Im Jahre 2001 auf der Nordroute des Jakobswegs in Nordspanien
(Camino del Norte), von Irún nach Oviedo

Autor: Rudolf Fischer

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Pilger werfen
ihre Schatten voraus
(Bilder mit Rand sind "Vorgucker" und können vergrößert werden, indem man auf sie klickt.)

Einleitung und Resümee

Vom 19. Juli bis zum 12. August 2001 (25 Marschtage, 510 km) sind meine Frau Hedwig (links) und ich zu Fuß von Irún (an der französischen Grenze) nach Oviedo gepilgert. Hinzu kamen An- und Abreise. Der folgende Bericht soll vor allem künftigen Pilgern dieser Strecke viele Informationen und Tipps liefern, daneben aber auch möglichst amüsant von unseren Abenteuern berichten.

Diese Pilgertour war hart; 5 kg leichter kam ich nach Hause. Dass der Camino del Norte an der Nordküste entlang nicht mit dem Camino Francés, dem Hauptweg, zu vergleichen ist, wussten wir auch vorher. Er war wirklich ganz anders. Die wesentlichen Unterschiede sind:

Am Ende habe ich gesagt: "Gut, dass ich nicht vorher gewusst habe, was alles auf uns zukam. Aber jetzt bin ich froh, dass ich diesen Weg gegangen bin." - Ist es mit unserem Leben nicht genauso? Gerade auf dieser Pilgerfahrt ist mir aufgefallen, wie sehr das Pilgern ein kleines Abbild unseres Lebens ist. Man durchwandert es mit vielerlei Beschwerden, erlebt jeden Tag Tiefpunkte und Höhepunkte und sagt sich rückblickend doch: Ganz ohne Probleme und Anstrengungen wäre es auch nichts gewesen; gerade die schönen Momente kommen nur im Gegensatz plastischer heraus.

Für meine Frau und mich persönlich war diese Tour auch die Probe, ob wir es wochenlang auf engstem Raum miteinander aushalten, fast nur auf die gegenseitige Gesellschaft beschränkt. Das vor dem Hintergrund, dass ich ab dem 1. Juli nur noch teilzeitbeschäftigt bin und daher ab jetzt häufig zu Hause sein werde. - Nun, wir haben uns prima verstanden und sehen dem neuen Lebensabschnitt des gemeinsamen Altwerdens gefasst entgegen. Allein dafür hat es sich schon gelohnt.

Das Wichtigste vorab:

Orio (Baskenland): In der dortigen Jugendherberge wurden wir abgewiesen. Angeblich voll.
Liendo (vor Laredo): Hier hat ein Pilgerfreund im Pfarrzentrum übernachtet. Wir haben keinen Hinweis auf eine Pilgerherberge gesehen. Müsste überprüft werden.
Poo (hinter Llanes): Die Herberge war 2001 geschlossen.
Santillana del Mar: Entgegen anderslautenden Informationen sind Pilger auf dem Campingplatz nicht willkommen.
Cóbreces (zwischen Santillana del Mar und Comillas): (Nachtrag 10.12.2003:) Angeblich 2 Plätze im örtlichen Kloster.
San Vicente de la Barquera: Ein Pilgerfreund hat im Casa parroquial übernachtet und war sehr zufrieden. Inzwischen (Sept. 2002) bestätigt, aber nur 2 Betten vorhanden.

Piñeres: Das Refugio ist seit Dezember 2001 geschlossen. Unterkunft auf dem nahen Campingplatz (aber gegen normales Entgelt!).
Später haben Pilger doch noch übernachten können, obwohl die Herberge weiterhin offiziell geschlossen ist.

Das Kloster Valdediós (vor Oviedo) bietet eine geräumige Pilgerunterkunft an, die nicht in allen Refugio-Verzeichnissen erwähnt ist.

Oviedo: Böse Falle: Wer sonntags am Refugio ankommt, findet es geschlossen. Aber es gibt jetzt eine Telefonnummer: 985 228 525 .
Ergänzung von 2006: Der Herbergsbetreuer kommt auch ohne Telefonanruf um 19h00, sonntags um 19h45.
Werktags kann man bei "Modas Petri", Pedro Mestallón 5 (d.i. einige Häuser weiter) notfalls die Rucksäcke unterstellen.

Den ausführlichen Bericht über unsere Pilgerfahrt (gut 60 Seiten!) findet man in den Kapiteln 1 bis 3. Dazu unten im Abschnitt "Ablauf der Pilgerfahrt" auf die entsprechenden Kapitelüberschriften klicken.

Allgemeines

Finanzen: Wir haben wöchentlich zusammen etwa 50.000 P. (ca. 585 DM / 300 EUR), einschließlich Bahn- und Busfahrten bei An- und Abreise (außer Flugkosten), ausgegeben. Die Privatunterkünfte kosteten etwas mehr als auf dem Camino Francés: es ist uns aber immer gelungen, für ein Doppelzimmer nicht mehr als zwischen 4.000 und 5.900 P. (24 - 35,40 EUR) (einschließlich IVA, der span. Mehrwertsteuer) zu bezahlen. - Geldautomaten gab es in jeder Kleinstadt. Mit der Postbankkarte hatten wir diesmal keine Probleme. Ab 2002: Neue Umrechung: 1.000 Peseten sind ziemlich genau 6 Euro.

