Nordroute des Jakobswegs in Nordspanien (Camino del Norte)
Kapitel 1: Von Irún nach Bilbao

Autor: Rudolf Fischer
Meine Netzadresse: Rudolf.Fischer bei Esperanto.de
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19.07.2001, Donnerstag: Von Irún nach Hondarribia (7 km)

Bevor wir in Irún aus dem Bus kletterten, hatte ich schon eine Kreuzung mit Wegweisern ausgemacht. Nachdem der Regen also schwächer wurde, verließen wir die Bar, in der wir uns gleichzeitig gestärkt hatten, und liefen zu dieser Kreuzung. Jawohl, da war die Brücke über die Bahnanlagen, ein Schild "Hondarribia", und auch eine gleichnamige Straße, die schnurgerade in die richtige Richtung ging. Bald trafen wir auf den Weg, der auch im Handbuch beschrieben war, und folgten ihm bis Hondarribia. Freilich mussten wir uns einige Male unterstellen, weil ein böiger Wind immer wieder heftigen Regen mitbrachte. Doch das ließ zum Glück nach, als wir die Stadt erreichten. Vom zentralen Platz neben der Kirche ein herrlicher Blick auf den Hafen und den Sund. Dann ging's weiter laut Handbuch zum Touristenbüro. Hier gab's gleich eine mehrfache Enttäuschung: Die Dame dort sah keinerlei Anlass, uns besonders behilflich zu sein. Hondarribia hatte nur 3 Hostals, die bezahlbar waren. Sie gab uns lediglich einen Stadtplan, wusste nicht, ob was frei war, interessierte sie auch nicht. Auch gab es keinerlei Wanderkarten zu kaufen, wie ich das sonst in Deutschland gewohnt bin. Nachdem wir beim ersten Hostal nicht unterkamen (voll) und die Stadt sichtlich von Touristen wimmelte (Wo wohnten die alle nur? Meine Frau meinte, in Ferienwohnungen), steuerten wir die Jugendherberge an. Campingplatz kam wegen des Wetters nicht in Frage, lag auch weit außerhalb.

Hondarribia zieht sich weit den Hafen und den Sund entlang. Es ist viel zu sehen, aber auch zu laufen. Nach einigen Kilometern ging es bei einem Kreisverkehr links ab, beim nächsten geradeaus, die Herberge war schon ausgeschildert. Zum Schluss noch ganz steil 500 m einen Park hoch, und da lag sie: ein großes rot-weißes Haus, sah aus wie eine ehemalige Klinik. Zwei Fahrräder vor dem Eingang und drinnen ein Chaos von einigen Dutzend tobender und brüllender Kinder, deren Betreuer sich (ungelogen!) mit einem Megaphon akustisch durchsetzten. In der Anmeldung standen zwei, wohl die Radfahrer; wir warteten draußen. Bald kamen sie raus, mit langen Gesichtern: Completo! Das durfte ja wohl nicht wahr sein! Nun erschien auch der Herbergsvater, sah uns und zog die Augenbrauen hoch. Wir machten liebe Gesichter und sagten unseren Spruch auf: "Wir sind zwei deutsche Pilger, zu Fuß unterwegs in Richtung Santiago." Dabei hielten wir ihm unsere Pilgerausweise unter die Nase. Ob wir reserviert hätten? - Nein. - Ja, warum wir denn um Himmels willen nicht wenigstens angerufen hätten? - Wir ließen schuldbewusst die Ohren hängen. (Dabei gab's dafür zwei gute Gründe: 1. die Sprachbarriere, 2. am Telefon kann man mir ja gleich "completo" sagen; so übten wir durch unser Da-Sein wenigstens moralischen Druck aus.) Ein Platz auf dem Boden wenigstens? - "Na, kommt mal rein." Er setzte sich hinter den Schreibtisch, trug die Angaben unserer Pilgerpässe ein (die Mitgliedsausweise des Jugendherbergsverbandes, die wir mitgenommen hatten, brauchten wir weder hier noch anderswo) und gab uns einen Zimmerschlüssel. Also doch noch Betten, oh, wie freuten wir uns! Wann wir denn morgens aufbrechen wollten? Hm, hatten wir noch nicht überlegt. Aber "Knistertüten", die um 5 Uhr früh davonpreschen, wollten wir nicht sein. "Nicht vor 8 Uhr" Da freute er sich: "Dann gibt's kein Problem. Frühstück stellen wir euch hin." Außerdem erklärte er uns, als Pilgersonderpreis nur den Tarif für Jugendliche zu berechnen (1.385 P. anstatt über 2.000 P., einschließlich Frühstück). Der Wunder war noch kein Ende. Unser Zimmer, in einem ruhigeren Trakt, in dem die Kinder kaum zu hören waren, stellte sich als 4-Bett-Zimmer mit eigener Dusche und Toilette heraus. Wir hätten nichts dagegen gehabt, wenn hier noch zwei Pilger untergekommen wären, aber es kamen keine mehr. So ein Luxus! Wir waren platt!

Jetzt stellt sich doch die Frage, wie der Herbergsvater das handhabte. Die Radfahrer wurden nicht aufgenommen, obwohl keineswegs alles "completo" war. Nur für Pilger hatte er ein großes Herz. Also das alte Phänomen, das ich schon aus den 60er Jahren von deutschen Jugendherbergen kannte: Einzelwanderer (gerade die, für die die Herbergen ursprünglich gedacht waren) sind unerwünscht. Man haut sich das Haus mit Gruppen voll, hat so seine gesicherten Einkünfte und weniger Arbeit, als wenn Tag für Tag die Belegung wechselt. Hier hatte es unser Pilgerstatus rausgerissen, aber ein paar Tage später half auch das nicht... Ich finde diese Haltung mancher Jugendherbergsleitungen unerhört.

Aus dem Fenster heraus sah man auf den steilen Hang des Berges Jaizkibel (445 m), den wir am andern Tag erklimmen wollten. Auch sah man schon eine kleine Straße und einige Häuser, hörte allerdings auch schon Hunde toben. - Wir gingen zurück in die Stadt zum Besichtigen und Essen. Unterwegs, gleich an einem der Kreisel, sahen wir eine Straße, die laut Schild zum Jaizkibel führte, ferner eine Übersicht über einen Wanderweg. Perfekt! Ich zeichnete mir zur Vorsicht die Karte als Skizze in mein Notizbuch ab.

So wollten wir folgendes Problem lösen: Laut Handbuch muss man durch die ganze Stadt zurück, mehrere Kilometer, bevor es an den beschriebenen Aufstieg geht. Das war uns ein zu großer Umweg. Ganz in der Nähe der Herberge (die Übersicht bestätigte diese Vermutung) konnte man sicher direkt zur Kirche von Guadelupe, unserem ersten Teilziel, hoch. Von dort konnten wir dann laut Handbuch weitergehen.

In der Stadt war lebhaftes Touristentreiben. Sehr viele Restaurants, aber relativ teuer (das macht die Nähe des gegenüberliegenden Frankreichs). Schließlich lockte uns ein geschäftstüchtiger Wirt zu einer bezahlbaren Paella rein, stellte dann aber nicht "Vino de la casa", sondern einen Rioja für 1.600 P. dazu. Wir nahmen dieses kleine Attentat auf unser Portemonnaie mit Humor und genossen Paella und Wein.

In Spanien gibt es ferner die unschöne Angewohnheit, ungebeten Brot auf den Tisch zu stellen, nachher aber 100-150 P. dafür extra zu berechnen (auch, wenn man es gar nicht angerührt hat), im Extremfall sogar pro Person. Wir "rächten" uns in diesen Fällen dadurch, dass wir kein Trinkgeld gaben. Trinkgeld ist wohl ziemlich unüblich, besonders bei Leuten, die nur das "Menü des Tages" verlangen. Jedes Mal, wenn ich 100-200 P. dazulegte, war man sichtlich erstaunt und erfreut.


20.07.2001, Freitag: Nach San Sebastián, 28 km (35 km)

Eine Reliefkarte hatte mir gezeigt, dass der Jaizkibel, über den die heutige Etappe gehen sollte, die höchste Erhebung an der Küste ist, zumindest im Baskenland. Also stellten wir uns an diesem Tag auf heftiges Bergsteigen ein. Wie die Pyrenäenüberquerung auf dem Camino Francés beginnt der Camino del Norte (abgesehen von dem "Einlaufen" von Irún nach Hondarribia) also mit einer der härtesten Etappen. Wie hart, sollten wir noch merken.

Zunächst waren wir pünktlich um 8 Uhr am Empfang der Jugendherberge. Ein Angestellter zeigte auf zwei Tüten, unser Frühstück: 1 Apfel, 1 Joghurt, 2 Minitafeln Schokolade, 2 Boccadillos. Beeindruckend! Dazu Kaffee aus dem Automaten (nur 35 P.). Auch bekam ich die Bestätigung, dass es in San Sebastián eine Jugendherberge gibt.

Kurz drauf ging es los, zuerst zum Kreisel runter, obwohl der Weg wahrscheinlich wieder an der Jugendherberge vorbei hochführte. Dann die Straße rein und nach einer markierten Abzweigung nach rechts gesucht. Es kam keine! Nach 2 km stellten wir fest: Die Straße führte parallel zur Hauptstraße und zum Hafen/Sund an der Stadt vorbei zurück, um auf die übliche Landstraße, die in weiten Serpentinen zur Kirche hochführt, zu treffen. Ein langer Umweg also, wenn auch nicht so lang, als wenn wir dem Handbuch gefolgt wären. Und was war mit der nicht gefundenen Abzweigung? Meine Frau kapierte es schneller: Ich war gleich zu Anfang falsch gelaufen, weil ich die Darstellung auf der Übersicht falsch interpretiert hatte. Wir hätten gleich rechts hochgehen müssen, irgendwo an der Jugendherberge vorbei, wie vermutet. Meine schöne Skizze war also von Anfang an nutzlos. Aber: Das wäre nicht passiert, wenn der Wanderweg gekennzeichnet gewesen wäre, und das war er nicht. Man stelle sich vor: Es gibt keine Wanderkarten und keine Kennzeichnungen, nur zu Anfang eine Übersicht an der Straße; das kann doch gar nicht funktionieren! Wer behält denn so eine Übersicht im Kopf, wenn man Dutzende von Abzweigungen vor sich hat?

Nun, wer sich über solche Pannen maßlos ärgert, braucht gar nicht erst loszupilgern. Wir nahmen die Landstraße unter die Füße und schritten kräftig aus. Unsere Route hatte den Vorteil (auch gegenüber der im Handbuch geschilderten Strecke), dass es nur maßvoll bergauf ging, dafür eben länger. Der Autoverkehr hielt sich in Grenzen. Auch ohne Seitenstreifen war die Straße nicht gefährlich. 2 km vor der Kirche mündete der Wanderweg aus Richtung Jugendherberge von rechts ein. Bellende Hunde aus dieser Richtung gaben einen Hinweis auf einen weiteren Vorteil der Straße. Direkt vor der Kapelle links kam auch der im Handbuch beschriebene Weg von unten hinzu. Er ist sicher viel schöner, mit mehr Sicht als auf der Straße, wo die Bäume keine Aussicht zulassen.

Die Kapelle war offen. Hier sangen wir zum ersten Mal aus den mitgebrachten Liederbüchern. Nach einer kurzen Pause sollte es weitergehen. Dazu gab es folgende Möglichkeiten: auf der Landstraße bleiben (das empfiehlt das Handbuch zu Recht bei schlechtem Wetter), oder einen schöneren, gleich langen Weg links um den Bergkamm herum (wie im Handbuch beschrieben). Zwei Wanderer (oder Forstwarte, wie meine Frau meinte) empfahlen uns aber gestenreich eine dritte Möglichkeit: direkt über den Kamm, von einem Wachtturm zum andern.


Das ist mühsam, aber von der Aussicht her, die man in beide Richtungen gleichzeitig hat, unvergleichbar schöner als alle anderen Varianten: Rechts immer die Küste und das Meer, links ganz unten das Tal von Irún, hinter einem die Küstenlinie bis Biarritz und ein Blick auf die Wälle einer alten Festung östlich der Kapelle. Der Blick vom Jaizkibel zurück auf die Küste

Da wir sogar Sonnenschein hatten, gingen wir auf diesen Vorschlag ein. Die Route ist mit rot-weißen Balken ausgezeichnet. Auch ein gelber Pfeil (auf diesem Teil des Camino del Norte selten!) wies von der im Handbuch beschriebenen Strecke abknickend nach rechts, über einen baumlosen Hang steil den Kamm hoch. Wir wagten es.


Blick von der Abbruchkante des Jaizkibels ins Tal von Irún und Hondarríbia Das haben wir nicht bereut. Dieser Weg ist wirklich einmalig, allerdings nur bei schönem Wetter. Bei schlechtem Wetter bietet auch die Landstraße an einigen Stellen schöne Ausblicke; sie berührt dann den Kamm an einigen ausgebauten Aussichtspunkten.

