Nordroute des Jakobswegs in Nordspanien (Camino del Norte)
Kapitel 3: Von Llanes nach Oviedo

Autor: Rudolf Fischer
Meine Netzadresse: Rudolf.Fischer bei Esperanto.de
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Es ist sinnvoll, hier ein neues Kapitel beginnen zu lassen, denn jetzt kam der letzte, wesentlich andersartige Teil unserer Pilgerfahrt, nämlich durch Asturien mit seinen Refugios. Das bedeutete:

Dass gleichzeitig noch ein für mich besonderer Teil der Reise begann, nämlich eine Darmgrippe, die mich 5 Tage lang plagte, sei am Rande vermerkt. Glück im Unglück: Die obigen Vorteile verhinderten, dass ich aufgeben musste. Auch waren die Etappen wesentlich kürzer, da sie den Abständen der Refugios entsprachen. 17 km schaffte ich nach dem vorherigen Training, in wesentlich einfacherem Gelände als im Baskenland und im ersten Teil Kantabriens, auch noch als Kranker.


06.08.2001, Montag: Von Llanes nach Piñeres, 21 km (409,5 km)

Morgens hatten wir Toiletten und Waschräume für uns. Im Zimmer nebenan, wo ein Teil der Jugendlichen schlief, lag man sogar dicht an dicht auf dem Boden... Rücksichtsvoll schleppten wir alle unsere Sachen aus dem Schlafraum in den Frühstückssaal. Ich schaute in die Eingangshalle: Dort schlief die Nacht über ein Wächter, der bei meinem Erscheinen (um 8 Uhr) sofort aufsprang. Freundlich stempelte er unsere Pilgerpässe, was wir tags zuvor bei dem Ärger vergessen hatten.

8:30 Uhr geht es etwas in die Stadt zurück; dann folgen wir der Beschreibung des Handbuchs, vom Strand Sablón aus links die befestigten Uferfelsen hoch. Oben entdecken wir, dass es mehr als 1 km lang hoch über dem Meer entlanggeht, ein erfreulicher Tagesbeginn. Unten ist die Küste zerklüftet. Eine Gedenktafel trauert um zwei Jugendliche, die hier abgestürzt sind (Unfall? Selbstmord?). Kurz vor dem Ende der mit Mauern verstärkten Promenade muss man sich einen steilen Fußpfad nach unten suchen; zwischen Häusern hindurch gelangt man an die Ausfallstraße nach Westen.

Auf ihr erreichen wir Poo. Wir schauen nach der angekündigten Herberge aus, die ja vielleicht eine gute Alternative für die in Llanes gewesen wäre. Rechts ein "verdächtiges" Gebäude: Neue Schilder "Jugendherberge", "Einlass ab 19 Uhr" und neue Ketten mit Schloss um die Gittertore. Hm, irgendwas irritiert mich. Dann weiß ich, was: Auf den Treppenstufen des Haupteingangs wächst Unkraut... Etwas weiter links ist der Bahnhof mit einer Bar. Ich erkundige mich an der Theke: Ja, die Herberge ist seit diesem Jahr geschlossen. Man stelle sich vor, wir hätten da bis 19 Uhr gewartet... Ob die neuen Schilder "Jugendherberge" bedeuten, dass sie aus Privatbesitz übernommen wurde und renoviert wird? Möglich... Die Herrentoilette in der Bar ist ein grauenhaft verschmutzter Abtritt (Stehklo), so dass ich einfach in die Damentoilette gehe (wesentlich besser).


Durch Anklicken vergrößern Die Strecke heute ist weiter landschaftlich schön. Zwischen Unquera und Llanes waren nur wenige kleine Strände, dazu weitab vom Pilgerweg. Heute schwelgen wir wieder in Stränden. Bei Celorio erreichen wir zunächst ein Kloster. Auf Ansichtskarten haben wir gesehen, dass es hier einen Felsen an der Steilküste gibt, der aus einer bestimmten Perspektive deutlich wie der Kopf des dornengekrönten Christus aussieht... Passt ja. Zum Kloster gehört ein weites Gelände die Küste entlang, darunter ein feiner Strand.
Der Klosterstrand von Celorio

Ich halte halbherzig nach Unterkünften Ausschau, aber hier gibt es sogar Schilder "completo". Mittags folgen zwei weitere Strände mit zugehörigen Campingplätzen. Am Strand von Borizu machen wir eine längere Pause. Wunderbare Felsformationen bilden eine herrliche Naturkulisse. Meine Frau erfrischt sich wieder im Wasser; ich laufe etwas herum, schaue den Krabbensammlern zu und ruhe mich aus.

Als wir später direkt an einem Campingplatz vorbeigehen, entdecken wir ein Auto mit einer Nummer aus unserer Heimatgegend, sogar (laut Zusatzbeschriftung) aus unserer Nachbarstadt. Meine Frau braucht mal Kontakt zu anderen, geht zu dem Zelt hinüber. Es ist niemand da, aber die aufmerksame spanische Nachbarin holt eine Deutsche herbei. "Euch kenn ich doch!" sagt diese, "Wir haben doch zusammen in Ahaus demonstriert." (Gegen das atomare "Zwischen"lager) Stimmt, auch wir erinnern uns. Einer dieser Zufälle, von denen man oft erzählen kann...

Weiter geht es über teils zugewachsene Waldwege, bis wir die Fernstraße AS-263 und die Autobahn erreichen. Rechts liegt die Klosterruine San Antolín de Beón. Unterhalb der Straße wieder ein Strand, voll von Ausflüglern. Wir biegen links nach Naves ab, wo wir in einer Bar zu Mittag essen. Der Tagesrhythmus ist nun verändert. Die Refugios liegen weitab von allem auf dem Land, und man kann nicht damit rechnen, abends essen zu gehen oder einkaufen zu können.

Es ist die letzte warme Mahlzeit für mehrere Tage, weil meine Darmgrippe beginnt. Gut, dass man nicht weiß, was man vor sich hat... In Nueva, der letzten Stadt vor dem Refugio, wird eingekauft. Leider muss man ab jetzt die Vorräte für abends und morgens eine Zeitlang tragen...

Hinter Nueva geht man nach rechts über Bahngleise und durch einen Autobahntunnel. Dann sieht man schon links das rosafarbene Haus der Betreuerin des Refugios, während das Refugio selbst noch näher, aber etwas versteckt unter Bäumen, neben einer Ruine liegt.


Achtung: Seit Dezember 2001 ist das Refugio geschlossen. Unterkunft ist (gegen normales Entgelt) auch ohne Zelt auf dem nahen Campingplatz möglich.


Von fern sehen wir auch, dass zwei Pilger vor dem rosa Haus stehen und offensichtlich den Schlüssel holen. Wir lassen unser Gepäck am Refugio und gehen zu ihnen hinüber. Es ist ein spanisch-französisches Paar. Die Betreuerin empfängt uns freundlich. Wir tragen uns ins Gästebuch ein und bekommen unseren Stempel. Dann hören wir, dass es im Refugio zurzeit keinen elektrischen Strom gibt. (Es ist auch kein Geld da, um die Stromversorgung zu reparieren. Ein typisches Beispiel für "das Problem der Refugios", über das ich mich in meinem Bericht über den Camino Francés ausgelassen habe.) Ich sage etwas forsch "Macht nichts" (weil ich froh bin, überhaupt eine Unterkunft zu haben) und spende 1.000 P. Durch Anklicken vergrößern Refugio Piñeres: Fehlt der Strom, wird eben draußen abgekocht.