Mit Handbuch ist im Folgenden gemeint:
Michael Kasper: Nordspanien: Jakobsweg - Nebenrouten, Reihe Outdoor-Handbuch, Band 71, 2. Auflage 2001
Conrad-Stein-Verlag, ISBN 3-89392-371-3

Dieses Handbuch war unentbehrlich (bekomme keine Prozente). Bei der Fülle von Informationen ist es natürlich unvermeidlich, dass einiges nicht (mehr) aktuell war oder nicht (ganz) stimmte. Ich weise dann besonders darauf hin. Insgesamt war nicht immer klar, wo der Autor dem markierten Jakobsweg gefolgt ist und wo nicht. Wenn die Übereinstimmung klar war, ergänzten sich gelbe Pfeile und Handbuch in idealer Weise. An mehreren Stellen hätten wir uns ohne das Handbuch unweigerlich verlaufen (z.B. weil Baustellen die Wegezeichen eliminiert hatten). Zu vielen markierten Strecken bietet das Handbuch Alternativen, die alle nicht schwer zu finden waren und in der Regel langweilige oder zu lange, mit Pfeilen markierte Abschnitte durch landschaftlich reizvollere ersetzten. Aber: Meist wurde das dadurch erkauft, dass die alternative Strecke wesentlich mühsamer war (unwegsamer und/oder mit schlimmen Steigungen). Empfehlung: Sich mehr Zeit lassen, kürzere Etappen vorsehen (nur bis 20 km am Tag) und dafür die Landschaft genießen. Dann lohnt sich der Camino del Norte wirklich. Diejenigen, die über die "dauernden Landstraßenabschnitte" stöhnten, haben eben das Handbuch nicht gehabt.


Nachtrag vom 10.12.2003: Das obige Handbuch ist inzwischen nicht mehr lieferbar. Dafür ist im September 2003 ein neues erschienen, aber: Es beschreibt nur noch den Küstenweg ab Irún, und zwar mit dem Zweig über Ribadeo - Baamonde. Das heißt, dass u.a. der Camino primitivo über Oviedo nicht mehr enthalten ist. Um so wichtiger also zurzeit mein dementsprechender Bericht von 2002.

Auf der Suche nach Unterkünften hatte ich mir viel von den Touristenbüros (Oficina de Turismo) versprochen. Das war eine Enttäuschung! Bis auf zwei lobenswerte Ausnahmen (in Guernica und in Bermeo) gab es lediglich einen Stadtplan, mögliche Unterkünfte angekreuzt und ein "viel Spaß bei der Suche". Kein Mitleid mit armen Pilgern zu Fuß, die nicht so einfach eine Stadt abklappern können - und denen es zudem schwer fällt, auf Spanisch zu telefonieren. Denn gerade die Inhaber der billigeren Unterkünfte konnten keinerlei Fremdsprachen. Michael Kasper spricht von "langen Listen von Fremdenzimmern" (Handbuch, S. 86). Ja, wo waren die denn? Die meisten Städte hatten 2-3 Hostals, und das war's. Wir haben den Verdacht, dass es Privatzimmer nur "unter der Theke" gibt, denn einige unserer Gastgeber vermieteten offensichtlich an der Steuer vorbei. Wir haben nicht herausgefunden, wie man "normalerweise" an solche Zimmer kommt. Ich habe es in Bars versucht: Kein Augenzwinkern, kein An-die-Seite-Nehmen, kein diskretes Adresse-in-die-Hand-Drücken: Es gab angeblich nichts. Dazu möchte ich doch mal Spanienkenner hören. Uns hat es jedenfalls oft ins Schwitzen gebracht.

Erst spät fand ich heraus: Man sollte nach dem Guía oficial de alojamientos turísticos (Amtliches Unterkunftsverzeichnis) fragen. Den gab es in Kantabrien und in Asturien, sicher also auch im Baskenland. Hier findet man schon vorab sehr viele Unterkünfte verzeichnet, sogar mit (aktuellem!) Preis, an den sich die Gastgeber halten. Telefonisch lässt sich so das Unterkunftsproblem wesentlich mildern (wenn man genügend Spanisch kann). Klar, dass ein unbekannt großer Teil von Unterkunftsmöglichkeiten nicht in diesen Führern verzeichnet ist, aber man hat doch schon mal was in der Hand, bevor man das Touristenbüro in der jeweiligen Stadt gefunden hat. (Man braucht dort nur noch den Stadtplan und lässt sich die telefonisch gebuchte Unterkunft einzeichnen.) Wie gesagt, darauf bin ich nur durch Zufall und zu spät gekommen, als dass wir es noch nutzen konnten. Das einzige Mal, bei dem ich diese Methode anwandte, nämlich in Pola de Siero, war das Hostal bereits ausgebucht.


Als Notnagel hatten wir ja ein Zelt dabei. Das hat sich doch sehr bewährt. Insgesamt haben wir es acht Mal eingesetzt. Auf Campingplätzen waren wir (als zahlende Gäste mit wenig Platzbedarf) willkommen. Einige Campingplatzleitungen waren sogar ausgesprochen pilgerfreundlich (z.B. in Itxaspe vor Deba). Auch konnte man ohne weiteres erst um 20 Uhr eintreffen und fand (für so ein kleines Zelt) immer Platz. Einziger, aber schwerwiegender Nachteil: unser Billigzelt hat zwar Regen ausgehalten, aber bei schlechtem Wetter wurde doch alles kompliziert. Ein nass eingepacktes Zelt musste über Tag getrocknet werden; außerdem war es auch ohne Regen regelmäßig nass, von innen, vom Kondenswasser. (Das ließ sich nur in Ausnahmefällen vermeiden: die ganze Nacht keinerlei Niederschlag und ein frischer Wind). Insgesamt überwogen die Vorteile, denn "auf zum nächsten Campingplatz" war einige Male die letzte Rettung, eine Unterkunft zu finden bzw. allzu lange Etappen aufzuteilen.

