Im Jahre 2003 auf Nebenstrecken des Jakobswegs in Nordspanien:
Camino del Norte (von Villaviciosa über Ribadeo nach Santiago), von Santiago de Compostela nach Finisterre und von Finisterre nach Muxía

Autor: Rudolf Fischer
Meine Netzadresse: Rudolf.Fischer bei Esperanto.de
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Einleitung und Resümee

Ein weiteres Mal waren meine Frau Hedwig und ich in Nordspanien unterwegs, diesmal um neue, von Michael Kasper (noch) nicht dokumentierte Wege zu erkunden und für alle Nachfolgenden darüber zu berichten. Das hatte zur Folge, dass ich etwa alle 10 Minuten mein Notizbuch zückte, um Zeiten, Wegemarken und Sonstiges festzuhalten, solange der Eindruck noch frisch war. Daher mussten wir uns Zeit lassen und liefen zwischendurch auch kurze Etappen, um kein Refugio auszulassen. Regelmäßig verloren wir dadurch die jeweiligen Mitpilger, die bis auf wenige früher als wir in Santiago waren. Aber das wussten wir ja vorher.

Nachtrag vom 5.11.2003: Kaum hat man etwas auf dem Camino dokumentiert, ist es schon wieder überholt. Routinemäßig schaute ich in meiner Stammbuchhandlung bei den Pilgerführern nach, und wer beschreibt mein Erstaunen, als ich das neuste Handbuch von Michael Kasper entdecke, das den "Küstenweg" beschreibt, und zwar die Nordroute ab der französischen Grenze, danach nicht den Camino Primitivo über Oviedo wie bisher, sondern den westlichen Zweig über Gijón und Ribadeo, so wie wir ihn in diesem Jahr gelaufen sind.


Michael Kasper: Nordspanien: Jakobsweg. Der Küstenweg.
Outdoor-Handbuch, Band 71
3., überarbeitete und erweiterte Auflage. Erschienen im September 2003.

ISBN 3-89392-671-2

Aus dem Inhalt geht hervor, dass der Autor zumindest große Teile des Weges im Frühjahr 2003 gegangen ist. Ist mein folgender Bericht damit überflüssig? Ein erstes sorgfältiges Lesen der Strecke ab Villaviciosa ergab:
Ich empfehle allen, die den Küstenweg gehen wollen, sich das neue Handbuch zuzulegen. Aber mein Bericht ist wieder gut als Kontrast verwendbar. Ich erwähne eine ganze Reihe Einzelheiten, die im Handbuch nicht vorkommen. (Mit "Handbuch" ist im Folgenden immer das oben zitierte gemeint.) Umgekehrt enthält dieses vor allem sehr nützliche Entfernungsangaben, ferner eine weitgehend genauere Wegebeschreibung und einige Alternativen, die wir nicht gegangen sind oder übersehen haben; endlich genauere Angaben mit Telefonnummern über Unterkünfte usw. Besonders hat mich gefreut, dass Michael Kasper an einigen Orten gleich lautende Empfehlungen gibt, vom Pilgerweg abzuweichen. Einzige Kritik an seinem Handbuch: Einige Hinweise auf Abzweigungen/Verzweigungen laut Markierung des Pilgerweges fehlen; überhaupt wird in einigen Fällen nicht deutlich, ob auf dem beschriebenen Abschnitt Kennzeichnungen des Pilgerweges sind oder nicht. Ich erwähne dann "Muschel", "Muschelstein", "(gelber) Pfeil" bzw. "Steinmännchen". Das ist wichtig, denn wenn man keine Markierung findet, fragt man sich, ob man noch der Beschreibung des Handbuches folgt oder sich verlaufen hat.

Ich werde also den nachstehenden Bericht noch einmal überarbeiten, damit er sich mit dem Handbuch besser ergänzt. Wie gesagt, das Handbuch wird damit nicht überflüssig. (Hinweis: Das alte Outdoor-Handbuch über die Nebenstrecken des Jakobswegs ist nicht mehr im Handel. Zurzeit ist damit meine Beschreibung des Camino Primitivo - siehe den Bericht von 2002 - noch wichtiger als bisher schon.)


Streckenübersicht:
20 Marschtage von Villaviciosa, wo sich die Nordroute verzweigt, bis Santiago de Compostela, 3 Tage bis zum Kap Finisterre (wohin wir entgegen der Planung zunächst gingen) und noch 1 weiteren Tag von Fisterra nach Muxía, insgesamt 522 km.

Der folgende Bericht, eingeteilt in allgemeine Informationen (darunter Hin- und Rückfahrt) sowie eine getrennte Beschreibung der einzelnen Teilstrecken, die sicher auch verschiedene Leser interessieren, soll wieder vor allem künftigen Pilgern zur Planung und evtl. als Begleiter der entsprechenden Strecken dienen. Mit Freude erlebte ich in diesem Jahr, dass einige gut vorbereitete deutsche Pilger von meinen Berichten profitiert hatten, ja mich sogar erkannten (ist ja nicht schwer).

Vorweg wieder ein Schnellvergleich: Camino Primitivo (Oviedo - Lugo) oder Nordroute über Ribadeo und Sobrado dos Monxes, welchen Zweig sollte man ab Asturien lieber gehen?

Für den Camino Primitivo sprechen folgende Gründe:

Die Alternative Gijón - Avilés - Ribadeo - Sobrado dos Monxes hat folgende Vorteile:

Ich persönlich ziehe den Camino Primitivo vor: Die gleichmäßigen Abstände der Herbergen wiegen den Nachteil der höheren Steigungen mehr als auf. M.E. nach ist daher der westliche Zweig der Nordroute (über Ribadeo) nur bedingt zu empfehlen. Ein schwere Enttäuschung waren die Strände: Oberflächlich schön wie im Reiseprospekt, aber beim näheren Hinschauen sah man Badende mit Teerflecken zurückkommen, warf jede Flut einen neuen Streifen verdächtiger Klumpen an Land, so viel die Teersammler jeden Morgen auch einsammelten. Welch ein Jammer! Viele äußerten erbittert, dass die Verantwortlichen für die Tankerkatastrofe der "Prestige" lebenslang hier schuften sollten, der Schaden ist unermesslich. Unter diesem Eindruck verzichteten wir auf den Zusatztag am Meer bei Foz und wandten uns entgegen der Planung schon ab Ribadeo landeinwärts, damit auch dem Pilgerweg folgend.

Das Wetter war nur direkt am Meer ganz gut, sonst mit viel Nieselregen und Nebel, während in Deutschland eine Gluthitze herrschte. Unsere Regenumhänge waren manches Mal im Einsatz, unverzichtbar. Wir haben Pilger getroffen, die in Sandalen unterwegs waren; es ist offenbar machbar, wenn es gute, eng anliegende stabile Sportsandalen sind. Bei dem vielen Regen, der feuchten Vegetation und den matschigen Wegen wurden aber die Füße nass, und das würde ich nicht riskieren.

Auf einem Teil der Strecke litt ich wieder wie 2001 an einer Darmgrippe, die mich viele Tage lang mit Koliken quälte und mir Kraft entzog, so dass ich sogar einen Tag Zwangspause mit Arztbehandlung einlegen musste. Die "üblichen" 5 kg Gewichtverlust waren da die normale Konsequenz. Gut, dass ich Aspirin und Anti-Durchfall-Tabletten im Gepäck hatte. Diese Erfahrung brachte mich zu dem Entschluss, lieber nicht die noch viel härtere Via de la Plata zu gehen.

Die Nordroute zieht immer mehr Pilger an, teils Flüchtlinge vom Camino Francés. Ab Avilés trafen wir pausenlos Mitpilger, meist Spanier. Mit einigen wanderten wir sogar ein paar Tage zusammen, gegen unsere bisherige Gewohnheit. Wieder musste ich mehr Spanisch reden als in den Vorjahren. Es blieb mühsam; ich war manchmal geknickt, dass ich gern ein Pilgergespräch geführt hätte, aber ein echter Gedankenaustausch nicht möglich war.

Die eigentlichen Berichte über die vier Teilstrecken findet man, wenn man unten im Abschnitt "Ablauf der Pilgerfahrt" auf die entsprechenden Überschriften klickt.