Diese tolle Aussicht hatten wir aber die ganze Zeit. Man konnte es eigentlich gar nicht gebührend würdigen, es war einfach unglaublich. Wir juchzten und jauchzten vor Freude, war die Anstrengung auch groß.

Es ging über Kuh- und Pferdeweiden, aber alle Tiere gingen uns friedlich aus dem Weg. Kilometer später erreichten wir die Sendeanlagen auf der Bergspitze. Hier trafen wir einen Wanderer, der am Wegesrand Gänseblümchen sammelte und genussvoll aß. Mahlzeit! Ein Pilger war er nicht, sehr zurückhaltend, begrüßte uns aber freundlich und lobte uns für unsere Pilgerschaft. - Vor uns sahen wir in einiger Entfernung niedrigere Hänge und - noch weit weg - die Häuser von San Sebastián. Ich wusste aber, dass wir noch einmal ganz auf 0 Meter hinunter und die niedrigeren Höhen vor uns wieder hinauf mussten, bevor wir die Stadt erreichten. Wie weit es noch wirklich war und welche Anstrengungen wir noch vor uns hatten, habe ich trotzdem total unterschätzt.

Der Weg ist dann immer links herum, an den Sendeanlagen vorbei, markiert. Eine sehr, sehr mühsame Strecke durch Felsen und über Steine. Im Nachhinein haben wir folgenden Tipp: Vor dem Zaun der ersten Anlage (es gibt mehrere umzäunte Komplexe) besser rechts auf die Anfahrt zur letzten Anlage herunter, dieser bis zur letzten Sendeanlage folgen und sie rechts umgehen. Dann trifft man wieder auf den markierten Weg, der ab da einfacher zu begehen ist. An Aussicht hat man dabei nichts Besonderes verpasst.

Am Ende mündet der Wanderpfad auf einen größeren Weg, der von links kommt. (Wir dachten, es sei der im Handbuch beschriebene, aber er war es nicht.) Zugleich kommt man wieder in Reichweite der Landstraße, die hier eine große Rechtskurve macht. Unter Sträuchern im Schatten machten wir Mittag, der Gänseblümchensammler "graste" unweit und winkte uns zu. Ein breiter Feldweg lud zum Weitergehen ein, 100 m davor zeigte ein gelber Pfeil auf einen Pfad, der in dieselbe Richtung ging. Diese Fortsetzung ist nicht zu empfehlen! Der breite Weg wird kurz darauf zu einem Pfad, der völlig zugewachsen ist und unterhalb von Klippen, nicht ungefährlich am Steilabhang entlang zu einem weiteren Turm führt. Dann geht es steil bergab in einen Einschnitt, von dem aus man eine Landstraße links erreichen kann. (Von dort kam man laut Handbuch wirklich hoch.) Die rot-weiße Kennzeichnung führt aber im Einschnitt gleich wieder steil rechts hoch bis zur Kammstraße, der man dann sowieso ein Stück folgen muss. Man sollte sie also besser gleich von dem Ort unserer Mittagspause aus gehen, um sich ein sehr mühsames Stück zu ersparen. Eine Bar an der Straße bot uns eine Erfrischung.


Dann war die Frage, wie wir den im Handbuch beschriebenen Weg wiedertrafen. Nun, es kam eine scharfe Linkskurve, von der aus eine Piste in die richtige Richtung ging. Im Handbuch stand "scharfe Rechtskurve". Das interpretierte ich richtig: das passte, wenn man von unten hochkam. Der weitere Verlauf der Piste wies sofort die im Handbuch beschriebenen Merkmale auf: schöne Aussicht nach rechts auf die Pasajes, einen sehr schmalen Meeresarm, den man nach einem steilen Abstieg erreicht. An seinen Ufern liegen die Hafenstädtchen Pasaia-Donibane (span.: Pasajes de San Juan) und Pasaia-San Pedro. Leider sind die Mauern dort mit ETA-Parolen beschmiert, was einen abstößt.
Pasajes de San Juan

Mit einer Personenfähre (75 P.) ging's in wenigen Minuten ans andere Ufer. Oben neben einer Kapelle spendet ein Brunnen Wasser. - Eigentlich hat man seinen Tagesbedarf an Schönem und Anstrengendem (immerhin 890 m Höhenunterschied) hier schon hinter sich. Das Handbuch lässt die Etappe bis San Sebastián weitergehen. Im Nachhinein müssen wir beide sagen: Das ist zu viel. Man sollte entweder in einem der Städtchen übernachten oder die Landstraße links um den Höhenzug herum nach San Sebastián gehen. Freilich, dann verpasst man eine weitere, sehr schöne Strecke, mit einigen Ausblicken zurück auf eine bizarre Küste.

Wir trauten uns jedoch an diesem Tag noch einiges zu. Im Ort ging es rechts ab, am Friedhof entlang, durch Dornen und Brennnesseln steil hoch bis zu einem Sträßchen, das zum Leuchtturm führt. Die Kilometer dorthin empfand ich schon als spürbar weit. Vor dem Zaun des Leuchtturmgeländes folgten wir dann mehrere Kilometer einem kleinen Pfad, der sich in vielen, vielen Windungen direkt die Steilküste entlangschlängelt. Gleich zu Anfang eine erfrischende Quelle, an der wir unser lauwarmes Wasser in den Trinkflaschen austauschten. Lange ging alles gut, jeden Moment wähnten wir, oberhalb von San Sebastián herauszukommen. Dann verzweigte sich der Pfad, kein gelber Pfeil zu sehen und im Handbuch nur "Nach 2,4 km geht es scharf links bergauf..." Keine Ahnung, wie weit wir waren. Nach rechts führten rot-weiße Markierungen wiedermal bergab, nach links gelb-weiße hinauf. Fatalerweise bildete ich mir ein, die gelben Pfeile würden hier durch gelb-weiße Markierungen fortgeführt, eine Selbsttäuschung!

Fazit: Die Beschreibung des Handbuchs ist kurz vor San Sebastián unzureichend, da es nicht mehr nur einen, sondern viele, sich verzweigende (neue?) Pfade gibt. Es müsste unbedingt angegeben werden, welcher Markierung man folgen soll.

Nach vielem Suchen, Befragen anderer Wanderer (was nicht viel brachte; man kann ja nicht fragen: Geht hier der Weg laut Handbuch von Michael Kasper weiter?) und weiter aufs Geratewohl immer höher kamen wir an einem großen Funkturm heraus. Hier begann ein Stadtpark, in dem es von Leuten wimmelte. Dummerweise folgten wir weiter den gelb-weißen Markierungen, die sich aber in einem Labyrinth von kleinen Fußpfaden verloren. Zwei Mal kamen wir an einem älteren Spanier vorbei, der splitternackt im Heidekraut stand und telefonierte. Es war brüllheiß, gegen 16 Uhr, von San Sebastián nichts zu sehen. Einmal sah ich oben links eine Serpentine der Straße, die zum Funkturm hinaufführte. Als die rot-weißen Markierungen (Die müssen doch irgendwohin führen!) abermals in eine Schlucht hinabtauchten, jenseits der die nächste bewaldete Höhe (und keineswegs San Sebastián) lag, hatte ich endgültig die Nase voll. Zurück und sich zu der gesichteten Serpentine hoch durchgeschlagen. Oben der engen Straße gefolgt. Weit, weit unten endlich der Strand von San Sebastián. - Nach 1 km führte rechts eine Treppe hinab. Unten erwartete uns eine glühend heiße Stadt, voll von Touristen und Sonnenanbetern, die uns irritiert anglotzten. Wir kamen uns wie in Feindesland vor. Ein Stadtplan zeigte uns die Lage der Jugendherberge, die im Handbuch nicht erwähnt ist. Leider lag sie am entgegengesetzten Ende der Stadt.


Jugendherberge San Sebastián: Albergue "La Sirena" aterpetxea, Ortsteil Ondarreta (unweit des gleichnamigen Strandes und nur 300 m vom markierten Jakobsweg entfernt), Igeldo pasealekua, 25, E-20008 Donostia-San Sebastián, Tel. 0034 943 310 268, Fax 0034 943 214 090
Netzost: udala_youthhostel@donostia.org, Netzseite: www.paisvasco.com/albergues


Ausnahmsweise (danach kein einziges Mal wieder) war meine Frau am Rande ihrer Kräfte und wollte mit dem Bus dorthin. (Ich kam nicht auf die Idee, dass man ja auch wieder mit einem Bus zurückfahren konnte.) Ich bewog sie, wenigstens noch bis zum Touristenbüro durchzuhalten. Dieses liegt nicht mehr im Theater Victoria Eugenia, wie im Handbuch angegeben, aber noch am selben Platz, direkt gegenüber. Meine Frau versuchte, einen Stadtplan zu besorgen. Mich fing unterdessen draußen eine Frau ab, die uns ein Appartment für 8.000 P. anbot. Ich wollte was Billigeres. Eine Bekannte von ihr habe noch was für 5.000 P., ohne eigenes Bad. Das wäre angemessen, sagte ich. Meine Frau kam inzwischen wieder aus dem Gebäude, hatte keinen Stadtplan bekommen, da eine sehr lange Schlange Zimmersuchender alles blockierte. Nun lief alles etwas unglücklich: Wir folgten der Frau ca. 1 1/2 Kilometer (!) weit in eine südliche Vorstadt. Dann war es auf einmal doch wieder das Appartment für 8.000 P. Ein Missverständnis oder der Versuch, uns zu überrumpeln? Wir nahmen beide letzteres an, bekamen aber einen Stadtplan, um das Zimmer für 5.000 P. bei der Bekannten zu finden (1 km entfernt). Eigentlich waren wir so sauer, dass wir überlegten, vielleicht doch noch mit dem Bus zur Jugendherberge zu fahren und die Frau und ihre Bekannte hängen zu lassen. Na, erst einmal einen café con leche, um wieder zu Atem (und Nerven) zu kommen.

Es folgte eine komische Situation, wie man sie in Spanien erleben kann. Auf der Straße schauten wir nach einer Bar umher. Sofort sprach uns ein älterer Mann hilfsbereit an: Er sei auch schon gepilgert, wie er uns helfen könne? "Wir suchen eine Bar, um etwas zu trinken." "Nur zu trinken?! Sie sollten aber auch eine Kleinigkeit essen." "Nein, nein, nur zu trinken." Da gebe es eine tolle Bar mit schmackhaften Happen ("Nein, nein, wir wollen nur was trinken."), allerdings müssten wir um die Baustelle da vorn herum... Mit dem kommt unsere verhinderte Vermieterin angesaust. Sie hat misstrauisch aus der Ferne verfolgt, dass wir nicht schnurstracks die Adresse ihrer Bekannten ansteuern. Eigentlich will sie ganz schnell zum Touristenbüro zurück, um ihr Appartment wieder anzupreisen. Aber sie hat inzwischen mit ihrer Bekannten telefoniert, dass wir das Zimmer nehmen... Also sie zu uns: "Nein, nicht dort entlang, hier entlang!" "Wir wollen nur noch was trinken." "Nein," mischt sich der Spanier ein, "... und noch was essen!" Jetzt kriegen sich die beiden an die Köpfe: "Sie sollen zu meiner Bekannten gehen." "Aber erst essen sie was." Wir im Hintergrund ganz leise: "Aber wir wollen doch nur noch was trinken." Es war der reinste Loriot-Film. Wir flohen um den Häuserblock und die Baustelle herum zu der empfohlenen Bar und tranken nur etwas. Als wir zurückgingen, merkten wir, dass sich direkt gegenüber der Straßenkreuzung, an der der Loriot-Film abgegangen war, eine andere Bar befand. Ohne die Hilfsbereitschaft des Spaniers wäre es so einfach gewesen... :-)

Nachdem wir aus einer Übersicht ersahen, dass das Bussystem kompliziert war, verwarfen wir die Jugendherberge endgültig und gingen doch noch zu der erhaltenen Adresse. Es war relativ die schlechteste Unterkunft, die wir erleben sollten: die Vermieterin, eine alte Dame, hauste in ihrer Küche. Das Wohnzimmer war an drei Kanadier vermietet, das Schlafzimmer an uns - und die Etagendusche war defekt! - Nun waren wir so erschöpft, dass uns alles egal war. Bei den Kilometern, die wir für diese Unterkunft gelaufen waren, hätten wir auch zu Fuß die Jugendherberge erreichen können.

Kurz darauf gegen 21 Uhr zum Einkaufen: Zu spät, alles schon geschlossen. Dafür die rechte Zeit zu essen. In einem einfachen Restaurant gab es das "Menú del día" "selbstverständlich" auch abends (andernorts nämlich gewöhnlich nur mittags). Für die Qualität sprach die Tatsache, dass viele Einheimische auch schon dort saßen. Da es weit vom Stadtzentrum entfernt war (Nähe Hauptbahnhof), war es auch preislich günstig. Die Adresse unserer Vermieterin gebe ich nicht preis: versprochen! Sie vermietete natürlich am Fiskus vorbei. Auf unsere Bitte hin hatte sie vorschnell ihren Namen in unsere Pilgerausweise geschrieben. Danach kam sie einige Male wieder an und fragte immer: "Da kann mir doch nichts passieren, oder?" - Todmüde sanken wir in die Betten und schliefen, Dusche hin oder her.