Jugendherbergen sind in Spanien relativ teuer (ca. 2.500 P./15 EUR pro Person, das reicht an Pensionszimmer heran). In Bilbao und in Hondarribia (hinter Irún) gab es Pilgersonderpreise, in Orio nur eine Abfuhr. In San Sebastián haben wir es nicht probiert (s.u.), obwohl die offensichtlich neuere Herberge sehr nahe am Pilgerweg liegt (aber leider am Ende der Stadt).

Refugios: Wir haben nur das in Santander und die in Asturien zwischen Piñeres und Oviedo ausprobiert, weil wir auf die Angaben des Handbuchs fixiert waren. Von anderen Pilgern erfuhren wir, dass es noch weitere gibt, insbesondere in Kantabrien. Tipp: Im Refugio Santander hängen Bilder von weiteren Pilgerunterkünften in Kantabrien und Asturien. Leider reicht die blanke Ortsangabe in der Regel nicht, um herauszufinden, wo das nun ist. Denn viele Orte haben mehrere Namen und Ortsteile, und die Refugios werden mal hiernach, mal danach benannt. Dem könnten im Prinzip Karten abhelfen, auf denen auch kleine Dörfer eingezeichnet sind. Aber: Fehlanzeige!

Das war eine zweite herbe Enttäuschung: Ich hatte fest damit gerechnet, mir für die Feinplanung einiger Wegabschnitte Wanderkarten 1:50.000 oder 1:100.000 zu kaufen. Die gab es einfach nicht (außer für einen Teil Asturiens um die Picos de Europa)! Stolz reichte man uns Karten der Provinzen Baskenland, Kantabrien bzw. Asturien, aber auf denen waren gerade die wichtigsten Landstraßen vermerkt und nicht einmal alle größeren Dörfer. Leider sind auch auf den Übersichtskarten des Handbuchs sehr viele kleine Orte nicht eingezeichnet. Deshalb war es uns meist unmöglich, planend abzuschätzen, wie weit ein Umweg wirklich war und ob es nicht eine Abkürzung gab. Manchmal haben wir sie im Nachhinein gesehen und uns geärgert.

Dasselbe galt für die Lage der Campingplätze. Ich hatte drei Kartenwerke, aber es nutzte wenig: auf dem einen (in Spanien gekauft) standen überhaupt keine Campingplätze, auf dem zweiten (Michelin) nur ein allgemeiner Hinweis hinter dem Ortsnamen (also ohne Anzeige der wirklichen Lage), auf dem dritten (HB-Heft) waren sie lagegerecht eingezeichnet, aber das war völlig veraltet. Nur die Wanderkarte von den Picos (1:80.000, in Comillas gekauft), die auch den Küstenabschnitt von Unquera bis Ribadesella enthält, zeigt die Lage der Campingplätze zuverlässig an. - Speziell bekamen wir in Santander einen Prospekt mit allen kantabrischen Campingplätzen, immerhin mit einigen wissenswerten Angaben. Aber: Statt die Anfahrt zu beschreiben oder eine Skizze der Lage zu enthalten, gab es schöne Bilder und darunter nur Werbetexte mit den üblichen Anpreisungen: gut ausgestattet, herrliche Umgebung, usw.

Ein paar Mal half das Handbuch, wenn der dort beschriebene Weg einen Campingplatz erwähnte. Aber das war längst nicht immer der Fall. So passierte es immer wieder, dass wir zwar eine Stadt erreichten, die einen Campingplatz hatte; aber dann konnten wir noch rumsuchen und einige Kilometer zusätzlich laufen. Auch jubelten wir zwar, wenn ein Schild "Campingplatz" zur rechten Zeit an der Straße auftauchte. Aber das bedeutete nur, dass die Abzweigung zum Campingplatz angekündigt wurde. Insgesamt wären Kopien aus einem aktuellen Handbuch der spanischen Campingplätze nicht schlecht gewesen. Aber nachher ist man immer schlauer. Der absolute Reinfall: Nachdem wir unsere Tagesetappe entfernungsmäßig schon hinter uns hatten, stellten wir in Mogro fest, dass der dortige Campingplatz (auch in dem schönen Prospekt von Santander enthalten) nicht mehr existierte. Da hätte natürlich auch kein Handbuch genützt.

Ein weiterer Punkt, der uns belastete, waren die Hunde. Im Baskenland hielt es sich in Grenzen, denn da gab es in den Bergen nicht so viele kleine Orte und Bauernhöfe. In Kantabrien war es schon schlechter, und in Asturien, besonders die letzten 30 km vor Oviedo, wurde es ganz schlimm. Ich bin vielleicht ein nervenschwacher Typ, aber ich möchte doch den sehen, der nicht nervlich beeinträchtigt ist, wenn er an einem Zaun oder einer Hecke vorbei muss, hinter denen ein oder mehrere Ungeheuer (nicht angeleint!) toben, die die Abgrenzung offenbar mühelos überwinden könnten. Manchmal hingen die Hunde auch schon auf der Mauer, in zwei Fällen kam ein größerer (von den kleinen unter Schäferhundgröße spreche ich gar nicht) hinter uns her auf die Straße. Einmal hatte ich einen Giftzwerg hinten an der Hose. Die Besitzerin sagte nur uninteressiert etwas wie "Fifi, du sollst doch nicht immer Pilger beißen", ohne sich um uns zu kümmern, obwohl meine Frau angelegentlich die schimpfierte Hose auf Schäden untersuchte. Das war neben der Klostermauer von Valdediós. Ich muss gestehen, dass ich manchen Nebenweg zugunsten der Landstraße ausgelassen habe, weil mein Tagesbedarf an beinahe gefährlichen Situationen (das "beinahe" weiß man ja immer erst hinterher) gedeckt war. Insgesamt waren die Hunde eine wesentliche Beeinträchtigung der Freude am Pilgern, aber eine Lösung habe ich nicht dafür anzubieten.