Allgemeines

Finanzen: Pro Person haben wir in diesem Jahr (außer der Flugreise) etwa 600 EUR ausgegeben, davon gut 100 EUR für die langen Bus- bzw. Bahnfahrten Barcelona-Gijón und La Coruña-Barcelona sowie die kleineren Abschnitte Gijón-Villaviciosa und Muxía-La Coruña. Auffallend die gestiegenen Bierpreise: Fassbier in den großen Städten mindestens so teuer wie zu Hause. 0,33-l-Flasche 1,10 EUR, auch auf dem Land. Essens- und Unterkunftspreise scheinen zu stagnieren. Die Touristenorte an den Küsten sind natürlich teurer als das Inland.

Wege und Wegekennzeichnungen: An Kennzeichnungen wurde vielerorts wie folgt gespart: Solange man geradeaus ging oder auf derselben Straße blieb, gab es keine Zeichenwiederholung, manchmal kilometerlang nicht; erst bei der nächsten Abzweigung. Das brachte folgendes Risiko mit sich: Hatte man einmal eine Abzweigung übersehen, lief man solange falsch, bis es einem unheimlich wurde und man auf Verdacht bis zur letzten Kennzeichnung zurückging. Genau für diese Situationen ist ein Handbuch so wichtig, das einem etwa mitteilt: "2 km (oder 20 Minuten) geradeaus, rechts an einem großen Bauernhof mit grüner Tür vorbei ..." usw. Meine Notizen sollen auch diesen Dienst erfüllen.

Die Provinzen Asturien und Galicien gaben sich in allem sehr selbstständig und unabhängig. Manchmal kam es uns diese Abgrenzung lächerlich vor: So gab es fast keine Informationen für Touristen über die Grenze hinweg, nicht einmal grenzüberschreitende Karten und Unterkunftsverzeichnisse. Für Galicien bekamen wir nichts vor Ribadeo, der ersten galicischen Stadt. Auch was Wege und Wegekennzeichnungen anging, unterschieden sich beide Provinzen bedeutend:


Der Zustand des Pilgerweges ist in Asturien teilweise skandalös: Einige Abschnitte sind völlig zugewachsen und unbegehbar. An anderen Stellen ist die Streckenführung einfach hirnrissig: Umwege, wilde Höhenunterschiede, man glaubt es nicht. Hierzu liefere ich einige Verbesserungstipps und Warnungen.

In den Pilgerherbergen gibt es bis auf Ausnahmen keine oder ungenaue Angaben über den weiteren Weg. Das Oficina de Turismo in Gijón, dem ich auf Drängen meiner Frau eine Chance gab, "informierte" mich über einen total falschen Verlauf des Pilgerweges. Im Zuge der Pilgertour kamen immer mehr Spanier zu mir und fragten, ob die vom Hospitalero und den Unterlagen gelieferten Informationen stimmten, weil es sich herumgesprochen hatte, dass ich mich bestens vorbereitet hatte. Oft musste ich die Halbwahrheiten richtig stellen. Ein großes Problem waren die Entfernungen, zu denen es überhaupt keine verlässlichen Angaben gab. Meist nur Straßenkilometer und damit zu geringe Angaben. Ich habe versucht, die wirklichen Pilgerwegentfernungen zumindest in Galicien nach den Entfernungsangaben auf den Muschelsteinen herauszufinden.


In Galicien ist vieles besser: Fast lückenlose gute Wegekennzeichnung, aber aufgepasst: Direkt ab der Grenze zeigen die Muscheln mit ihren Strahlen die Richtung an. Häufig (verlässliche) Entfernungsangaben auf den Muschelsteinen. Zugewachsene Wege gibt es nur als große Ausnahme. Gute Information in den Herbergen (wenn auch nicht immer auf dem neusten Stand). Trotzdem ist man vor Überraschungen nicht sicher: Zwischen Finisterre und Muxía muss man eine sehr gefährliche Flussüberquerung ohne Brücke bewältigen.


Ein Ärgernis waren auch Pfeile, die nichts mit dem Pilgerweg zu tun hatten. Zwischen Villaviciosa und Gijón kommen einem gelbe Pfeile nach Covadonga entgegen; vor Finisterre viele, die für die Rückrichtung gemeint sind. Anderswo fand man auch rote (vor Santiago), schwarze und weiße Pfeile, die teils den Pilgerweg, teils andere Strecken auswiesen. Manchmal war zur Verdeutlichung, dass wirklich der Pilgerweg gemeint war, ein "P" hinzugefügt. Ein paar Mal wies die Muschel in die eine, ein hinzugefügter gelber Pfeil in die entgegengesetzte Richtung: In diesen Fällen sollte man dem Pfeil folgen. Zwischen Finisterre und Muxía stand die Muschel senkrecht und zeigte nicht die Richtung an, da man wohl keine bevorzugt auszeichnen wollte. Das war schlecht; manchmal musste man dann raten, wie es weiterging.

Wir haben uns selten verlaufen, aber zu oft mussten wir unseren Instinkt und das Wissen um die allgemeine Richtung bemühen. Alle diese Fälle habe ich sorgfältig notiert, um es den Nachfolgenden einfacher zu machen. Irrtümer sind nicht ausgeschlossen, und der Wegeverlauf ändert sich auch schnell. Für Hinweise auf Berichtigungen bin ich daher dankbar. Vielleicht haben wir auch mal den Pilgerweg vorübergehend verloren, was dann das plötzliche Fehlen von Kennzeichnungen erklären würde. (Einmal bin ich mir im Nachhinein dessen sicher.)

Zu den genannten Arten der Wegekennzeichnung kamen noch gelbe Plastikstreifen an Büschen oder Steinmännchen vor, aber in beiden Provinzen nur selten. Hilfreich war auch mancher von Pilgern zusammengelegte Pfeil aus Steinen oder Zweigen an dubiosen Kreuzungen; leider werden diese Kennzeichnungen durch Fahrzeuge zerstört und bleiben so nicht lange. Wo nötig, verstärkten wir die Steinmännchen und stellten die Pfeile auf dem Boden wieder her.


Achtung: In Asturien weist die Basis der Muschel die Wegrichtung, in Galicien geben die Strahlen die Richtung an. Die Kennzeichnungen mit Muschelsteinen (= viereckiger Betonstein mit eingelassener Muschelkachel) und gelben Pfeilen sind sehr unterschiedlich dicht: auf vielen Teilstrecken ausgezeichnet, auf manchen lückenhaft bis fehlend. Besonders Autobahnbaustellen, in Städten auch Neubauten, haben Kennzeichnungen zerstört, und diese werden in der Regel nicht so bald erneuert. Genau an solchen Stellen werden meine Notizen sehr hilfreich sein. Besonders übel: In einigen Städten gibt es innerorts überhaupt keine Kennzeichnungen (z.B. in Gijón). Durch Anklicken vergrößern Eine schön verzierte Muschel

Das Hundeproblem hielt sich dieses Jahr sehr in Grenzen. Die Wege waren zum Großteil genug begangen, dass Hunde und ihre Besitzer an Pilger gewöhnt waren. Besonders auffällig war diese Verbesserung zwischen Santiago und Finisterre. Dennoch kann ich erstmalig von zwei Fällen berichten, dass Pilger gebissen wurden:
- Auf dem Hauptweg erwischte es Hans aus Österreich so schlimm, dass seine Wunde mit zehn Stichen genäht werden musste und nach jeder Etappe eine Nachbehandlung erforderlich war. (Bericht einer Augenzeugin)
- In Miraz wehrte ich die bissigen (kleineren) Köter mit meiner Pfefferspritze ab. Ein anderer Pilger wurde dort von hinten ins Bein gebissen. (Bericht eines Augenzeugen).

Mit der Pfefferspritze griffbereit in meiner Umhängetasche bin ich in diesem Jahr viel gelassener in Dörfer hinein- und an Bauernhöfen vorbeigewandert. Es gab keine Begegnung mit einem nicht angeleinten, aggressiven großen Hund, wohl viele kleinere bissige Kläffer, die einem ans Leder wollten. Einige von ihnen bekamen die Pfefferlösung ins Gesicht: Sie blieben verdutzt zurück, schüttelten den Kopf, versuchten, das Zeug im Gras abzuwischen ... und hatten genug mit sich zu tun. Also: Keine im wahrsten Sinne des Wortes umwerfende Wirkung, aber doch sehr zufriedenstellend.