Das Refugio, das nach dem Namen der nächsten Ortschaft auch manchmal als Pría bezeichnet wird, ist relativ neu, evtl. eine ausgebauter Schuppen. 10 Liegen in einem Schlafraum, aber noch Platz im Aufenthaltsraum nebenan. Kochplatten, die uns jetzt aber nichts nützen. Das junge Paar macht draußen Feuer. Dann trifft noch ein weiteres Paar ein, beide Franzosen. Außer uns laufen alle von Westen nach Osten. - Ich dusche eiskalt, fühle mich stark, lege mich dann etwas hin. Endlich kann man mal etwas Siesta machen. Meine Frau schreibt in ihrem Tagebuch. Auf einmal fühle ich mich schlecht. Vielleicht hilft frische Luft.

Meine Frau ist unruhig, weil sie nicht nach Hause telefonieren kann. (Schwiegermutter ist sehr krank.) Ein Mobiltelefon wäre in dieser Einsamkeit doch nicht schlecht. Wir erkunden die Gegend, weil wir den Hinweis auf ein Restaurant gesehen haben. Aber das scheint sehr weit weg zu sein. Auf einmal kommt das englische Paar, das wir in Santillana kennen gelernt haben, auf seinen Fahrrädern angefahren. Das gibt ein Hallo! Sie wollen immer noch in die Berge... Nachdem sie wieder davongefahren sind, fühle ich mich so schlecht, dass ich sofort ins Bett muss. Eine der Französinnen erzählt, dass ihr Gefährte auch drei Tage lang Darmgrippe hatte. Sie geben uns gute Ratschläge. Ich bleibe bis zum andern Morgen liegen. Wenigstens muss ich nachts nicht dauernd raus...


07.08.2001, Dienstag: Von Piñeres nach Leces (San Esteban), 17 km (426,5 km)

Unseren 31. Hochzeitstag hatten wir eigentlich etwas anders begehen wollen. Nun wird alles durch meine Krankheit überschattet. Meine Frau erweist sich aber als wahrer Schatz. Sie trägt den Großteil der Vorräte, geht einkaufen, während ich mich ausruhen kann, lässt mich vorangehen, damit ich das Tempo und die Pausen bestimme. Ich bin ihr äußerst dankbar. In den nächsten Tagen fragt sie einige Male, ob wir nicht abbrechen sollen. Aber dank ihrer Hilfe schaffe ich die nun folgenden kurzen Etappen durchaus. Auch ist der restliche Weg bis Oviedo leichter zu gehen als die Bergetappen im Baskenland und in Kantabrien.

Morgens sind wir als erste aus dem Bett und rücken auch als erste ab, obwohl erst gegen 10 Uhr. Auf dem Camino del Norte gibt es wohl keine "Knistertüten". Der Weg geht heute durch einige kleine Dörfer. Entgegen dem Handbuch zweigt der Jakobsweg aber nicht schon an der Kirche von Pría von der im Handbuch beschriebenen Route ab, sondern erst später, vor einer Brücke über die Bahngeleise. Warum - im Gegensatz zur Route des Handbuchs - der Jakobsweg nicht dahinter durch das Dorf Cuerres führt, ist mir schleierhaft. Dort gibt es nämlich neben der Kirche einen wirklich sehenswerten historischen Pilgerbrunnen.

Nach mancher unfreiwilligen Rast erreichen wir Ribadesella. Hier soll ein großes Kanufestwochenende gewesen sein. Wir nehmen es als Erklärung für die unglaublichen Müllmengen, die uns schon am Ortsrand auffallen. Ein Schulgelände (!) ist buchstäblich mit teils halbvollen Flaschen, Papier- und Plastikresten übersät. Noch schlimmer: die Strandpromenade, die wir nach einem großen Linksbogen um den Hafen herum, erreichen, samt den Grünflächen daneben, sieht genauso aus, dazu noch voller Scherben. Trotzdem machen wir dort Mittagspause. In der anschließenden Vorstadt findet meine Frau auch noch einen geöffneten Laden für den notwendigen Einkauf.


Durch Anklicken vergrößern Wieder in der Natur, kraxeln wir hinter einem Eukalyptuswäldchen eine kleine Asphaltstraße hoch, als links San Esteban, Orstteil von Leces, auftaucht, mit der Kirche und daneben ein großes rotes Gebäude: das Refugio. Es ist eine alte Schule mit sehr viel Platz. In den ehemaligen Klassenräumen stehen jeweils nur zwei Betten, es wäre Platz für mehrere weitere. Aber eine Küche fehlt; auch gibt es weder ein Restaurant in der Nähe, noch einen Laden. Gut, dass wir alles mitgebracht haben.
Refugio San Esteban (Leces)

Auf unser Schellen hin macht eine ältere Frau auf, die im 1. Stock wohnt und die Herberge im Erdgeschoss betreut. Sie trägt uns ein und stempelt unsere Pässe. Unaufgefordert spende ich 1.000 P. (Später lese ich ein Regularium an der Wand, dass 300 P. pro Person sogar obligatorisch sind.) - Die Sauberkeit lässt etwas zu wünschen übrig. Wie in Piñeres gibt es offenbar keinen Putzdienst hier, und deshalb haben unsere Vorgänger einiges an Müll und Schmutz hinterlassen. Also fegen und wischen wir zunächst einmal. Dann genießen wir die himmlische Ruhe. Im Garten kann man die Wäsche aufhängen. Der Blick auf blühende Blumen und Büsche ist Labsal für Seele und Gemüt. Ich fühle mich gleich besser. Dieses Refugio ist das reinste Sanatorium.

Abends fängt es doch glatt an zu regnen, ab 22 Uhr sogar heftig. Wir hören, dass gegen 23 Uhr noch jemand um Einlass bittet. Ein Flüchtling vor dem Regen, der eigentlich draußen übernachten wollte? - Die Nacht über hält die himmlische Ruhe an. Ein wahres "Refugio", ein Zufluchtsort. Insgesamt war dieser Hochzeitstag also doch gar nicht so schlecht.


08.08.2001, Mittwoch: Von Leces (San Esteban) nach La Isla, 12,5 km (439 km)

An diesem Tag folgte eine besonders kurze Etappe, gut, um sich zu schonen. - Morgens traf ich im Herren-Waschraum eine junge Französin. Sie musste es sein, die noch spät in der Nacht angekommen war. Offenbar wusste sie nicht, dass es draußen vor der Hintertür noch eigene Wasch- und Toilettenanlagen für Frauen gab. Machte ja nichts. Wir sahen sie nachher nicht mehr, sie musste gleich aufgebrochen sein. - Das Refugio liegt etwa 300 m abseits des Jakobsweges. Nach dem Morgengebet vor der Kirche ging es zu der entsprechenden Abzweigung zurück und zum Strand von La Vega. Hier hatte schon eine Bar geöffnet, um den morgendlichen café con leche einzunehmen, auf den auch ich nicht verzichtete. Oberhalb des Dorfes trafen wir auf eine der vielen Müllkippen, die es überall in geeigneten Einschnitten der Küste und der Berge gibt. :-(


Ein herrlich überwucherter Hohlweg direkt hinter Berbes Durch Anklicken vergrößern Hinter Berbes rettete uns wieder das Handbuch. 1,3 km auf der Fernstraße, hinter einer kleinen Brücke, zweigt eine Baustellenpiste rechts steil von der Straße ab, wobei es schon nach 20 m wieder nach links und weiter steil bergauf geht. Diese Abzweigung von der Fernstraße ist nicht markiert; sicher ist hier ein Stein mit Kachel durch die Baustelle entfernt worden, wie es anderswo auch vorkam.