Von Menschen hatten wir nichts zu befürchten, obwohl ich trotzdem Frauen abraten würde, allein die oft sehr einsamen Waldwege zu gehen. Man begegnet dort durchaus einzelnen wandernden Männern, und auf der Landstraße treiben sich ja auch viele Fremde herum. Aber zu zweit kam ich mir nicht gefährdet vor. Auf dem Campingplatz macht man sich kurz mit seinen Zeltnachbarn bekannt, und dann ist auch das Eigentum sicher. - Ein Lob den Autofahrern: Obwohl wir auch sehr viele Kilometer Land- und Fernstraße gegangen sind, gab es keine einzige kitzlige Situation. Bis auf einige jugendliche Sonntagsfahrer fuhren alle vorsichtig, denn es waren immer auch Fußgänger und Sportradfahrer hinter jeder Biegung und jedem Huckel zu erwarten. Da wir mit aufpassten und manchmal einem Lastwagen zugunsten auch in den Graben auswichen, winkte uns mancher dankend zu. Die moderneren Straßen hatten einen Seitenstreifen, und da war sowieso keine Gefahr. Umgekehrt haben uns Pilgern Autofahrer positive Signale zukommen lassen: fröhliches Hupen, anfeuerndes Geschrei, Applaus zum Fenster raus: offensichtlich fanden es viele toll, wie wir unterwegs waren. Sicher waren manche selbst einmal gepilgert. Selbst Radfahrer riefen "Ánimo" (Mut) und grüßten als Kumpel der Landstraße. (Ein Hupsignal mag gelegentlich auch mal Zorn über die Verkehrsbehinderung bedeutet haben, aber in diesem Fall war ich entschlossen, positiv zu denken.)

Als Pilger wurde man oft nicht erkannt. Je weiter wir nach Westen kamen, desto besser wurde das aber. Besonders die Landbevölkerung an dem markierten Pilgerweg war an abenteuerliche Gestalten gewöhnt und rief uns manchen Gruß und manche Aufmunterung zu. Das war schön! Kam man in eine Bar, schaute alles prüfend. Ein lautes "buenos dias" bzw. "buenas tardes" und ein freundliches Nicken in die Runde brachen dann sofort den Bann. Der eine oder andere fragte dann auch nach dem Woher und Wohin. Respekt vor der sportlichen Leistung war dann die übliche Reaktion.

In den Städten hingegen (sogar in Oviedo), besonders an den Strandpromenaden oder gar Stränden, erregten wir (ein für uns unliebsames) Aufsehen. Da gab es erstaunte, amüsierte und sogar verächtliche Blicke: Gesindel, Masochisten, verrückte Spinner, las man in manchen Augen. Der Empfehlung von Frau de Castro von der Pilgerbruderschaft Paderborn folgend trugen wir kleine Streifen mit den deutschen Farben an Hut und Rucksack. Auch wiesen wir uns für den Kenner durch Muscheln als Pilger aus. Das half aber nicht immer, für manche blieben wir "verdächtige Landstreicher".

Sogar bei einigen empfohlenen Pilgeranlaufstellen galt offenbar: Pilger sind unangenehme Bittsteller und Schnorrer. Fast wären wir bei der Franziskanergemeinschaft in der "Herberge zum Guten Hirten" (ausgerechnet!) in Laredo nicht untergekommen, hätten wir uns nicht beeilt zu versichern, dass wir "natürlich wie normale Touristen" unsere Unterkunft bezahlen wollten; erst da öffnete sich die Tür weit... Nach dieser und ähnlichen Erfahrungen haben wir es so gehalten: Meine Frau hat das Gepäck aufgepasst; ich habe alle Pilgerkennzeichnungen abgelegt (und sah dann nur noch wie ein Tourist mit schmalem Geldbeutel aus) und mich zu Fuß auf die Suche nach einem Zimmer gemacht. Erst wenn ich den Schlüssel in der Tasche (und natürlich auch bezahlt) hatte, holte ich "Frau und Gepäck nach", und wir "demaskierten" uns als Pilger. Ist das nicht eine Schande, dass man das so machen muss?

Ähnlich bei den Touristenbüros: Fing ich an mit "Wir sind Pilger und...", dann gingen die Augenbrauen schon hoch, und mancher Dame entfuhr ein gequältes Seufzen. "Dafür haben wir leider nichts." unterbrach man mich dann gleich. "Nichts Kostenloses" sollte das heißen. Sind Pilger denn so als Schnorrer und (unverschämte?) Bittsteller berüchtigt? "Es geht nicht um Herbergen", konterte ich später immer sofort, "normale billige Unterkünfte für Touristen, das Doppelzimmer so bis 6.000 P. (36 EUR) herum." Erst nach diesen Klarstellungen kam es zu "normalen Geschäftsbeziehungen".

Hier muss gründlich nachgeforscht werden, warum die Pilger so ungern gesehen sind. Haben schlechte Beispiele die guten Sitten verdorben? Das kann natürlich sein. Wir atmeten jedenfalls auf, als wenigstens der Empfang an den Refugios (und im Kloster Valdediós) freundlich bis herzlich war.