Ausrüstung: Hier gibt es keine neuen Erkenntnisse. Unser kleiner Tauchsieder war wieder morgens im Dauereinsatz und sorgte für ein gemütliches Frühstück. Direkt am Meer und in der Großstadt war bei Sonnenschein auch mal meine Sonnenbrille nützlich. Die Unterlagen meiner ADAC-Auslandsversicherung waren in der Aufnahme des Krankenhauses von Villalba unbekannt und nützten mir nichts, auch nicht mein Pilgerstatus. (Das soll nicht heißen, dass die ADAC-Versicherung überflüssig ist, aber man muss sich offenbar noch erkundigen, wie man sie im Kontakt mit spanischen Gesundheitsbehörden verwendet.)

Das Wunderpflaster kam mehrfach, meist vorbeugend, zum Einsatz und rettete mindestens einen anderen Pilger vor dem vorzeitigen Abbruch. Auch Fußbalsam und Sportlersalbe wurden mehrfach gebraucht, letztere erfolgreich gegen Brennnesselverbrennungen und Muskelzerrung.


Anreise

07. August 2003, Donnerstag

Zugleich unser Hochzeitstag, in den wir zu Hause noch hineingefeiert hatten. Abfahrt "wie üblich" gegen 2h00 morgens mit dem Direktzug von Münster zum Bahnhof Flughafen-Terminal in Düsseldorf. Diesmal geht das Pfefferspray, im Rucksack verpackt, anstandslos durch die Kontrollen am Flughafen. Aber - wie fast immer - man findet in meiner Handtasche, die ich vor dem Packen nicht sorgfältig genug geleert hatte, ganz unten mein kleines Obstmesser mit Korkenzieher und Flaschenöffner (mein "Notgepäck" für Wanderungen). Ab in die Tonne! :-((
Die Air Berlin setzt uns nach einem guten Frühstück pünktlich gegen 9h00 in Barcelona ab. Unsere Rucksäcke sind zur Abwechslung mal unter den ersten Gepäckstücken auf dem Band. :-)) Draußen herrscht eine Bruthitze.


Barcelona
Ich habe von zu Hause einen Stadtplan mitgebracht. Eine Metroverbindung vom Flughafen in die Stadt (ca. 12 km) gibt es nicht, aber eine Regionalbahn (nicht mit den Fernzügen der RENFE verwechseln!) und einen Bus. Die Regionalbahn ist mit 2,20 EUR (bis zum Hauptbahnhof Sants) nicht billig, aber der Bus mit 3,45 EUR noch teurer (hält an der Placa d' España und an der Placa de Catalunya). Aufpassen: Die Regionalbahn haben wir nicht gefunden (erst auf dem Rückweg). Man muss aus dem Gebäude heraus und findet dann ganz weit links ein kleines, halbverdecktes Schild mit "tren" und zwei Haken als Symbol für die Regionalbahn. Dann überquert man in einer überdachten Überführung den Flughafenvorplatz, um zum Bahnhof zu gelangen. Fahrkarten gibt es im Zug nicht. Nach Schaltern oder Automaten Ausschau halten!

Alles das wussten wir auf der Hinfahrt nicht und nahmen deshalb den besser ausgeschilderten Schnellbus zur Placa d' España, von wo wir zum nicht allzu weiten Hauptbahnhof Barcelona-Sants gingen, denn dort hatten wir unser erstes Problem zu lösen: Die Vorbestellung eines Zuges von Barcelona nach Gijón; den Fahrplan hatte ich schon in der Tasche (zu Hause aus dem Netz gezogen). Im Bahnhof gibt es zwei riesige Haupthallen, in die auch die Ausgänge von der Metro und der Regionalbahn einmünden. Für letztere gibt es Fahrkartenautomaten. Kleine Schilder mit verständlichen Symbolen weisen einem den Weg.

Die 15 Schalter der RENFE werden von Hunderten von Leuten belagert, als wir eintreffen. Mit lautem Schimpfen wird ein Mädchen von einem Schalter vertrieben: Sie hat nicht kapiert, dass man eine Nummernkarte für die Reihenfolge ziehen muss. Wir machen das dann; eine Leuchtanzeige sagt: 53 Minuten warten! - Das haute uns fast um. Nun, was half's? Es gab reichlich Bänke, und das Betrachten der bunten Schar von Leuten aus allen Ländern - die uns ebenso neugierig musterten - vertrieb die Zeit. Schon nach 46 Minuten (12h00) wird über einem Schalter unsere Nummer angezeigt.
Am Samstag nach Gijón? - Ausverkauft! (Ich hab's befürchtet.)
Nachtzug Samstag-Sonntag? Zug am Sonntag? - Nichts, alles ausverkauft.

Wir ziehen bedröppelt ab. Dafür haben wir uns die Beine in den Bauch gestanden! Also "Plan B": Ab zum Busbahnhof, den ich mir in weiser Voraussicht schon auf dem Stadtplan angekreuzt habe. Er ist weit weg, vom Hauptbahnhof aus im Südosten, heißt aber Estació del Nord (Nordbahnhof), wohl weil er nordöstlich der Altstadt liegt. - Da das Esperanto-Zentrum, in dem man uns unterbringen will, im Osten liegt, also in etwa auf dem Weg, beschließen wir, erst dorthin zu fahren, auch um das Gepäck loszuwerden.

Fahrt mit der Metro zur Station Sagrada Familia. Die Metro ist super: die Wagen sind klimatisiert, die Stationen leider nicht. Einzelfahrt: 1,05 EUR. Besser 10er-Karte für 5,80 EUR kaufen, sehr preiswert. Im Gegensatz zu Bilbao braucht man den abgestempelten Fahrschein beim Verlassen der Metro nicht mehr. Im ganzen Stadtgebiet (und das ist sehr groß) gilt der Einheitstarif (s.o.) der Stufe 1. Nur weitere Vorstädte sind teurer. Leider, wie gesagt, keine Verbindung zum 12 km entfernten Flughafen. Aufpassen: Wenn das Zurückbleiben-Signal ertönt, hat man noch knapp 2 Sekunden, dann knallen die Türen zu. Einmal ist meine Frau nicht mehr mitgekommen. Ich habe sie dann einfach an der nächsten Umsteigestation erwartet. Die Metro fährt ab morgens 5 Uhr im 4-Minuten-Takt!

Wir steigen an der Sagrada Familia aus. Es ist eine Kirche von Gaudi, nie fertig geworden und immer noch Baustelle. Mich berühren i.A. kunsthistorische Bauten nicht sehr, auch nicht die von Gaudi (die ich z.B. aus Astorga und Comillas kenne), aber bei der Sagrada Familia bleibe ich doch bass erstaunt stehen. Sowas habe ich noch nie gesehen: Ein geordnetes Chaos in Beton, mit zig Einzelheiten und himmelhoch. (8 EUR kostet das Hochfahren mit dem Fahrstuhl.) Auch die Ergänzungsbauten der Nachfolger sind in Gaudis Stil gut getroffen. Was verwirrt: An beiden Seiten hat die Kirche 4 ähnliche Türme mit jeweils einem Park davor: Jedes Mal mussten wir uns neu orientieren, um nicht in die entgegengesetzte Richtung als die zu unserem Ziel, dem Esperanto-Zentrum, zu laufen...

Unterwegs gelingt es mir mit etwas Mühe (erst im dritten Tabak-Laden weiß man, was ich will, und hat es auch), wieder eine Vorbezahl-Telefonkarte (tarjeta telefónica prepago) für 12 EUR zu kaufen. Eine weitere mit 2 EUR gibt es gratis dazu. Damit konnten wir über 90 Minuten mit Deutschland telefonieren und innerhalb Spaniens für nur 1 Cent pro Minute. Sehr gut, wir haben sie während der ganzen Fahrt nicht mal ganz abtelefonieren können. (Ein Mobiltelefon nur für unsere Pilgerfahrten anzuschaffen, weigere ich mich strikt.)


Im Esperanto-Zentrum mit Gastgeber Karles Durch Anklicken vergrößern 13h40 haben wir das Esperanto-Zentrum erreicht. Es ist eine kleine Antiquitätenhandlung. Im Stockwerk darüber 1 Küche, 1 Dusche (nur kaltes Wasser), 1 Salon mit Bibliothek (und abgetrennter Schlafmöglichkeit), 1 Fernsehzimmer, 1 Toilette (mit Waschbecken), 1 Schlafzimmer mit Doppelbett. Alles klein und alt, aber für Pilger eine erstklassige Unterkunft. Zumal uns Karles, unser Gastgeber, einfach den Schlüssel gibt und sagt: "Hier könnt ihr jetzt bleiben, solange ihr wollt."

