommt unten im Dorf die Pilgerfamilie in Sicht, die uns jeden Tag überholt. Mal sehen, was die machen. Erst werden sie wie wir von den Hunden angegangen, halten sch aber wacker, sprechen einfach die Leute an und bleiben stehen. Dann gehen sie weiter, werfen nur einen Blick auf den Wegestein - und bleiben auf der Straße. Das reicht mir. Wir gehen auch wieder zurück. Wir erreichen den Familienvater, der auf seine Damen wartet, die in den Büschen verschwunden sind. "Der Wegestein steht falsch", klärt er auf, "er ist um 90 Grad versetzt einbetoniert worden und sollte eigentlich anzeigen, dass es dort nicht hochgeht." Man habe ihn tags zuvor schon in Fonsagrada gewarnt. Also: Hinter Paradavella nicht abbiegen, auf der Straße bleiben!

Die Qual der Wahl: Vor dem Pass von Fontaneira

Ein Stück weiter verlässt der Pilgerweg die Fernstraße dann doch nach links und geht hinunter auf das Dörfchen Degolada zu. Aber schon vor dem Dorf biegt man nach rechts auf ein Asphaltsträßchen ab. Bei einem schönen Bauernhof links arbeiteten Leute auf den steilen Feldern. Sie grüßten aus der Ferne. Ein paar Meter weiter hielt ein Auto an, und der Fahrer rief uns zu sich. Wir seien nicht auf dem Pilgerweg, völlig falsch! - Ich war ganz verwirrt. Konnten wir uns so vertan haben? Ein Blick ins Handbuch. "Kommt denn nicht gleich eine Kirche, wo es rechtsabgeht?" - "Nein, nein, ganz falsch. Sie müssen oben auf der Straße bleiben. Das ist hier nicht der richtige Pilgerweg." Was, wieder zurück und auch noch das ganze Stück wieder hoch bis zur Straße? - Also, im Ernstfall trau ich dem Handbuch mehr als den bekannten "hilfreichen" Spaniern. "Mein Handbuch ist aber anderer Meinung" bockte ich. - "Ja, ja, ich weiß. Da führen sie die armen Pilger diesen anstrengenden Weg entlang, wo doch oben die Straße viel einfacher zu laufen ist und außerdem der authentische Weg!" - Jetzt begriff ich langsam. "Also, wir folgen den Pfeilen und dem Handbuch." (Sonst war ja auch die Gefahr, den Pilgerweg ganz zu verlieren.) Er war ganz beleidigt, schwallte uns noch zu, dass er sich mit dem Verlauf des historischen Pilgerweges genau auskenne usw. Das meiste verstand ich sowieso nicht. Ich grüßte stramm und schmiss ihm die Autotür zu. Wir hatten genug Zeit verloren. "Muss ein Dorfschulmeister gewesen sein" knurrte ich meiner Frau zu. Bald waren wir an der Kirche und fanden gelbe Pfeile, na also! Um ein Haus rum - verd..., schon wieder ein Köter, der laut bellend an seiner Kette zerrt. Jetzt nicht den steileren Weg rechts hoch, sondern links bleiben. Man läuft in einem riesigen Linksbogen durch einen dicht bewachsenen und bewaldeten Einschnitt über einen schmalen Pfad, leider immer weiter hinunter. Dass wir am Ende alles wieder hochlaufen mussten, bis zum Pass, war uns klar. Gelegentlich hing ein gelbes Plastikband im Gebüsch, sonst keine Zeichen. Auf einer niedrigen Mauer legten wir eine Verschnauf- und Esspause ein. Am tiefsten Punkt erreicht man Bauernhäuser (das neben dem Weg stand leer, also keine Hunde), und ab da geht's wieder hoch, anfangs normal, dann immer steiler. Außerdem muss man auf Abzweigungen achten. Die Anstrengung ist ähnlich wie hinter Peñaseita vor der ersten Passstraßenschleife. Ziemlich ausgepumpt erreichten wir die Höhe und das Dorf A Lastra, dessen erste Häuser wir schon lange vor uns gesehen hatten. Das war aber noch nicht der Pass! Wir mussten noch ein Stück die Straße entlang, dann links ab zwischen Bauernhäusern hindurch der nächsten Höhe entgegen. Das Wetter war inzwischen recht sonnig geworden, und wir kamen jetzt im Freien recht ins Schwitzen.

Man wundert sich, wie schwierig diese Etappe noch ist. Die Tagesentfernung (24,5 km) ist normal, man wähnt sich weit vom Hochgebirge entfernt, hat den ersten Pass bei Hospital mit links bezwungen, aber hier verlangt man den Pilgern noch einmal alles ab. Klar, insofern hatte der "Dorfschulmeister" Recht: Auf der Straße kann man sich viele Höhenmeter ersparen. Andererseits war der Weg durch den grünen Dschungel sehr schön und einsam, und hatten wir sonst etwa vor anstrengenden Abschnitten gekniffen? - Vor diesem Pass hat man also buchstäblich die Qual der Wahl. Auch wenn wir von einigen gehört haben, die sich hinter Degolada auf dem Waldpfad verlaufen haben: Wir würden dort trotzdem noch einmal diese Route wählen.

Stolz griffen wir die letzte Stufe vor dem eigentlichen Pass an. Wieder hatten wir Glück: An einem Bauernhof wollten uns drei Hunde auf den Pelz rücken, aber diesmal rief ihre Besitzerin sie scharf zurück und hielt sie fest. Gut, dass sie da war. (Sie verluden gerade eine Kuh.) Dann kam das letzte steile Stück. Von oben bot sich ein schöner Blick zurück, bevor uns ein Wald aufnahm. Immer noch etwas höher, aber nicht so steil. Vergeblich warteten wir darauf, dass sich auf dem höchsten Punkt ein Rundumblick bot; das verhinderte der Wald. Bald senkte sich der Weg bereits wieder. Als wir den Wald verließen, hatten wir die (recht neue) Passstraße erreicht und gleichzeitig den Pass, die Alto de Fontaneira ebenfalls. Immer noch 930 m hoch!