Der Gipfel der Abweisung war ein Anschlag an der Kirchentür von Cóbreces: Dort stand sehr barsch:
1. Hier gibt es im Ort keinerlei Pilgerherberge. 2. Für anderslautende Informationen, irreführende gelbe Pfeile u. dgl. sind wir nicht verantwortlich. 3. Wir werden gegen jeden vorgehen, der anderes verbreitet. 4. Einen Stempel gibt's auch nur bei Nachweis einer vorherigen religiösen Übung. (Prust!) - Wie begossene Pudel schlichen wir davon, bildeten uns ein, dass die Passanten schon mit dem Finger auf uns zeigten. Dabei hatten wir gar nichts Böses getan. - Meine Vermutung: Im Ort gab es ein Restaurant "El Refugio", und das könnte den Wirbel durch ein Missverständnis ausgelöst haben. Im Handbuch von Michael Kasper stand natürlich auch nichts Falsches, und wir selbst wollten in Cóbreces auch gar nicht unterkommen, nur in die Kirche gehen... Tatsächlich sahen wir anschließend zwei irreführende Pfeile, an denen uns das Handbuch aber sicher vorbeiführte...


Nachtrag vom 10.12.2003: Inzwischen habe ich mehrere Meldungen bekommen, dass man in Cóbreces doch unterkommen kann, und zwar in einem Kloster. Es sollen aber nur 2 Plätze sein.

Anreise über Bilbao

18. Juli 2001, Montag: Wir flogen vom Flughafen Münster-Osnabrück mit der Lufthansa nach Frankfurt und von dort nach Bilbao. Das Flugzeug flog bei bester Sicht vom Meer an und drehte eine Riesenschleife über dem Festland, um Bilbao von Süden zu erreichen. So konnten wir die Küste, die wir bald entlangpilgern sollten, gut in Augenschein nehmen. Strände und Inseln lockten und versetzten uns in große Vorfreude.

11:45 Uhr landeten wir pünktlich. Unser Plan war, uns in die Stadt zum Busbahnhof durchzuschlagen und dort um 14:00 Uhr einen Bus nach Irún (ca. 120 km) zu besteigen. Von Irún aus sollte die erste kurze Etappe nach Hondarribia gehen. Dort wollte ich eine Wanderkarte kaufen und uns beim Touristenbüro eine Unterkunft besorgen, notfalls in der Jugendherberge. Dieser schöne Plan wurde durch die Lufthansa zunichte gemacht, denn diese hatte den Rucksack meiner Frau verschlampt. So mussten wir gleich zu Anfang unseren einzigen Reservetag verplempern. Ich war wirklich sauer.

Tipp: In Bilbao befindet sich gleich in der Halle, wo die Gepäckbänder sind, ein Stand des Touristenbüros, bei dem man einen Stadtplan und Unterkunftstipps bekommt.

Am Reklamationsschalter durfte ich gleich mein Spanisch testen. Nein, wir hatten keine Adresse in der Stadt, wir wollten nach Irún. Nein, auch dort hatten wir keine Adresse, an die man den Rucksack weiterschicken konnte. Wir sollten trotzdem ruhig fahren, sagte die Dame. Ich dachte ja nicht daran zu riskieren, in Irún oder Hondarribia abends noch ohne Rucksack dazusitzen. Also, in die Stadt und eine Unterkunft besorgen. Die Dame gab uns die Telefonnummer ihres Schalters. Das war's. - Wie noch oft hatten wir Glück im Unglück: Ich besaß die Adresse der Jugendherberge und einen Stadtplan. Auch wusste ich von einer neuen Busverbindung in die Stadt: Aus der Ankunftshalle raus, stand tatsächlich gleich rechts ein Bus. Linie 3247 (manchmal nur mit "47" gekennzeichnet), Endstation: Plaza Federico Moyua. Der Flughafen liegt jenseits einer Hügelkette ca. 7 km vom Stadtzentrum Bilbao entfernt. Eine Fahrt 145 P. (4 Wochen später 155 P.). Achtung: An der Plaza de Moyua gibt es keinerlei Hinweis auf eine Bushaltestelle. Der Bus fährt vor einem Gebäude mit der Inschrift Delegación de Hacienda (mit Stufen davor) vor bzw. ab. Der Bus ist deutlich mit "Aeropuerto" beschriftet.

Von der Plaza Moyua fuhren wir mit der Metro 2 Stationen nach San Mames (150 P.) und liefen von dort aus am Busbahnhof vorbei zur Jugendherberge. Diese sollte man besser Jugendgästehaus nennen, denn es handelt sich um ein riesiges, mehrstöckiges Gebäude, das im Süden, leider direkt an der Autobahn liegt (ohne die Fenster zu schließen, kann man kaum schlafen).

Tipp: Eine bessere Verbindung ist folgende: Von der Plaza Moyua die Prachtstraße (Allee) Lopez de Haro entlang (schräg gegenüber der Bushaltestelle, zwischen den beiden Metrostationen; nicht in die entgegengesetzte Richtung laufen!) bis zur Plaza Circular. Dort fährt die Buslinie 58, direkt gegenüber dem Ausgang des Hauptbahnhofs Bilbao-Abando nach Süden bis fast zur Jugendherberge (Fahrpreis: 130 P.); die Zielhaltestelle ist leicht zu finden: es ist die erste nach der Brücke über die Autobahn, von wo man den Riesenbau (142 Betten, mit Nebengebäuden für Seminare, usw.) schon sieht. An der Haltestelle am Bahnhof ist die 58 angegeben, aber leider (wie überall) ohne Fahrplan. Der Bus fährt bis abends in Abständen von etwa einer halben Stunde. Einen Fahrplan gibt's in der Herberge.


Albergue Bilbao aterpetxea, Carretera Basurto-Kastrexana, 70, ES-48002 Bilbao, Tel. 0034 944 270 054, Fax 0034 944 275 479,
Netzpost: aterpe@albergue.bilbao.net
Voranmeldungen/Buchungen erwünscht!


