Ausflug zum Pico Sacro (2010)


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Autor: Rudolf Fischer
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Siehe auch die letzte Etappe der Via de la Plata (2007)

6. Juli 2010 (Dienstag): Ausflug zum Pico Sacro

Pico Sacro, der "heilge Berg", kommt in den Legenden um das Jakobusgrab vor. Ich hatte ihn oft in der Ferne gesehen: von Santa Irene (Camino FrancÚs) aus und auf den letzten zwei Etappen des Mozarabischen Weges. Nach dem Aufbruch von Santiagiño sieht man ihn zum Greifen nah vor sich, und dann ist er auf einmal verschwunden. Man vergisst ihn, weil Santiago jeden Moment in Sicht kommen kann und man nur noch nach vorn den Kamm des letzten Passes auf die Türme absucht, die dahinter hervorlugen.

Nach dem Esperanto-Kongress waren Hedwig und ich wieder allein und hatten noch einen ganzen Tag vor dem Rückflug frei. Ich hatte schon wieder das Pilgerfieber, wollte noch einmal richtig den Camino unter die Füße nehmen. Und war nicht gerade von der Via de la Plata aus der Weg in die Stadt hinein der schönste, ursprünglichste, Monte do Gozo hin oder her?

Zu meiner Freude sagte Hedwig gleich zu, den Ausflug mitzumachen. Ich hatte keine Ahnung, wo der Berg nun genau lag. Aber eines war klar: Es wäre Unsinn gewesen, am selben Tag hin- und wieder zurückzulaufen. Mindestens den Hinweg wollte ich im Bus machen, und nachher würde man sehen. Es war mir aber klar, dass ich den Rückweg komplett laufen würde, wenn Hedwig mitmachte.

Im Reisebüro zog der junge Mann die Brauen hoch. "Monte Santo?" (Ach, da hatte ich Kastilisch erwischt), "Sie meinen den Pico Sacro. Ja, der liegt bei Lestedo. Da können Sie mit dem Bus hinfahren." Sonst wusste er nichts. Merkwürdig, als ob nicht noch mehr Touristen danach fragen würden ...

Fahrt nach Lestedo

9h15 ging es mit einem Bus der Firma Castromil ab Busbahnhof los. Richtung Ourense. Erst im Zickzack durch die Vorstadt im Gewirr der Betonbauten der Fernstraßen. Ich hatte kaum eine Ahnung, wie lange wir fahren würden. Aber der Busfahrer und einige Fahrgäste beruhigten uns, sie wollten uns Bescheid sagen. Mit unseren Wanderstäben und Hüten sahen wir immer noch abenteuerlich aus, auch ohne Rucksack. 9h40 klettern wir in Lestedo aus dem Bus.

Jetzt wurde es schwierig. Ich hatte nur eine grobe Übersichtskarte. Wie kam man auf den Berg? Straße? Weg? Querbeet? Als erstes wurde die Bushaltestelle gegenüber inspiziert, damit wir uns für alle Fälle die Abfahrtzeiten für den Bus zurück merken konnten. Ich fragte einige der Wartenden: "Gibt es eine Straße zum Pico Sacro?" Sie starrten mich wie einen Schwachsinnigen an. Endlich wies eine Frau stumm auf ein nahes Schild: "Picosagro" (wohl Dialekt). Ja, hatte ich denn Tomaten auf den Augen?

Aufstieg zum Gipfel

20 m weiter die Straße hoch (also in Verlängerung unserer Anfahrtrichtung) wies nach Schild nach links auf eine breite Asphaltstraße, die rechtwinklig von der Hauptstraße in die richtige Richtung verlief. Ich war gespannt, wie lange dieses Glück anhielt. 9h58. Ganze 10 Minuten liefen wir, bis ich auf einmal die Augen zukniff. Der Teil vor mir kam mir so bekannt vor, mit der Kreuzung einige 100 m weiter, die Berge dahinter. "Du" sagte ich zu Hedwig, "ich glaube, da sind wir vor 2 Jahren von vorn gekommen, von Santiagiño aus." Als wir den Bebauungsrand erreichten, kam die Gewissheit. Links an unserer Straße wies ein Muschelstein nach links. Der Pilgerweg kam von vorn und bog hier ab. Gar nicht gewusst, dass wir damals ein Stück die Pico-Sacro-Straße gelaufen sind, aber von ihm weg.