Der Weg zur Herberge von Cádavo

Im nächsten Dorf Fonfría beschauten wir kurz die Kirche. Aus der benachbarten Bar kam die Wirtin und fragte nach dem Wohin und Woher, wie üblich. Sie hätte uns gern was verkauft, aber wir brauchten nichts. Etwas weiter kreuzte ein mittelgroßer Hund vor uns die Straße, bog dann links auf einen Hof ein - um uns von dort über die Mauer furchtbar zu verbellen. Ich warf einen Stein nach ihm, war es leid, dauernd auf öffentlichen Straßen angeblafft zu werden.
Vor unserem Tagesziel Cádavo spricht Michael Kasper von einer "unwegsamen" Strecke und einem "schlechten Weg". Wir waren also auf der Hut, denn über die Mühen vor dem Pass hatte er kein Wort verloren. Um so erstaunter fanden wir recht breite Pisten, die leicht zu laufen waren. Im Tal vor uns ahnten wir schon die Stadt. Diese Pisten mussten neu sein, das ist die einzige Erklärung. Mitten in der Wildnis ein schönes Schild: "Pilgerherberge 1 km" O Freude! Durch Anklicken vergrößern Wegweiser vor Cádavo-Baleira

Dann erreichten wir sogar eine kleine Asphaltstraße, muss ebenfalls neu sein. Man bleibt in Richtung "immer geradeaus". Vor einem, jenseits des Tales, liegt ein mächtiger Höhenzug. Die schlechte Nachricht: Da geht's am anderen Tag geradeaus rüber. Die gute Nachricht: Das ist endgültig der letzte bedeutendere Bergrücken des Camino primitivo. Danach kam nichts mehr, was uns aufgefallen wäre. Die Gegend um Lugo ist weiter hügelig, aber alles kein Problem, wie auf dem Rest von Palas de Rei nach Santiago ebenfalls.
Refugio von Cádavo-Baleira Durch Anklicken vergrößern

Cádavo-Baleira und seine Herberge

16h00. Wir erreichten die ersten Häuser und liefen genau auf die sehr moderne und neue Herberge zu, ein etwas steriles, fast futuristisches Gebäude, bei dem, wie oft in Spanien, die Restarbeiten niemals erledigt worden waren (z.B. fehlende Außentreppen, Wäschewaschanlage ohne Einrichtungen).

Geschlossen, niemand da. Nun sollte man mit dem Telefon des benachbarten Gesundheitszentrums den Betreuer anrufen. Die Stelle, wo das Telefon mal gehangen hatte, war auch noch deutlich zu sehen ;-)) Also blieb meine Frau beim Gepäck, und ich machte mich auf die Suche nach einem Telefon. Runter in den Ort, links die Hauptstraße entlang. Oha, bei einem kleinen Supermarkt werden Lebensmittel geliefert. Da wird man nachher selbst am Sonntag noch was bekommen können. (Stimmte!) In zwei Bares rein, die verweisen mich weiter. Endlich an der Hauptkreuzung des Ortes eine Telefonzelle. Ich wähle die angegebene Nummer, sage meinen Spruch und frage, wann jemand käme. "Ahora mismo!" Ich verstehe nicht sofort, habe diesen Ausdruck noch nie gehört. Das muss doch wohl "unverzüglich" heißen, vermute ich. Ich frage zurück, die Frauenstimme bestätigt es. "Muchas gracias!" stammele ich. Donnerwetter, wenn das stimmt, mitten am Sonntag! Ich laufe von der Kreuzung eine Abkürzung zurück. In diesem kleinen Ort orientiert man sich schnell. Gerade bin ich wieder an der Herberge, da fährt auch schon ein Wagen vor. Nochmals: Donnerwetter!

Der Hospitalero zeigt uns alles stolz. Alles super in Schuss. Zwei Schlafräume mit je 10 Betten, dazu ein Behindertenzimmer mit 2 Betten und eigener Dusche/Toilette. Dürfen wir nicht vielleicht...? Nein, ich frage denn doch nicht. Schließlich sind wir nicht behindert. (Nachher fragen wir uns: Ist ja sehr nett, dass man an Behinderte denkt. Aber Behinderte auf dem Camino mit seinen Strapazen? Wer so behindert ist, dass er nicht in einem normalen Schlafraum unterkommen kann, kann doch unmöglich... Naja, was ging's uns an.)

Wir blieben ohnehin wieder mal die einzigen Gäste. Die Pilgerfamilie aus Oviedo, die jeden Tag mit uns parallel lief, schaute herein: So sah also eine Pilgerherberge aus. Den Wunsch nach Stempeln konnten wir ihnen erfüllen: der Stempel und das Gästebuch liegen in der Küche in der Schublade. Die Küche war blitzblank und neu, wohl nie benutzt. Denn (man weiß es ja): in Galicien gibt's keinerlei Geschirr in den Herbergen. Die spinnen, die Galicier! Also machten wir uns an den Einkauf. Tatsächlich waren mehrere Geschäfte geöffnet. Der Hospitalero hatte uns ein Restaurant empfohlen, das etwas weit weg lag (jenseits der Fernstraße, die den Ort durchquert). Trotzdem brachten wir erst einmal die Einkäufe weg. Auch holten wir die Wäsche rein, da sich über den Höhen wieder Regenwolken zusammenbrauten. Auf dem Rückweg waren wir von Hunden belästigt worden, die das frische Brot gerochen hatten. Also nahmen wir, wieder in Richtung Restaurant, eine Parallelstraße. In einem kleinen Hof ließ die Bäuerin ein Schwein aus dem Stall. Ihr Schäferhund, der uns gerade noch über den Zaum angebellt hatte, schoss auf das Schwein zu - und fing an mit ihm rumzutollen. Beide waren offensichtlich dicke Freunde. Amüsiert gingen wir weiter. Das Wetter wurde wieder schlechter. Vor Regenwolken flüchteten wir gegen 20 Uhr zum Restaurant. Nein, vor 21 Uhr gäb's nichts, sagte der Wirt grämlich. Auch sonst keine Speisekarte, nichts. Wir hatten die Nase voll, gingen zur Herberge zurück und aßen aus unseren Vorräten. Die Empfehlung war witzlos gewesen, nur mit dem Mangel an Geschirr kann man die Pilger nicht in unfreundliche Restaurants locken.