21.07.2001, Samstag: Zum Campingplatz Zarautz, 21,5 km (56,5 km)

Auch unser dritter Marschtag wurde unglaublich vollgepfropft mit Eindrücken. Am Morgen ging es erst in die Altstadt, die man doch gesehen haben musste. Dann zu einer Buchhandlung, die Karten im Schaufenster hatte. Bis zur Öffnungszeit (erst 10 Uhr!) frühstückten wir in einem schönen Park. - Es gab keine Wanderkarten! Nur Messtischblätter, die etwa 10 km wiedergaben, für weiterziehende Wanderer unbrauchbar. Ich erstand eine weitere Karte vom Baskenland, auf der aber nur die wichtigsten Straßen standen (Campingplätze ebenfalls nicht eingezeichnet). Als Kontrast zu meinen sonstigen Karten lieferte sie die eine oder andere Information mehr, das war schon alles.


Spät begann also der eigentliche Marsch, zunächst an den Stränden entlang. Am Ende des letzten Strandes, Ondarreta, laut Handbuch weiter. Eine Markierung auf der Straße zeigt an, dass die Jugendherberge ganz in der Nähe ist. Dann geht es mäßig bis steil den Berg Igueldo hinauf, mit einmaligen Rückblicken auf die Stadt, im Hintergrund die Berge mit dem Stadtpark, in dem wir so umhergeirrt waren, und - uns den ganzen Tag begleitend - noch weiter weg: der Jaizkibel mit seinen Antennen. Die Sonne brennt.
Am Strand von Ondarreta

Oben, an einer Asphaltstraße ein Hinweis auf einen Campingplatz. Später, auf der Höhe, geht es viele Kilometer die Kammstraße entlang. Schmal, ohne Seitenstreifen, leider viel Ausflugsverkehr. Im Städtchen Igueldo selbst brauche ich schon wieder eine Coca Cola (sogar zwei); wir flüchten aus der Sonne in eine kleine Bar abseits. Am Ortsrand rechts versorgen wir uns in einem kleinen Laden mit Lebensmitteln, vor allem Früchte, Joghurt und Milch. Dann geht es die Kammstraße weiter. Keine Brunnen. Im Straßengraben, im Schatten von einem der wenigen Bäume Mittag. Wie hier haben wir häufig Aussicht auf das Meer (Steilküste). An einem weiteren Campingplatz und an Antennenanlage (Bergspitze) vorbei... Lange Zeit bleiben wir auf dem Kamm des langgestreckten Höhenzuges, ohne viel auf und ab.


Rechts auf einmal ein großes Schild: "Camino de Santiago". (Die Übersicht ist wenig hilfreich, zum Teil durch Schmierereien unleserlich.) Zwei Mädchen fragen, ob wir Pilger sind und freuen sich, "echte" getroffen zu haben. Pilger vor einem der im Baskenland seltenen Hinweisschilder auf den Camino del Norte

Als die Kammstraße sich in einer Serpentine nach links steil nach unten ins Tal krümmt, geht es in der Kurve geradeaus, einen Hohlweg hinunter. Offensichtlich ein sehr alter Fußweg, mit unbequemer Pflasterung. Trotzdem gefällt uns diese Strecke viel besser als der asphaltierte Kammweg. Einmal scheint ein Camino-Schild nach rechts einen Waldweg hinauf zu weisen, es geht aber weiter nach unten. Die angekündigte richtige Abzweigung ist gar nicht zu übersehen; es gibt gelbe Pfeile, und außerdem verzweigt sich auch die alte Pflasterung. - Im Tal wird die Autobahn unterquert, und dann geht es steil hinauf zu einer Kapelle San Martín. Brunnen! Schöne Aussicht auf einen Meereseinschnitt mit Stränden.

Wie bei dieser Kapelle sagen wir noch öfter: "Wäre doch eine gute Notunterkunft für Pilger." Wasser ist vorhanden, das große Vordach bietet Schutz vor Regen. Steinernde Bänke laden zum Sitzen ein. 100 m weiter unterhalb der Kapelle liegt eine Bar mit Toiletten. Auch könnte man bei gutem Wetter auf dem umgebenden Rasen zelten... - Hinter der Kapelle geht's gleich wieder steil runter. So ist es oft: Der Pilgerweg macht Umwege zu Pilgerzielen (hier die Kapelle), ohne Rücksicht auf zusätzliche Höhendifferenzen, die es zu überwinden gilt. Die nächste Stadt Orio hätte man bequemer auf der Straße erreicht, die den Kapellenhügel umgeht. Nun ja, wenn man's hinter sich hat, freut man sich über den Gewinn an zusätzlichen Eindrücken.

Nach einer Pause an der Kirche von Orio, die wie eine Festung noch hoch am Hang über dem Meereseinschnitt liegt, geht es über die viel befahrene Nationalstraße 634 (die uns lange erhalten bleiben soll) zum anderen Seite des Wasserarmes, dann einige Zeit an dessen Ufer mit öden Industriegebieten entlang. Zum Schluss - wieder unter der Autobahn her - ein Strand (laut tönt der Lärm badender Jugendlicher), doch davor links die Jugendherberge Orio, die laut Handbuch Pilger aufnimmt. Neue Gebäude, dahinter Rasen und Schwimmbecken; hinter diesem der Strand. Wir lechzen nach Abkühlung und wollen bleiben, obwohl das Ziel Zarautz noch einige Kilometer weiter ist. Der Empfang der Herberge ist geschlossen. Wir setzen uns und warten, holen uns aus Automaten zu trinken, laufen um die Gebäude herum. Endlich wird eine Frau (die Herbergsmutter?) auf uns aufmerksam. "Completo" winkt sie gleich ab, als ich meinen Pilgerspruch aufsage.

Aus der Traum vom Baden! Ich bin geknickt, vergesse mein Spanisch, stottere herum. Wo wir denn herkämen? Aus Deutschland. - Nein, nein... - Ach so, von San Sebastián. - Und wo wir hinwollten? (Ich ergänzte im Geiste "heute") Nach Zarautz! - So, dann sollten wir mal nach Orio zurück und mit dem Zug fahren. "Pilger fahren nicht mit dem Zug, Pilger laufen zu Fuß!" knirsche ich erbittert. Sie wedelt uns energisch mit den Händen vom Gelände. War das Ganze vielleicht nur ein Missverständnis? Hielt sie uns für "Wochenendpilger", von San Sebastián nach Zarautz? Immerhin hatten wir ihr weder unsere Pilgerausweise noch unsere Mitgliedsausweise des internationalen Jugendherbergswerkes gezeigt. Wir waren es aber leid, wie aufdringliche Bittsteller da zu stehen. Ohne Abschiedsgruß wandten wir uns ab.

Laut Handbuch war der (große) Campingplatz von Zarautz nur noch 1,5 km entfernt. Skeptisch kämpften wir uns in brütender Hitze die nächste Höhe hoch. Es war inzwischen bereits nach 17 Uhr. Oben angekommen, ein Rundblick, und - o Freude! - da lag der Campingplatz tatsächlich zum Greifen nahe, oberhalb der Steilküste vor Zarautz.

Bald hatten wir die Anmeldung erreicht. Wie würden hier Pilger empfangen werden? "Zwei Pilger mit kleinem Zelt, aber ohne Auto" sage ich zögernd. "Das kennen wir schon!" lacht der hinterm Empfangstisch - es war der Chef, "Willkommen, Pilger! Seid zu Fuß, was? Tüchtig, tüchtig." Ich atme ganz erleichtert auf. Auch seine Helfer grinsen uns abenteuerliche Figuren freundlich an, weisen uns einen Platz zu, im Schatten, ganz in der Nähe der Versorgungseinrichtungen. (Preis: 575 P. pro Person und Zelt) Wir sind mächtig zufrieden. Zum Campingplatz gehören auch ein kleiner Laden, ein Restaurant und eine Bar. Es gibt Automaten und Übersichtskarten über die Umgebung. Ich notierte mir einige Einzelheiten zum nächsten Campingplatz vor Deba, den wir vielleicht ansteuern wollen.

Vom Campingplatz aus konnte man unten die Küste und zur anderen Seite Zarautz und seinen Strand sehen. Wir hatten aber nicht mehr die Kraft, hinunterzulaufen. Dieser Tag hatte uns körperlich und geistig bereits bis an die Grenze beansprucht. Ein einfaches Abendessen und kühle Getränke machten uns zufrieden und schläfrig. Nachts kamen sehr laut Jugendliche aus den Nachbarzelten vom Strand zurück, natürlich beschwipst und kichernd über ihre amourösen Abenteuer. Dafür störten wir morgens, als wir um 7:30 Uhr aufstanden und - auch nicht besonders leise - frühstückten und das Zelt einpackten. Aber das ist eben der verschiedene Rhythmus von Pilgern und Nichtpilgern. Ansonsten waren wir vom Zelten sehr angetan - solange das Wetter gut ist.


22.07.2001, Sonntag: Zum Campingplatz von Itxaspe (vor Deba), 22,5 km (79 km)

20 km laufe ich zu Hause wie nichts, auch mit Gepäck. Aber auf der Nordroute des Jakobsweges geht es rauf und runter, oft auf beschwerlichen Wegen, und das möglichst noch mehrmals am Tag. Wer schneller weiterkommen will, muss die große Nationalstraße laufen, aber dann verpasst man das Schönste.

Am Morgen kamen wir nicht vor 9 Uhr los, da ich noch am Empfang bezahlen und damit meinen hinterlegten Personalausweis auslösen musste. Wieder behandelte man uns als Pilger sehr freundlich und beschrieb uns noch den Weg zum Strand von Zarautz. In der Zwischenzeit konnte unser Zelt trocknen, denn von unserem Schwitzen war es innen klitschnass von Kondenswasser.

Aus der Platzeinfahrt heraus ging es gleich eine Mauer entlang rechts herum. Merkwürdig, vor der Einfahrt standen noch sehr viele Zelte, etwas ungeordnet. Ein weiterer Campingplatz? (Es gibt laut Listen im Internet mindestens zwei in Zarautz.) Wir haben es nicht überprüft. Dann einen Wiesenabhang, später eine Treppe zum Strand von Zarautz hinunter; endlich die Strandpromenade entlang. In Reichweite der Stadt war alles mit Flaschen und Scherben übersäht. Wie wir noch an anderen Orten feststellen sollten, ist es Sitte bei den Jugendlichen, zum Wochenende die große Sause zu machen und in vorgerückter Morgenstunde nicht nur weiter überall Müll hinzuwerfen, sondern vor allem Gläser und Flaschen auf der Straße (und am Strand!) zu zerschmeißen. (In Deutschland ist Ähnliches in Anfängen zu beobachten.) Mürrisch kehrten Angestellte vor den Bares alles zusammen. Nein, es war noch nicht geöffnet, keinen café con leche für die armen Pilger :-(

Die Kirche von Zarautz war noch geschlossen. Wir hatten auch nicht die Zeit, noch eine Stunde bis zu einem Sonntagsgottesdienst zu warten. - Steil, sehr steil ging es aus der Altstadt hoch, an neuen Hochhäusern vorbei den üblichen Berg am Ende der Bucht hoch, durch Weinberge und Felder. Man traf erstaunlich viele Spaziergänger. Rechts voraus die Hafenstadt Getaria mit einer malerisch vorgelagerten Halbinsel. (Einmal verweist ein Pilgerwegzeichen nach links oben, irreführend. Man geht weiter geradeaus auf der Asphaltstraße und erreicht ein großes Camino-Schild mit Übersicht.)

Wir folgen stur dem Handbuch, durch lockere Besiedlung, über Bauernwege, teils mit alter Pflasterung. Das malerische Getaria bleibt rechts unten liegen. Im Restaurant Kanpaia endlich unseren café con leche auf der Terrasse. (Links von uns wird ein großer Hund gebadet. Nach überstandener Prozedur - ich habe es geahnt - kommt er gelaufen und schüttelt sich direkt neben mir das Wasser aus dem Fell. Danke, aber ich hatte heute eigentlich schon geduscht!)