Leider findet sich auf dem Weg nach links zu Anfang nur ein kleiner Stein mit einem gelben Pfeil mitten auf dem Weg; das ist sehr leicht zu übersehen. Ein dünner Baum hat einen gelben Ring; aber ohne den Pfeil auf dem Stein hätte ich das nicht als Jakobsweg-Zeichen gedeutet. Durch die Beschreibung im Handbuch waren wir gewarnt worden und hatten deshalb die in Frage kommende Abzweigung und ihren weiteren Verlauf sorgfältig abgesucht. Nur deshalb fanden wir den kleinen Stein mit dem Pfeil.

Oben auf der Höhe mit schönem Blick auf die nächste Meeresbucht kam meiner Frau die Idee, mir die Haare zu schneiden. Die waren ziemlich zerzaust, und mein Rauschebart konnte es auch gebrauchen. Kaum hatte sie die Schere angesetzt, kam eine ganze Wandergruppe von der anderen Seite hoch und umringte uns. Wir waren ganz verlegen. Die Wanderer erkannten uns als Pilger und bewunderten uns, fragten wie üblich nach dem Woher und Wohin. - Als sie weg waren, kamen die Haare doch noch zu ihrem Recht. Meine Frau leistete gute Arbeit: Ich sah danach wirklich manierlicher aus.

Nach dem Abstieg trafen wir auf den großen Campingplatz (rechts lag ein Strand) von Caravia. Wir brauchten Lebensmittel. Ein "hilfreicher Spanier" schickte uns 2 km die Straße hoch, vom Jakobsweg weg. Das angebliche Dorf fanden wir aber nicht. Statt dessen gab es auf dem Campingplatz selbst einen gut bestückten Laden, wo wir uns versorgten und anschließend Mittag machten. Jenseits der nächsten Höhe kam schon La Isla in Sicht.

Zu diesem Ort ist einiges zu sagen. Der Strand ist sehr lang und von Osten her auch schön, aber durch Felsen geteilt, die bei Flut von Wasser umspült werden. Deshalb gingen wir den ersten Teil nicht laut Handbuchempfehlung unten am Strand entlang, sondern den gelben Pfeilen nach, die hinter einer Häuserzeile, parallel zum Strand, eigentlich recht stumpfsinnig (da hat der Handbuchautor Recht) schnurgeradeaus zum Ortskern führen. Auf halber Strecke zweigten wir auf einer asphaltierten Zufahrtsstraße nach rechts zur zweiten Strandhälfte ab.

Es ist dies der letzte Strand vor Oviedo. Deshalb hatte ich im Hinterkopf, hier evtl. den Reservetag zu verbringen. Das Refugio liegt laut Handbuch "direkt am Meer". In meiner Einbildung machte ich daraus "direkt am Strand" und hielt schon eifrig Ausschau. Eine Gruppe von jugendlichen Rucksacktouristen, die wir unterwegs einige Male gesehen hatten, rastete auf einer Bank. Sie tauchten aber nicht im Refugio auf. Letzeres liegt natürlich nicht am Strand und auch keineswegs "direkt am Meer": Zum Meer sind es Luftlinie gut 300 m, die letzten 30 m davon vertikal! ;-)

Am Ende des Strandes folgte rechts die Altstadt. Sie ist zum Teil von einer Stadtmauer umgeben, klein und übersichtlich. Alle Straßen laufen am Anfang über die Plaza del Horrón und treffen sich am Ende der Altstadt wieder. Von dem genannten Platz aus erreicht man über die erste Straße links das Refugio (hinter der Altstadt); die zweite Straße links führt in die Subida al Castro, wo im Haus Nr. 85 (auf das man direkt zuläuft) Angelita, die (schon etwas ältere) Betreuerin wohnt. (Die im Handbuch angegebene Adresse einer anderen Refugiobetreuerin ist nicht mehr aktuell!)

Wir fanden das alles nach und nach heraus, nachdem wir uns klugerweise entschlossen hatten, erst zum Refugio zu gehen und danach erst zu dem Haus, wo es (angeblich) den Schlüssel gab.


Das Refugio ist die renovierte Hälfte einer Schule (die andere Hälfte ist Ruine). Es hat einen überdachten Vorbau, der vor Regen schützt, und - wer das Geheimnis kennt - rechts vom Eingang ein Fenster, das gewöhnlich offen gelassen wird, damit eintreffende Pilger schon mal Quartier beziehen können. Angelita kam nämlich erst laut Auskunft einer Nachbarin "nicht vor 18 Uhr", dann - laut Auskunft von Mitpilgern - gegen 19 Uhr, dann gar nicht, so dass wir uns den Stempel bei ihr zu Hause holen mussten. Naja, bei unbezahlten Freiwilligen kann man schlecht meckern. Das Refugio hat einen Schlafraum sowie einen Essraum mit Kochgelegenheit. Durch Anklicken vergrößern Refugio von La Isla, dem letzten Strand vor Oviedo

Solange wir nicht ins Refugio konnten, ließen wir unser Gepäck vor der Tür und gingen zum Strand zurück. Betritt man ihn von Westen, von der Altstadt her, ist das nicht gerade die Schokoladenseite: zuerst kommt eine stinkende Kloake, die sich vor einem ins Meer ergießt, dann die Ruine eines Umkleide- und Toilettengebäudes: Ich suchte längst wieder dringend nach einer Bedürfnisanstalt, aber soooweit, dass ich einen dieser verdreckten Freiluftkübel benutzt hätte, war ich nun doch noch nicht. Also ein Stück den Strand zurück, bis das Wasser offensichtlich sauberer war. Meine Frau sonnte sich, und ich klapperte La Isla auf der Suche nach einer Toilette ab. Hier zur Information:

In der Altstadt gibt es nichts (außer schönen alten Häusern). Man muss vor ihr (von Osten gesehen) links eine Straße hoch, in Richtung Fernstraße. Dann findet man: nach 200 m links einen kleinen Laden; nach weiteren 200 m in einem Häuserblock links eine Cafeteria (und eine Toilette); auf der dann folgenden Fernstraße links nach weiteren 500 m ein Hotel mit Restaurant. Diese Route entspricht auch der des Handbuchs; an dem Hotel trifft man auch den markierten Jakobsweg wieder. - Sonst gibt es nur Straßencafés, wo man etwas trinken kann, aber alles nur Buden.

Eine dieser Buden (mit Stühlen und Tischen davor) hatte eine große Tafel mit Reklame für Paellas. (Diese Tafel findet man in vielen Städten, meist ohne Preisangabe.) Ich fragte gegen 17:30 Uhr, ab wann es denn Paellas gebe. Man fragte erschrocken in der Küche zurück; offensichtlich war lange nicht mehr jemand auf die Reklametafel eingegangen. Die Antwort war: "Entweder jetzt sofort oder erst ab 22 Uhr." Hä? Was sollte das denn? - Dazwischen gab's nur Churros, ein süßes Gebäck, das man neben mir auch noch in Schokolade tauchte, als wir abends wenigstens den Magen anfeuchteten... - Wir verzichteten auf die Paellas.

Bei meinem Rundgang traf ich drei Pilgerinnen und zeigte ihnen den Weg zur Herberge. Es stellte sich heraus, dass sie als "Schnellläufer" einer Gruppe von insgesamt 3 Männern und 6 Frauen zum Quartiermachen vorausgeschickt worden waren. Als wir später wieder am Refugio eintrafen, waren schon alle da, hatten sich den Schlüssel besorgt - und uns ein Zweistockbett in einer Ecke reserviert. Das war aber nett! Später traf noch ein Radfahrer ein, ein Brasilianer, der nach Osten fuhr. Die Gruppe lief mit uns nach Westen, wollte aber den ganz großen Bogen an der Küste entlang machen und nicht über Oviedo gehen. Das bedeutete, dass sie nur noch bis zum nächsten Refugio (Sebrayo) mit uns parallel liefen, dann verzweigen sich die Pilgerwege. Eine so große Gruppe füllt natürlich die kleinen Refugios allein schon zum großen Teil. Aber, da die Gruppe so nett und rücksichtsvoll war, spielte das keine Rolle.