In der Jugendherberge zeigten wir unsere Pilgerausweise vor und bekamen den Super-Pilgersonderpreis von 700 P./4,20 EUR (normalerweise über 2.000 P./12 EUR) einschließlich sehr gutem Frühstück. Leider wurden wir aber getrennt untergebracht. Auf dem Zimmer meiner Frau lernten wir Rosemarie, eine andere Pilgerin kennen, die von Santander aus loslaufen wollte. - Die Jugendlichen auf meinem 6-Bett-Zimmer kamen erst gegen 4 Uhr ins Bett, ziemlich kichernd. Sie hatten wohl mein Schnarchen von draußen gehört. Am andern Morgen entschuldigten sie sich für den Lärm. Ich fand's aber nicht schlimm; sie hätten sich schließlich genauso gut über mein Schnarchen beschweren können. Am Morgen hatte man Toiletten und Duschen für sich. Wer kein Pilger ist, der schläft nach spanischem Rhythmus, und das heißt: irgendwann spät nachts rein und bis mindestens um 10 Uhr schlafen (wenn man nicht arbeiten muss).


Doch zuvor lernten wir noch Bilbao und besonders die Strecke zum Flughafen kennen. Mehrfache Anrufe am Reklamationsschalter waren ergebnislos, es nahm niemand ab (wohl Siesta). Gegen 18 Uhr fuhren wir also auf Verdacht wieder zum Flughafen (diesmal erst mit der Linie 58, wie oben beschrieben). Am Schalter war eine andere Dame, die gleich den vermissten Rucksack rausrückte. Er war mit der nächsten Lufthansa-Maschine 4,5 Stunden später gekommen. Die Isomatte wies Beschädigungen auf. (Deshalb vermuten wir, dass der Rucksack von der Transportkarre gefallen ist.) Es ist anzuraten, die Isomatten besser zum Handgepäck zu nehmen, was wir auf dem Rückflug auch taten. - Am Ende waren wir froh, den Rucksack überhaupt bekommen zu haben. Bei der bloßen Vorstellung, er wäre verschwunden geblieben, brach mir der kalte Schweiß aus. Dann hätten wir gleich alles über den Haufen werfen können... Durch Anklicken vergrößern Ein "bunter Hund" vor dem Guggenheim-Museum in Bilbao

Zwei "verdächtige" Gestalten abmarschbereit im Regen vor dem Jugendgästehaus Bilbao. Durch Anklicken vergrößern 19. Juli 2001, Donnerstag: Mit einem guten Frühstück im Magen zogen wir am andern Morgen mit Rosemarie zusammen fröhlich zum Herbergstor hinaus, doch o Schreck: es regnete in Strömen. Also gleich wieder rein! Als es nur noch nieselte, gingen wir aber entschlossen los. Ich sang sogar das Pilgerlied. Zunächst zum Busbahnhof Termibus und Fahrkarten gekauft. (Bilbao-Irún 1.110 P./6,66 EUR, wie immer sehr billig). Dann Abschied von Rosemarie, die nach Santander fuhr. Sie hat meine Internetzadresse, und wir hoffen, von ihr zu hören. Wir fanden es sehr mutig, dass sie als Frau allein zu Fuß unterwegs war. - Der Bus kam mit ziemlicher Verspätung, aber er kam. Irún war weit weg, und dort war das Wetter sicher besser, dachten wir. Denkste! Als wir um 12:40 Uhr in Irún aus dem Bus kletterten, goss es erst richtig. Das fing ja toll an. Wir machten es wie Hägar: einfach erst mal in die nächste Bar flüchten. (Weiter im Kapitel 1)

Ablauf der Pilgerfahrt

(zum Lesen der einzelnen Kapitel auf die entsprechende Überschrift klicken)

Kapitel 1: Von Irún nach Bilbao (9 Etappen, 186 km)

Kapitel 2: Von Bilbao nach Llanes (9 Etappen, 202,5 km)

Kapitel 3: Von Llanes nach Oviedo (7 Etappen, 121,5 km)


Rückreise über Burgos und Bilbao

Die Rückreise begann am Montag, den 13. August, von Oviedo aus. Wir verließen um 9:00 Uhr das Refugio, ließen den Schlüssel auf dem Empfangstisch liegen und zogen einfach die Tür zu. Da noch Zeit war, besuchten wir noch die Kirche San Julián, die im sog. asturischen Stil, noch vor der Romanik, erbaut wurde. Zwar war sie montags geschlossen, aber wir durften wenigstens an der Putzfrau vorbei hineinlugen.

Dann wollten wir uns noch einen Stempel für unseren Credenciál besorgen, aber da wusste (ausgerechnet in Oviedo) keiner Bescheid: das Touristenbüro schickte uns zur Cámara Santa in dem Dom, dort verwies man uns an die Sakristei... Wir winkten ab und gaben es auf.

Die Zugfahrt nach Bilbao kostete 5.400 P. pro Person (ca. 60 DM/32,40 EUR). Der Zug hatte nur zwei Wagen, mit Großraumabteilen, Klimaanlage, usw. Die Fahrt durchs Kantabrische Gebirge bis León war ein Erlebnis. Dann kam die Meseta. Ich erkannte tatsächlich den Abschnitt des Camino wieder, den ich mit Harald im letzten Jahr gegangen war. Gegen 14:45 Uhr (mit 3/4 Stunde Verspätung) kamen wir in Burgos an. Draußen tobte ein Gewitter. Im Bahnhof kein Informationsstand und kein Stadtplan (umsonst) zu bekommen. Wir beschlossen, zuerst zum Refugio zu gehen, um dort zur Not zu übernachten. Auf dem Weg dorthin sah ich vor dem Park, in dem das Refugio ist, einen Informationskiosk, der ab 17 Uhr geöffnet sein sollte. Hervorragend!