Von einer kleinen Landstraße geht es links ein Sträßchen steil hoch in das kleine Dorf Askizu. (Achtung: nicht zu früh in eine besser zu sehende Stichstraße zu einer Villa abbiegen!) Brunnen an der Kirche! Eine Frau teilt uns mit, dass in einer halben Stunde (13:30 Uhr) eine Sonntagsmesse beginnt. Das passt ja zu unserer Pause. Einige Gottesdienstbesucher, darunter eine Nonne, freuen sich, Pilger zu treffen. Man zeigt uns, dass man von der Kirche aus schon Zumaia, unser nächstes Zwischenziel, sehen kann. Touristen aus den benachbarten Badeorten schlendern leicht bekleidet umher. Ein junger Mann will von einem Grundstück aus das Meer sehen. Entsetzt springt er zurück, als der bisher im Schatten dösende Kettenhund bellend auf ihn zu saust. Er hatte ihn glatt übersehen, kann aber knapp entkommen.

Zur Messe packen wir unsere mitgenommenen spanischen Liturgietexte aus. Ich suche und suche, wo die Leute mit ihren (auswendig aufgesagten) Gebeten sind, bis ich merke: Da kann ich lange suchen, die Messe ist nicht auf Spanisch (Kastilisch), sondern auf Baskisch. Ansonsten haben wir uns sehr gefreut, dass wir uns um den Besuch der Sonntagsmesse gar nicht kümmern mussten; sie wurde uns zur rechten Zeit von selbst am Pilgerweg angeboten. Diese Fügung wiederholte sich an den kommenden Sonntagen so zuverlässig, dass ich mich einfach darauf verließ.

Nach einem steilen Abstieg erreichten wir Zumaia. (Zu Hause hatte ich damit geliebäugelt, Zumaia in einer Etappe von San Sebastián aus zu erreichen, "schlappe" 34 km. Ha, ha!) - Wir laufen in Richtung Stadtzentrum, einem Strom von Sonnenhungrigen entgegegn, die zum Strand hin unterwegs sind. Rechts die Santiagokapelle, aber - pfui! - am Sonntag nicht zugänglich, sonst nur gegen klingende Münze. Ich schmolle im Schatten, während meine Frau das Problemchen auf Spanisch löst: Einfach nicht um blöde Verbote kümmern. Sie überwindet die Absperrung, geht durch den Park zur Kapelle und macht ihr Foto; in die Kapelle hinein gelangt sie allerdings nicht.

Es hat unterwegs manche Verzögerung und manchen Aufenthalt gegeben, weil meine Frau ein Foto schießen wollte. Da sie es immer gut machen will, geht sie dann hin und her, probiert quer und im Hochformat, läuft auch mal ein Stück wieder zurück - und sagt 3 Minuten später: Nein, von hier wär's ja noch viel besser gewesen! Oder: Nein, so ein Pech! Die ganze Zeit habe ich auf eine noch schönere Sicht gewartet, und jetzt gibt's gar keine mehr. - Ich reiße mich immer zusammen, ich will ja auch schöne Fotos als Erinnerung haben. Also schweigend im Schatten dulden... (Inzwischen wieder zu Hause, habe ich mir die gut 200 Dias angeschaut. Meine Frau hatte völlig Recht, für gute Fotos etwas Aufwand zu investieren. Ich wäre ein Idiot gewesen, hätte ich deshalb herumgemault.)

Durch die hässliche Stadt Zumaia endlos hindurch und ebenso endlos eine Ausfallstraße (unsere geliebte N-634) entlang, bis man laut Handbuch nach 3,3 km den "letzten Ortsteil" erreicht und bei einer Tischlerei, deren Namen angegeben ist, abbiegen soll. Was im Handbuch fehlt, sind einige wichtige Wegekennzeichen unterwegs, denn 3,3 km können einem "endlos" vorkommen, und immer hat man schwitzend den Verdacht, die Tischlerei übersehen zu haben oder dass die Tischlerei nicht mehr existiert oder einen anderen Namen hat. Man sollte also wissen, dass man mehrere Straßenabzweigungen passiert, sogar (nach 3 km) eine riesige Verzweigung, bei der es links auf die Autobahn geht. Nicht zweifeln, immer auf der N-634 bleiben, denn die Tischlerei existiert weiter, und sie ist nicht zu übersehen. (Es bleibt nur schleierhaft, warum gerade diese zwei Häuser der letzte Ortsteil sein sollen.)

Nun kommt eine typische Alternative a la Michael Kasper: Markiert ist der Jakobsweg ab der Tischlerei weiter auf der N-634 (und wegen des lebhaften Verkehrs, den vielen Kurven und dem fehlenden Seitenstreifen macht das Laufen auf ihr wirklich keinen Spaß). Der Autor des Handbuchs empfiehlt aber eine Alternative, die etwas vor der Tischlerei abgeht und die "angenehmer" zu gehen und "sogar 700 kürzer" ist. Stimmt sogar, und ist auch ohne Schwierigkeiten zu finden. Was er aber verschweigt: Auf den folgenden knapp 4 km geht es die erste Hälfte ebenso steil hoch wie die zweite wieder hinunter. Geschätzter Höhenunterschied: 500 m. Freilich: Die Wege sind zum Großteil wunderschön, Waldwege in völliger Einsamkeit. Oben lädt eine Lichtung zum naturverbundenen Mittagsschlaf (war für uns zu spät, und es regnete auch ein paar Tropfen). - Eine schwere Entscheidung. Wer die Kraft hat, sollte die Alternative gehen. Wer vor der Tischlerei schon ziemlich fertig ist, gehe lieber die N-634 weiter.

Was mich bei der Tagesplanung noch mehr interessiert hatte: der von uns ins Auge gefasste Campingplatz des winzigen Dörfchens Itxaspe zweigte laut meinen Unterlagen am Kilometer 37,5 von der N-634 ab. Das war knapp hinter dem Punkt, an dem die Alternativroute des Handbuchs wieder auf die Nationalstraße führte, hatte ich ausgerechnet. Das stimmte; die Abzweigung war außerdem in Wirklichkeit erst bei Kilometer 38,5. Dort schwenkten wir also rechts von der N-634 und damit auch vom Jakobsweg ab, der links auf der gleichen Kreuzung nach Itziar führte und freuten uns auf das nahe Ziel. So nah war das leider nicht. Nach 1 km hielt ein Auto, und eine junge Dame fragte uns, ob sie uns zum Campingplatz mitnehmen solle. Das war nett! Wir lehnten mit dem Hinweis auf die Pilgergepflogenheiten höflich ab, bedankten uns aber. Es sei noch 1-2 km zum Campingplatz. Au weia! Kurz darauf kamen uns Jugendliche in einem Auto entgegen und fuhren absichtlich gefährlich auf uns zu. Eine Disziplinierungsmaßnahme, weil wir aus ihrer Sicht eine Behinderung darstellten? Oder einfach jugendlicher Übermut? Außer einem ähnlichen Zwischenfall mit Jugendlichen haben wir sonst keine Schwierigkeiten mit Autofahrern gehabt, eher im Gegenteil. Alle, ob Spanier oder Touristen, ob Auto-, Bus- oder LKW-Fahrer: Man fuhr vorsichtig und gefährdete uns nicht.

Einmal ging's links ab, wobei das Hinweisschild in einem Maisfeld stand und praktisch nicht zu sehen war. Dann war der Campingplatz, wieder auf der Höhe einer Steilküste gelegen und wieder durch einen Berg von der nächsten Stadt (diesmal Deba) getrennt, erreicht, kurz nach 19 Uhr.

Es ist fürs Unterkommen unproblematisch, so spät den angestrebten Campingplatz zu erreichen. Denn erst um diese Zeit fahren auch die meisten Touristen ihr Tagesziel an. Für unser Minizelt war obendrein sowieso immer noch Platz. Problematischer ist, dass man keine Ruhestunden mehr hat: Zelt aufbauen, duschen, Kleider waschen, einkaufen, zu Abend essen: schon ist es 22 Uhr, und dann gehören Pilger schon schleunigst ins Bett, um Kräfte für den folgenden Tag zu sammeln. Der Ausfall der vom Camino Francés gewohnten Siesta am Nachmittag hat sich bei mir kräftemäßig doch sehr bemerkbar gemacht.

Wie in Zarautz war der Empfang am Campingplatz herzlich; Pilger waren bekannt ("Viele Deutsche"; das hörten wir noch oft). (Preis: 600 P. pro Person und Zelt, IVA inbegriffen) In der Anmeldung lieferte ein Kramladen alles zum Essen. Dafür war das zugehörige Restaurant wegen Umbau geschlossen. Schade! - Wie auf jedem Campingplatz brachten wir auch vorbeugend heraus, wo wir am andern Morgen regengeschützt frühstücken und notfalls unsere Sachen hinschleppen und einpacken konnten. Das war hier nur auf der Veranda der Waschanlagen (ca. 150 m entfernt) möglich. - Am Abend folgten wir einem Schild "Meer", stiegen die Steilküste hinab, immer weiter, bis zu einem Weg, von dem man aus sah, dass man noch nicht einmal an der Abbruchkante war und das Wasser überhaupt nicht erreichen konnte... Dieses Beispiel führt zu folgenden allgemeinen Ausführungen.


Schilder in Spanien und wie man sie lesen sollte

Schilder weisen auf etwas hin: Entfernungen, Orte, Leistungen. Als Deutscher nimmt man alles für bare Münze. In Spanien ist das eher nur ein zarter Hinweis auf eine Möglichkeit. Konkret:

Spanisches Schild - Deutung


Man gewann einen tollen Blick auf die Steilküste, den man allerdings einfacher haben kann, wenn man der Piste oberhalb des Campingplatzes ein wenig (bis zu einem Aussichtsmast) folgt. - Nachts tat ich mich noch etwas schwer mit dem harten Lager. Ich passte der Länge nach gerade ins Zelt (obwohl ich nur 1,68 m groß bin). Mein Kopf ruhte auf dem Rucksack, die Schuhe standen in einer Plastiktüte regensicher vor dem Zelt; so kam auch kein Dreck rein. Unsere sonstigen Habseligkeiten hatten wir griffbereit rechts bzw. links von uns an der Zeltwand liegen, insbesondere die Regenhaube für die Zeltspitze.


23.07.2001, Montag: Zum Campingplatz von Mendexa (vor Lekeitio), 22 km (101 km)

Auch an diesem Tag kamen wir nicht ganz bis zu unserem geplanten Etappenziel, sondern nur bis zu dem entsprechenden Campingplatz kurz davor. Das hieß immer, den anderen Tag morgens erst einmal eine Stadt zu durchwandern.

Doch zunächst mussten wir eine weitere Feuertaufe durchstehen. Es fing so gut an: Das Zelt war sogar innen trocken, da wir bei frischem Wind vorne die Regenabdeckung offen gelassen und oben die Regenhaube nicht montiert hatten. Als ich deshalb frohgemut anfing, meine Sachen zu packen, und meine Frau vom Duschen noch nicht wieder zurück war, fing es an zu regnen. Regen am Morgen, wenn man frühstücken und packen muss, ist das letzte, das man sich wünscht. Ich unterdrückte die aufkommende Panik, packte, wie im Geiste schon geübt, die Rucksäcke nur provisorisch (in meinen musste ja noch das Zelt), Frühstückssachen obenauf. Dann schleppten meine Frau, die schon angerannt kam, und ich alles, wie für diesen Notfall vorgesehen, auf die Terrasse vor den Waschräumen. Dort wurde erst einmal in Ruhe gefrühstückt. (Die wenigen Campingfreunde, die bei diesem Wetter und so früh - gegen 8 Uhr - aus dem Zelt zum Waschen gingen, schauten ganz verblüfft.) Dann hieß es, ein klatschnasses Zelt einzupacken. Wir bekamen nur die Zeltbahnen in die Hülle, Stangen und Häringe mussten getrennt verpackt werden.

Von Itxaspe aus wollten wir nicht zum markierten Pilgerweg zurück, um nach Deba zu kommen. Der freundliche Leiter des Campingplatzes wehrte auch lebhaft ab, das brauche man auch nicht; und er beschrieb uns den Weg. Wir verstanden nicht alles, nur dass es einmal unvermutet vom Weg abging. Gegen 9:10 Uhr ging's bei Fisselregen los. Zuerst die beschriebene Betonpiste parallel zum Meer entlang nach Westen. Dann machte die Piste eine scharfe Linkskurve und senkte sich steil ins Tal. Unten waren Eisenbahnschienen, rechts eine Kläranlage, aber vor allem ein breiter Bach ohne Übergangsmöglichkeit. Also zurück wieder nach oben. Auf halbem Weg, noch vor der Kurve, entdeckt meine Frau einen Stein am Pistenrand, mit rot-weißem Wanderzeichen. Hier ging ein verborgener Pfad - die unvermutete Abzweigung - den bewaldeten Abhang entlang in Richtung Klärwerk, erreichte dieses nach kurzem steilen Abstieg und umging es rechts. Einen Moment verhielten wir vor dem gegenüberliegenden Hang, da hing schon ein hilfsbereiter Spanier in einem Fenster des Klärwerks und rief: Geradeaus hoch! Tatsächlich, auch hier ein steiler, verborgener Pfad, den zudem gerade ein älterer Mann herunterkam.