Eine Rumänin, der vorige Gast, rückt gerade ab. Ihr Esperanto ist etwas holprig, aber Karles spricht perfekt. Sein vierjähriger Sohn wird zweisprachig erzogen, erzählt er uns, antwortet in der Regel auf Katalanisch. Normal, das kenne ich, wenn nur der Vater mit dem Kind die andere Fremdsprache spricht. Nun, es stellte sich heraus, dass auch Karles' Frau Merced sich mühelos mit uns auf Esperanto verständigen konnte.

Dank des Schlüssels können wir kommen und gehen, wann wir wollen. Karles wohnt normalerweise in Terrassa, einer Stadt etwa 30 km entfernt, übernachtet nur manchmal im Obergeschoss. Er bringt uns uneingeschränktes Vertrauen entgegen. Um ihm Bettwäsche zu ersparen, breiten wir auf dem Doppelbett unsere Schlafsäcke aus. Um in ihnen zu schlafen, ist es aber zu heiß. -

Wir laufen zum Busbahnhof. Kurz davor liegt in der Carrer de Sicilia rechts ein sehr empfehlenswertes China-Restaurant. Abends und am Wochenende ist das Menü teurer (7,20 EUR) und kein Getränk inbegriffen, aber immer noch billig. Die Portionen sind so, dass man sie auch aufessen kann und angenehm satt ist. Sehr leckeres Essen, und sehr freundliche und aufmerksame Bedienung.

Im Busbahnhof riesige Schlangen vor den ALSA-Schaltern. Mist! Ich komme vor Durst um, ziehe mir eine Flasche Coca-Cola. Zu meiner Verblüffung spuckt der Automat gleich zwei Flaschen aus! Das hebt die Stimmung. - Meine Frau und ich stellen uns an verschiedenen Schlangen an, nachdem wir vergeblich versucht haben herauszufinden, wie der Fahrkartenautomat funktioniert. (Einige Spanier schaffen es auch nicht.) In meiner Schlange geht es schnell vorwärts, bei meiner Frau überhaupt nicht. Sie kommt zu mir, als ich dran bin.
Direktbus nach Gijón am Samstag? - Ausverkauft! (Ich gerate ins Schwitzen)
Nachtbus Samstag-Sonntag? - Ja, geht. Gegen 20h00 los, aber keine Auskunft, wann wir ankommen. Ich schätze, etwa gegen 10h00. Kaufe kurzentschlossen zwei Karten (nummerierte Plätze) a 45,80 EUR (?). - Immerhin dieses Problem gelöst. Aber was wird das für eine Nacht im Bus werden? Wir sind schon übermüdet, weil wir die letzte Nacht kaum geschlafen haben. Meine Frau erinnert an die doch recht bequemen Sitze, die, wie wir wissen, zum Dösen einladen. Naja, es ging ja auch nicht anders.

Um 18h00 treffen wir Héctor, einen anderen Esperanto-Freund, mit dem ich mich im Netz verabredet hatte, an der Placa de Catalunya, einem der quirligsten Punkte der Stadt. Stundenlang führt er uns durch die Altstadt und zeigt uns viele Einzelheiten, die sonst kein Tourist zu sehen bekommt. Nicht immer sind wir wie er von den alten Gassen begeistert, manche sind zu dreckig und heruntergekommen. Héctor ist sozusagen mein Kollege: Wie ich ist er Redakteur einer Esperanto-Zeitschrift, er vom katalanischen Esperanto-Bund, ich vom deutschen. (Seitdem tauschen wir unsere Zeitungen auch aus.) Abends laden wir ihn noch in ein Café ein. Er empfiehlt das Café Picasso. Junge, das ist ein schicker und teurer Laden! Wir beobachten, wie zwei leicht bekleidete Touristenpaare nicht in den vornehmen Speisesaal dürfen. Bei der Hitze schmeckt das Fassbier himmlisch. Der Gedankenaustausch mit Héctor ist faszinierend. Er hat sonst wenig Kontakt, sagt er, deshalb schätzt er ein gutes Gespräch auf Esperanto mit weitgereisten Gästen. Wir sind ihm für die tolle Stadtführung sehr dankbar.

Auf der Rückfahrt mit der Metro kommt es zu einem Zwischenfall. Oben auf der Rolltreppe lässt ein junger Mann direkt vor uns seine Fahrkarten fallen, versucht sie verzweifelt zu erhaschen, damit sie nicht im Rolltreppenschacht verschwinden. Er blockiert meine Frau, die mich. Ich taumele, falle fast. Nach links kann ich auch nicht, da steht ein weiterer Jugendlicher, kann wohl auch nicht weiter. Jemand prallt von hinten auf mich. Ich schubse meine Frau und den Blockierer vor ihr nach vorn, um nicht zu fallen, und der Personenknäuel entwirrt sich. Der junge Mann, der seine Fahrkarten noch erwischt hat, schaut wütend. Ich musste ihn doch stoßen! Soll ich mich entschuldigen? Wir gehen verwirrt weiter. Eine Minute später fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Das war ein missglückter Überfall auf mich! Der schaute nur so wütend, weil der Coup misslungen war, da der dritte Täter hinter mir (der zweite links gehörte auch dazu) mein Geld nicht hatte an sich bringen können! Ich hatte nämlich nichts in der Gesäßtasche, nur vorn auf einer kleinen Tasche des Hosenbeins ein kleines Tagesportemonnaie, das große Geld am Körper. Beides natürlich unberührt, denn da kam man von hinten nicht ran, ohne dass ich das merkte. - Junge, Junge, in Barcelona muss man aufpassen! Übrigens konnten die Fahrkarten gar nicht im Schacht verschwinden, das ließen die Metallzähne, zwischen denen die Rolltreppenstufe verschwand, gar nicht zu. Es war nur ein Trick, uns zu blockieren und möglichst zu Fall zu bringen.

Heil im Zentrum zurück, schliefen wir herrlich. Das Haus war ruhig, was laut Karles ungewöhnlich war. Aber es war brüllheiß, dass einem beim bloßen Liegen der Schweiß vom Körper floss. Gut, dass es die kalte Dusche gab.

08. August 2003, Freitag

Ein Touristentag in Barcelona für uns. - Mascha aus Russland, mit 21 Jahren schon diplomierte Dolmetscherin, erscheint als weiterer Gast und kommt in der Bibliothek unter. - Wir bummeln durch die Stadt in Richtung Hafen und Strand. Unterwegs bewundern wir das viele Grün in Barcelona, darunter herrliche Parks. Zu meinem Entzücken gibt es viele Nester von kleinen grünen Papageien in den Palmen (soweit im Norden!). Ich muss nur ein wenig das Kreischen nachahmen, dann schauen sie heraus, wo der Ruhestörer ist und jagen sich dann bald gegenseitig durch die Zweige. Ich habe wirklich meinen Spaß mit ihnen.


Bemerkung von Dezember 2006: Von wegen "Soweit im Norden"! Inzwischen habe ich die gleichen Papageien im Stadtpark von Ratingen entdeckt. Erst glaubte ich einer Halluzination zu erliegen, aber dann bestätigten mir Passanten, dass die Presse schon über sie berichtet habe. Man hielt die Papageien für entflogen, aber ich glaube, dass sie mit dem Klimawandel einfach nach Norden gewandert sind.
Am Strand geht meine Frau schwimmen, ich döse unterhalb der Promenade unter dem hervorspringenden Betondach. Leider gibt es keine Bänke. Auf dem Rückweg ziehen wir durch ein renoviertes Hochhausviertel, noch in unmittelbarer Strandnähe. Fast nur dunkelhäutige Gestalten (Pakistani? Araber?). In einer Kneipe begrüßt man uns freundlich. Ich zische genüsslich zwei Bier a 0,4 l: 6 EUR, teurer als zu Hause. Ja, Barcelona ist reich und teuer. - Am Bürgersteigrand sitzt ein gut gekleideter und genährter Bursche von ca. 15 Jahren. Als er uns zieht, streckt er in Bettlerpose die Hand aus. Ich ignoriere sie.

Um 18h00 versammeln sich einige Esperanto-Freunde im Zentrum (viele andere machen Ferien wie wir). Meine Frau hält einen Vortrag über "Feministische Theologie", den sie sich gewünscht haben. Alle trinken wegen der Hitze Unmengen Bier und Wasser, auch etwas Rotwein. Karles diskutiert danach noch mit uns über Buddhismus und Christentum. - Ich habe eine Trinkreserve für die Nacht in den Kühlschrank geschmuggelt, welch ein Luxus: kalte Getränke! Die Nacht ist noch heißer als die vorige.