Eine kleine Kirche war fast genau gegenüber der Herberge. Leider tat sich da nichts, trotz Sonntag. Auch keine Hinweise auf einen Gottesdienst. Schade!

26.08.2002, Montag: Von Cádavo-Baleira nach Lugo, 34 km (240,5 km)

Heute hatten wir die zweitlängste Etappe vor uns. (Eigentlich die drittlängste, wenn man die 35-km-Etappe Arzúa-Monte do Gozo als zum Camino primitivo gehörig mitrechnet.) Wir stellten uns psychisch darauf ein und legten auf etwa 1/3 und 2/3 der Strecke Zwischenziele mit größeren Pausen fest. Etwas Sorgen machte mir, dass Michael Kasper, der mit schlechten Nachrichten im Handbuch sehr zurückhaltend ist, von zwei ungenügend ausgezeichneten Wegabschnitten und von überschwemmten und zugewachsenen Wegen spricht. Wir beschlossen, alles zu probieren, aber im Falle von Schwierigkeiten zurückzugehen und ab da auf der Straße zu bleiben. Nun, vorweg: Es war weniger schlimm als erwartet, und wir haben alles gut geschafft. An zwei Stellen sind wir aber mehr oder minder freiwillig von der Route des Handbuches abgewichen. Doch der Reihe nach...

Über die letzte Höhe...

6h00 schrillt der Wecker. 7h32 gehen wir los, lassen die Herberge offen und den Schlüssel innen stecken. Es geht zur Querstraße hinunter, dann noch etwas weiter abwärts, danach in einem großen Linksbogen zu dem kleinen Dorf Pradeda auf halber Höhe des Bergrückens hoch. Alles ist ruhig. Wir schleichen wieder wie ein Spähtrupp hindurch, nichts! Ich atme auf. Hinter der Höhe stößt man auf die Fernstraße, geht aber gleich wieder rechts von ihr weg durch Wald. Wieder ein schöner Weg! Am Ende des Waldes kommt man an ein großes Gelände mit der Kapelle Nuestra Señora del Carmen. Sie ist offensichtlich Ziel von Wallfahrten, denn überall sind Bänke, Grillplätze und auch eine Wasserstelle. Bald danach kommt das Dorf Villabade mit interessanter Kirche und einem Mini-Parador daneben. Auf einer Landstraße erreichten wir problemlos das erste Zwischenziel, Castroverde. Ganz problemlos? Nein, ein kleiner Hund muss mich vorher noch durch ein Gitter anblaffen. Ich schmeiße ihm Straßensplitt um die Ohren, er flieht entsetzt...

Durch die Heimat von San Miguel ;-)

Castroverde ist eine passable Kleinstadt, in der man alles bekommt. Der Pilgerweg ist links, parallel zur Hauptstraße, ausgewiesen. Aber hinter den Häusern und Gärten der Hauptstraße blafften wieder Hunde, ein wenig Industrie ist auch nicht schön anzusehen. Wir gingen zur Hauptstraße zurück, weil wir auch noch einkaufen wollten. An der Kirche war ein ruhiger Platz, wo wir essen und eine Milch trinken konnten. Da entdeckten wir, dass der Pilgerweg ohnehin hier vorbeiführt und folgten ihm wieder. Hinter dem Ort überquert man die Fernstraße, geht aber gleich wieder auf kleinen Landstraßen und Bauernwegen, wie den Rest des Tages auch. Zu meinem Amüsement kommt man zum Dorf San Miguel. Ich hielt eine Dose bereit. Sobald ein Dorfschild kam, wollten wir ein schönes Foto machen. Schade, es kam keines. (Den Namen wusste ich nur aus dem Handbuch.)

Es waren auch einige Hunde zu sehen, und an den Bauernhöfen wurde auf Schildern vor ihnen gewarnt, aber sie blieben außerhalb ihres Territoriums friedlich.


Abschied von der Pilgerfamilie aus Oviedo

Hinter einem alten Hohlweg ging es vor einem Tor rechts ab, die Mauer eines größeren Anwesens entlang. Hier sollte der Weg laut Handbuch überschwemmt sein. Naja, wir haben schon Schlimmeres gesehen. Zur Not hätte man auf die angrenzende Wiese ausweichen müssen. Hinter uns kam mal wieder die Familie aus Oviedo in Sicht. Sie gingen morgens etwas später los als wir, holten uns aber in der Regel ein, da sie einfach etwas schneller liefen. Sie blieben aber noch in Sicht, obwohl wir zwischendurch mal wieder Brombeeren naschten, weil sie zum Ausgleich mit Einheimischen ein paar Worte wechselten. An einem Wegkreuz, das auch im Handbuch erwähnt wird, machten wir Fotos. Die Familie verabschiedete sich "bis zum nächsten Treffen"; ich erwiderte "Bis zum nächsten Hund", sie lachten. Dann blieben wir der Familie auf den Fersen, weil ein weiterer Bauernhof angekündigt wurde, durch dessen Anlagen man müsse. (Zu mehreren ist man vor Hunden besser geschützt.) Rechts standen urige alte Bäume. Von Hunden war nichts zu sehen. Langsam zog uns die Familie davon, und wir haben sie nicht wiedergesehen.
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Ein bekanntes Wegekreuz