Malerische Gesteinsschichten an der Steilküste bei Deba Rechts fiel der Einschnitt ins Meer ab, rings blühten wunderschöne Blumen. Also den Pfad steil hoch bis zur N-634. Dort wies der Wanderweg nach links, wollte offenbar noch die Höhe ganz überwinden. Dazu hatten wir keine Lust, sondern wir folgten der N-634 um die Höhe herum nach Deba. Zu unserer Freude hatte der Fisselregen inzwischen aufgehört. Deba hat einen breiten Strand zwischen zwei Felsketten, aber zum Baden war es an diesem Morgen noch viel zu frisch. Surfer tollten in der hohen Brandung.

Hinter Deba folgten wir den gelben Pfeilen und dem Handbuch zunächst ohne Schwierigkeiten. Wieder ein landschaftlich sehr schöner Weg über die üblichen Höhen oberhalb der Landstraße. Aber ganz oben, wenn man aus dem Wald herausgekommen ist und eine kleine Asphaltstraße erreicht hat, muss man aufpassen. (Die Asphaltstraße führt wohl auch in die nächste Stadt Mutriku; man kann ihr wahrscheinlich einfacher weiter folgen.)

Laut Handbuch ging es vor dem Restaurant San Juan von der Straße ab nach rechts auf einen Bauernhof zu. An diesem geht es links vorbei, auch noch kein Problem. Dann kamen aber nach 150 m ein paar villenartige Häuser, eins davon links, und um alle herum tobten große Hunde, die uns nervös machten. Geradeaus folgte ein Neubau. Der Weg führt nach rechts weiter, genau in die falsche Richtung. Es gab keine Alternative nach links; die Beschreibung im Handbuch war nicht mehr nachzuvollziehen. (Ich vermute, dass hier die neue Bebauung einiges sehr verändert hat.) Auf gut Glück gingen wir rechts um den Neubau herum nach links, fanden einen Waldweg in die richtige Richtung nach unten, aber er endete in einer Wiese. Rechts unten am Ende der Wiese konnten wir den Zaun überklettern und eine kleine Asphaltstraße erreichen (gleich tobte der nächste Hund auf dem gegenüberliegenden Grundstück), die mit der, die wir oben verlassen hatten, wahrscheinlich identisch ist. Wir folgten ihr bergab bis zur Landstraße Deba-Mutriku; hinter der nächsten Kurve lag Mutriku vor uns. In Mutriku gibt es nur einen kleinen Strand mit einer großartigen Felsenlandschaft dahinter.

In Mutriku war gerade ein Volksfest auf dem Dorfplatz, wo wir an einem Brunnen auch die Feldflaschen wieder auffüllten. Dennoch trank ich außerdem noch schnell eine Cola. Auf diesem ersten Abschnitt des Camino del Norte habe ich unglaublich viel getrunken und oft unterwegs von einem kalten Erfrischungsgetränk geträumt. Eine Woche später ließ das nach, und ich hatte auch kaum mehr Appetit auf Automatengetränke. Merkwürdig, wie unmissverständlich der Körper das fordert, was er gerade dringend braucht.

In Mutriku verließen wir den von Michael Kasper beschriebenen Weg, der über die Berge ins Inland nach Guernica führt, und folgten weiter der Küste, wie wir uns das vorgenommen hatten, zunächst noch den markierten Jakobsweg entlang auf der Landstraße in Richtung Ondarroa. Da die Straße hier im Tal verläuft und gut ausgebaut ist, mit Randstreifen, konnten wir endlich einmal im von zu Hause gewohnten Tempo die Hufe schwingen und kamen sehr schnell vorwärts. Kurz vor Ondarroa kommt der Strand von Saturrarán. Bald sahen wir die entsprechende Abzweigung; viele, die offenbar gebadet hatten, kamen uns entgegen. Etwas später erreichten wir ein kleines Restaurant und beschlossen, zu Mittag zu essen. Hähnchen mit Salat, dazu ein "großes" Bier: da bringt der Mensch mir glatt einen Literkrug. ("Großes" Bier bedeutete in Spanien in der Regel eine Flasche mit 0,33 l. gegenüber einem Glas mit 0,2 l.) Wir verputzten alles vergnügt. Weniger als 2 km weiter der Strand von Saturrarán, mit bizarren Felsen, über die eine von der Sturmflut fast zerstörte Treppe zu einem noch einsameren Strand führt. Fast niemand da. Zwischen den Felsen machen einige FKK. Ein Spanier warnt uns vor der Flut: sie schneidet diesen Strand ab. Nun, wir gingen aus Zeitgründen (und weil es längst wieder bedeckt war) ohnehin gleich wieder. Nach einer kurzen Verschnaufpause erreichen wir über die Promenade auch Ondarroa. Hier schwenkt auch der markierte Jakobsweg ins Landesinnere auf Guernica zu.

Warum eigentlich? Warum nicht früher, wenn Kilometer gespart werden sollen? Ich weiß es nicht. Wir jedenfalls wollen möglichst nahe an der Küste entlang und in Bilbao, genauer in dem Ort Getxo von Norden her die Brücke über den Sund erreichen, und nicht von Süden, von Zentrum Bilbaos her. So ist unser heutiges Etappenziel die Hafenstadt Lekeitio. Die Unterkunft ist ungewiss, eine neue Herausforderung. Einen Campingplatz gibt es bloß in Mendexa, einem Ort, der aber in den Bergen, 3 km von Lekeitio zurück, liegt. Eigentlich zu weit. Ich hoffe aber darauf, dass es vorher eine abkürzende Querverbindung gibt, die auf meinen Karten nicht verzeichnet ist.

Es ist 15:30 Uhr, als wir hinter Ondorroa die Landstraße nach Lekeitio erreichen. Sie geht hoch über dem Meer als Bergstraße die Küste entlang, mehr befahren, als uns lieb ist. Die Hauptverbindung ist allerdings inzwischen nach Guernica abgezweigt, weil ein sehr großer Meereseinschnitt, der ursprünglich bis Guernica reichte, noch heute von keiner Brücke überquert wird. So werden auch wir unweigerlich, der Küste und dann dem Meeresarm landeinwärts folgend, im Bogen nach Guernica kommen.

Die Straße nach Lekeitio zieht sich durch dichte Bewaldung hin. Wir achten auf den Verkehr. Hin und wieder tut sich ein Blick auf das Meer weit unter uns auf. Manchmal begegnen wir Radfahrern, gelegentlich sogar Fußgängern. Wo kommen die nur her (ohne Gepäck)? Es gibt einzelne Häuser versteckt am Steilhang. Wir sehen Fahrspuren, die steil hinunterführen.

Links einer der seltenen Brunnen, aber das Wasser braun von Eisen. Ein Sträßchen führt nach Mendexa hoch. Habe ich mir es doch gedacht! Sollen wir ihm blind folgen? Wir beratschlagen. Meine Frau weist darauf hin, dass es keinen Hinweis auf einem Campingplatz gibt. Wie gewöhnlich, kann ein Schild nach Mendexa auch bedeuten: zu einem der weit gestreuten Ortsteile, irgendwo auf Gemeindegebiet, aber nicht zum Ortszentrum. Ich schließe mich den weisen Ausführungen meiner Frau an. Wir marschieren weiter. Viel später: Noch ein Abzweig nach Mendexa, aber ein Schild mit einem Hinweis auf einen Campingplatz zeigt geradeaus. Sollte es etwa einen weiteren, ganz neuen Campingplatz in Richtung Lekeitio geben, gar an der Straße? Wir wagen es nicht zu glauben. 3 km weiter wird es Wirklichkeit.


Camping Endai, relativ kleiner Platz, ebenfalls auf dem Gebiet der Streusiedlung Mendexa (aber eben nicht deren Zentrum). Preis: 490 P. pro Person + 505 P. für das Zelt, inklusive IVA.


Sehr billig. Dabei reichen die vorhandenen Einrichtungen durchaus. Es gibt aber sonst keine Attraktivität wie "naher Strand" o.ä., einzig Lekeitio zum Angeln, 2,5 km entfernt. - (Den auf meiner Karte verzeichneten Campingplatz von Mendexa gibt es außerdem; wir sahen anderntags am Ortseingang von Lekeitio dahin ein Schild spitzwinklig zurückweisen.)

Die Familie, die den Campingplatz betreibt, bietet im Haupthaus auch Zimmer an. Auch gibt es eine Bar und einen Kramladen, allerdings keine Mahlzeiten. - Eine alte Frau, wohl die Oma der Familie, sitzt vor dem Haupthaus und fragt, ob wir Pilger sind. Ab und zu wird man doch erkannt, auch abseits der eigentlichen Route. Das Wetter ist bedeckt, die Bergspitzen im Inland sind wie gewohnt in Wolken gehüllt, aber es ist ausreichend warm, und es regnet nicht. Zelt und Wäsche trocknen bei der feuchtheißen Luft nicht besonders gut. Es müsste mehr Wind sein. Wir ruhen uns aus, essen Früchte und Brot, trinken Milch (wegen des guten Mittagessens reicht das) und gehen bald schlafen.


24.07.2001, Dienstag: Nach Guernica, 25 km (126 km)

Leidlich geschlafen. 7 Uhr auf, 8:50 Uhr los. Das Zelteinpacken braucht einfach seine Zeit, zumal wenn, wie auch an diesem Morgen, das Zelt innen und unten noch feucht ist. Zuerst bis zur Hafenstadt Lekeitio mit zwei langen Stränden. Die landschaftliche Kulisse wird durch eine große Insel bereichert. Kurz die Kirche besucht (Morgengebet) und sich den üblichen café con leche genehmigt. Wir sind nun ganz auf unsere Landkarten und damit auf die großen Verbindungsstraßen angewiesen. Es gibt nur eine, die oben durch Berge, im Bogen in etwa der Küste folgend, den Meeresarm erreicht und sich von ihm südwärts auf Guernica, unser Tagesziel, hin ablenken lässt.

Ich muss Einheimische fragen, welche Ausfallstraße die richtige ist. Zwar sind alle Straßen nummeriert, aber die Karten und Kilometersteine geben veraltete Bezeichnungen wieder, Wegweiser, Schilder und das Handbuch die neuen. Das war oft ein Problem. Aus Lekeitio heraus führt die Straße in einem riesigen Bogen in die Berge hinauf. Sicher gab es Feldwege und Pisten, die hier einiges an Strecke gespart hätten. Dann folgen monotone Wälder, meist Eukalyptus. Rechts eine Abzweigung: Hier ginge es noch näher an der Küste entlang. Ich bin schon so fertig, relativ früh am Tag (11 Uhr), dass ich abwinke. Kräfte sparen, wo es geht. Schon sehr hoch, suche ich nach einem Rastplatz. Ich brauche dringend eine längere Pause. Alles ist der reinste Urwald. Bei diesem Wetter, Wolken, aber schwülwarm, wächst alles Grün im Rekordtempo. Endlich ein Waldweg links. Wir breiten - außer Sicht der Straße - darauf einfach unsere Isomatten aus. Bumms, bin ich eingeschlafen. Gut eine halbe Stunde später rappele ich mich wieder auf. Das hat gut getan, ich fühle mich wie neugeboren.

Weiter geht es durch die Berge. Der Wald lichtet sich. Streusiedlungen und Wiesen. Im Hintergrund links höhere Berge, aber die Spitzen immer in Regenwolken. Man könnte auch im Schwarzwald sein. Ein Bäckerwagen fährt rum, legt das Stangenbrot in offene Behälter, die wie Briefkästen aussehen, aber das Brot ist ohne jede Umhüllung, nicht einmal in Papier. (Und das vor den Augen hungriger Pilger!) Wir staunen ob der unhygienischen Verhältnisse. In den Kästen sitzt sicher Ungeziefer, modern Brotkrümel der Vorwoche. Man muss auch davon ausgehen, dass Vögel und anderes hungrige Getier (Pilger!) schon mal dran knabbern. Igittigitt! In anderen Landesteilen Spaniens habe ich so etwas nicht gesehen.

Eine Kapelle Santa Cruz ist auf meiner Karte eingezeichnet. Eine unkenntliche Ruine! Rechts geht es unglaublich steil in ein enges Tal hinunter. Die Straße senkt sich nun auch endlich. Urplötzlich taucht eine Bar auf. Es ist ein ausgebautes Bauernhaus, mit Gästezimmern, die Bar ein Kiosk mit Bänken draußen. Man fragt uns Pilger aus, ist freundlich interessiert. - Ich ziehe Tagesbilanz: wir haben angeblich erst ganze 11 km ab Lekeitio geschafft, die Hälfte der Entfernung bis Guernica. Das kann doch nicht wahr sein. Ich fühle mich, als ob ich mindestens schon das Doppelte gelaufen sei. Es hilft nichts, weiter! Endlich die Abzweigung einer Abkürzung nach links, in Serpentinen in das breite Tal des ehemaligen Meereseinschnitts (er heißt Ria de Mundaka) hinab. Überall stehen stolz Tafeln herum, die die ganze Gegend als Naturschutzgebiet ausweisen. Der Fluss, der sich durch den Meereseinschnitt zieht, bietet durch Sandbänke und Überschwemmungsgebiete vielen Tieren eine Rückzugsmöglichkeit. Einen Tag später sehen wir vom gegenüberliegenden Ufer, welche tollen Strände sich im Nordosten, also von Lekeitio her, befinden.