09. August 2003, Samstag

8h45 aufgestanden. Ich wundere mich, dass die Hausbewohner nicht wie anderswo von Freitag auf Samstag rumgedölt haben. Karles schläft noch im Nebenzimmer, Mascha in der Bibliothek. Wir machen Frühstück. Um 10h30 fahren wir alle mit der Regionalbahn nach Terrassa, wo wir Karles' Familie kennen lernen. Sein Sohn Miquel ist erst scheu. Als er merkt, dass wir kein Katalanisch verstehen, sagt er auch was auf Esperanto. Wir schauen uns die Sehenswürdigkeiten der Stadt an, eine renovierte Burg mit einem Regionalmuseum, usw. In einem Park wieder die kleinen grünen Papageien. (In Valencia hatte ich sie 1999 noch für eine Sensation gehalten.) - Auf meine Bitte ruft Karles in Gijón in einer Pension an, um für uns zwei Nächte zu reservieren, von Sonntag auf Dienstag. Er diskutiert herum, habe die Leute nicht verstanden, sagt er. (Wo wäre ich da wohl mit meinem Spanisch geblieben?) Sie reservieren unter Vorbehalt, gehen davon aus, dass am Sonntag was frei wird. Naja, besser als nichts.

Gegen Spätnachmittag sind wir in Barcelona zurück. Karles gibt uns sogar den Schlüssel für die ganze Fahrt mit, damit wir auf der Rückfahrt von Sonntag auf Montag im Zentrum übernachten können, auch wenn er nicht da ist. Sagenhaft! - Am Busbahnhof etwas Rumsuchen, da unser Bus nicht am angezeigten Bussteig steht. Kurz vor der Abfahrt fährt ein anderer dort weg und unser vor. Na also! Es geht in die Nacht hinaus. Ich habe etwas zu essen und zu trinken in Beuteln an meinen Sitz gehängt. Der lange Bus ist erstaunlich voll, kaum Plätze frei. Erst geht es durch das Küstengebirge, Montserrat in der Ferne deutlich zu sehen. Dann kommen die Flächen der Ebro-Ebene, und es wird dunkel.

10. August 2003, Sonntag

Drei Mal steuern wir Raststätten an: um 23h00 mit Fahrerwechsel vor Saragossa, ca. 2h00 vor Logroño nur Gang zur Toilette, 4h15 vor Burgos eine größere Pause. Die Raststätte bei Saragossa ist gut und billig, die vor Burgos nur teuer; Bocadillos ab 2,75 EUR. Na, ich esse die trockenen Dinger sowieso nicht mehr. Die Damentoiletten sind bis auf eine alle defekt. Als der Fahrer schon Gas gibt, kommt noch ein Mädchen angelaufen. Das war knapp. - Ich schlafe unterwegs kaum, werfe immer einen Blick auf den Kilometerzähler vorn, der Sprünge von ca. 20 km zwischen Dösepausen von mir macht.

Ein Schild "El Burgo Ranero". Mann, hier sind Harald und ich 2000 durch die Meseta gegangen, aber einen Parallelweg. Es dämmmert, aber so viel ich auch schaue, den Pilgerweg, der zum Teil in Reichweite der Autobahn herführt, sehe ich nicht. 6h00, Mansilla de las Mulas. Ab jetzt kenne ich die Strecke bis hinter León. Hier muss der Pilgerweg unmittelbar links von unserer Fernstraße hergehen - und da! Ich springe auf, manche schauen verwundert. Da laufen auch Pilger, Knistertüten, die schon im Dunkeln in Mansilla de las Mulas aufgebrochen sind. Immer mehr. Die ersten sind schon bis vor León. Nun schauen auch andere Mitfahrer nach den Pilgern, und ich höre deutlich ein paarmal "Santiago" flüstern.

In León nur kurzer Halt zum Ein- und Aussteigen. Eine Pilgerin humpelt auf den Busbahnhof zu, muss mit traurigem Gesicht wohl das Pilgern aufgeben. Die nächste Ausfallstraße kommt mir bekannt vor. Meine Frau ist skeptisch, meine Phantasie geht oft mit mir durch. Nein, ich kann alles ansagen: Gleich kommt Virgen del Camino, bitte, da ist schon die Kirche, und da laufen jede Menge Pilger ... und jetzt kommt das Autobahnkreuz, durch das der Camino geht, und wir drehen nach Norden auf Oviedo zu ab. Genauso ist es.

Nun kommt eine schöne Fahrt durch das Kantabrische Gebirge. Es ist inzwischen hell, und wir können die wunderbare Landschaft genießen. Damit ist es vorbei, als meine Frau mich auf den jungen Fahrer aufmerksam macht. Der fegt zwar mit dem Bus durch die Serpentinen, reibt sich aber die Augen, und zuweilen sackt gar sein Kopf nach vorn: Mensch, der ist völlig übermüdet! - Als wir den Pass hinter uns haben, kommen uns Wolkenfinger aus dem Tal entgegen: Wir lassen die brütende Hitze hinter uns und tauchen in die Nebelatmosphäre der Nordküste ein. Nun, der Himmel ist bedeckt, aber es regnet nicht, und die Temperatur ist endlich erträglich. Was wollen wir denn mehr? - Oviedo, der Fahrer wirkt etwas wacher. Bis Gijón hält er dann durch. 9h15 sind wir da, gut geschätzt.


Wir haben keinen Stadtplan von Gijón, nur eine Skizze der Altstadt aus dem Netz, in die ich einige Pensionen eingezeichnet habe. Von meinem Pilgerfreund R.W., der im April 2002 die Nordroute gegangen ist (von ihm wird noch oft die Rede sein), habe ich die Adresse in der Altstadt mit der bedingten Reservierung. Aber noch im Busbahnhof eine freudige Überraschung: Ich kann im ALSA-Büro gegenüber schon die Busfahrkarten für morgen früh nach Villaviciosa kaufen, wo wir mit der Pilgertour beginnen wollen. Abfahrt 7h00, angenehm früh, denn die Etappe Villaviciosa-Gijón ist über 30 km lang und wird ihre Zeit brauchen.

Zum Glück muss ich nur anfangs den Weg in Richtung Innenstadt, wo das Oficina de Turismo ist, erfragen. Bald reicht unsere Skizze. Wir klappern die Pensionen und Hostals ab, an denen wir ohne großen Umweg vorbeikommen, alles "completo" laut Schildern. Oh, oh! Nur in einer Pension am Hafen ruft die Frau aus dem Fenster, wir sollten 12h00 wiederkommen. Nicht sehr freundlich, hätte sich ja auch mal runterbequemen können.

Wir erreichen das Oficina de Turismo. Samstags/Sonntags geschlossen! (mo-fr 9-14 und 16h30-18h30 geöffnet) Ja, spinnen die denn?! Gerade zum Wochenende ist doch immer das Touristengewimmel! Also keinen Stadtplan. Ich bin ganz schön sauer. Es hängen auch kaum verwertbare Informationen aus. - Also erstmal auf einer Bank am Hafen gefrühstückt und dann weiter. Wir finden in der richtigen Straße "unsere" Pension nicht: bei der im Netz angegebenen Hausnummer handelt es sich um eine Ruine. Aber etwas weiter ist die nächste Pension und - o Freude - im selben Haus auch "unsere": die Hausnummer 17 im Netz war falsch.