Erste Abweichung von der Handbuchroute

Auch die nächsten Dörfer, Moreira und Vilar, waren ohne Ortsschilder, sodass wir bei einigen Häusergruppen nicht wussten, welches dieser Dörfer wir erreicht hatten. Dann kam aber ein größerer Ort, und das musste endgültig Vilar sein. Hinter dem Dorf, direkt vor einem Bauernhof, stießen wir urplötzlich auf eine Verzweigung des Pilgerweges. Gelbe Pfeile zeigten sowohl nach links ("Gondar") als auch nach rechts ("Soutomerille"). Aber wo ging's nach Lugo? Nun, Gondar lag nach dem Handbuch auf unserem Weg. Zwei Schäferhunde näherten sich knurrend. Wir eilten geradeaus weiter. Der folgende Abschnitt ist offenbar ein anderer als der im Handbuch beschriebene. Michael Kasper schreibt von schlechter Auszeichnung. Evtl. ist er zunächst rechts gegangen und hat sich dann aber doch nach Gondar durchgeschlagen. Wie dem auch sei, wir trafen auf ganz neue Wegesteine, noch ohne Kacheln, und folgten ihnen bis zu einer Landstraße und einem benachbarten Steinbruch. Dann ging es die Landstraße entlang, bei schönem Wetter und ohne Verkehr, sehr angenehm. Als Gondar in Sicht kam, stieß von rechts eine andere kleine Asphaltstraße hinzu. Hier war Michael Kasper offensichtlich herausgekommen. Unser Weg schien uns im Vergleich leichter und einfacher zu sein, auch wenn wir laut Handbuch eine Kapellenruine verpasst haben.

Zweite Abweichung von der Handbuchroute

Durch Gondar problemlos hindurch (keine Hunde). 1 km weiter große Mittagspause von 12h45 bis 13h15 auf einer Wiese, bei ca. 20 km. 14 km hatten wir also noch vor uns. Das trauten wir uns schon zu. Hinter einem Steinbruch ging es rechts ab. Danach kam man schon durch Streusiedlungen, Lugo kündigte sich an. Die Wegeauszeichnung, mit gelben Pfeilen und den neuen Wegesteinen, war sehr gut. Dann kam ein Stück auf der C-630 an der unsichtbaren Ortschaft Carballido vorbei. Wir freuten uns, bald von der Straße nach rechts abzweigen zu können und in beträchtlicher Entfernung von ihr parallel laufend das Dorf Fazai, Ortsteil La Viña, zu erreichen. Ab hier warnte das Handbuch wieder vor Schwierigkeiten.

Am Ortsende fanden wir noch die erwähnte verwitterte Asphaltstraße, ein Bauernhof lag links am Weg. Wir folgten dieser Straße, gebremst durch eine Kuhherde, die vor uns hergetrieben wurde. Vergeblich suchten wir aber die Abzweigung, die nach 300 m rechtsab in den Wald gehen sollte. Wir blieben immer in Richtung geradeaus auf der Piste, kreuzten einmal eine andere, hielten aber die Richtung. Nach ca. 1,5 km bog die Piste scharf nach links. Einer der neuen Wegesteine wies aber nach rechts - genau auf ein riesiges Gestrüpp. Es war wieder mal ein zugewachsener Weg. Wir folgten einer Trampelspur rechts an dem Gebüsch vorbei über eine Wiese. Am Ende kam man in Sichtweite einer Schnellstraße in ein Industriegelände. Wir bogen vor einem Haus (gelbe Pfeile) nach rechts auf eine Piste und folgten ihr parallel zur Autobahn bis zur ersten Brücke. Hier kam von rechts eine andere Piste genau auf die Brücke zu, offenbar die aus der Beschreibung des Handbuches.

Evtl. ist durch die neuen Wegesteine, die hier auch schon Muschelkacheln hatten, inzwischen eine neue Strecke ausgezeichnet, oder Michael Kasper hat den richtigen Weg in diesem Abschnitt nicht gefunden.

Es blieb weiter alles etwas unklar. Hinter der Brücke kam ein merkwürdiges Dünen- und Heidegelände, durchsetzt mit Schutthaufen und Gebäuderesten. Evtl. war durch den Autobahnbau hier ein ehemaliges Erholungsgebiet ruiniert worden. Nach etwa 200 m führt ein gelber Pfeil nach links, aber man ignoriert ihn besser. (Wir folgten ihm, dann ging es nach rechts, und danach war ein einer T-Kreuzung Schluss. Links von uns einige Häuser, geradeaus Dünen mit einem merkwürdigen Miniturm aus Mauerbrocken auf der höchsten Stelle... Wir liefen nach rechts, bis von rechts wieder eine breite Piste kam, m.E. nach dieselbe, die wir hinter der Brücke verlassen hatten. Dort bogen wir nach links auf sie ein und waren - immer meiner Einschätzung nach - wieder in derselben Richtung wie von der Autobahnbrücke aus.)

Man hält sich also hinter der Autobahnbrücke besser immer geradeaus. In der Ferne vor einem ist Lugo zu erkennen, und an dieser Richtung orientiert sich man sich auf dem nächsten Kilometer. Man erreicht zunächst ein Gelände mit Ruinen, die man rechts herum umgeht. Zuletzt erhebt sich links eine große Gebäuderuine, laut Inschrift ein ehemaliges Erholungsheim (der Post?). Man verlässt das Gelände immer noch in der ursprünglichen Richtung und stößt auf ein langgestrecktes, wohl 100 m langes niedriges Gebäude rechts am Weg, rechtwinklig zu ihm. Ein gelber Pfeil auf der Wand zeigt nach rechts. Man geht also das Gebäude entlang, das sich als Ruine eines riesigen Stalles herausstellt, bis zu einer kleinen Asphaltstraße. Dort links und gleich wieder rechts abbiegen. Man gelangt auf einen wohl älteren schmalen Weg, der an Bauernhöfen vorbei in die erste Vorstadt von Lugo führt. Die gelben Pfeile führen hier zuverlässig, sodass man das Handbuch nicht braucht. Dieses beschreibt offensichtlich eine andere Route.