Tipp: Man sollte doch unbedingt dem Sträßchen folgen, das etwa 2 km hinter Lekeitio rechts nach Ispaster abzweigt, weiter den folgenden Sträßchen nach Bedaro, Ea, Natxitua, Ibarrangelua (Elantxobe rechts lassen); von dort kurz in Richtung Akorda, aber dann rechts abzweigend in einem riesigen Bogen direkt an der Küste entlang Richtung Arteaga. Im äußersten Nordosten des Meeresarmes gibt es bei Ebbe traumhafte Sandstrände und -bänke, die nicht nur Kilometer lang, sondern auch viele hundert Meter breit sind. Es gibt dort auch Hotels, wie wir von ferne gesehen haben. Insgesamt macht man einen Umweg von etwa 6-8 Kilometern, so dass die Etappe Lekeitio-Guernica endgültig zu lang wird, zumal, wenn man noch etwas vom Strand haben will. Also mehr Tage einplanen.

Die Abkürzung nach Arteaga war anstrengend, weil hier die Autos ausnahmsweise wenig rücksichtsvoll fuhren. Auch die Strecke Arteaga-Guernica enttäuschte: Schnurgerade, aber keinerlei Seitenstreifen, nicht einmal in den Bebauungsbereichen. Einzig der Dorfplatz in Arteaga (mit Brunnen) ließ uns wieder zu Kräften kommen. Rechts der Straße war ein alter Festungsturm eingezeichnet. Wir sahen ihn von fern, aber er war eingerüstet. Wir verzichteten auf den Abstecher.

Endlich Guernica. Zum Touristenbüro folge man nicht den Schildern (die für Autofahrer gedacht sind), sondern gehe geradeaus auf der San Juan Kalea, bis man die querende Hauptstraße Artekale erreicht. Dann folgt das Touristenbüro links. - Ausnahmsweise hatte die Dame hier die Freundlichkeit, für uns bei einem Hostal um die Ecke anzurufen und uns dort für 5.500 P. (+ 7% IVA allerdings) unterzubringen. Etagenbad. Zentral gelegen. Wir waren zufrieden. - Da sie so freundlich ist, mache ich ihr noch mehr Arbeit und bitte sie, uns schon ein Quartier für morgen in Bakio (hinter Bermeo) zu besorgen. So hoffe ich, aus einer kurzen und einer überlangen Etappe zwei normale machen zu können. Es klappt nicht; alle bekannten Quartiere für morgen schon ausgebucht. Pech!

Im Quartier packen wir das Zelt aus, das immer noch nicht ganz trocken ist, schieben die Betten auseinander und breiten es darauf zum Trocknen aus. Auch die Wäsche muss nachgetrocknet werden. Der mitgenommene kleine Föhn war auf der ganzen Pilgerfahrt im Einsatz.


Wegen der Zeitersparnis beim Suchen einer Unterkunft können wir noch die Stadt besichtigen. Die Museen sind zwar schon geschlossen, aber ein freundlicher Parkwärter lässt uns noch die letzten Minuten in den Park mit der "Versammlungseiche". Guernica gefällt uns. Auf dem Fluss hängt ein älterer Mann mit seinem Boot fest. Die Motorschraube hat sich in den vielen Leinen und Schnüren, die kreuz und quer im Fluss liegen, verheddert. Auf der Brücke und am Ufer geben zahlreiche Schaulustige (mit einem Quäntchen Schadenfreude) "hilfreiche" Kommentare. Szenen aus Spanien... Ein touristisches "Muss": Die Versammlungeiche, Nationalreliquie der Basken.

Abends hatten wir Schwierigkeiten mit dem Abendessen. Man starrte mich ungläubig an, als ich um 20 Uhr in zwei Restaurants danach fragte. Viel zu früh! Die Rettung war eine Pizzeria. Dazu zwei Tipps: 1) Gemeinsam nur 1 Pizza bestellen, es waren Riesendinger, von denen ich nicht glaubte, dass wir sie schaffen würden. Wir schafften beide. :-) 2) Ich fasste mich an den Kopf, als der Junge, der uns bediente (sein größerer Bruder machte die Pizzas), das Essbesteck vergaß. Ich machte etwas spöttisch Schaufelbewegungen mit den Händen. Die Pantomime kam nicht an. Bierernst bekamen wir unser Besteck. Etwas später bemerkte ich, dass zwei Mädchen am Nebentisch die gleichen Probleme hatten. Beim Anblick der Rechnung fiel der Groschen: das Besteck war extra mit 150 P. pro Person berechnet. Sie lieferten die Pizza, sauber in große Stücke zerschnitten, immer ohne Besteck. Man sollte tatsächlich mit den Fingern essen. Wer's vornehmer wollte und Besteck anforderte, zahlte zu. Oh, diese kleinen Gaunereien mit Aufpreisen! Da hatte ich wieder etwas gelernt. Tipp: Zum Besuch einer Pizzeria unbedingt das Campingbesteck mitnehmen ;-)


25.07.2001, Mittwoch: Nach Bermeo, 14 km (140 km)

In Guernica haben wir den Jakobsweg und die von Michael Kasper geschilderte Strecke wieder erreicht. Wir verlassen sie aber sofort wieder: beide winden sich im Inland auf den Süden von Bilbao zu, während wir weiter die Küste entlang von Norden kommen wollen. Im Zentrum meiner Sehnsüchte liegt San Juan de Gaztelugatxe, eine Kapelle auf einer vorgelagerten Insel im Meer. Ich hatte sie auf Bildern bewundert, und wir glaubten sogar, sie vom Flugzeug aus gesehen zu haben. (Das entsprechende Dia beweist inzwischen: es stimmte, wenn auch keine Einzelheiten auszumachen waren bzw. sind.) Auf dieses Pilgerziel wollte ich nicht verzichten, koste es, was es wolle.

Doch zunächst war noch Bermeo anzusteuern. In Guernica hatten wir gut geruht, gut und lange geschlafen. Schließlich wartete nur eine Kurzetappe auf uns, da es ja mit einer Unterkunft hinter Bermeo nicht geklappt hatte. Erst kurz vor 10 Uhr los. Die Straße am linken Ufer der Ria de Mundaka - jetzt wieder stramm nach Norden - ist ungleich besser als ihr Gegenstück, das wir gestern am andern Ufer entlang nach Süden gewandert sind: durchgehend ein plattierter Bürgersteig, auch zwischen den Dörfern. Einmal am Wege sogar ein schöner Brunnen.

In einem der Orte knallen Böller. Wieder ein Fest. Von weitem sehen wir Mädchen in Tracht. Es scheint heute ein Feiertag zu sein, aber welcher? Oh, es ist sogar Jakobstag, aber die Menschen scheinen das Fest eines anderen Lokalheiligen zu begehen. Später rechts vom Weg eine Kirche, einige Autos steuern dorthin. Wird dort St. Jakob gefeiert? Wir gehen zur Kirchentür. Männer gehen an uns vorbei, sehen uns, laden uns Jakobspilger (als die wir doch klar erkennbar sind) aber nicht mit Handbewegungen freudig ein, am Gottesdienst teilzunehmen. Wir wollen nicht stören und gehen also weiter. Die Sonne kommt raus. Es wird sehr heiß.


Der gepflasterte Bürgersteig endet in Sukarrieta. In diesem Ort gehen uns die Augen über. In der Ria ist Ebbe. Weite, endlose Sandbänke hat das Wasser freigegeben. Eine baumbestandene Insel dazwischen (Schatten!), Ufer mit üppiger Vegetation. In Scharen laufen Sonnen- und Wasserhungrige über eine weiße Brücke in dieses Paradies. Uff, da wird es schwer zu entscheiden, was wir machen. Meine Frau möchte so gern ins Wasser. Ich ja auch, aber: Unsere Unterkunft ist nicht klar, die nächste Etappe auch nicht (Ich will doch nicht mein San Juan de Gaztelugatxe gefährden!). Wir brauchen auch dringend Lebensmittel, und da Feiertag zu sein scheint, kann das schwierig werden. Ich verspreche meiner Frau noch heute ein Stranderlebnis. Sie lenkt ein, und wir gehen weiter.
Der Flusseinschnitt Ria de Mundaka

Hinter Sukarrieta (ich merke mir für alle Fälle den Namen einer Bushaltestelle) kommt noch ein Stück enge Straße und dann - ein Campingplatz (der schon zu Mundaka gehört).


Camping Portuondo, E-48360 Mundaka, Tel. 0034 946 877 701
Netzpostadresse: recepcion@campingportuondo.com, Netzseite: http://www.campingportuondo.com
Preis: 678 P. pro Person und Zelt + IVA extra: 2.176 P. Nicht besonders billig, aber mit erstklassigen Einrichtungen. Der beste Campingplatz unserer Pilgerfahrt. Einkaufen konnte man in einem Gebäude mit Automaten; damit war eine Sorge erledigt.


Es ist gegen 14 Uhr, und schon hängt eine Tafel aus: voll für Campingwagen. In der Anmeldung höre ich: Auch keine großen Zelte mehr. Wir beraten uns. Lieber doch gleich hier buchen. Wegen des Feiertags wimmelt es ja in der ganzen Gegend von Touristen und Badelustigen. Also: "Zwei deutsche Pilger mit ganz kleinem Zelt..." Man schmunzelt, nimmt uns an und weist uns einen nicht so tollen Platz (steinig, kein Schatten) auf einer der Campingplatzterrassen zu. Nebenan bauen gerade zwei Mädchen ab. Wir übernehmen ihre Stelle, die etwas besser ist. Kaum steht das Zelt, machen wir uns wieder auf den Weg, nach Bermeo. Wir durchqueren Mundaka auf der Fernstraße und merken uns den Stadtstrand. Dann erreichen wir die Hafenstadt Bermeo.

Bermeo ist gar nicht so klein, wie ich erwartet hatte. Das Touristenbüro ist sogar besetzt. Die Dame ist freundlich und hilfsbereit, hat auch nichts zu tun und telefoniert deshalb bereitwillig für uns rum. Es geht um mögliche Busverbindungen. Von Bakio nach Górliz, dem nächstgelegenen Campingplatz, fährt jedenfalls nichts. Das generelle Problem ist: Wie können wir eine Mammutetappe dahin von gut 30 km durch die Berge schaffen und San Juan de Gaztelugatxe besichtigen? Inzwischen hatte das vergleichende Studium aller Unterlagen nämlich ergeben: Natürlich verläuft die Fernstraße an San Juan vorbei oben auf halber Höhe des Bergmassivs. Das hieß: Einen Abstecher von dieser Höhe hinunter ans Meer, dann die Verbindung zur Insel hinüber und zum Schluss gut 200 Stufen steil zur Kapelle hinauf (und natürlich das Ganze nochmal zurück). Das alles war an einem Tag kräftemäßig nach unseren bisherigen Erfahrungen nicht zu schaffen. Meine Frau atmete erleichtert auf, als ich das im Park von Bermeo, wohin wir uns zur Beratung zurückgezogen hatten, ehrlich feststellte. Also lautete die Alternative: Entweder auf San Juan verzichten oder ein Stück mit dem Bus. Ersteres wollte ich bekanntlich nicht, "koste es, was es wolle". Es kostete eine Verletzung unseres eisernen Festhaltens an der Pilgergepflogenheit, wirklich alles zu Fuß zu gehen. Wir beschlossen daher einvernehmlich: Wir fahren von Bermeo aus mit dem Bus bis zur Haltestelle "San Juan". Wenn man rechnen will, kann man den Abstecher zur Kapelle entfernungs- und kräftemäßig mit der Busstrecke gleichsetzen. Aber was soll's!

Laut unserer Pilgerstreckenbuchführung hatten wir Bermeo pilgernd (zu Fuß) erreicht, obwohl wir auf dem Campingplatz vor Mundaka übernachteten. Nach Mundaka zurück fuhren wir mit dem Zug (130 P.). So hatten wir noch Zeit, nach Bermeo uns auch noch Mundaka anzusehen.