Weil das Wetter nicht so toll war und wir auch keine geeignete Unterkunft für die zweite Nacht gesehen hatten, ferner, weil ich wegen meiner Beschwerden froh war, überhaupt Oviedo zu erreichen, sahen wir davon ab, in La Isla unseren Reservetag zu verbrauchen.


09.08.2001, Donnerstag: Von La Isla nach Sebrayo, 16,5 km (455,5 km)

Die Nacht war ruhig. Alle waren "echte" Pilger, die müde genug sind, um früh im Bett zu liegen und zeitig aufzustehen. Als wir frühstückten, waren die ersten Schnellläufer der Gruppe schon wieder unterwegs. Gegen 9 Uhr rückten wir ab; nur der Brasilianer, der an seinem Fahrrad herumreparierte, war noch da. Wir liefen zunächst die oben beschriebene Straße: durch die Altstadt zurück, an Laden und Cafeteria vorbei zur Fernstraße; dort bis zum Hotel und dann rechts in einen Grasweg. Dieser knickt nach einiger Zeit urplötzlich nach links auf eine Wiese ab. Nanu? Wo war der Jakobsweg? Da kommt vor uns gerade der Haupttrupp der spanischen Pilgergruppe zurück, ratlos, kann den Weg nicht finden. Ich schaue in mein Handbuch.

Die folgende Szene erinnert mich an den Film "Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten". Ich komme mir vor wie Gerd Fröbe, als deutscher Offizier, der seinen Doppeldecker nach schriftlicher Anleitung fliegt. Ich halte mein Handbuch hoch, die Spanier lachen belustigt. Ja, das wird auch gerade helfen können! "Also," sage ich, "nach meinem Handbuch geht es dort" - dabei drehe ich mich zu dem Wegeknick herum - "über zwei kleine Brücken weiter." Ich werd' verrückt, mir klappt der Unterkiefer herunter, die Spanier verstummen einen Moment verblüfft: da sind wirklich zwei kleine Brücken, so überwuchert, dass man sie von vorn nicht sah, erst jetzt von der Seite. Die Spanier applaudieren: Diese Deutschen und ihre Handbücher - einfach sagenhaft! :-))

Heute fällt mir der Weg besonders schwer. Dauernd plagen mich Koliken. In Colunga, noch weit vor dem Etappenziel, kaufen wir ein, da danach keine größere Stadt mehr folgt. Ich ringe mich dazu durch, in eine Apotheke zu gehen und mir ein Mittel gegen den Durchfall zu besorgen. (Wieder ein Wortfeld mehr auf Spanisch.) Da ich selten Medikamente nehme, wirken die Tabletten bald. Die Infektion und die damit verbundenen Koliken bleiben aber vorerst.

Unterwegs ein Straußenpaar auf der Wiese. - Lange Mittagspause unter Apfelbäumen. Dort holen uns die Spanier, die wir in Colunga in einer Bar zurückgelassen hatten, wieder ein. Ich habe nicht das Bedürfnis, mit ihnen um die Wette zu rennen.

In Priesca steht eine alte sehenswerte Kirche. Den Schlüssel gibt es in dem Haus davor, und vor dem tobten zwei widerliche Kläffer. Ich bin sowieso zu schlapp und setze mich auf eine Bank vor der Kirche. Ein Touristenpaar fährt vor, will den Schlüssel und mag dann nicht an den Kläffern vorbei. Aber deren Besitzerin kommt raus und macht eine Kirchenführung. Meine Frau schließt sich schnell an. - Ich sitze weiter im Schatten und sammele Kräfte. Auf einmal höre ich nur noch einen der Hunde, und der jault. "Hat den zweiten eine Schlange gebissen?" denke ich hoffnungsvoll. Nein, der hat es geschafft, seine Kette freizubekommen und steht jetzt verdattert - ob der ungewohnten Freiheit - auf dem Dorfplatz. Sein Bellpartner jault aus Trennungsschmerz. (Da kann man mal sehen, dass eine Kette nicht sicher ist.) Der unverhofft Freie schnüffelt ein wenig verlegen herum. Ich habe keine Angst vor ihm, dazu ist er zu klein, und er ist nicht mehr auf seinem Terrain, auf dem er sich stark fühlte.

Nun kommen alle wieder aus der Kirche. Ich beobachte den Hund. Der überlegt sichtlich: Äh, Terz machen oder nicht? - Er entschließt sich und schießt bellend wie eine Furie auf die Fremden zu. Aber seine Besitzerin schnappt ihn sich rechtzeitig. Sie hätte beide Hunde mal erziehen sollen...


Durch Anklicken vergrößern Dann sind es nur noch 2 km bis zum Refugio von Sebrayo. Es liegt wieder abseits von allem, in Reichweite einer Autobahnbaustelle. Eine junge Familie wohnt als Betreuer im ersten Stock und mischt sich gern unter die Pilger. Die Spanier sind natürlich schon da, räumen für uns zwei nebeneinander liegende Betten frei, da sonst nur noch oben Plätze gewesen wären, was sie uns Älteren nicht zumuten wollen. Sowas habe ich auf dem Camino Francés nicht erlebt. Als sie erfahren, dass ich eine Darmgrippe habe, bringen sie von einer Tienda, einem kleinen Kramladen, Zitronen mit. Außer Zitronenwasser dürfe ich nichts zu mir nehmen. Ich mag Zitronenwasser gern, trinke es aber aus Dankbarkeit mit den entsprechenden Grimassen, so dass alle lachen.
Vor dem Refugio von Sebrayo

Später kommt ein älteres, französisches Paar, das mit Fahrrädern unterwegs ist, dazu. Sie sind Aussteiger, haben zu Hause alles verkauft und bummeln nun schon seit Jahren durch die Welt, waren schon überall. In diesem Jahr geht's halt den berühmten Jakobsweg auf der Nordroute entlang! - Dann deutsche Laute: Uwe aus Berlin mit Sohn Jupp (12 Jahre, in Pfadfinderkluft). Die beiden gehen wie wir in Richtung Oviedo, haben die 1. Auflage des Handbuchs mit. Einige Male haben sie sich fürchterlich verlaufen und sind zum Teil einfach auf der neuen Autobahn (die noch nicht freigegeben ist) weitergegangen. Uwe ist ein Praktiker. Zuerst schmiert er die kreischende Schlafsaaltür mit Olivenöl. Sogar die Franzosen klatschen Beifall; sie liegen seit 21 Uhr im Bett und schimpfen über den Lärm, den wir übrigen - einschließlich der Betreuerfamilie - draußen machen. - Bei einer nicht funktionierenden Lampe muss lediglich die Birne nachgedreht werden. Nur die Spülung in der Herrentoilette bringt auch Uwe nicht wieder in Gang. Wir haben ein Bett zu wenig, aber Jupp legt sich einfach mit seiner Isomatte in eine Nische auf den Boden. Meine Frau und ich fühlen uns unter diesen Mitpilgern sehr wohl.