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Neue Herberge in Lugo
Erst als sich nach einigen Abzweigungen, inzwischen innerhalb dichterer Bebauung, der Weg nach unten senkte, erkannte ich die Beschreibung des Handbuches wieder. Es folgte nämlich die unverkennbare Brücke über den Bach Chanca - ein idyllischer Fleck, kurz hinter dem Zusammenfluss der Bäche Rio Rato und Rio de Fervedoira - und dann ein gewundener Weg zur Fernstraße hoch, mitten durch das Problemviertel A Chanca, in dem wir neugierig angegafft wurden. Links erhebt sich die gigantische Eisenbahnbrücke, die man unterquert. Dann geht es zur Altstadt hinauf, überquert die Fernstraße und einen Boulevard und erreicht über die Carril dos Flores erstaunlich schnell die Porta San Pedro. 34 km, geschafft! Hinter dem Tor folgt rechts die kleine Rúa das Norias, wo nach früheren Meldungen die Pilgerherberge vorgesehen war. Dort probierten wir's mal. 16h20 stießen wir nach wenigen Metern auf ein nicht gekennzeichnetes dreistöckiges Gebäude links. Das musste es meinem Gefühl nach sein. Wir schauten durch die Fensterscheiben hinein. Drinnen saßen einige Leute, eine junge Frau winkte uns gleich heftig zu, hereinzukommen. Es war wirklich die Herberge.

Das Refugio von Lugo - schön, überdimensioniert, unrentabel und daher sicher bald verkommen

Die erst im Sommer 2002 eröffnete Pilgerherberge von Lugo ist einerseits groß und luxuriös. Auf der anderen Seite rauft man sich die Haare, wie wirtschaftlich und organisatorisch schwachsinnig (ich finde kein anderes passendes Wort) das Ganze ist. Unten sind Aufenthaltsräume und Behindertenzimmer (dort drückte sich eine Familie herum, die nicht sehr behindert schien). Ferner eine Küche, wie gewöhnlich wenig Inventar. Dann folgen zwei gleichstrukturierte Stockwerke mit je einem großen Schlafsaal (je ca. 20 Betten + Matratzen als Notlager) sowie Duschen und Toiletten, jeweils für Frauen und Männer getrennt. Die Anlagen im 2. Stock sind nicht betriebsbereit, evtl. nicht fertiggestellt. Im 3. Stock sind weitere Räume, aber alles noch im Rohbau. Wird wahrscheinlich nie zu Ende gebaut.

Es gibt keine Lichtschalter für die Schlafsäle! Die hauptamtliche Kraft (Was für eine Geldverschwendung!) schaltet das Licht an zentralen Sicherungskästen zu festen Zeiten aus und ein. Das ist gut gemeint, denn sonst gibt es ja immer ein Problem, wer wann das Licht an- bzw. ausmachen darf. Aber wenn die Einigung leicht ist, weil z.B. - wie in unserem Fall - in beiden Schlafsälen ganze drei Pilger (außer uns noch ein Radfahrer) sind und sich leicht einigen können, wird das zur preußischen Regelwut. (Ich bekam bald heraus, wo die Kästen waren, und benutzte sie einfach von mir aus.)

Schlafsäle und Duschräume (!) haben Fenster, die vom Fußboden bis zur Decke reichen, und keinerlei Gardinen oder Vorhänge. Direkt gegenüber war ein Bürohaus, in dem man vis-a-vis Leute arbeiten sah; sie konnten umgekehrt das Treiben bei uns wie auf der Großleinwand im Kino genauestens verfolgen. Meine Frau erzählte, dass man in den Damenduschen von der Dusche zu einer Ecke, wo man die letzten Hüllen ablegt, quer durch den Raum muss, der wie gesagt voll einsehbar ist. Da werden gegenüber wohl bald die Büromieten steigen... ;-) (Bei den Männerduschen war das nicht so.)

Wie in ganz Galicien ist die Übernachtung kostenlos. Das ist einfach ruinös. Man darf aber spenden, und wir spendeten anderntags sinnigerweise Teller und Besteck, nachdem wir abends zuvor unser Essen mit Taschenmesser und Teelöffel von unseren Plastiktellern eingenommen hatten. Die Helferin, die den halben Tag absolut untätig in der Herberge herumlungerte, freute sich darüber sehr. Mal zu putzen, kam ihr nicht in den Sinn. Ein Putzdienst ist auch sonst wohl nicht vorgesehen, denn die ganze Herberge, so neu sie war, war bemerkenswert dreckig. Wir haben erst einmal den Schlafsaal gesäubert. - Man durfte auf keinen Fall mehr als eine Nacht bleiben. Wir wollten ja einen Ruhetag einlegen, und wegen der gähnenden Leere in der Herberge baten wir um eine weitere Nacht (was in Oviedo ja kein Problem war), für die wir gern eine größere Spende abgedrückt hätten. Nichts zu machen! Ich war platt, glaubte, dass die Helferin vielleicht einen Vorwand brauchte. "Ich bin krank" erklärte ich und wies einen verbundenen Zeh vor. Nein, lehnte sie todernst ab. "Dann schreiben Sie doch: wegen Altersschwäche" witzelte ich und kniff ihr ein Auge zu. Sie lachte nicht und blieb hart. (War das wirklich eine Spanierin?) Dachte sie nicht wenigstens daran, ihren eigenen Arbeitsplatz abzusichern, indem sie für Einnahmen sorgte und die Übernachtungszahlen erhöhte?