Mundaka ist hässlich, wenn man es nur von der Umgehungsstraße oder von der parallelen Hauptstraße kennenlernt: mehrstöckige, geschwärzte Häuser, ohne ein Fleckchen Grün. Man wandere aber am Ria-Ufer entlang: da jagt ein herrlicher Blick den andern. Eine Kapelle mit Mauerruinen, eine Kirche, ein Hafen, von dessen Kaimauern Kinder und Jugendliche ins Wasser sprangen. Dazwischen tuckerten vorsichtig Boote, wäre in Deutschland verboten. Freizeitangler lieferten stolz riesige Fische bei einer Waage (und Einkauf?) ab. Am Ende, in Richtung Campingplatz, der aber noch gut 1 km entfernt ist, der Stadtstrand; inzwischen sehr breit, da Ebbe gewesen war. Die Flut rückte aber schnell nach. So konnte ich aber mein Versprechen einlösen, meiner Frau noch ein Stranderlebnis zu bieten, was sie auch weidlich auskostete. (Mich zog es nicht ins Wasser.) Die Flut gab mir Gelegenheit zu einigen amüsanten Beobachtungen: Einmal retteten die Strandnachbarn die Kleidung zweier Badenden, kurz bevor die Sachen im Wasser verschwunden wären. Dann umspülte die Flut schon die Sonnencremeflasche eines eng umschlungenen Liebespaares, das buchstäblich in letzter Minute - natürlich etwas "derangiert" - aus der einhüllenden Decke hochschreckte. Der Strand gefiel mir: es gab keinen Lärm und ging sehr familiär zu. Erst spät brachen wir zum Campingplatz auf.

Hier gab es ein kleines Restaurant, oben neben der Straße ein weiteres großes Schnellrestaurant. Da ersteres keine Angebote aushängen hatte (ein häufiger taktischer Fehler spanischer Restaurants), gingen wir in das Schnellrestaurant. Hier schufteten einige junge Leute, denn es war sehr viel los. Wir nahmen das Standardgericht: Hähnchen mit Pommes und Salat, dazu eine Flasche Wein, zus. 1.950 P., also für zwei Personen. Satt und vom Wein etwas angeheitert kehrten wir dann zu unserem Minizelt zurück. Es fing schon an zu dunkeln.

Der Abend schloss wieder mit einer Szene, die absolut loriotreif war, einschließlich der Dialoge. Eine deutsche Familie mit zwei kleinen Jungs packte neben uns in einer Lücke zwischen kleinen Zelten etwas aus, das mir wie eine Umhüllung des Kölner Doms vorkam: riesige Zeltbahnen, daumendicke Stangen, es nahm kein Ende. Die Familie war aus blanker Not hier untergekommen. Jeder sah eigentlich, dass unsere Kleinzelte-Terrasse keinen Platz für dieses Monstrum bot. Zudem bauten sie ihr Zelt offensichtlich zum ersten Mal auf.

Hier eine Kostprobe der Dialoge:
Vater: Hast du eine Ahnung, was die braunen Stangen sollen?
1. Sohn: Hier sind auch noch gelbe.
2. Sohn: Wir sollten aber doch drinnen ein Zelt für uns haben.
Mutter: Also, die Kinder müssen jetzt wirklich ins Bett.
(Ein junger Spanier klettert über die ausgepackten Berge und stolpert)
Mutter: Sorry, tomorrow we'll change. (Sie meint: Morgen bringen wir das alles hier in Ordnung.)
Spanier (ruft seinen Kameraden halblaut die Übersetzung zu): Morgen werden sie sich verwandeln.
(mehrstimmiges Gekicher, einschließlich meines)

Eins muss man der Familie lassen: Niemand von ihnen rastete aus (was mir totensicher passiert wäre) und schimpfte los; die Jungs quengelten nicht, sondern fanden alles spannend. (Wir auch.) Am Ende stand das Zelt diagonal (für längs reichte der Platz einfach nicht) und versperrte die ganze Terrasse, mit krumm gebogenen Stangen, damit die noch Grund hatten. Wer von uns übrigen nachts zur Toilette musste, kroch irgendwie hinter dem Zelt her und fiel über Absperrleinen. Die Innenzelte waren wohl nicht montiert. Alle schliefen offenbar nebeneinander auf dem Boden, ein Fuß guckte unter der Außenhülle her. Ich habe selten so gelacht. Ausgerechnet dieses Monstrum musste neben unserem Minizelt stehen. Sicher haben viele an diesem Anblick ihren Spaß gehabt. - Die Nacht war bemerkenswert ruhig.


26.07.2001, Donnerstag: Nach Górliz, 28 km (168 km)

6:30 Uhr schmeißt uns unser kleiner Reisewecker raus. Wir wollen mit dem Bus nach Bermeo, das wir pilgermäßig ja schon erreicht haben. Wir frühstücken in einer der vorbildlichen Einrichtungen dieses Campingplatzes: ein großer überdachter hölzerner Pavillon mit mehreren Tischen und Bänken. (Bei Regen wäre das auch ein erstklassiger Zufluchtsort geworden.) - Frühzeitig sind wir an der Bushaltestelle, deren Position wir auch nur unklar in Erinnerung hatten. Da kommt der Bus doch glatt 10 Minuten zu früh und fährt auch gleich weiter, als wir eingestiegen sind. Wenige Minuten später hätten wir ihn verpasst, und unser ganzer Tagesplan wäre undurchführbar gewesen. (Die Abfahrtszeiten waren am Campingplatz angegeben.) - In Bermeo steigen wir in den Bus nach Bakio um. Die Fahrpläne haben wir aus dem Touristenbüro. Der Bus windet sich eine sehr schmale Straße das Gebirge hinauf. Uff, das wäre anstrengend gewesen. Auf der Straße sind einzelne Radfahrer und Fußgänger unterwegs. Der Fahrer scheint es gewohnt zu sein, steuert gleichmütig um sie herum. Dann kommt unsere Haltestelle. Unsere Rucksäcke werden immer unten im Bus in Gepäckräumen verstaut. Das bin ich schon aus früheren Jahren gewohnt. Zur Vorsicht sage ich immer noch beim Aussteigen, dass wir noch an unser Gepäck müssen; nicht, dass ein Fahrer gleich losbraust.

Da liegt es unten vor mir, eines meiner ersehnten Pilgerziele: die Kapelle San Juan de Gaztelugatxe. Der Tag ist trüb, die Bergspitzen hinter uns liegen wie immer in den Wolken, vom Meer steigt Dunst auf. Der Himmel ist bedeckt, aber kein Regen. Also nicht die beste Sicht (meine Frau hält sich mit einem Foto noch zurück), aber gutes Wanderwetter. Der Abstieg auf einer Asphaltstraße ist steil, am Ende sehr steil. Wir wagen es nicht, das Gepäck oben an der Straße zurückzulassen. (Man hätte es evtl. im Gebüsch verstecken können.) Auf halbem Weg ein erfrischender Brunnen.


Dann stehen wir vor der Brücke. Einige Felszacken führen noch zur Insel. Sie sind durch Mauerwerk verbunden worden. Oben drauf wurde ein winkliger Übergang mit hohen Seitenmauern errichtet. Rechts liegt eine Nachbarinsel. Beide Eilande haben malerische Durchbrüche. Doch vor uns schwingt sich eine Treppe, unterbrochen von stufenlosen Abschnitten, steil nach oben. Alle 50 Stufen wird angegeben, wie viele man schon bewältigt hat. Ich laufe sehr langsam, stütze mich schwer auf den Wanderstab. Endlich oben.

Wie vermutet ist die Kapelle geschlossen. Ein Guckloch ermöglicht einen Durchblick ins Innere.

San Juan de Gaztelugatxe

Unten fahren mehrere Autos vor. Schade, bis jetzt waren wir allein. - Auf dem Plateau gibt es noch einen großen, zur Kapelle hin (seitlich zum Meer) offenen, gemauerten Schutzraum, sogar mit Fenstern. Steinerne Tische und Bänke. Spuren zeigen, dass hier auch Leute schon übernachtet haben. Sicher, man muss Lebensmittel mitbringen; frisches Wasser gibt's ja unten. Es wird kalt sein, aber romantisch. Abfallkörbe sind auch da. Bleibt ein Problem: Toiletten. Diskret schaue ich in die Ecken, nichts Verdächtiges. Meine Frau ruft mich nach draußen: Da ist sogar ein Abtritt, zum Meer hin, in der Form wie die Pechnase einer Burg - und benutzt! Wasser zum Nachspülen sollte man lieber auch einsetzen; so ist der Anblick nichts für Zartbesaitete.

Wir bleiben eine Weile und schauen uns alles gründlich an. Nicht weit weg liegt Bakio, unser nächstes Zwischenziel. Man kann sogar den Strand ausmachen. Natürlich spreche ich ein Morgengebet, bevor die ersten Touristen bei uns oben angelangt sind. - Auch der Weg nach unten ist anstrengend, noch anstrengender die Straße zurück nach oben. Kommt denn der Brunnen niemals? Der war doch so nah. Ein alter Mann schlurft vor uns ganz langsam her. Er muss hier irgendwo wohnen. Wir überholen ihn zwei Mal. Dann zieht er wieder ganz ruhig an uns vorbei, während wir uns ausjapsen. Rechts ahnt man eine Abkürzung, an drei Höfen vorbei zur Fernstraße hoch. Ist mir ohne Karte und Hinweise zu unsicher. Außerdem: wie steil muss dieser Pfad sein, wenn wir schon diese Asphaltstraße kaum schaffen? - Wie weit es von der Fernstraße wirklich bis unten ist, wage ich nur zu schätzen. Ich dachte, mindestens 2 km, meine Frau meint, weniger. Ich weiß es nicht. Oben angelangt, war ich jedenfalls so fertig wie sonst nach einer Tagesetappe im Flachland.

Hat sich dieses Pilgerziel also für mich "gelohnt"? - O ja! Ich halte San Juan weiterhin für die größte Sehenswürdigkeit im Baskenland, und das in mehrerer Hinsicht, auch aus der Sicht des "echten" Pilgers. Alle Beschwerlichkeiten, die ich hier schildere (und das gilt für den gesamten Bericht) sollen ja keine "Beschwerden" sein, sondern nachfolgenden Interessenten ein zutreffendes Bild vermitteln, auf was sie sich körperlich und nervlich einstellen müssen. Dabei kommen die erlebten Freuden oft zu kurz, während die Schilderung von Problemen breiten Raum einnimmt. Dieses sollte man sich immer bei meinen Zeilen vor Augen halten. Ich bereue nichts an dieser Pilgerfahrt, bei der es aber durchaus eine Grenze gab, ab der ich aufgegeben hätte, und das haben wir uns auch einige Male gesagt. Etwa: das Zelt zerrissen oder tagelang heftiger Regen, entzündete Blasen, ernsthafte Krankheit, Unfall, usw. Dann hätten wir das Handtuch geworfen. Dass es nicht dazu kam (obwohl es in der 3. Woche fast soweit war, s.u.) und dass wir sogar Oviedo erreicht haben, erfüllt mich mit Dankbarkeit zu Gott, dessen führende Hand ich in vielen Kleinigkeiten deutlich gespürt habe (Stichwort: "Glück im Unglück").

Wieder oben auf der Fernstraße erblicken wir nur wenige hundert Meter hinter der Bushaltestelle - ein Hostal! Gaztelu Begi, eine Pension mit 2 Sternen. Es steht nicht in meiner Panoramakarte, die ich noch vom Vorjahr habe. Der Wirt zuckt mit den Schultern, interessiert ihn nicht. Wir trinken den unvermeidlichen café con leche und genießen den Blick zurück nach San Juan, das noch zum Greifen nahe daliegt. Einige Kilometer weiter einige Häuser und die vorbildlich renovierte Kirche San Pelayo. Brunnen. Wieder ein breites Vordach rings herum. Ich umrunde die Kirche. Oha, Müll, hier haben welche pausiert oder gar übernachtet. Der Verdacht wird zur Gewissheit, als ich in einer Nische Plastiksäcke und sogar Kleidungsstücke auf dem Boden entdecke. Pilger? Andere Rucksackreisende? Oder gar Landstreicher? Es bleibt offen.

Dann kommen wir nach Bakio. Wir gönnen dem Strand keinen Blick, eilen weiter, denn wir haben noch viel Weg vor uns. Zur Stadt hinaus 2 km in Richtung Hinterland, dann eine abzweigende Straße nach rechts in einer riesigen Kurve hoch. Von einem Bauernhof rennt mir ein kläffender Köter bis auf die Landstraße nach und kommt uns hinterher. Das ist neu. Ich drohe ihm mit dem Stock. - Dann nur noch wenige Häuser, Wald nimmt uns auf. Alles nur langweiliger Eukalyptus. Es geht weiter hoch, wir erreichen einen ausgebauten Aussichtspunkt (Mirador): Direkt vor uns liegt unten Bakio, zum Greifen nahe, und in der Ferne: "Mensch, immer noch San Juan de Gaztelugatxe!" Eine breite Piste kommt von rechts hoch. Sie gehört zu einer markierten Fahrradrundstrecke, wie wir sie schon hinter Lekeitio gesehen haben. Uns ist klar, dass hier eine steile Abkürzung von Bakio hochkommt, die uns wohl einige Kilometer erspart hätte. Wieder schimpfe ich über den Mangel an Wanderkarten.