Meine Frau kannte Burgos und damit das Refugio noch nicht. Wir erhielten für zus. 1.000 P (6 EUR). Bett 84 und 85, idiotischerweise weder über- noch nebeneinander. Die zwei Holzbaracken mit den Schlafräumen enthielten jede über 60 Betten, so dicht aneinander, dass (bei vergitterten Fenstern) auch am Tage bei einem Feuerausbruch die meisten den einzigen Ausgang nicht mehr lebend erreicht hätten. - Um 17 Uhr zum Infokiosk. Die junge Dame gab uns fix einen Stadtplan, zeichnete einige nahe Hostals im gewünschten Preisrahmen ein, und schon konnten wir los. An der Straße zum Bahnhof vorbei in Richtung Innenstadt, dann rechts in die Straße La Concepción, 14, Hostal Termiño. Dort bekamen wir sofort ein Zimmer mit eigenem Bad für 5.500 P./33 EUR. Super! Gleich wieder zurück zum Refugio. Dort wimmelte es (bei anhaltendem Regenwetter) schlimm. Wir packten fix und meldeten beim Empfang die Betten als frei (die 1.000 P. ließen wir gern als Spende dort), damit zwei arme Pilger weniger auf der Straße lagen. Dann ging's in bester Laune in die Innenstadt, wo der Dom allerdings schon geschlossen war. Nach einigem Suchen fanden wir auch ein passables Lokal für ein Abendessen.

14. August 2001, Dienstag: Herrlich geschlafen und dankbar rumgehangen. Die Darmgrippe überwunden: endlich wieder Appetit! Neben dem nahen Stadttor Arco de Santa María gab's ein spanisches Frühstück (235 P.). Dann endlich zum Dom und später noch zur Festung rauf. Schließlich ein Stück den Jakobsweg durch die Innenstadt entlang. In der Calle de los Avellanos fanden wir ein kleines Lokal Mesón Astorga, in dem es tatsächlich wie draußen angekündigt ein Mittagsmenü für nur 1.000 P./6 EUR gab. Und zwar u.a. mit Bacalao (Stockfisch) in Tomatensoße. Hmmmm!


Meine Frau sagte wiederholt, dass sie es als angenehm empfand, so viele Pilger in der Stadt zu sehen. Hier wurde man nicht mit einem Landstreicher verwechselt. Zwei Damen aus Oregon/USA standen hilflos vor einer neuen Bronzestatue, die einen fast nackten und lädierten Pilger darstellte. Wir erklärten, worum es ging. Sie waren begeistert. In den USA könne niemand einfach so durch die Lande ziehen, das sei viel zu gefährlich, auch auf Campingplätzen.

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Bronzeskulptur eines Pilgers in Burgos

Danach kam eine sprachliche Bewährungsprobe: In Bilbao in der Herberge anrufen, dass wir das 4 Wochen vorher bestellte Doppelzimmer weiterhin haben wollten, aber nicht vor 21 Uhr (statt 20 Uhr) ankommen konnten. Es meldete sich nur der Anrufbeantworter. Nach zwei weiteren Versuchen las ich dann einfach meinen vorbereiteten Text ab und sprach ihn auf Band. Geht denn da nie jemand ans Telefon? - Zu unserem Schreck hatte der Zug nach Bilbao auch noch 3/4 Verspätung, was außer uns niemand zu beachten schien. Nach einer landschaftlich wieder sehr schönen Fahrt durch das Kantabrische Gebirge erreichten wir gegen 20:45 Uhr Bilbao.

Zum Glück kannten wir uns ja aus. Raus aus dem Bahnhof und gegenüber zur Bushaltestelle. (Laufen hatte zeitlich gar keinen Sinn.) Glück: Schon um 21 Uhr kam ein Bus. - 21:20 Uhr bin ich am Empfang der Jugendherberge: Unser reserviertes Zimmer ist vergeben, weil wir nicht um 20 Uhr da waren! "Aber ich habe Ihnen doch eine Nachricht auf den Anrufbeantworter gesprochen", stottere ich. "Tja," meint die junge Dame, "ich war heute hier allein und hatte keine Zeit, ihn abzuhören." Mir klappt der Unterkiefer herunter: Wozu haben die denn dann überhaupt ein Telefon und sogar einen Internetzanschluss? Wir sollen wieder getrennt werden. Ich bin sehr böse. Meine Frau beschwichtigt mich: Hauptsache ein Dach über dem Kopf, um diese Zeit bekommt man sowieso nichts anderes mehr. Die junge Dame bietet eine Alternative an (ich glaube, "Mehrbettzimmer" zu verstehen), bei der wir offenbar zusammenbleiben können. Wir nicken heftig, das nehmen wir. Sie hatte aber einen Tagesraum gemeint. Zu unserer Verblüffung wurden Tische und Stühle (wir halfen sofort eifrig mit) zusammengeschoben, zwei Klappbetten aufgestellt - und wir hatten doch noch unser Doppelzimmer! Gleich danach rannte ich zur Anmeldung zurück und sagte der jungen Dame, dass sie eine tolle Lösung gefunden habe und wir äußerst zufrieden seien. Dann will ich zahlen (die Pilgerausweise hatten wir schon abstempeln lassen). Da sagt sie doch glatt: "Geht auf Kosten des Hauses wegen unseres Irrtums, und hier sind die Frühstücksmarken." Da klappte mir zum zweiten Mal an diesem Abend der Unterkiefer herunter.