So mussten wir tatsächlich zum Touristenbüro, besorgten uns einen Stadtplan und ein Unterkunftsverzeichnis und fanden ein billiges Hostal, gar nicht weit von der Herberge entfernt. ("Rio Neiro" in der gleichnamigen Straße, Nr. 29, winziges Doppelzimmer mit Dusche und Toilette, 26 EUR) - Ich habe über diesen ganzen Unsinn nur den Kopf geschüttelt. Bei diesem Geschäftsgebaren wird die Herberge aus Mangeln an Mitteln sehr schnell heruntergekommen sein, wenn da nicht jemand eingreift und einiges ändert. Dieses große Haus wird die Stadt ohne Einnahmen nicht lange unterhalten können.

27.08.2002, Dienstag: Ruhetag in Lugo

Am Morgen ließen wir die Rucksäcke zunächst in der Herberge, buchten das Zimmer im Hotel und bezogen es später. Ausgerechnet dieser Tag war voller Regen. Wir mussten den Rundgang um die Stadtmauern zwischendurch für einige Stunden abbrechen. Dann liefen wir in unseren Regenumhängen umher, zum Erstaunen und Schmunzeln der Spanier, die sich selbst bei heftigem Regen erst einmal eine Zeitung oder die Aktentasche über den Kopf hielten... In den Geschäften lagen aber Schirme und Regensachen aus. - Schwierigkeiten gab's mit einer neuen Telefonkarte. Erst mussten wir lange nach Tabakläden suchen, die geöffnet waren. Dann gab es nur in einem einzigen eine Telefonkarte unserer bisherigen Firma, aber sie sollte 10 EUR kosten. Das war uns zu viel. Schließlich kauften wir für 6 EUR die Karte einer anderen Firma; aber diese war nicht so günstig, der Tarif war nach Entfernung gestaffelt. (Dafür konnte man sie problemlos auch im Inland einsetzen, was bei der vorigen Karte, die allein die Zeit maß, unrentabel war.)

Von der Puerta de San Pedro aus geht die große Ausfallstraße Rúa San Roque. Dort fanden wir - in einiger Entfernung - nicht nur einen Supermarkt, sondern auch ein China-Restaurant mit einem Menü für 5,10 EUR. Und das ohne Tricks! Wir haben uns dort toll und voll gegessen, ein konkurrenzloses Angebot, das auch viele Spanier nutzten. Draußen rauschte der Regen...

Abends schauten wir noch kurz in die Herberge rein. Wie erwartet, nur wenige Pilger, etwa sechs. Pech, dass wir Teresa nicht antrafen, die wir erst anderntags in Palas de Rei kennen lernen sollten. Evtl. hätte sie sich uns angeschlossen und sich dadurch eine unangenehme Überraschung unterwegs erspart...

Diesen Ruhetag hatten wir vorgesehen, um uns zwischen den beiden längsten Etappen unserer Tour erholen zu können. Wir waren aber so eingelaufen, dass wir das nicht gebraucht hätten. Da wir aber auch nicht vor dem 1. September in Santiago sein wollten, um dem letzten Ansturm auf dem Hauptweg zu entgehen, ließen wir es bei unserer Planung. Überdies ist die Stadt Lugo es wert, sich einen Tag Zeit für sie zu nehmen. Endlich wäre der Weg nach Palas de Rei bei diesem heftigen Regen ohnehin kein Spaß gewesen. Und tags darauf war wieder schönes Wetter!

28.08.2002, Mittwoch: Von Lugo nach Palas de Rei, 36 km (276,5 km)

7h51 zogen wir guten Mutes zu dieser längsten Etappe los. Das Wetter war bedeckt, aber kein Regen.

Wo sind die Thermen?

Wir hatten sogar noch Lust, einen kleinen Abstecher zu den Térmas Romanas am Rio Miño zu machen. Schon in Reichweite des Flusses gelangten wir an einige verbundene große Kreuzungen, die für einen Fußgänger sehr unübersichtlich sind. Auf einmal kein Hinweisschild zu den Thermen mehr. Wir erreichen das Flussufer und halten uns links, laufen in einen neuen Hotelkomplex hinein: kein Durchkommen. Um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, geben wir auf und gehen den Weg bis zur Brücke zurück. Schade! (Sind die Thermen gar nicht mehr zugänglich? Oder neuerdings nur von der anderen Seite?)

Hinter Lugo: Abzweigung nach Sobrado - Arzúa möglich

Jenseits der Brücke geht es rechts den Fluss, an einer riesigen Badelandschaft entlang. Dann verzweigt sich der Pilgerweg, aber diesmal waren wir laut Handbuch darauf gefasst. Wir wollten nicht nach Sobrado über Friol, einer Querverbindung zu einem anderen Zweig der Nordroute, dem über Xixón, Ribadeo und Baamonde, den wir im Jahre 2003 gehen sollten. - Inzwischen liegt mir ein Bericht der Aachener Pilgerin vor, die diese Alternative von Lugo aus gegangen ist. Nachteil: Von Lugo aus läuft man etwa 42 km bis Sobrado dos Monxes. (Zum Refugio im Kloster dort siehe meinen Bericht von 2003.) Sie selbst hat es mit kluger Einteilung problemlos geschafft, aber zwei Männer, die ihr noch vorausgeeilt waren, lagen anschließend mit schmerzenden Knochen am Ziel im Bett. Das ist zu viel des Guten. - Eine (normal weite) Etappe weiter (auf dem oben erwähnten Zweig der Nordroute) kommt man dann in Arzúa raus... (Näheres im Bericht von 2003)


Nachtrag von 2004: Neues Refugio vor Friol
Pilgerin Cornelia Schmitz (die mit meinen Aufzeichnungen im Juli 2004 unterwegs war) ist ebenfalls nach Sobrado dos Monxes gegangen, hat aber in Friol privat übernachtet. Sie hat irgendwo vor Friol Hinweise auf ein neues Refugio gesehen. Das würde natürlich die Situation ändern, müsste aber noch bestätigt werden. Im Gegensatz zu der Aachener Pilgerin ist sie nicht die Landstraße bis Sobrado gegangen, sondern der Auszeichnung nach, was ihrer Meinung nach schwierig war und viel zusätzliche Zeit kostete.