Ich konnte mich erinnern, wie es weiterging: Über die nächste Kreuzung hinweg geradeaus weiter, dann immer noch Asphaltstraße durch einen Eukalyptuswald hoch, teils schon ganz schön ansteigend, bis zum Waldrand. Dort kam der Pilgerweg, bei zwei ländlichen Villen, von rechts. Der Weg zum Pico sacro aber geht einfach immer weiter geradeaus. Man kann bei geeignetem Wetter den Berg schon vor sich zum Greifen nah liegen sehen. Wenn man nichts sieht, sollte man lieber abdrehen, dann sieht man oben auch nichts.

Es geht wieder in den Wald hinein. Etwas weiter mündet eine Asphaltstraße von links ein. Ignorieren, immer geradeaus. Die Straße steigt weiter und windet sich in einer großen Linkskurve hoch, bis man den Wald zurücklässt. Nun hat man freien Blick auf die Bergspitze links oben, aber Geduld! Die Straße überwindet einen kleinen Pass, und genau dort zweigt eine schmalere Asphaltstraße ab, die nun direkt zum Gipfel führt. Wir staunten, dass das alles so gut ausgebaut war, obwohl oben allenfalls ein Bauernhaus zu erkennen war.

Nach gut 1 Stunde, seitdem wir den Bus verlassen hatten, erreichten wir den Fuß des Gipfels. Parkplätze, ein Gerüst für einen Kiosk. Hier musste manchmal viel Verkehr sein. Ich nehme es schon vorweg. Der Berg ist eine viel besuchte Pilgerstätte, aber das scheint nur in der unmittelbaren Umgebung bekannt zu sein, in Santiago nicht, nicht im Touristenbüro und auch nicht in der Bar La Campana. Das "Bauernhaus", in Wirklichkeit eher eine Pilgerunterkunft, mit Kapelle, war verschlossen. Schon von hier aus eine schöne Sicht in Richtung Santiagiño. Wir konnten sogar den Pavillon auf dem Berggipfel sehen, in dem das niederländische Pilgerpaar übernachtet hatte.

Ein Stück vor dem Haus ging es schon ausgebaute Stufen hoch zum Gipfel, sehr gut gemacht. Die Felsen waren sehr wild und malerisch, zu allem Überfluss noch durch eine Schlucht gespalten. Der Aufstieg ist gefahrlos. 11h09 waren wir oben, hatten uns aber recht Zeit gelassen. Oben pfiff ein sehr kalter Wind, der den Aufenthalt ungemütlich machte. Aber was für ein Rundblick! Ganze 360 Grad, sowas hatte ich in Spanien noch nicht erlebt. Ich war ganz begeistert. Voraus lag Santiago. Man konnte fast den Pilgerweg verfolgen. Als Wegemarke konnte der grüne Turm einer Firma dienen, die aus dem Tal herausragte. Ja, da kamen wir später kurz vor Susana sehr nahe daran vorbei.

Wohl kaum jemand, der den Mozarabischen Weg hier herkommt, bemerkt, wie schnell man den Abstecher zu diesem lohnenswerten Gipfel machen kann. Allerdings muss man dafür die Pilgermesse am Mittag für den Ankunftstag schießen lassen.

Ein beschwerlicher Rückweg

11h30 machten wir uns schon wieder an den Abstieg, wegen des kalten Windes. Kaum vom Gipfel runter, brannte die Sonne. Wir waren noch topfit. Auch Hedwig meinte, da sollten wir doch auf den Bus verzichten und zurücklaufen. Ich schätzte die Entfernung auf 8 km. Oh je, das war weit gefehlt, weil ich mich falsch erinnerte, Santiagiuño läge 13 km vor Santiago. Es sind 17,3 km, und an dem beschriebenen Abzweig vor Lestedo hat man davon gerade 3,2 km hinter sich. Also 14 km, das sollten wir noch spüren.

Zunächst aber entdeckten wir, dass man schon von dem Abzweig nach rechts vor Lestedo aus die Turmspitzen der Kathedrale sehen kann, nicht erst von einem der nächsten Dörfer aus.