Nachts achte ich darauf, möglichst auf der Seite zu liegen, um wenig zu schnarchen. Es gelingt nicht ganz. Zwei der Spanier versuchen, mit Schnalzen den Schnarcher halb zu wecken, damit er sich umdreht. (Das haben sie auch schon vorige Nacht gemacht.) Ich stelle fest, dass Uwe auch ganz schön sägt, wie Jupp schon angekündigt hatte... Aber niemand beschwert sich, auch nicht am Morgen. Also, mit solch netten Leuten lässt es sich wirklich gut aushalten.

Der Kramladen ist übrigens schwer zu finden. Er ist in einem der Bauernhäuser, links hinter dem Refugio. Die alte Frau dort wusste nicht einmal die Preise. Erst abends gab's Zettel mit den ausgerechneten Summen. - Oberhalb des Refugios verläuft die Fernstraße. Das dort deutlich sichtbare weiße Haus ist ein Restaurant (aber eben ziemlich weit weg).


10.08.2001, Freitag: Von Sebrayo nach Valdediós, 16 km (471,5 km)

Auf dieser Etappe muss man wirklich aufpassen, da der Autobahnbau alles durcheinander bringt. Schon 1 km hinter dem Refugio darf man nicht mehr den gelben Pfeilen folgen (die sich vor der neuen Trasse totlaufen), sondern muss nach links unter der neuen Autobahnbrücke durch zu einem kleinen Dorf nach rechts hoch. Von der Brücke waren allerdings erst die Pfeiler fertiggestellt.

Später sieht man in der Ferne noch einige Male abschiednehmend das Meer, besonders vor dem Meeresarm, der sich nach Villaviciosa hineinzieht. - Dann kommt eine Stelle links der Autobahntrasse, wo es geradeaus nur noch wenige Hundert Meter weitergeht, wie man schon sieht. Hier muss man (in Abweichung von der Beschreibung des Handbuches) einer Piste scharf links steil nach oben folgen und erreicht die kleine Landstraße, die im Handbuch erwähnt ist, nur etwas früher.

In Villaviciosa verproviantieren wir uns, noch weit vor dem Etappenziel. (Vor Valdediós gab es 2001 einen kleinen Laden in einer Bar, aber 2009 war alles geschlossen.) Es ist eine schöne Stadt, mit einem sehenswerten Stadtpark. Dort fanden wir auch das Touristenbüro. Hier bekam ich sofort das offizielle Unterkunftsverzeichnis für Asturien, das ich anderntags verwenden wollte.


In der Altstadt trafen wir auf Uwe und Jupp, später auf einen der Spanier. Er erzählte uns, dass die Gruppe schon zusammenschmelze, weil einige nur wenige Tage Zeit gehabt hätten. Ich bedankte mich nochmal bei ihm; er war es, der uns sein Bett geräumt und mir die Zitronen besorgt hatte. (Entgegen seinem Rat esse und trinke ich aber alles, was drinbleibt, um bei Kräften zu bleiben. Das mache ich immer so, hat sich auch immer bewährt.) Durch Anklicken vergrößern Begegnung in Villaviciosa: Uwe und Jupp aus Berlin

Eine aktuellere Beschreibung des nun folgenden Weges von Villaviciosa bis Oviedo findet sich in meinem Pilgerbericht von 2009.


Renovierte Kirche San Juan in Amandi Durch Anklicken vergrößern Hinter Villaviciosa führt der Weg durch einen Park, einen Fluss entlang. Jenseits der folgenden Fernstraße liegt oben im Örtchen Amandi die vorbildlich renovierte Kirche San Juan, die man nicht verpassen sollte.


Nun ziehen wir nach Süden. In einem kleinen Dorf verzweigt sich der Weg: Geradeaus nach Santiago de Compostela, weiter die Küste entlang; hier wird der Rest der spanischen Gruppe weiterziehen. Links ab geht's nach Oviedo. Eine hilfsbereite Frau ruft gleich, wohin wir wollen, als wir nur einen Moment das Bild der beiden Kacheln auf uns wirken lassen. Ich schwenke den Stock und wende mich nach links: "A Oviedo!" Sie ist zufrieden.


Mittags die übliche Rast auf einer Apfelbaumwiese. - Später, wir sind schon wieder unterwegs, kommen wir zu einem älteren Spanier, der sein Auto vor einem Ferienhaus, an dem er wohl an den Wochenenden herumbastelt, wäscht. Unseren Gruß erwidert er herzlich und lädt uns zu einem Schluck Wasser ein. Als wir das annehmen und gern auf seine Fragen antworten (ich verstehe ihn aber sehr schlecht), holt er sogar eine Flasche Cidra und zeigt uns, wie man den fachmännisch eingießt. Durch Anklicken vergrößern Cidra für die durstigen Pilger

Ich habe sonst immer gedacht: "Na, der kann's wohl noch nicht richtig, Da geht ja jede Menge daneben, ehe was im Glas landet." Inzwischen weiß ich, dass das so sein muss. Warum, weiß ich allerdings jetzt noch nicht. - Cidra schmeckt mir nur mäßig, aber wir freuen uns sehr über die Freundlichkeit des alten Mannes. Einmal einer, der uns Pilger annimmt. Für ihn und für die alte Frau, die mir den Auftrag gegeben hat, habe ich auf dem restlichen Weg besonders gebetet.

Hinter Ambás zweigt eine breite Asphaltstraße ins Tal zum Kloster Valdediós ab, der wir folgten. Der Jakobsweg geht hingegen geradeaus weiter, weil er das Kloster im Tal liegen lässt. Dabei sollte man es nicht verpassen. Das Kloster liegt fast am Ende eines Tals; danach hat man endgültig die Kette des Kantabrischen Gebirges nach Süden hin wieder erreicht und muss über einen Pass. Bis Ambás ist schon wieder eine ziemliche Höhe gewonnen. Die verliert man wieder, wenn man zum Kloster hinabsteigt. Trotzdem ist dieser (entfernungsmäßig geringe) Umweg unbedingt zu empfehlen. Denn sowohl das Kloster selbst als auch der Weg von ihm bis zum Pass hoch sind ein Erlebnis (das nur wieder von besonders vielen bellenden Hunden beeinträchtigt wurde).

Erst nach einiger Zeit wurde die Asphaltstraße nach Valdediós, auf der fast kein Verkehr war, schmaler. Kurz vor dem Kloster liegt rechts eine Bar mit einem kleinen Laden (tienda).


2009 fanden wir die Tienda verschlossen vor, aber es gab Anzeichen, dass sie zeitweise geöffnet war. Man muss außerdem beachten, dass das Handbuch von Raimund Joos einen wahrscheilich schöneren Weg zum Kloster empfiehlt, der aber nicht an dieser Tienda vorbeiführt.


Die Wirtin saß davor und wartete auf Kunden, fragte uns freundlich aus. Dann direkt vor dem Kloster ein Restaurant, was wir uns vormerkten. (Das war 2009 auf Dauer geschlossen.) Nun waren wir gespannt. Die asturischen Refugios waren in Ordnung, das wussten wir schon. Aber nahm dieses Kloster wirklich Pilger auf? Oder war das wieder eine Caminoparole wie über Cóbreces?