15. August 2001, Mittwoch:. Trotz Autobahnkrach (wir ließen ein Fenster los) gut geschlafen. Ehrensache, dass der Tagesraum peinlichst genau wieder hergerichtet wird. Klappbetten und Bettwäsche abholbereit vor der Zimmertür.

Aber vorher noch Waschen. Wir sind im 1. Stock (Tagesräume, Essräume, usw.), im 2. Stock ist alles nur für Behinderte. Also hoch zum 3. Stock, zur Männerabteilung der Duschen und Toiletten. Wie gehabt, die übrigen Gäste schlafen noch, ich habe alles für mich allein. Die Toilette hat ein komisches Schloss mit integriertem Sperrriegel im Handknauf. Vor 4 Wochen hätte ich das fast nicht wieder aufbekommen, hatte ich meiner Frau gegenüber bemerkt. Diesmal muss ich nach erledigtem Geschäft auch fummeln, klemmt irgendwie. Ich probiere weiter, erst ruhig und systematisch, dann mit wachsender Panik. Herr, lass es nicht wahr sein! Ich sitze in der Toilette fest, niemand weit und breit - und das bei meiner Klaustrophobie! Mir bricht der Schweiß in Strömen aus, ich atme in Panik, reiße mir die Jacke runter, weil ich schon zu ersticken glaube. Krieg ich überhaupt Luft? Ich rede mir selbst laut zu, verweise auf den kleinen Türspalt unten (sehr klein). Aber es gibt kein Fenster, und ich kann nicht raus. -

Merkwürdigerweise lässt die Panik auf einmal nach. Ich weiß heute noch nicht, was da in meiner Psyche abgelaufen ist. Nach erneuten vergeblichen Versuchen (ich bin garantiert wie immer zu blöd, jeder Schimpanse wäre schon drei Mal draußen) überwinde ich meine Scham, in so einer lächerlichen Situation zu stecken, donnere mit der Faust gegen die Tür und schreie in mehreren Sprachen um Hilfe. Immer wieder mit "Leute, hierher, in die Toilette", denn sonst hört man mich zwar womöglich, sucht aber erst herum. Die Faust tut weh. Ich nehme den Sandalenabsatz, trommele SOS und brülle in regelmäßigen Abständen. Verwundert registriere ich, dass meine Stimme keine Panik enthält. Nachher denken die Leute, es sei der Scherz eines Trunkenbolds. Also doch lieber Panik in die Stimme gelegt. Das gelingt mir hervorragend, finde ich. Die Zeit vergeht, ich habe keine Uhr. Niemand sucht mich; meine Frau denkt, ich dusche gemütlich. Mein Zeitgefühl sagt mir, dass ich schon mehr als eine 1/4 Stunde brülle.

Endlich, nach weiteren Minuten kommt von weither Antwort. "In der Toilette" brülle ich wieder. Jetzt steht ein Spanier vor der Tür. Mein Spanisch reicht nicht aus, um zu sagen: "Ich kann den Sperrriegel im Türknauf nicht zurückbekommen." (Dieser Satz muss sofort in jedes Lehrbuch "Spanisch für Anfänger.) "Die Tür ist kaputt, versperrt." sage ich stattdessen. Er will nach einem Verantwortlichen suchen. Wieder mal Glück im Unglück: Der Polizist, der den ganzen Tag den Empfang in der Jugendherberge überwacht, ist schon so früh (7:30 Uhr) auf dem Posten und ist binnen Minuten da. Fummelt am Schloss rum, hat es nach 3 Minuten auf; ich taumele schweißüberströmt, nur in Badehose (meine Jacke in der Hand) raus. Er geht nochmal rein und überprüft, ob ich nicht einfach zu dämlich war (diese Ausländer, das kennt man ja). Aber auch bei ihm sagt der Sperrriegel keinen Mucks, mit einem Schulterzucken spricht er mich frei. "Haben Sie einen Schock?" sagt der Spanier, der mich gerettet hat. "Es geht schon." Ich bedanke mich herzlich bei den beiden. Bald hilft das gute Frühstück über den erlittenen Albtraum hinweg. Nie wieder werde ich mich mit so einem Schloss in der Toilette einschließen!

Der Rest ist Routine. Wir laufen ein letztes Mal "in vollem Wichs", wie ich das ausdrücke, (d.h. in der Pilgeraufmachung) durch die Stadt, nehmen keinen Bus, weil wir noch viel Zeit haben. Die Stadt ist wie ausgestorben. Ja, wollen die Geschäfte denn gar nicht aufmachen? Wir haben noch Peseten auszugeben. Ahnungsvoll frage ich einen der ganz wenigen Passanten. "Nein, heute ist Feiertag, Mariä Himmelfahrt." löst die Frau das Rätsel. Na, dann gleich zum Flughafen, ehe der Bus dorthin wegen Feiertag auf einmal auch nur alle 2 Stunden fährt. Wir kommen aber ohne Schwierigkeiten weg. Diesmal nehmen wir die Isomatten als Handgepäck. So klappt alles. Ohne weitere Zwischenfälle erreichen wir pünktlich den Flughafen Münster-Osnabrück, wo uns meine Schwägerin und mein Schwager abholen.

Wir sind in unserer alten Welt zurück, aber das Pilgerdasein lässt einen innerlich nicht so schnell los. Eine Folge davon ist dieser Bericht, den ich fast unter dem Zwang schreibe, alles zu verarbeiten. Wenn ich an die überstandenen Strapazen denke: Nie wieder werde ich pilgern... Aber schön war's doch! Die Lücke Oviedo-Santiago müsste man doch eigentlich schließen, oder? :-)


Letzte Änderungen: 06.03.2009