Der Camino primitivo hinter Lugo

Unsere Strecke hinter Lugo war gut ausgeschildert. Lange ging es noch durch Streusiedlungen. Einmal zwei riesige Villen im Rohbau, da fand sich wohl kein Besitzer. Unter der N-540 führt neuerdings ein kleiner Fußgängertunnel hindurch. Einige 100 m weiter ein großer neuer Landsitz mit einem Eingangstor, über dem ein Pilgerbild und Muscheln prangten. Sicher war der Besitzer mal selbst als Pilger unterwegs gewesen... Während wir an den nächsten Villen vorbeizogen, begleitete uns wie üblich Hundegebell. Dann überquerten wir nochmals eine größere Fernstraße, gingen aber schnurgeradeaus weiter.

Einige neuere Alternativen

Man bleibt nun immer auf der kleinen, wenig befahrenen Asphaltstraße, wie das Handbuch es angibt. Dabei zieht man in regelmäßigen Abständen durch mehr oder minder kleine Dörfer. Keine Hundebelästigungen. Vereinzelt stehen die neuen Wegesteine am Weg.

Nach gut einem Drittel des Weges Rast in Poutomillos auf einem Platz mit Bänken neben einer (ehemaligen?) Dorfschule. Auf diesem ersten Drittel trugen wir immer schwer an unseren Vorräten, u.a. an dem üblichen Liter Milch. Die Milch erfrischte und stärkte aber sehr. Nach der Pause lief man dann mit um gut 1,5 kg leichterem Gepäck weiter. Für Momente der Erschöpfung hielt ich immer noch eine "Geheimwaffe" bereit, 1 Dose San Miguel oder sonst ein Getränk.

Wir marschieren weiter. Urplötzlich zeigt einer der neuen Wegesteine an, dass man von der Straße rechts ab in ein nahes Dorf (Mera?) abzweigen soll. (Nichts davon im Handbuch.) Wir überlegten: Das konnte nur ein Umweg sein, denn die Straße, die verkehrsmäßig ruhig genug war, führte ja zu unserem Ziel Palas de Rei, und das lag weit genug entfernt. Diese Alternative musste also ohnehin auf die Landstraße zurückführen. Zudem war in den Dörfern das Hunderisiko höher. - Insgesamt: Nein, die Straße weiter. Wir achteten darauf, wo wohl der Jakobsweg wieder von rechts hinzukommen würde, sahen aber nichts.

Irgendwann um die Mittagszeit kommen wir an die Abzweigung zu dem im Handbuch erwähnten Restaurant Mesón de Crecente. Das Haus ist greifbar nahe, einige Autos stehen davor. Es hat also wohl geöffnet. Wir ziehen trotzdem weiter, weil wir nicht so hungrig sind und genügend viel an Vorräten mitgenommen haben.

Einige ereignislose Kilometer weiter (wir legen ein gutes Tempo vor) kommt Vilamaior de Negral (22,6 km), unser zweites Teilziel, in Sicht. Wieder verweist ein Wegestein auf eine einladende Piste nach rechts. Diesmal beschließe ich spontan, diese Alternative zu gehen, da sie meiner Einschätzung nach einen großen Rechtsbogen durch die Ortschaft abkürzen könnte. Natürlich ist das etwas riskant, da das Handbuch ja keine dieser (wohl neuen) Alternativen beschreibt. Zunächst lässt es sich auch gut an. Es geht durch Wald und Heide in einem Linksbogen auf den Ort zu, aber unmittelbar vor ihm, schon in der Nähe von Häusern, noch einmal nach rechts. Danach folgt eine sehr große Schleife durch eine Bauernschaft. Nach meinem Orientierungsgefühl laufen wir nach zwei Linkskurven parallel ein Stück wieder zurück, noch einmal auf den Ort zu. Ich bin etwas genervt. Im nächsten Garten tobt wieder ein Hund. Kurz vor dem Ort zweigt man dann doch noch rechts ab und stößt auf die Landstraße, die nach rechts in der gewünschten Richtung aus dem Ort herausführt. - Ich weiß nicht, ob sich diese Alternative zeit- und entfernungsmäßig lohnt; zumindest das letzte Stück ist doch arg im Zickzack. - Etwas weiter biegen wir nach rechts auf eine Wiese ab und machen nach ca. 24 km von 13h30 bis 14h00 ausgiebige Mittagspause mit allem, was der Rucksack bietet: Brot, Käse, Schinken, Früchte, Joghurt, Fischkonserven - und natürlich die "Geheimwaffe". ;-)

Ca. 1 km weiter macht die Straße eine Linkskurve, und es folgt eine Kreuzung, auf der es laut Straßenschildern nach Friol und Burgo geht, insgesamt also spitzwinklig zurück. Diese Kreuzung steht auch auf der Michelin-Karte. Sie passt aber gar nicht zu der, die das Handbuch ankündigt. Tatsächlich folgt letztere erst ca. 1 km weiter. Hier geht es dann links nach Palas de Rei, aber das wiederum steht so nicht auf der Karte. Etwas verwirrend. Links sehen wir schon lange einen höheren Berg aufragen, der von Antennen gekrönt wird. Ich meine, mich an ihn vom Hauptweg erinnern zu können. Dass er vorhin schon wesentlich näher war, jetzt aber wieder weiter weg und immer noch schräg links vor uns, trägt nicht zu unserer Beruhigung bei. Laufen wir einen Umweg? Tatsächlich hat die Landstraße, der wir an diesen Tag folgen, hier einen komplizierten, kurvigen Verlauf, der das Phänomen erklärt. Wir haben nicht etwa den Weg verloren.