Pension González, San Bernardo 30, 1 Stock, Tel. 985 355 863
Doppelzimmer (mit Waschbecken) pro Nacht 36 EUR
Dusche und Toilette (alles sehr sauber) auf dem Flur.
Achtung: Sehr laute Lage! Dafür aber nur wenige Minuten zum Stadtstrand.
Es ist gegen 10h30. Zwei alte Leutchen machen uns auf. Ach, wir sind die Deutschen, die reserviert haben. Ja, alles klar. Wir sollten bitte um 13h00 wiederkommen, dann bekämen wir ein Zimmer. Das Gepäck können wir natürlich schon dalassen. Prima!
So besichtigen wir die schöne Altstadt mit der vorgelagerten Halbinsel. Gegen Mittag kommen wir 8 Minuten zu spät in die Messe, da sind sie schon beim Evangelium :-) Wir bewundern den Stadtstrand: kilometerlang! Und unsere Pension ist nur wenige Minuten entfernt. Super! Durch Anklicken vergrößern Am Stadtstrand von Gijón

Das Zimmer in der Pension ist schön, liegt aber an einer der lautesten Straßenecken Gijóns. Kann man nichts machen. Am lautesten tobt der Verkehr abends. - Nachmittags zum Strand und im Meer geschwommen. Wunderbar! Selbst ich bin begeistert. Und siehe da: Ein Informationspavillon an der Promenade und am Sonntag geöffnet! (Warum kein Hinweis darauf im Hauptbüro?) Wir bekommen einen Stadtplan. - Später gehe ich auf Anraten meiner Frau nochmal zu dem Informationspavillon und frage nach dem Pilgerweg in Richtung Avilés. Da zeigt mir das junge Mädchen ohne zu zögern eine Route, die Küste entlang nach Norden. Das ist garantiert völlig falsch, wie ich aus dem Bericht von R.W. weiß. Ich sage aber nichts; "hilfreiche" Spanier, auch wenn sie Blödsinn erzählen, darf man nicht blamieren. Also gedankt und innerlich kopfschüttelnd davon.

Abends in einem nahen Chinarestaurant gegessen. Sehr gut. Also, Gijón gefällt mir, und ich mag normalerweise keine Städte.

11. August 2003, Montag

Gut geschlafen (trotz Verkehrslärm), und um 5h45 schmeißt uns unser kleiner Wecker raus. (Es hat sich gelohnt, ihn mitzunehmen. Er hat einen Knopf, mit dem ich das Zifferblatt auch im dunklen Refugio kurz beleuchten kann. Sehr praktisch. Sonst habe ich oft unter der Zeitlosigkeit der Nächte gelitten, in denen der Morgen nicht kommen wollte.)

Die Rucksäcke gepackt. Gewissensfrage: Alles mitnehmen, auch wenn wir am Abend wieder zurück sind und kaum was von dem Kram brauchen? Nun, wir wollen "richtig" pilgern, aber als Kompromiss bleibt doch der Schlafsack zurück. Dafür werden mehr Vorräte eingepackt. 6h30 in Richtung ALSA-Busbahnhof los. Wie immer, haben wir am Vorabend die Strecke samt benötigter Zeit erkundet. Bald sind wir mit dem Regionalbus unterwegs. Es geht wie erwartet die alte Nationalstraße N-632 entlang, die bis Venta de la Ranas sehr schmal und kurvig ist, nichts für Fußpilger, wie R.W. richtig bemerkt hat. Wir kennen sie übrigens von 1998, als wir dort mit unseren 3 Bullis entlanggekommen sind. Wir fahren an der Abzweigung vorbei, wo es zur Küste abgeht, an der wir damals (bei schlechtem Wetter) gezeltet haben ...

Ab Venta de las Ranas, wo eine Schnellverbindung nach Villaviciosa abzweigt, ist die Straße kaum mehr befahren. Sie ist aber nicht der Pilgerweg, den R.W. 2002 nicht gefunden hatte. Vor der Stadt kreuzen wir die neue Autobahn Richtung Gijón. Sie ist noch nicht durchgängig fertig. Dann setzt uns der Bus im Busbahnhof von Villaviciosa ab. Ich muss einmal fragen, wo der Marktplatz ist. Es sind nur einige hundert Meter. Dann stehen wir vor dem Rathaus. Unsere Pilgerfahrt beginnt.


Ablauf der Pilgerfahrt

(zum Lesen der einzelnen Kapitel auf die entsprechende Überschrift klicken)

Kapitel 1: Camino del Norte (Von Villaviciosa bis Arzúa) (18 Etappen, 365 km)

Kapitel 2: Camino Francés (Von Arzúa bis Santiago de Compostela) (2 Etappen, 40 km)

Kapitel 3: Camino Finisterre (Von Santiago de Compostela bis zum Kap Finisterre) (3 Etappen, 88 km)

Kapitel 4: Von Finisterre nach Muxía (1 Etappe, 29 km)


Abschied von Muxía, Aufenthalt in La Coruña und Rückreise

05. September 2003, Freitag

In der Turnhalle von Muxía schläft alles bis zum Hellwerden. Unsere Pilgerfahrt ist vorbei, aber mein Körper begreift es noch nicht, auch nicht meine Psyche. Es scheint ein Morgen wie jeder andere zu sein. Frühstück und Abschied von den übrigen Pilgern. Wohl niemand läuft nach Finisterre. Viele wollen wie Rainer, der uns die letzten Tage begleitet hat, nach Santiago de Compostela zurückfahren, aber niemand nimmt den Frühbus um 7h30. Als wir gehen, ist nur noch ein Radfahrer da, der den Schlüssel zur Öffnungszeit um 11h00 im Pilgerbüro abgeben will.


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Santuario Virgen de la Barca
Mit Rainer gehen wir, die Kirche auf den Felsen, das Santuario, und den Ortskern weiter zu erkunden. Die erste Kirche, die wir erreichen, liegt am Rand des kleinen Stadtberges. Es ist die Pfarrkirche, nicht das Santuario; wie üblich, geschlossen. Wir lassen kühn unsere Rucksäcke zwischen Kirche und Berg liegen und laufen zum Santuario und der viel fotografierten Felsenküste. Das Santuario ist größer als ich nach den Fotos dachte; man kann durch ein Fenster die Figur der Virgen de la Barca sehen, die bei Umzügen feierlich herumgetragen wird.

Dann rasten wir auf den Felsen, schauen uns (bei gutem Wetter) das herrliche Bild mit der Küste vor uns an und meditieren. Rainer sitzt 200 m weit weg, ganz vorn am Rand. Einige, darunter auch gut gekleidete, Touristen kriechen unter dem "wundertätigen Felsen" hindurch, einer sogar wiederholte Male. Ich glaube, man soll dadurch von Sprachfehlern geheilt werden. Nicht aus Aberglaube, aber aus Spaß und weil wir die Tradition mitpflegen wollen, machen wir es den Spaniern nach. Es ist einfacher als es aussieht, auch wenn man teils auf den Knien rutscht.
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Der "wundertätige" Felsen

Zurück zur Pfarrkirche und auf den Stadtberg geklettert. Mein linker Oberschenkel macht sich noch etwas bemerkbar, so dass ich langsam klettere, sorgsam immer zuerst das rechte Bein hebe. Aber insgesamt im Vergleich zum Tag davor ein himmelweiter Unterschied. Eine weitere Tagesetappe hätte ich aber nicht geschafft, dann wären die Schmerzen der Zerrung sicher sehr schnell zurückgekommen. - Von oben eine herrliche Rundsicht nach allen Seiten. Auch wenn es nur einen kaum sichtbaren Pfad hinauf und hinunter geht: Das lohnt sich und ist eigentlich nicht gefährlich.

Unsere Rucksäcke blieben unangetastet. Wir schlendern zum Hafen, haben noch Zeit für ein Mittagessen in der Rúa Marina. In einem etwas einfacheren Restaurant gibt es eine kleine Speisekarte. Angenehm. Ich esse "Gambas a la plancha" (Garnelen) 8 Stück für 7 EUR. Frisch und köstlich gewürzt. Auch Rainer und meine Frau sind mit Essen und Preis zufrieden. An der Wand hängen Fotos von Schiffen, die hier an der Costa del Muerte (Todesküste) untergegangen sind: 1987 gleich 3 Schiffe, zuletzt sank hier 1998 eines.

Es sind nur wenige Meter bis zur Bushaltestelle vor dem Café "Noche y dia". Zu meinem Erstaunen hängt sogar ein Fahrplan im Fenster. Pünktlich zu 14h30 fährt der Bus nach Santiago vor. Ich habe der Hospitalera aus der Nase gezogen, dass wir in Berdoias, wo wir die C 552 von Cée nach La Coruña erreichen, aussteigen und in den Bus von Cée nach La Coruña umsteigen können. "Aber zwei Stunden warten!" sagte sie. - Dasselbe sagt nun auch der Busfahrer. Nein, wir sollen lieber den Bus um 16h00 nach Cée nehmen; Berdoias, das ginge doch nicht. Mir ist das Ganze unverständlich. Warum geht es nicht? Ich kann seinem Wortschwall nicht ganz folgen. Ich glaube zu verstehen, dass der Bus nach Cée dem anderen von Cée entgegenkommt und die Fahrer sich dann auf Umsteiger verständigen. Das ist mir zu riskant. "Also, fahren Sie jetzt über Berdoias oder nicht?" Er bejaht zögernd. Wir steigen ein. Der Bus fährt die andere Straße entlang, die wir sonst von Olveiroa-Hospital de Legoso gekommen wären, hätten wir nicht den Umweg über Finisterre gemacht. "Berdoias, das ist ein einziges Haus!" schüttelt der Fahrer nochmal über uns den Kopf. "Wir sind Pilger," erkläre ich ihm, "wir lieben es, in der Natur zu leben. Wir brauchen keine Häuser."