Endlos geht es weiter, die Straße durch Eukalyptuswald entlang. Nach meinen Berechnungen kann Armintza, unser nächstes Teilziel, schon am Rande des Meeresarmes von Bilbao, nicht mehr weit sein, allenfalls 4 km. Da, Wegweiser: Armintza 7 km vor uns, Bakio 10 km hinter uns. Moment mal, Moment mal. Die Teilstrecke soll doch nur 15 km lang sein, nicht 17 km. Ich blättere in meinen Karten. Die vom Baskenland gibt gar keine Entfernungen an. Die HB-Karte hat irgendetwas von 10 km von Bakio nach Armintza (das 5 km vor Górliz liegt) da stehen, das kann sowieso nicht stimmen. Die Michelin-Karte sagt: 34 km von Bermeo nach Plentzia (2 km hinter Górliz) an, also 32 km bis Górliz. Auch das sind offensichtlich (mindestens) 2 km zu wenig. Spätestens hier lobe ich mich selbst, diese Mammutetappe nicht stur (samt San Juan) ganz zu Fuß angegangen zu sein. Der weitere Weg unterstrich dieses Lob eindrucksvoll.

Wir latschen ergeben weiter. Da geht die Straße runter auf Meeresniveau. Vor uns ein Wasserarm und oben Häuser: Armintza! Erleichtert machen wir im Straßengraben Pause.

Nichts entnervt mehr, als sich zu früh gefreut zu haben. Die nächsten Kilometer machen uns nervlich fertig. Der "Meeresarm" entpuppt sich als ein Stausee mit Naturidylle. Die Straße windet sich weit um ihn herum und geht, immer breiter werdend, steil unter den gesichteten Häusern hoch. Jeden Moment muss doch das Ortsschild von Armintza kommen. Oben schauen wir verblüfft: weit und breit keine Ortschaft (nur die paar Häuser oben). Statt dessen ein riesiges Elektrizitätswerk. Wohin man schaut, bis zur letzten Klippe: Zäune und Stacheldraht. "Wie bei einer militärischen Einrichtung" murmele ich. Wo sind wir hier gelandet? Unsere Straße wird noch breiter, mit beschädigten Fahrspuren. Zuweilen kommt ein Auto und kurvt im Zickzack um Löcher herum. Rechts und links in den Büschen Rechtecke überwucherter Fundamente, wohl von Bauarbeiterbaracken. "Na, die haben hier aber gewühlt." sage ich. Geradeaus ist der nächste Höhenzug. Die Straße hat weitere Riesenserpentinen, als hätte man hier ein Stück Autobahn auf Halde gelegt. Das eingezäunte eigentliche Industriegelände liegt ebenfalls fast verlassen. Zwei Arbeiter springen bei unserem Kommen hinter den Drahtverhauen auf und schützen emsige Tätigkeit vor. Endlich eine Art Hochfläche, die Industrie hinter uns. Wir sind schon wieder mindestens 2 km gelaufen, aber von diesem verd... Armintza ist immer noch nichts zu sehen. Mit einem Mal durchfährt es mich, ich hole nochmal die Baskenlandkarte heraus und lese, noch ein Stück vor Armintza: Central Nuclear de Limoníz. Wir sind an einem (verlassenen?) Atomkraftwerk vorbeispaziert! Wirklich, sehr eindrucksvoll dieser Gegensatz von (fast) unberührter Natur und albtraumhafter Industriewüste. - Dieser Tag hatte seine Lehren für uns. Nachdenklich und müde stapfen wir weiter.

Es ist nicht mehr weit bis Armintza. Wir kommen an einem Strand vorbei. Kein Sand, nur zerklüftetes Gestein, in dem Leute nach irgendwelchen Tieren (Muscheln? Krebse?) suchen, da Ebbe ist. Den nächsten café con leche. Nebenan am Tisch sitzt ein fein gekleidetes Touristenehepaar und weiß nicht, ob es uns bemitleiden oder verachten soll. Die Gefühle sind deutlich den Gesichtern abzulesen. Ich grüße ganz höflich beim Weggehen. Sie grüßen etwas irritiert zurück.

Bis hier konnte ich schwören, dass die auf den Karten und Wegweisern angegebenen Entfernungen nicht stimmten. Jetzt sollten es noch 5 km bis Górliz, unserem Etappenziel, sein, und die waren es auch exakt. Ich finde das jetzt beim Schreiben noch merkwürdig. Auch die Michelin-Karte gibt mindestens 2 km zu wenig an. Für Bermeo-Górliz muss man also wenigstens 34 km ansetzen, zu viel für einen Tag, auch ohne San Juan de Gaztelugatxe. - Von einer Höhe herab sahen wir Górliz vor uns liegen. "Der Campingplatz könnte rechts unter den Bäumen sein." prophezeite meine Frau. Ich stimmte ihr zu. Wir erreichten den Stadtrand, aber kein Hinweis. Durch die Stadt hindurch; mühsam, man feierte auch hier, Menschenmassen wälzten sich uns entgegen. Wir mussten auf die Fahrbahn ausweichen. Ende der zusammenhängenden Bebauung und ein Hinweisschild: Nach rechts. Nächste Kreuzung (vor einem Park, im Hintergrund die Küste): keinerlei Hinweis. Zwei liebe Damen weisen auf Befragen nach rechts. Jetzt laufen wir parallel zu der Straße, die wir gekommen sind, schon wieder zurück und landen bei dem Grundstück mit den Bäumen, das wir schon von weitem gesehen hatten. Wieder waren wir ca. 1,5 km im Halbkreis gelaufen. Konnte denn nicht am Ortsrand ein Schild nach rechts auf den Campingplatz verweisen?

Inzwischen habe ich meinen Spruch für die Anmeldung verlängert und sprachlich verfeinert: "Wir sind zwei deutsche Pilger, ohne Auto, mit kleinem Zelt, und möchten hier eine Nacht unterkommen." "Oho," ruft der Chef hinter der Anmeldetheke, "da kann aber jemand gut Spanisch!" (Die alte Fehleinschätzung) Er müsse zwar jetzt gerade weg und werde uns später einschreiben. "Sucht euch einfach einen guten Platz. Duschen und Toiletten rechts, Bar und Laden ganz hinten."

Auch hier waren wir ganz zufrieden, obwohl einiges an den Einrichtungen kaputt war. Camping Arrien S.A., Barrio Uresaranse, 9, E-48630 Górliz. Tel. 946 771 911. 600 P. pro Person und Zelt + IVA = 1.926 P.

Dann die übliche Routine, Wäschetrocknen am Zaun. Laden und Bar wurden wie oft von derselben Familie betrieben. Es ging sehr freundlich und persönlich zu, und wir fühlten uns wohl. Nachts kam die kalte Dusche: Es regnete erstmalig länger. Erstaunlicherweise ließ mich das kalt, ich schlief trotzdem.


27.07.2001, Freitag: Nach Portugalete, 18 km (186 km)

Als wir morgens wach werden, fällt weiter Regen. Irgendwann müssen wir doch raus. Ich bin relativ ruhig, obwohl diese Situation morgens die denkbar schlechteste ist. An Unterstand haben wir nur einen kleinen Informationskiosk unweit des Zeltes, mit einer Bank davor. Wichtigste Regel: Erst einmal frühstücken! Das tun wir auch, sogar mit café con leche aus der bereits geöffneten Bar. Der Regen wird mal schwächer, dann wieder heftiger. An der Anmeldung steht eine Frau und spricht mit einem Kind deutsch. Dann steht sie auf einmal hinter der Theke. "Die arbeitet hier" sagt meine Frau. Mir kommt eine Idee, wie wir unsere Situation verbessern können, und gehe zu der Frau hinüber. Endlich gibt es keine Sprachbarriere, die mich bei höflichen Bitten behindert. Andrea (so heißt die junge Frau) schaltet gleich und ruft in Portugalete (jenseits der Gondelbrücke von Getxo) das Hostal Santa María laut meinem Handbuch an. Ruckzuck, ist für uns ein Zimmer reserviert. Keine Sorgen mit der Unterkunft heute! (Ich habe mir sogar gemerkt, wie man "Fischer"auf Spanisch buchstabiert. Das hatte mir zum Selber-Telefonieren noch gefehlt.) Ich freue mich riesig, bedanke mich herzlich, fühle mich dem Regen auf einmal gewappnet. Bis Portugalete sind es schlappe 18 km. Die machen wir nach der Mördertour von gestern mit links. Diesmal behielt ich Recht.

Bis 12 Uhr muss der Platz geräumt sein. 11:59 Uhr ziehen wir los :-) (Das war aber mehr Zufall, uns hätte keiner nachzahlen lassen. Alle waren wegen des Regens in etwas gedrückter Stimmung und bedauerten uns nur.) "Morgens Nieselregen, das haben wir fast den ganzen Sommer", sagte Andrea. "Aber keine Angst, es ändert sich auch schnell." Wir kommen nach Plentzia. Tatsächlich lässt das Nieseln nach. Kurz vor dem Hafen scharf nach links und eine Serpentine steil hoch, dann im Riesenbogen auf einer Autostraße wieder zurück auf eine Autobrücke zu - und rechts wieder der Hafen -- mit einer Fußgängerbrücke! Wer konnte das ahnen? Wir hätten nur 100 m weiter bis zum Hafen selbst gehen müssen. Jenseits der Brücke ist gleich die Metrostation nach Bilbao. Hierher fahren Bilbaos Einwohner bequem zum 20 km vom Stadtzentrum entfernten Strand. Wir sagen zu dieser Versuchung "Satanas, weiche!" und nehmen brav die Straße nach Getxo unter die Füße. Um es gleich zu sagen: diese Etappe ist mies. Wenig Natur, überall erst lockere, dann dichtere Bebauung. Ab Sopelana geht es schon durch Vorstädte, und es ist sehr schwierig, überhaupt nach Getxo zu finden, das selten ausgezeichnet ist. Ohne meine Karten von Bilbao und Umgebung hätten wir sehr alt ausgesehen. Einmal knickte die Hauptrichtung nach rechts unter einer Eisenbahnlinie her ab; das stand auf meiner Karte nur andeutungsweise als projektiert. Wir gingen geradeaus weiter (und damit waren wir die meisten Autos los); das war richtig. In Getxo wäre ohne Stadtplan nichts zu machen gewesen. Wir wollten den Teil mit Steilküste vermeiden, um nicht unnötige Steigungen bewältigen zu müssen. Das klappte. Genau, als meine Frau sagte: "Ich bin unheimlich kaffeedurstig.", tauchte unvermittelt eine Bar in dem Wohnviertel auf, durch das wir gerade gingen. Dann kamen wir wie gewünscht, am Hafen heraus. Ab hier kannte ich alles vom letzten Jahr.


Pause im Park. Das Zelt ausgepackt und im Wind getrocknet. Weiter durch Las Arenas gleich zur Gondelbrücke. Man weiß nicht recht, wie man dieses technische Wunder aus dem 19. Jahrhundert bezeichnen soll. Ein riesiges Gerüst trägt eine große Gondel, in der 8 Autos, einige Motorräder und ein paar Dutzend Fußgänger Platz finden. Diese Gondel wird pausenlos hin- und hergezogen. Deshalb rede ich von "Gondelbrücke", Michael Kasper schreibt "Hängebrücke". An der Brücke treffen wir wieder auf eine im Handbuch beschriebene Alternative des Jakobswegs. Wir fahren gleich über den Sund (35 P., es gibt auch eine kleine Personenfähre für 40 P.).
Die Gondelbrücke von Portugalete

Das Hostal Santa María liegt laut Handbuch "neben der Hängebrücke". Das stimmt nur bei sehr weit gespannter Auslegung von "neben". Ich entdecke aber eine Übersichtskarte auf dem kleinen Platz an der Anlegestelle. Danach finden wir das Hostal ohne Mühe: 200 nach links zur El Solar Plaza mit Denkmal. Man macht uns sofort auf.

Das Zimmer (Etagenbad, 4.500 P.) liegt in einem Jugendstil-Erker, hat herrliche alte Möbel. Wir sind ganz glücklich. Und so viel Platz! Abends durchstreifen wir die Stadt, werden aus der Kirche vertrieben, weil man schließen will. Es geht (etwas zu meinem Leidwesen, ich bin so müde) noch rauf und runter. Endlich landen wir zum Abendessen wieder am Anlegeplatz der Brückengondel; es ist das Restaurant, das ich gleich als erstes gesehen hatte. :-/ - Nachts ahnen wir, warum so ein schönes Zimmer noch frei war: Es ist Freitag! Da machen doch überall die Jugendlichen ihre Sause. Ausgerechnet in der Gasse neben unserem Hostal ist eine Gaststätte, in der ein Rockkonzert angeboten wird. Den Rest kann man sich denken: die ganze Nacht Musik, Lärm und Gläserklirren. Morgens liegen Gasse und Platz voller Scherben. - Wir haben trotzdem ganz gut geschlafen. Ein echter Pilger ist immer hinreichend müde. :-)



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Letzte Änderung: 02.03.2017