Wir betreten den Klosterhof. Rechts ein Souvenirladen "Tienda". Links eine sehenswerte Kirche im asturischen Stil. Geradeaus der Haupteingang zur Klosterkirche und zum Kloster selbst. Touristen warten in Gruppen auf geführten Einlass. Ein Mann schellt an der Klosterpforte, fragt nach Pater Máximo. Hm, nach ihm schelle ich auch. Diese Sprechanlage finde ich unsympathisch. Warum kommt niemand persönlich? - Man fragt nach meinem Begehr. Ich sage meinen Spruch von den Pilgern, nicht allzu laut, da einige Touristen alles verfolgen und uns angaffen. Die Antwort ist nur: "Was ist?" Oje, der Mönch ist wohl schwerhörig. Also lauter: "Wir sind Pilger und..." Weiter komme ich nicht, denn er unterbricht mich mit einem "Ach so" und schaltet ab. Das war's. Wir stehen blöd rum. Nochmal schellen? Ich traue mich nicht. - Ein Fremdenführer kommt, gibt uns den Tipp, sich in der Tienda zu melden. Wir also hin. Die Dame sagt: "Das macht Pater Máximo, da kommt er ja gerade." Richtig, mit dem Besucher, der nach ihm gefragt hat.

Ich trete auf ihn zu und sage meinen Pilgerspruch, halte ihm meinen Pilgerausweis und sogar die Aussende-Urkunde unserer Gemeinde unter die Nase. Er schaut sich den Text, der in vier Sprachen verfasst ist, an und kommentiert dann mit einem Wort, das ich nicht verstehe, aber vom Tonfall her (etwas belustigt) "beeindruckend" bedeuten könnte. Wahrscheinlich war es Englisch. "Gut," sagt er dann, "wartet hier." Er muss sich natürlich erst um seinen Besucher kümmern, das ist ja klar. - Wir machen es uns zufrieden auf Bänken im Klosterhof bequem und schreiben etwas. Nach etwa einer halben Stunde ist Pater Máximo wieder da und schließt uns eine Tür gleich neben dem Klostereingang auf. Dahinter liegt eine ausgezeichnete Pilgerherberge: ein großer Schlafssaal mit viel Platz (14 einstöckige Betten!), ein Aufenthaltsraum (mit Reservematratzen), zwei Duschen- und Toilettenanlagen (vom feinsten, sogar mit Duschvorhang), eine kleine Küche. Ich formuliere im Kopf gerade einen Satz wegen dem Schlüssel, da fragt er etwas ungeduldig: Ob wir zufrieden seien? - Wir nicken und rufen ein paarmal "Si, si!" Dann: Wie kommen wir raus (keine Klinke) und rein? Er gibt uns einfach den Schlüssel. Wann wir morgen weiter wollen? 9 Uhr? Kein Problem, dann können wir ihm den Schlüssel in der Tienda abliefern.

Wir haben das Reich für uns. Wieder himmlische Ruhe! 19 Uhr besuchen wir einen der fünf täglichen Gottesdienste, zu denen die Mönche sich versammeln. Oh, oh, es sind noch ganze sechs, und Pater Máximo (ich schätze ihn auf 45) ist der jüngste - und eitelste: Wie an diesem Abend kommt er auch am anderen Morgen zu spät, singt demonstrativ alles auswendig usw. Uns gegenüber streut er englische Sätze zwischen sein Spanisch. - Außerdem gibt es noch zwei junge Männer in Zivil, die vor den Mönchen in der Bank ihren Platz haben. Novizen? - Ansonsten scheinen im Kloster einige Leute zeitweilig zu wohnen. Wahrscheinlich bietet man Exerzitien und Ruhezeiten ("Kloster auf Zeit") an. Vernünftig. Wir fragen uns, wie diese riesige Anlage unterhalten wird. (Erst am anderen Tag sehen wir von oben, wie riesig sie wirklich ist.) Das kann bei 6 Mönchen und 2 Novizen nicht lange gut gehen, da ist der reichste Orden am Ende...

Vor dem Gottesdienst habe ich das Restaurant ausgespäht. Im Obergeschoss ein großer Speisesaal. Ab wann gibt's denn was zu essen? Der Wirt brummelt Unverständliches. "Ab wann?" hake ich nochmal nach. "Um 9 rum!" Er ist sichtlich genervt. - Punkt 9 Uhr lugen wir um die Ecke. Ich habe zum ersten Mal seit Tagen wieder etwas Hunger. Bis dahin hatte ich einen Widerwillen gegen jegliches Essen, habe mit Müh und Not etwas hineingezwängt. Wir sind natürlich die einzigen Gäste, dürfen aber vor der Theke Platz nehmen. Speisekarte? Au wei, wieder ins Fettnäpfchen! Ich sehe es an seinem Gesichtsausdruck. "Also, was haben Sie denn?" Das ist der richtige Ansatz. Er zählt einiges auf. Wunderbar, also Salat, Pommes, Fisch, das nehmen wir doch. Er ist schon wesentlich zufriedener, bringt für mich ein großes Bier und für meine Frau eine Flasche Wein. "Moment", sage ich, "ich hatte nur ein Glas bestellt." Er winkt ab: "Bedienen Sie sich einfach!" - Da hat er Recht. Er muss nämlich in die Küche und für uns brutzeln. Mir geht auf: Das ist ein Ein-Mann-Unternehmen hier!

Leider schmeckt es mir noch nicht so gut wie ich dachte. Meine Frau isst den Löwenanteil, hat in den letzten Tagen ja auch nicht viel auf den Teller bekommen. Dann brütet der Wirt über der Rechnung. (Es war schon klug von mir, nicht nach dem Preis zu fragen. Inzwischen habe ich einiges gelernt.) Dann schreibt er einfach: "2 Menüs 3.000 P.", inklusive Wein, dem meine Frau recht tapfer zugesprochen hat. Das ist völlig in Ordnung. Ich lege noch 100 P. Trinkgeld dazu. Da strahlt er, dass er seine "schwierigen" Gäste zufrieden gestellt hat, und wir machen uns auch satt und fröhlich auf den Heimweg.

Das Kloster Valdediós hat uns positiv überrascht. Alles so still und friedlich. Dazu die Gesänge in der Kirche, die wirklich zum Meditieren einluden. Was ich mir - auch letztes Jahr - von einer Pilgerfahrt erträumt habe: Hier wurde es einmal Wirklichkeit. "Der geistige Höhepunkt unserer Pilgerfahrt" sagte ich am andern Morgen zu Pater Máximo. War keine Schleimerei, ich meinte es ehrlich.


11.08.2001, Samstag: Von Valdediós nach Pola de Siero, 21 km (492,5 km)

Morgens klingelte der Wecker um 7 Uhr, um 7:45 Uhr waren wir in der Kirche zu den "Laudes". Dann haben wir den Schlüssel abgegeben und uns nochmal bedankt. - Der Weg führt rechts an der Klostermauer vorbei hoch. Am nächsten Haus versperrt uns ein Giftzwerg von Köter den Weg. Ich lasse meine Frau vorgehen, damit ich die gefährdete Nachhut bilde (weiß man seit der Geschichte mit Roland) ;-) Der Hund geht nicht wie üblich zur Seite, zum Haus hin, sondern sperrt weiter, schäumt. Spinnt der? Wir gehen, wie man es soll, stur weiter, ohne ihn besonders zu fixieren. Im letzten Moment weicht er zur Seite; dann spüre ich, wie er mir hinten an der Hose hängt. Da hört der Spaß aber auf! Ich fahre mit dem Stock herum, brülle und renne hinter ihm her. Er weicht den Schlägen geschickt aus. Fast hätte ich meinen guten Teleskopstock auf dem Pflaster ruiniert. Die Bauersfrau erscheint, sagt aber nur ein paar halbherzige Worte zu dem immer noch wütend bellenden Hund. Meine Frau bückt sich und kontrolliert auffällig die Hose nach Schäden. Es ist nichts. Aber die Bauersfrau denkt auch nicht daran, sich zu entschuldigen.