Kurz vor Berdoias verabschieden wir uns von Rainer. Der Fahrer zeigt uns noch die Haltestelle an der C 552, dann fährt der Bus direkt nach Negreira-Santiago weiter, nicht erst nach Norden bis Baio, wie der Santiago-Bus von Cée.

Berdoias. Ein Haus ist untertrieben. Es sind etliche Bauernhöfe, dazu ein Kramladen (evtl. auch gleichzeitig eine Bar). Wir brauchen nichts. Ich erkunde kurz die Richtung, in die ein Schild "Zum Dolmen" weist. Ein Bauer meint "Ca. 1 km entfernt". Das ist mir für meinen Oberschenkel zu weit. Wir rollen die Isomatten aus und schlafen etwas. Es ist sonnig und warm. Wir haben weder Hunger noch Durst, aber viel Zeit. Was braucht es mehr, um einen Pilger glücklich zu machen? Ich spreche ein Dankgebet und schnarch! bin ich weg.

Eine Stunde später stehen wir kurz vor 17h00 erwartungsvoll an der Bushaltestelle. Der 16h30-Bus von Cée könnte jetzt kommen. Um 17h00 kommt ein Bus in Sicht - und fährt ohne anzuhalten vorbei. O je, haben wir etwas falsch gemacht? Muss man außer mit dem Gepäck sichtbar an der Haltestelle stehen, vielleicht noch winken oder sich halb davorschmeißen? Hm, dieser Bus hatte kein Firmenschild und auch nicht die richtige Farbe. Ich gebe im Geiste eine Viertelstunde zu und plane Alternativen vor: 8 km bis zum nächsten größeren Ort laufen, dort übernachten oder irgendwie in Richtung La Coruña weiter ... 17h15: Ein Bus kommt, er ist wie erwartet türkisfarben und hat vorn ein Schild "Cée-La Coruña", biegt auch sofort auf die Haltespur ab. Hurra!

7,60 EUR pro Person, vergleichsweise nicht eben billig. (Von Muxía nach Berdoias waren es 1 EUR, und Rainer hat von Muxía nach Santiago nur 5,45 EUR bezahlt.) Wir sitzen ganz vorn und können uns die Landschaft ansehen. Der Busfahrer gibt der Zentrale durch, dass er in Finisterre aufgehalten wurde und Verspätung hat. Etwas Pech, diese Verkettung der Umstände, die uns eine Viertelstunde lang hat zittern lassen.


La Coruña.
Gegen 18h30 am Busbahnhof. Es gibt zwei Gründe, warum wir hierhin gefahren sind: 1. auf Empfehlung von R.W., der die Stadt als sehr schön beschreibt. 2. weil es von hier einen durchgehenden Nachtzug nach Barcelona gibt, und die Fahrkarten dazu haben wir schon in der Tasche (eine Woche vorher in Santiago de Compostela gekauft, diesmal rechtzeitig). Nächstes Problem: eine Unterkunft finden. Wir haben keinen Stadtplan, aber ich habe aus einem "Guía de alojamientos turísticos de Galicia" die Anschriften von bezahlbaren Hostals und Pensionen. In die Haupthalle: Neben einem großen "i"-Schild ist zwar kein Informationsstand, aber ein Stadtplan. Mit Schrecken sehe ich, dass die Altstadt ca. 2,5 km entfernt ist. Es ist mir zu riskant und mühsam, mit dem Gepäck dorthin zu laufen. Außerdem müssen wir morgen Abend zum Hauptbahnhof zurück, und der liegt ganz in der Nähe. Besser also hier eine Unterkunft suchen, entscheiden wir einmütig. Mühsam, auf dem Stadtplan an der Wand die Adressen zu finden und sich die Straßen dahin zu merken. So geht es wohl nicht. Dann habe ich die gute Idee, einfach am nächsten Zeitungskiosk einen Stadtplan, der auch ein alphabetisches Straßenverzeichnis hat, zu kaufen (2,45 EUR, die gut angelegt sind, auch wenn wir sonst unsere Stadtpläne immer im Oficina de Turismo gratis bekommen haben). Wieder die Adressen der nächsten Unterkünfte gesucht und eingezeichnet. Es ist inzwischen schon nach 19h00. Es wird Zeit, dass wir was bekommen, ehe es dunkel wird.

Gleich gegenüber dem Busbahnhof soll die erste Pension sein, in der Av. Fernandéz Latorre. Wir erreichen einen belebten Platz, links vor dem riesigen Kaufhaus "Corte de Inglés". "Schau mal, da drüben ist ein Hostal" sagt meine Frau. Tatsächlich, Hostal Palas, 2 Sterne. "Da gehen wir glatt hin", entscheide ich entschlossen. Um die Ecke in die Rúa Marqués de Amboage (die im weiteren Verlauf in die Av. Fernandéz Latorre mündet), eine Treppe hoch und zum Empfang. Eine alte Frau beäugt etwas misstrauisch unsere Aufmachung. Dann jedoch schaut sie in ihre Zimmerliste; ja, da ist ein Doppelzimmer frei, für 30 EUR. (Ist schon der reduzierte Preis ab 1.9., genau, wie es in meiner Unterkunftsliste steht; sonst 45 EUR). Mann o Mann, da wird gleich zugeschlagen. Und mit eigenem Bad und eigener Toilette und alles tipptopp. "Ja, äh," sagt die Frau, "ich müsste dann wohl um Vorauszahlung bitten." Ich kichere in mich hinein. Ich kann's ihr nicht verdenken. In Muxía habe ich mir 300 EUR besorgt und ziehe jetzt einen 50-EUR-Schein aus der Tasche. Da ist unsere Wirtin sichtbar beruhigt. - Wir sind ganz glücklich, so schnell an ein so gutes und gut gelegenes Zimmer gekommen zu sein. Genau gegenüber ist der Busbahnhof, und rechts, etwa 300 m entfernt kann man das Gebäude des Hauptbahnhofs erkennen. Alles bestens!


Hostal Palas **, Marqués de Amboage 21, 1. Etage, Tel. 981 247 400
Doppelzimmer mit Bad und Dusche 45,00 EUR, ab 1.9. nur 30,00 EUR
Gehobene Ausstattung, sehr zu empfehlen!

Wir haben nicht mehr die Kraft, in die Innenstadt zu laufen, dafür ist anderntags noch Zeit. Aber wir erkunden das Viertel bis zum Bahnhof. Im Restaurant dem Bahnhof gegenüber lernen wir einen neuen betrügerischen Trick kennen. Es gibt ein gutes Menü, doch, aber nach dem 2. Gang fragt der Wirt "Algo mas?" Ich denke, er sieht sich zu der Frage nach einem Zuschlag bewogen, weil wir entgegen den Gepflogenheiten der Spanier alles aufgegessen haben (einfache Fischsuppe, Stockfisch) und winke deshalb ab. So bekommen wir auch keinen Nachtisch. Ich denke, dass der doch vielleicht nicht inbegriffen war, obwohl meine Frau das behauptet. Auf der Straße sehen wir im Fenster das Menüangebot; Nachtisch gehörte doch dazu. Na, zur Vorsicht habe ich auch kein Trinkgeld gegeben, zumal der Wirt recht muffig war und die Teller wie beleidigt auf unseren Tisch geknallt hatte. Merke also: In Bahnhofsvierteln findet man zwar leicht ein günstiges Essen, aber der Betrug ist auch nicht weit. Weil's so gut geschmeckt hatte, litt unsere Laune aber nicht.

06. September, Samstag

Unser Zug fährt abends um 18h05. Also haben wir den ganzen Tag Zeit, La Coruña zu erkunden. Weil ich so schön bitte, dürfen wir unsere Rucksäcke bis 17h00 im Hostal lassen, obwohl sie den Platz am Empfang sehr einschränken.