Ich war sehr verwundert, dass mir einige Abschnitte auf dem folgenden Weg bis Susana kaum mehr in Erinnerung waren. Vor Rubial, dem nächsten Dorf, war die Stelle, wo man Zweifel haben konnte. Hier ging es früher geradeaus, jetzt zeigt ein Muschelstein aber nach rechts. Am Ausgang von Rubial kam zu meiner Überraschung schon der Gutshof, wo die Ochsen mit dem Sarg eine Pause eingelegt haben sollen. Ich hatte diesen Ort als viel später in Erinnerung. Da täuscht das Gedächtnis, wenn man nicht sofort alles notiert. 12h40. Es war heiß, und wir waren schon müde.

Kurz vor Deseiro de Abaixo (im Handbuch nach dem Zentralort Sergude genannt) machten wir neben der Brücke im Schatten der Bäume Rast. Hinter dem Dorf läuft man auf die Fernstraße zu, biegt kurz vorher aber doch wieder rechts ab. Immer wieder lohnt ein Blick zurück, denn der Pico sacro bleibt deutlich sichtbar. Er hat nur nicht mehr die typische Pyramidengestalt, weil er eigentlich einen Höhenrücken bildet, der zu einer Seite hin sanfter abfällt. Kurz darauf kamen wir an dem Industriegelände mit dem grünen Turm vorbei. Dann war es nicht mehr weit bis Susana.

Abkürzung in Susana

Wie schon vor zwei Jahren lief ich wieder die Abkürzung: Wenn man die Fernstraße vor Susana erreicht, folgt man dem Pilgerweg nicht auf dieser nach links in die Stadt hinein, sondern quert die Straße, wo es zum Bahnhof nach rechts geht. Man muss aber gleich darauf nicht weiter in Richtung Bahnhof, sondern halblinks in die Rua de Arredillo (kann mein Gekritzel nicht ganz entziffern). Ab da hält man sich parallel zur Eisenbahnstrecke, unterquert diese also nicht, bis man nach ca. 1 km an die Stelle kommt, wo der Pilgerweg aus der Stadt links einmündet.

Zügig zur Kapelle von Santa Lucía

Ab da wusste ich wieder einen Teil des Weges auswendig. Insbesondere eine Höhe, von der man aus nach Santiago Ausschau halten kann. Man hat vor sich einige Kuppen, die von Straßen gekreuzt werden. Aber die Kathedrale ist von hier aus nicht zu sehen. Santiago liegt weit mehr rechts, als man glaubt. Die sichtbare Bebauung auf der Höhe ist nur im weiteren Sinne noch als Vorstadt zu rechnen. Ich war zu diesem Zeitpunkt wegen der Hitze schon so müde, dass ich leider keine genaueren Notizen gemacht habe. Irgendwie ging es jetzt ganz zügig weiter, später mit einigen Abzweigungen zur Kapelle von Santa Lucía runter. Dort konnten wir endlich im Schatten wieder eine Pause am Wasser machen.

Umweg vor Santiago

Den Rest kannte ich jetzt wieder auswendig, aber der Tag hatte noch eine böse Überraschung für uns. Nachdem wir den alten Camino Real hochgestiegen waren, fanden wir den Weg auf einmal durch eine Großbaustelle jäh unterbrochen. Dort wird mal wieder eine neue Tangente gebaut. Umleitung! Sehr steil nach links bis zur Fernstraße hoch. Diese etwa 100 m entlang, dann nach rechts, im Schlängel durch Bebauung, in großem Rechtsbogen zum Pilgerweg zurück. Gottlob war gleich, nachdem wir ihn erreicht hatten, eine Bar auf der linken Seite. Eine freundliche Wirtin beglückte uns zum Spottpreis mit Cola und gab noch selbst gepflückte Pflaumen dazu.

Hedwig und ich waren uns einig: Da hatten wir heute mehr Pilgerweg als "Nachschlag" gehabt, als wir uns gewünscht hatten. Spätestens ab Susana hätten wir mit dem Bus fahren sollen. Aber nach dem Fahrplan hätten wir dort auch lange rumlungern müssen, und das mag ich gar nicht.

Fast hatten wir keinen Blick mehr für die uralte Pflasterstraße, die in die Altstadt führt. Ab dem Ring setzte ich meinen Stadtplan ein. Die beiden anderen Male war ich drauflos marschiert und viel zu weit nach Osten gekommen. Erst 17h00 waren wir an der Bar La Campana zurück!

Fazit:
Der Ausflug zum Pico Sacro lohnt, wenn das Wetter eine Fernsicht erlaubt. Wenn man keinen Stress haben will, sollte man mindestens für einen Weg den Bus bis Lestedo nehmen.


Letzte Änderungen: 31.03.2017