Weitere Alternativen und eine böse Falle

Inzwischen halte ich nach einer Linksabzweigung nach Vilar de Doñas Ausschau. Dort gibt es eine Kirche mit berühmten Tempelrittergrabplatten. Es wäre ein Umweg von ca. 1,5 km, aber wir würden von dort aus problemlos den Haupt-Pilgerweg, den Camino Francés, erreichen. Zweimal kommen wir an eine vielversprechende Kreuzung; leider kein Schild. Später sehe ich im DuMont-Handbuch, dass tatsächlich eines dieser Sträßchen zu meinem Wunschziel geführt hätte. Pech gehabt!

Hinter Ribeira wieder eine abzweigende Alternative, diesmal nach links. Aber gelbe Pfeile weisen widersprüchlich sowohl in diese Richtung als auch die Straße weiter. Eine verblasste Inschrift auf der Straße besagt: "links gesperrt" (cortado), "provisorisch geradeaus". Was soll man da machen? Das kann stimmen oder inzwischen überholt sein. Siehe da: von María Cruz ein Zettel, der den Leuten Mut macht. - Na, auf ihren Orientierungssinn wollen wir uns nicht verlassen. - Zur Vorsicht weiter die Straße entlang.

1 km weiter, hinter Berbetoros, an einem großen Bauernhof: Von links ist die Alternative sichtbar hinzugekommen, jetzt soll es rechtsab, am Bauernhof entlang weitergehen. Wir beratschlagen. Man könnte mal wieder... Es scheint doch immer bald wieder auf die Straße zurückzugehen. Ein wenig schreckt der Hof ab (Hunde?). Wir sind ca. 10 km vor Palas de Rei. Ich denke daran, dass dort der Ansturm auf die Betten groß sein wird, sodass wir uns etwas sputen sollten, im Gegensatz zu der Etappe vor Lugo, zwei Tage vorher, wo wir wussten, dass wir auf eine neue, große und unbekannte Herberge zuliefen. (Außerdem auf eine Stadt, in der es zig billige sonstige Unterkünfte gab.)

Wieder ein Entschluss: Wir bleiben auf der Straße. - Wir ahnten ja nicht, wie goldrichtig diese Vorsicht war. Anderntags erzählte uns Teresa ausführlich, dass sie, immer einige Kilometer hinter uns, alle Alternativen gegangen ist, auch diese letzte - und diese Alternative führte überhaupt nicht nach Palas de Rei, sondern auf den Höhenrücken, der sich windrädergekrönt rechts von uns erhob. Ja, spinnen die Galicier denn völlig?

Nach meinen bisherigen Recherchen scheint diese Alternative nach Melide zu gehen. Sicher kann man so einen Tag rausholen, aber um den Preis einer Etappe von über 40 km. Kaum zu empfehlen.


Hinter Ribeira auf keinen Fall den Monolithen rechtsab folgen, sondern auf der Landstraße bleiben. Die Alternative führt nach Melide, aber nicht nach Palas de Rei! Ein Weg von über 40 km, der von Lugo aus in 1 Etappe zu Fuß kaum zu bewältigen ist.
Nachtrag von 2006: Neuerdings kann man aber in San Román übernachten (2 Betten 2 Matratzen).


Wieder mal ein kleiner Zwischenfall mit Hunden. Zwei mittelgroße verlassen ihren Hof links der Straße und rennen bellend hinter mir her. Ich nehme absichtlich destruktiv (im wahrsten Sinne des Wortes) einen Stein von der benachbarten Steinmauer und werfe ihn den Hunden um die Ohren. Wenn die Bauersleute ihre Köter nicht besser erziehen, dass sie auf der Landstraße nichts zu bellen haben, dann soll ihnen ruhig ihre Steinmauer nach und nach stückweise auf dem Hof liegen. Denke ich - und oh, da stehen die Bauersleute tatsächlich nebenan im Garten und haben alles gesehen. Ich nicke grimmig vor Genugtuung. Hoffentlich haben die jetzt was gelernt.

Eine Reihe kleinerer Dörfer folgte nun, sodass die letzten Kilometer bis zum Hauptweg auf einmal munter runterspulten. Ich witterte sozusagen bekannte Luft. Schon in Reichweite von Palas de Rei ging es über die Nationalstraße und dann durch eine Siedlung bis zu einem staubigen Weg vor einer großen Sportanlage. (Hier kamen später Pilger unter.) Diese Kreuzung kannten wir beide: Dort hatten wir 1998 unter dem Baum gesessen und waren von unseren Hilfsautos mit Eis verpflegt worden. O Nostalgie! Und natürlich waren links und rechts einige Pilger zu sehen: was will man auf der "Ameisenstraße" Camino Francés anders erwarten?

Ab jetzt kannte ich jede Kurve, und wir liefen zügig auf den Ort zu und hinein. Dabei überholten wir noch fünf Pilger, die es langsamer angehen ließen. An der Kirche vorbei, die Treppe hinunter, die Hauptstraße überquert und gleich wieder weiter hinunter. Dabei kamen wir an einer vielversprechenden Bar mit Menü auf der linken Seite vorbei, ca. 50 m oberhalb des Refugios. Hier sollten wir am frühen Abend sehr gut essen.

Hier schließe ich diesen Teil des Berichtes vom Camino primitivo, denn der Rest ist auch für diejenigen interessant, die den Hauptweg gehen. Der Bericht dazu findet sich deshalb im nächsten Kapitel.


Zum nächsten Kapitel: Von Palas de Rei nach Santiago de Compostela
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Letzte Änderungen: 02.03.2017