Hafen von la Coruña Durch Anklicken vergrößern Wir laufen die Straße Marqués de Amboage hoch und kommen so zur Av. Fernandéz Latorre. Wir merken uns ein China-Restaurant, Hausnummer 54, in dem wir gegen 16h00 sehr gut und preiswert essen werden (Menü 5,35 EUR). Kurz danach rechts ab in Richtung Hafen und dann im Prinzip immer dem Rund des Hafens folgend. Unterwegs sehen wir gelbe Pfeile des Pilgerweges, die uns entgegenkommen.

Wir verbringen einen schönen Tag in der Altstadt, kommen an der von R.W. gelobten Unterkunft Hospedaje los Potes, Zapateria 15 vorbei.
Auf dem Rathausplatz kreuzt eine Folklorekapelle unseren Weg. Später landen wir vor der Santiago-Kirche in der benachbarten Bar, die auch "Los Potes" heißt. Tatsächlich sind die Besitzer identisch. R.W. hat einiges Nette über sie geschrieben. Ich erzähle dem Wirt, dass ein Pilgerfreund von mir letztes Jahr April hier war und die Hospedaje gelobt hat. Er freut sich. Zum Schluss geht es noch zum Strand (der natürlich die üblichen Teerbröckchen hat) und durch ein zweites Altstadtviertel, das vor Jahrhunderten von der eigentlichen Altstadt getrennt entstanden ist. Hier ist Touristenrummel. Jedes zweite Haus ist eine Bar oder ein Restaurant, der Rest Andenkenläden. Auch viele Übernachtungsangebote. Durch Anklicken vergrößern Santiago-Kirche in La Coruña

Mit etwas Mühe gelang es uns, bei der Air Berlin in Berlin anzurufen (mehrere Male besetzte Leitung) und unseren Flug zu bestätigen. Die Abflugzeit war unverändert.

Nach dem frühen Abendessen in dem erwähnten China-Restaurant holen wir unsere Rucksäcke im Hostal ab, bedanken uns sehr für die Freundlichkeit (weshalb ich hier auch Reklame für diese Unterkunft mache) und schlendern zum Bahnhof. Unser Zug ist schon da. Wir besichtigen die Schlafabteile, auf die wir aus Preisgründen verzichtet haben.


Trotz der 30 EUR pro Person mehr hätten wir ein Schlafabteil nehmen sollen. Wir hätten es tatsächlich für uns gehabt. Unten Sitzbänke und oben ausgeklappte Liegen mit Bettzeug. - Umgekehrt: Unser "1.-Klasse-Wagen" mit Sitzen, deren Kopfteil man gar nicht kippen kann, ist uralt. 16 1/2 Stunden in völlig unbequemen Sitzen, das wurde eine der schlechtesten Nächte der Fahrt. Eine glatte Fehlentscheidung mangels Detailwissen. Möge der Leser gewarnt sein und lieber die 30 EUR mehr hinblättern.

Zunächst war die Fahrt im Hellen noch ganz unterhaltsam. Wir kamen an einigen Stellen vorbei, an denen wir mit dem Pilgerweg die Schienen gekreuzt hatten. So kurz vor Baamonde, aber auch in Sarria konnte ich meiner Frau den Feldweg zeigen, den ich 1998 und 2000 aus der Stadt herausgegangen war. Sie reagierte zunächst skeptisch, aber dann kreuzte der Weg, wie von mir vorhergesagt, die Bahnlinie, und rechts waren deutlich ein Muschelstein und ein gelber Pfeil zu erkennen. "Na, du hast ja wirklich ein tolles Gedächtnis" gab sie zu.

Dann dunkelte es, und es gab nichts mehr zu sehen außer ein paar Lichtern. Um die Montes de León zu vermeiden, machte der Zug einen riesigen Bogen nach Süden und dann wieder nach Norden und Nordosten auf Ponferrada und Astorga zu. Nach meinem Fahrplan hatten wir immer mehr Verspätung. Erst kurz vor Barcelona holte der Zug von 60 Minuten Verspätung gut 20 wieder auf.

07. September, Sonntag

Um Mitternacht setzte ich gegen die Schlaflosigkeit das vorgesehene "Mittel" ein: Wir nahmen einen kräftigen Schluck aus der mitgenommenen Rotweinflasche. Kurz darauf hauten mich Wein und Müdigkeit um. Eine Stunde später kam ich wieder hoch. Mein linker Arm war eingeschlafen und kribbelte wie verrückt, mein Nacken tat weh, im Hals ein scheußlicher Geschmack. Ich fühlte mich sehr elend und hielt schon Ausschau, ob wenigstens die (sehr dreckige) Toilette frei war. Meine Frau ließ mich dann am Fenster sitzen, wo man den Kopf etwas besser betten konnte. Viel half es nicht. Die Stunden vergingen mit Übelkeit, Dösen, Dämmern und Wiederhochfahren, wenn der Zug irgendwo hielt. Nahm denn diese Nacht kein Ende? Erst als es hell wurde, kam auch mein Kreislauf wieder hoch, und wir beschauten uns die Ebro-Ebene, später das Küstengebirge und dann die Mittelmeerküste ab Tarragona. Zeitweilig fuhr der Zug direkt an der Brandung entlang, auf einem erhöhten Damm. Na, am Atlantik mit dem Gezeitenunterschied könnte man das nicht machen. Kurz darauf bereiteten wir unsere Rucksäcke vor, als das erste Hochhaus in Sicht war. Die übrigen Fahrgäste nahmen das als Zeichen der "Experten", ebenfalls ihre Sachen zusammenzusuchen, und tatsächlich, nur Minuten später hielt der Zug gegen 11h00 im Hauptbahnhof Barcelona-Sants.

Nun kannten wir uns ja aus. Wir fuhren mit der Metro zur Sagrada Familia. Bei strömendem Regen in unseren Umhängen zum Esperanto-Zentrum, zu dem wir ja den Schlüssel mitbekommen hatten. Alles dort sehr sauber und aufgeräumt. Und das weiche Doppelbett nach so einer Nacht! Wir riefen bei Karles in Terrassa an, dass wir und vor allem sein Schlüssel wohlbehalten wieder da waren. Es war aber nur Merced zu Hause, Karles war unterwegs und traf kurz darauf mit Sohn im Zentrum ein. Das Wiedersehen war herzlich.

Ohne uns lange ausgeruht zu haben (das ist typisch meine Frau), fuhren wir noch in den Güell-Park, in dem es viele Bauten und Skulpturen von Gaudi zu sehen gab (und wieder grüne Papageien). Wir waren bei Regen in Barcelona angekommen, und auch tagsüber gab es jetzt einige Gewitterschauer. Mein Regenumhang erregte viel Aufsehen, meine Frau begnügte sich mit ihrem kleinen Schirm. Nach einem frühen "Abendessen" gegen 16h30 in dem schon erwähnten China-Restaurant unweit des Busbahnhofs gingen wir früh ins Bett. Karles und Söhnchen schliefen in der Bibliothek.

08. September, Montag

4h45 ging unser Wecker. Brr! Wir standen ganz leise auf, um die anderen nicht zu wecken, und frühstückten. Dann ebenso leise (und ohne erneuten Abschied) aus dem Haus. Wir mussten gut 1/4 Stunde zu Fuß zur Metrostation Sagrada Familia, dann mit der Metro zum Bahnhof Sants, endlich Fahrkarten am Automaten für die Regionalbahn zum Flughafen lösen (passendes Kleingeld hatte ich mir zurückgelegt) und mit der Bahn weiter. Da wir die Zeiten großzügig berechnet hatten und uns im Bahnhof vorher schon Lage der Automaten und den Durchgang zum Regionalbahnhof gemerkt hatten, klappte alles wie am Schnürchen. Zum letzten Mal setzte ich am Flughafenschalter mein Spanisch ein, um einen Fensterplatz zu bekommen. Es klappte.

Der Flug mit der Air Berlin (noch besseres Frühstück als auf dem Hinflug) verlief pünktlich und reibungslos. Auch in Düsseldorf bekamen wir die früheste vorgesehene Zugverbindung, die Fahrkarten hatte ich schon vor der Hinfahrt gekauft. Am Wohnort holte uns unser jüngster Sohn vom Bahnhof ab.

Zu Hause. Man braucht Tage, um es als real zu registrieren. Ich sah mir die eingetroffene Post durch; jede Menge Probleme. Termine, Druck. Ich spürte den Drang, gleich wieder abzuhauen. Was sind Pilger doch für sorgenfreie, unbelastete, gottgeliebte Wesen! Werde ich je wieder auf dem Camino sein? Ich weiß es nicht ...


Letzte Änderungen: 20.06.2010