Etwas weiter der erste Blick zurück auf die Klosteranlagen. Da könnte man Hunderte von Mönchen unterbringen und sie mit eigener Landwirtschaft ernähren. So war das früher garantiert auch. Dann geht's steil hoch. Wir machen ganz kleine Schritte und lassen uns Zeit. Es geht durch zwei Dörfer, beide mit sehr unangenehmen Hunden. Zwei alte Männer - wir haben sie in der Kirche gesehen - fragen erstaunt, ob hier denn der Jakobsweg vorbeiführe. Ja, der von Michael Kasper! :-) Nein, ich antworte: "Es ist eine Nebenstrecke; der Hauptweg führt oben parallel zur Fernstraße her." - Weiter steil hoch. Im Handbuch ist jeder Abschnitt mit seiner Länge angegeben. So bewältige ich den Aufstieg, Stück um Stück. (Meine Frau hat sowieso keine Probleme.)

Oben ein letzter Blick ins Tal, ganz hinten noch einmal das Meer, unten das Kloster. - An der Kreuzung auf dem Pass liegt eine Fernfahrerbar, gerade richtig für unseren café con leche. Wir rufen auch zu Hause an. Inzwischen haben wir eine Telefonkarte einer privaten Firma. 1.000 P. für 45 Minuten nach Deutschland. Sagenhaft billig. - Wir wollen die Strecke nach Oviedo in etwa hälfteln und daher in Pola de Siero übernachten. Aus meinem Unterkunftsverzeichnis rufe ich das einzige(!) Hostal an: Completo! Sch... Da ist guter Rat teuer.


Schönes Refugio in La Vega de Sariego Durch Anklicken vergrößern Aber erst einmal tippeln wir die 7,5 km bis La Vega de Sariego, wo es ebenfalls ein Refugio gibt. Direkt an der Straße, sieht sehr gut aus. Es sind noch gut 27 km bis Oviedo, das ist mir für morgen zu viel.


Nach Studium unserer Karten vermute ich, dass gut 1 km entfernt auf der Fernstraße ein Bus in Richtung Oviedo fährt. Wir sitzen auf einer Bank auf dem Dorfplatz, an dem auch das Refugio steht. Da kommt wieder ein "hilfreicher Spanier". Es ist der Apotheker, ein Nachbar des Refugios. Er weiß zwar nicht, wann ein Bus fährt, bringt es aber für uns in Erfahrung: 12:40 Uhr - Nun muss man wissen, dass "hilfreiche Spanier" lieber eine falsche Auskunft geben als eine Wissenslücke erkennen zu lassen. (Deshalb setze ich "hilfreicher Spanier" immer in Anführungsstriche.) Wir laufen in der Mittagshitze zur Fernstraße, der Bus kommt nicht. (Wenn es doch aushängende Fahrpläne gäbe!)

Also zurück. Prompt treffen wir wieder den Apotheker. Dem ist die Sache arg peinlich. Er macht es wie ich immer: er holt seine Frau zu Hilfe. Diese hat die Sache im Griff, besorgt die richtigen Zeiten. Ich merke mir vor allem die für morgen früh. Wir haben uns nämlich anders entschlossen: Anstatt heute mit dem Bus nach Pola de Siero zu fahren und von dort nach hierhin zurückzulaufen (was mir sowieso nicht gepasst hätte: falsch herum!), laufen wir lieber heute nach Pola de Siero und kommen von dort mit dem Bus zurück. Das Apothekerpaar kapiert zwar meine gestammelten Erklärungen nicht, ist aber zufrieden, weil wir's offenbar auch sind. - Nach einer mittäglichen Stärkung geht es also die ca. 10 km nach Pola de Siero, immer eine Landstraße entlang, die sogar auf meinen Karten steht. Die Sonne brennt, und die zahlreichen Hunde sind schlimm wie nie. Von überall her kläfft und grollt es, manchmal von beiden Seiten zugleich. Rechts liegen niedrige Berge. Der Autobahnbau verläuft dahinter, hat dieses Tal verschont.

Am Ortseingang von Pola de Siero geht es von der schräg nach links abknickenden Straße geradeaus, aber das im Handbuch erwähnte Schild "Stop 100 m" gibt es nicht mehr. Die Straße heißt auch erst im weiteren Verlauf Calle de San Antonio. Hier darf man sich also nicht irritieren lassen. So vermeidet man eine hässliche Vorstadt. - In Pola in die nächste Bar: Unterkunft? Nein, außer dem Hostal, das ja schon belegt war, nichts. Allenfalls 5 km an der Fernstraße. Nein, kam nicht in Frage. Also haben wir auf vielfachen Wunsch meiner Frau die Kirche besichtigt. 16:50 Uhr am Busbahnhof. (Er liegt weiter oben in der Stadt, parallel zum Pilgerweg.) Keine Schalter besetzt, Fahrkarten im Bus. Busfahrplan. Na also!

Es war nicht ganz leicht, unter den fast zur gleichen Zeit vorfahrenden Bussen den richtigen (Richtung Villaviciosa, 17:50 Uhr) zu finden, aber die freundlichen Fahrer gaben bereitwillig Auskunft. Einheitspreis 130 P. pro Person für Kurzstrecken wie üblich. Gut, dass wir die Bushaltestelle am Abzweig nach La Vega de Sariego schon kannten. Aber sonst hätten wir den Busfahrer um Hilfe gebeten. Danach zum dritten Mal heute diesen Weg in den Ort (natürlich immer mit vollem Gepäck). Pilgermäßig hatten wir damit Pola de Siero erreicht, obwohl wir in La Vega de Sariego übernachteten.

18:30 Uhr am Refugio. Ich klopfe, halb aus Spaß, an die geschlossene Tür. Ein älterer Spanier öffnet. - Es ist ein Pilger, der schon viel herumgekommen ist. Zur Zeit geht er nach Oviedo wie wir (Oh, da sehen wir uns ja morgen wieder!). Ein nicht sehr redseliger, sehr zurückhaltender Mensch, dessen Qualitäten man nicht sofort entdeckt. - Es gibt 3 Zimmer: 4+4+8 Betten. Also haben wir zwei Parteien jeder ein Zimmer für uns. Auf der Dachterrasse lässt sich die Wäsche trocknen, aber es gibt keine Leinen. - Auch fehlt eine Küche, im Gegensatz zu dem, was das Handbuch schreibt. Dafür sind im Ort Läden und Bars nicht weit. Gegenüber, in der Bar Casa Rufo meldet man sich bei der Betreuerin, wieder mal eine ältere Dame, an. Es stellt sich heraus, dass sie gleich für alles sorgt. Man bekommt den Stempel, kann in ihrem Kramladen einkaufen - und sie freut sich, für einen etwas zu essen zu machen! Sowas Liebes! Diesmal bin ich schlauer: Keine bohrenden Fragen nach Speisekarte und Preisen; das sieht nach Misstrauen aus, als ob man erwarte, übers Ohr gehauen zu werden. Ich habe endlich wieder Appetit und zeige zögernd auf eine Tütensuppe im Regal als Vorspeise. (Die wünsch' ich mir so, gab's den ganzen Pilgerweg noch nicht). Gar kein Problem! -

Unser Pilgerfreund kommt dazu, kann aber keine Wünsche loswerden, da unsere Wohltäterin in der Küche verschwunden ist. Wir haben uns schon mal Wein aus dem Kühlschrank geholt (ja, wir haben es inzwischen wirklich begriffen). - Meine Frau ist wieder geselliger als ich und lädt unsern Pilgerbruder ein mitzutrinken. Er setzt sich zögernd dazu. Die Wirtin bringt die Suppe, meine Frau will lieber schon Salat. Unser Pilgerfreund äußert bescheiden, dass er dasselbe möchte wie wir (weil das am einfachsten für sie ist). Zur Belohnung bekommt er gleich die andere Hälfte der Suppe, meine Frau ihren Salat (den sie auch bestellt hatte). So essen wir alle drei friedlich und zufrieden. Auch die Rechnung - für jeden 1.200 P. - war völlig in Ordnung.

Ein Problem ist der einzige Schlüssel des Refugios. Weil es an der Straße liegt, kann man die Tür schlecht sichtbar offen lassen, eine Klinke hat sie leider nicht. - Nun, in unserem Fall blieben wir ja sowieso zusammen, bis es Zeit war, schlafen zu gehen.


12.08.2001, Sonntag: Von Pola de Siero nach Oviedo, 17,5 km (510 km)

Am anderen Morgen wieder einmal zur Fernstraße. Unser Pilgerfreund ist längst in Richtung Oviedo unterwegs. Um 9:30 Uhr soll der Bus kommen. Ich werde schon nervös, da kommt er um 9:42 Uhr. Am Busbahnhof in Pola de Siero kennen wir uns aus. Eine Straße parallel, und wir sind auf dem Jakobsweg. Erst noch einen café con leche, wir haben Zeit. Der Weg ist heute nicht der beste, kann man im Umfeld einer größeren Stadt auch nicht erwarten.

Die Hunde sind noch schlimmer als gestern. Es gibt sehr viele Villengrundstücke in den Randgebieten, und da laufen sie frei herum, drohen jeden Moment, über die Absperrung zu springen. Einmal kommt uns ein größerer Hund tatsächlich auf die Straße nach, aber sein Besitzer hat es gemerkt, läuft hinterher und zerrt ihn zurück (rufen half nichts!). Was das Hundeproblem angeht, ist dieser Abschnitt der schlimmste unserer Pilgerfahrt.

Hinter einer weiträumigen Straßenbaustelle auf einmal ein paar Baracken: Dunkle Typen schauen uns nach. Ein Zigeunerlager. Einige Kilometer weiter, hinter einem alten, halb renovierten Palast, mitten in der Natur, ein weiteres Lager. Hütten und Haufen mit sortiertem Schrott. Einige Leute schauen neugierig, wir auch. Ich lächele freundlich in die Runde, hebe grüßend die Hand. Von diesen Menschen geht nichts Bedrohliches aus. Sie grüßen ebenso freundlich wieder.

Dann weist das Handbuch auf eine Stelle am Fluss Nora hin, an der man angeblich gut pausieren kann. Bei dieser Hitze täte Schatten gut. Wir biegen ab, da toben schon wieder zwei Hunde, auch wenn sie angeleint sind. Der Gang zum Fluss ist uns vermiest. Wer weiß, welcher Hund glaubt, da unten sei sein Terrain? Zwei Häuser weiter ist ein Ausflugslokal. Dann pausieren wir eben dort. Noch einmal geht es über eine schöne alte Brücke (vor Colloto). Um 14:48 Uhr haben wir laut Ortsschild den Stadtrand von Oviedo erreicht. Die "Last der letzten Kilometer": In brütender Hitze in die Stadt hinein.


Um 15:45 Uhr sind wir an unserem Pilgerziel, der Kathedrale. Ich möchte die Strophe des Pilgerliedes von "San Salvator", der Kirche von Oviedo singen, aber meine Frau muss unbedingt gleich ein Foto machen (jeden Moment kann die Kathedrale ja davonrennen). Als das mit vielem Hin und Her gemacht ist, ist meine Hochstimmung verflogen. Ich habe keine Lust mehr zu singen. Wir sind nur noch "angekommen". Durch Anklicken vergrößern Am Ziel: Vor der Kathedrale von Oviedo

Also, eben ohne Feierlichkeiten in die Kathedrale rein. Wiedermal "Denkste!" Die Kathedrale ist geschlossen, ohne jeden Hinweis. Sonntags ist in Oviedo anscheinend alles geschlossen: die Kathedrale, das Touristenbüro... Diese Stadt ist zunächst eine einzige Enttäuschung, denn es kommt noch besser.

Im Schaufenster des Touristenbüros findet sich wenigstens der Hinweis, dass die Kathedrale am Spätnachmittag geöffnet wird. Wäre ja auch noch schöner, am Sonntag! - Also, nach einer Pause zum Refugio. Es ist leicht zu finden und nicht weit. Irritiert schaue ich auf die Bürozeiten draußen: Ja, hier ist das Büro der asturischen und leonesischen Pilgerfreunde, mo-fr 19:00 bis 21:30 Uhr, sa 20 bis 21 Uhr. "Sonntags haben die zu" sage ich auf westfälisch witzelnd zu meiner Frau. "Quatsch," sagt sie, "das sind die Bürozeiten!" - Klar, ein Refugio ist immer geöffnet; und sonst ist eine Telefonnummer angegeben, die fehlt hier ja. - Also "schloss ich messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf" und klopfte energisch an die Tür. Einen Moment später öffnete unser Pilgerfreund von gestern. Wir freuten uns über das Wiedersehen.

Dann stutzen wir: Er hat einen Schlüssel, aber sonst ist niemand da. Noch besser: Auch er hat niemanden gesehen. Ich bin perplex. Äh, wie er denn an den Schlüssel gekommen sei? Den hat er von einer Pilgergruppe, die noch bis Mittag auf ihren Bus gewartet hat. Ich falle fast hintenüber: Wenn es nicht diese für uns glückliche Verkettung von Umständen gegeben hätte (von Samstag noch Leute mit dem Schlüssel bis relativ spät am Sonntag da; unser Pilgerfreund, der morgens gleich loseilt und deshalb so früh eintrifft, um noch den Schlüssel zu übernehmen), hätten wir alle drei vor geschlossener Tür gestanden. - Ja, spinnen die denn komplett, die asturisch-leonesischen Pilgerfreunde? Und keinerlei Hinweis in den Refugios davor, dass "Oviedo sonntags geschlossen" ist. Ausgerechnet sonntags, wenn auch das Touristenbüro geschlossen ist, was die Suche nach einer Unterkunft besonders erschwert.

Die im Handbuch angegebene Telefonnummer habe ich glatt vergessen. Die hätte unser spanischer Freund ja mal ausprobieren können. - Jetzt zeigt sich seine umsichtige und hilfsbereite Art: Er hängt einen Zettel mit seiner Mobiltelefon-Nummer an die Tür, weil er ja den (einzigen) Schlüssel hat und ebenfalls noch in die Stadt will. Wir kündigen an, um 21:30 Uhr wieder zurück zu sein, was uns große Probleme bescherte: Messe in der Kathedrale, zum Bahnhof wegen Fahrkarten, Abendessen und Einkaufen; das war doch ein bisschen viel für die zur Verfügung stehende Zeit. Nun, wir strichen das Abendessen (das wir im Refugio nachholten) und schellten um 21:30 Uhr an der Tür; unser Freund schmunzelte über die sprichwörtliche deutsche Pünktlichkeit.

Weitere Pilger kamen nicht. So hatten wir viel Platz in dem großen, langgestreckten Schlafraum. Am Morgen war unser Freund früh auf und verabschiedete sich. Den Schlüssel ließen wir einfach auf dem Tisch im Vorraum. Einen Stempel hatten wir alle nicht bekommen. - Ihr lieben asturisch-leonesischen Pilgerfreunde: Das ist nicht in Ordnung!

So hatte unsere Pilgerfahrt aber ein erfolgreiches Ende genommen. (Über unseren restlichen Aufenthalt in Oviedo und die Rückreise habe ich auf der Hauptseite berichtet.)


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Letzte Änderung: 02.03.2017